Gott, bin ich männlich…?

Ich denke, ehrlich gesagt, nicht oft über die Frage nach, ob ich männlich bin. Das letzte Mal, als ich nachgesehen habe, war ich zumindest noch männlichen Geschlechts. Aber was bedeutet das schon? Ich bin aufgewachsen in einer Zeit (den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts), als dümmliche Blondinen-Witze, das Seite-Eins-Girl auf dem (leider) extrem reichweitenstarken Boulevardblättchen BLUT – ähm, ich meine natürlich BILD – und Oben-Ohne-Kalender in der Werkstatt noch die Regel waren. Ich bekam demnach eine unhealthy dose of Alltagssexismus von Kindesbeinen an serviert. Und natürlich habe ich auch meinen ungesunden Anteil an den dämlichen Sprüchen gerissen und mich manchmal aufgeführt wie ein egoistischer Arsch, weil das damals jeder “Kerl” so gemacht hat. Gottseidank fing ich irgendwann an, die Dinge zu hinterfragen. Spätestens, seit ich Pen’n’Paper als meinem Lieblingshobby nachgehe, habe ich auch angefangen, mit dem Thema Rollenübernahme zu experimentieren. Das und vor allem der Umstand, dass mein Interesse für die Sozial- und Geisteswissenschaften schon früh geweckt wurde, führten dazu, dass ich irgendwann mit Sexismus immer weniger anfangen konnte; und das, obwohl ich damals dann in einem noch ziemlich männerlastigen Milieu gearbeitet habe. Der Rettungsdienst in der 90ern war zum größten Teil eine Spielwiese für eisenharte Macho-Sanis… oder diejenigen, die sich (meist zu Unrecht) für welche hielten. Es dauerte eine Weile, aber irgendwann begann ich wohl zu verstehen, dass derartiges dummes, stereotypes Verhalten auf lange Sicht niemanden irgendwohin bringt. Dass meine beste Ehefrau von allen sich von mir noch nie irgendwas Dummes hat gefallen lassen, tat sein Übriges.

Wenn ich mich heute so umsehe, dann erschrecke ich. Ich erschrecke, wenn ich sehe, dass in Umfragen ein nicht unerheblicher Anteil (wir reden von einem DRITTEL!) der befragten jungen Männer Gewaltanwendung als legitimes Mittel zum Erreichen von Dominanz innerhalb heterosexueller Beziehungen sieht. WHAT! THE! FUCK! Warum habt ihr DUMMEN KINDER völlig vergessen, dass Männer und Frauen – rein rechtlich – gleichberechtigt sind? Warum glaubt überhaupt irgendein Kerl, dass es legitim sei, sich in einer Beziehung gegegnüber irgendwem mit Gewalt durchzusetzen? Und nein… nur der Umstand, dass Gruselgestalten wie Andrew Tate in den asozialen Medien höchst präsent sind und dort ein völlig absurdes Frauenbild, Misogynie und toxische Männlichkeitsideale predigen, trägt nicht allein daran Schuld, dass wir hinsichtlich der Emanzipation gerade einen reaktionären Rollback in die 50er und 60er des vergangenen Jahrhunderts erleben. Wobei mich das Aufkommen der sogenannten Tradwifes als Randphänomen des Reaktionismus schon mehr als nur ein bisschen irritiert. Ich erschrecke darüber, dass auch politische Strömungen, die man noch vor einigen Jahren als evtl. insgesamt konservativer, aber ansonsten den demokratischen Werten und damit auch der Emazipation verpflichtet wahrgenommen hätte, heute mit einer derartig gestrigen Propaganda um die Ecke kommen, dass es einem die Schuhe auszieht. Sorry, aber die CDU/CSU mit ihrem “Heimchen muss an den Herd”-Blackrock-Mittelstands-Kanzloiden Fritze “damals war die Welt noch in Ordnung” Merz kann ich als demokratische Kraft nicht mehr ernst nehmen! Das ist keine Kunst – das kann weg. Auf den Müllhaufen der Geschichte, zusammen mit seinen Blaubraunen Freunden aus AFF-DE-istan. Widerliches, reaktionäres, dem eigenen Volk ein Feind seiendes, antidemokratisches Geschmeiß, angetriebenen lediglich vom niedersten aller Instinkte: Gier! Vor allem Gier auf Macht. Aber ich schweife gerade mal wieder ab.

Es ist heutzutage en vogue, dass am einen Ende des Diskussionsspektrums Leute über “toxische Maskulinität” sprechen, die einfach keine Ahnung haben, was Maskulinität im 21. Jhdt. bedeuten könnte oder müsste, sondern einfach nur – oft um des Clickbait oder des eigenen Dogmas Willen – (junge) Männer bashen; oft genug ohne NOT und ohne zu wissen, was sie den jungen Leuten damit antun.. Und am anderen Ende toben sich jene Männer aus, die das unterdessen widerlegte Märchen vom Alpha-Wolf (in freier Wildbahn ist das Verhalten ein vollkommen Anderes), dem einsamen Entscheider, dem Macher, dem Macho immer wieder und immer wieder aufkochen, um sich und andere darüber hinwegtäuschen zu können, dass sie im Grunde ihres Herzens einfach nur verängstigte Würstchen sind, die andere (vor allem Frauen) unterdrücken MÜSSEN, um sich so wenigstens ein bisschen Selbstwertgefühl verschaffen zu können. Und dazwischen? Da liegt, wie so oft heutzutage, ein Niemandsland voll scharfer Shitstorm-Minen, die nur darauf warten, dass irgend so ein Fuzzi daher kommt und fragt, ob es auch anders geht! By the way… geht es eigentlich auch anders? Spaß beiseite. Junge Männer – oder besser Jungs, die sich für solche halten – haben in der beschriebenen Situation keine wirklich sinnvolle Wahl. Doch die eigene Maskulinität kann sich nur im spielerisch-ambivalenten Messen mit Anderen entwickeln. Väter leisten hierbei heutzutage oft keinen sehr guten Dienst. Und die anderen zur Verfügung stehenden Idole? Tja… die heißen manchmal Andrew Tate und manchmal nicht. Zweifelsohne müssen Männer und Frauen sich auf mannigfaltige Art ausprobieren können, um sich selbst finden zu können. Maskulinität ist für jeden Mann Teil seiner Persönlichkeit! Aber was macht einen Mann denn nun männlich?

Sagen wir mal so: darüber kann und sollte man streiten. Männer dürfen gerne stark sein, wenn sie ihre Stärke nutzen, um etwas sinnvolles zu erschaffen, humanistische Haltung und Werte weitergeben, oder ihre Lieben vor Unheil schützen. Was einen Mann aber in keinem Fall männlich macht sind: Misogynie und Chauvinismus bis hin zur tatsächlichen Ausübung von Gewalt gegen Frauen! Das Verlangen nach Dominanz in Paarbeziehungen! Das Ignorieren oder Negieren der eigenen Verantwortung für eine gelingende Beziehung – oder Erziehung, sofern man Kinder in die Welt gesetzt hat! Das Durchsetzen der eigenen Bedürfnisse um jeden Preis! Das alles macht einen bestenfalls zu einem ekelerregend machomäßigen, egoistischen Stück Scheiße, dass besser alleine in einer Höhle im Wald wohnen sollte, ohne jemanden mit seiner vollkommen verqueren Ideologie auf den Sack oder die Eierstöcke zu gehen! Wie man dahin kommt? Wir könnten mit dem ernsthaften Versuch anfangen, für unsere Kinder und Jugendlichen eine Onlinewelt zu schaffen, die wenigstens weitgehend frei von misogynen, chauvinistischen, rassistischen, faschistischen und sonstwie menschenverachtenden Inhalten ist… Das wäre doch schon mal was. Und ansonsten ist es eine Aufgabe ALLER Eltern, ihren Kindern jeden Tag die humanistische, demokratische und emanzipatorische Haltung vorzuleben, die es braucht, damit aus Jungen starke, anständige, selbstbewusste Männer werden, die es nicht nötig haben, überhaupt irgendwen zu unterdrücken. Diese Feststellung führt gerade dazu, dass ich mich grusle, denn vielen da draußen gebricht es ja gerade an diesen Werten. Also muss ich selbst ran! Alles andere hilft nix. In diesem Sinn – Frohe Ostern. Und denkt immer daran: man(n) kann auch ohne dicke, bunte Eier männlich sein…

Auch als Podcast…

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