Gedanken sind oft auf Kreisbahnen unterwegs. Sie sind ein bisschen so wie Karma und kommen immer wieder zu uns zurück. Aber, wie das mit Kreisbahnen so ist, manchmal dauert ein Umlauf länger. Astronomisch ist das nix ungewöhnliches. Unser nächster, weiter außen gelegener Nachbar, an dem die Menschen schon seit Urzeiten ein großes Interesse haben (für die, die’s noch nicht kapiert haben – der Mars), hat zum Beispiel eine Umlaufzeit um die Sonne von 687 Tagen. Oder knapp 1,9 Erdenjahren. Manche müssen halt aber auch mehr Strecke machen. Im Gegensatz zum Neptun ist der Mars allerdings noch recht flott. Neptun braucht für einmal rum knapp 165 Jahre. Aber zurück zu Gedanken. Die brauchen in aller Regel nicht so lange wie Planeten. Meistens. Nun bin ich aber tatsächlich über Ideen gestolpert, die ich vor knapp 9 Jahren schon hatte. Irgendwie überrascht und entsetzt es mich zu gleichen Teilen, wie aktuell diese immer noch sind. Es ging mir damals um das Gift des Dogmas und der Propaganda, welches den öffentlichen Diskurs so furchtbar toxisch hatte werden lassen. Schaue ich mich heute um, muss ich leider attestieren, dass es noch schlimmer geworden ist. Als ich diesen Gedanken hier das erste Mal formulierte war das Diktum der “Alternativen Fakten” von dieser Alt-Right-Blödwachtel Kelleyann Conway gerade frisch in der Welt. Heute schämen sich diese Drecks-Ami-Faschos im und rings um das Weiße Haus für gar nix mehr und beschimpfen, diffamieren und beleidigen einfach jeden, der ihnen zu wiedersprechen wagt. Wo sind Emmerichs’ Aliens, wenn man die mal braucht? Na ja, sich darüber noch aufzuregen ist in etwa so hilfreich, wie ein Besuch in der nächstgelegenen Confiserie für eine aktuelle Diät. Und es tut mir, angesichts meiner gegenwärtigen mentalen Verfassung auch nicht gut. Dennoch komme ich nicht umhin, andere Implikationen entdeckt zu haben, über die nachzudenken sich tatsächlich lohnt. Wenigstens für mich selbst. Ich hatte damals über den Song “Sound of Silence” von Simon & Garfunkel sinniert; zur Erinnerung hier noch mal die letzten Zeilen:
And the people bowed and prayed
To the Neon God they made
And the sign flashed out its warning
In the words that it was forming
And the sign said
“The words of the prophets are written on the subway walls
And tenement halls
And whispered in the sounds of silence"
Aus "The sound of silence" - Simon & Garfunkel 1964

Ich weiß auch nicht, warum ich immer wieder über diesen Begriff “Neon God” stolpere? Ich meine… ja, semiotisch ist es einfach zu erklären. Das Bild als symbolisches Zeichen nimmt einen Bedeutungsüberschuss gegenüber dem abgebildeten Gegenstand auf. Es geht nicht einfach um eine Neonreklame, weil diese eben ein so mächtiges, so weitgreifendes Sinnbild für alles ist, was in unserer Welt heute falsch läuft; und offenkundig auch 1964 am falsch laufen war. Sinnbild des Konsummaterialismus, der ewigen Verfügbarkeit von allem, der Macht der Äußerlichkeiten gegenüber “inneren Werten”. Eine stets leuchtende Oberfläche, die alle Verderbtheit, alle Abgründe, alle Mängel einer Gesellschaft einfach mit dem süßen Sirenengesang der Ablenkung überdeckt. Es wäre aber auch möglich, dass ich aus der Perspektive des ewigen Storytellers den Aspekt des Zeichens in der Düsternis interessant finde. Dieses tonlose Versprechen auf Trost und Sicherheit in einer Welt, die vollkommen verrückt zu werden scheint. Das Auge des Sturms, das mich vor dem frei drehenden Ende der Geschichte beschützt. Ah… wieder Francis Fukuyama, der 1989 das Ende der Geschichte prognostoziert hatte, indem er vorhersagte, dass sich alsbald überall Demokratie und Marktwirtschaft nach westlichem Vorbild durchsetzen würden. Hat ja super funktioniert, Francis. Bravo, du selbstgefälliger Depp. Vielleicht hättest du mal darüber nachdenken sollen, dass sich “Das Ende der Geschichte” in jedem vergehenden Augenblick neu erfindet, da wir stets verwirrt und ängstlich auf die unüberwindbare Mauer der nächsten Sekunde starren müssen. Ein wenig dekonstruktivistische Demut, so ein kleiner Hauch echte postmoderne Philosophie hätte deinem Denken ganz gut getan, Francis. Aber was weiß ich kleiner Wicht schon. Außer dass kein Begriff nur negativ oder nur positiv konnotiert ist. Bedeutung ist, was wir durch unsere Interpretation immer wieder neu daraus machen. An jedem gottverdammten Tag sind wir dazu aufgerufen, nicht nur das Ende der Geschichte sondern auch uns selbst neu zu erfinden. Und über allem leuchtet der Neon God höhnisch und fragt mich: “Was soll es heute, sein mein kleiner zerdenkender Freund: Existenzialismus? Nihilismus? Dekonstruktivismus? Irgendwas anderes…?” Und ich schaue verzweifelt die Zeichen an und weiß es nicht. Zumindest nicht oft…
Letzthin habe ich mich dafür entschieden, das Zeichen nur als Zeichen sehen zu wollen und mich einfach der Kreativität zu widmen. Etwas Whatever-Punk, wenn Punk doch für mich stets der Begriff für den Versuch des Ausbruchs aus konventionellen Denkmustern, Verhaltensweisen, normierter Subsistenz war. Ich bin also kreativ, habe – wie so oft – eine andere Form von Punk für mich entdeckt und lasse meinen Ideen freien Lauf. Es gibt im Moment nichts, was ich sonst tun könnte, um meine Situation zu verbessern. Das Englische kennt einen Begriff für mein derzeitiges Gefühl: “stuck in a rut”. Gefangen in einer nervtötenden, mich nicht erfüllenden, meine Kräfte aufzehrenden Routine, aus der ich derzeit keinen Ausweg sehe, der nicht irgendwas zerbrechen würde, was mir wichtig ist. Also geht es vorwärts. Immer nur vorwärts. Also schaue ich hoch zu meinem Neon God, der momentan aus Genre-Filmen zu mir herunterleuchtet – und ich erschaffe: ein neues TTRPG-Setting. Buchideen. Alles Mash-Up und Remix bereits vorhandener Geschichten. Denn alle Geschichten existieren ja schon. Und doch ist diese Re-Creativity so viel besser als meine sonstige (Arbeits)Realität. Also halte ich daran fest. Denn auf nur spärlich durch Neon erleuchteten Straßen, im Schatten der steinernen Türme, am Boden einer neuen Stadt lauern neue Geschichten. Willkommen im Wochenende.
