Fresh from Absurdistan N°9 – …und täglich glänzt der Aluhut!

Ich gebe es an dieser Stelle offen zu: ich mag Verschwörungstheorien. Sie bieten so viel wunderbaren Stoff für’s Geschichten erzählen (vor allem für das Pen’n’Paper-Rollenspiel), dass man sich diesem Subgenre menschlicher Blödheit einfach nicht entziehen kann. Natürlich machen solche “was-wäre-wenn”-Spielchen nur unter der Prämisse Spaß, dass ich weiß, dass es bloße Konstrukte meiner Amok laufenden Phantasie sind. Letzten Endes basieren ganze Spielwelten mitsamt Metaplot und Corestory auf der Annahme, dass sich etwas im Geheimen abspielt. Im Film und in den Medien ist das ja auch spaßig – es ist dann quasi “Soße für’s Gehirn” der Konsumenten (man mag mir ein Zitat aus “Fletcher’s Visionen” an dieser Stelle verzeihen).

Die Idee, dass man ein so komplexes soziales Konstrukt wie eine – unter Umständen Generationen umspannende – heimliche Beeinflussung von Ereignissen einfach abstellen könnte, indem man den Oberverschwörer und ein paar seiner Stellvertreter unschädlich macht, ist natürlich ebenso Nonsens, wie anzunehmen, dass man die politische Stimmung in den USA drehen könnte, indem man Donald Trump tötete. Wer so was glaubt, schreibt auch immer noch Wunschzettel an den Weihnachtsmann; mit der Adresse Nordpol N°1. Aber für Spielzwecke darf man Sachverhalte auch mal verkürzen und vereinfachen. Machen Buch und Film ja auch. Und insgeheim wünscht man sich, dass solche analogen Lösungen (0 – 1) auch in der Realität funktionieren…

Und dann macht man, nachdem man ein bisschen in seinem Notizbuch gelesen und ein paar Ideen aufgeschrieben hat, Facebook auf und bekommt ultimativ mitgeteilt, warum Aluhut-Träger in der Realität die Sepsis im eitrigen Pickel am Arsch unseres Daseins sind! Menschoiden, die COVID-19 immer noch wahlweise für einen Hoax, für einen perfiden Plan zur Abschaffung unserer Bürgerrechte, eine Ablenkung von einer neuen (oberheimlichen) Massenmigration, oder den verdeckten Kampf gegen die Reptiloiden halten; JESUS CHRIST, WTF? … ruhig Grauer … ganz ruhig …

Es ist ja nun nicht so, dass ich – dem neuen Hauptaufgabenbereich zum Trotze – nicht wüsste, was draußen im Ländle (aber auch bundesweit) gerade abgeht. Und dass es sehr wohl starke regionale Unterschiede in der Verteilung von Infizierten-Zahlen und tatsächlich Erkrankten bis hin zur Notwendigkeit einer intensivmedizinischen Behandlung gibt. Dann äußert man sich mal und wird als Lügner bezeichnet – von ‘nem Typen, der laut seinem Profil Bücher aus dem Kopp-Verlag liest. Muss ich jetzt nix zu sagen, oder? Ich habe kurz mit mir gerungen – zugegeben kürzer, als das noch vor fünf oder zehn Jahren der Fall gewesen wäre – und habe mich dann darauf beschränkt, ihm mitzuteilen, dass er seinen Aluhut doch bitte woanders glänzen lassen soll. Keine Ahnung, ob er das auch macht, aber beim nächsten Post blockiere ich den Spacko einfach. Spart Medikamente.

Allerdings – und das nehme ich wiederum mit einem schmunzelnden Kopfschütteln zur Kenntnis – lehrt es mich einmal mehr etwas für’s Leben, aber auch für mein Storytelling: Aluhutträger wollen glänzen! Sie wollen wahrgenommen werden; aber gerade so sehr, dass sie immer noch behaupten können, dass sie sich nicht zu laut äußern dürfen, weil sie sonst vom großen bösen Verschwörungs-Titanen weggeputzt werden. Und man soll ihre Botschaft ja ganz weit tragen, damit die auch ja nicht ganz aus dem Netz gelöscht werden kann. Ist ja auch so eine häufig verbreitete These unserer, ach so furchtbar unterdrückten Faschistenfreunde: “Teilt dieses Video / Meme / Sharepic, dass euch die absolute, unverfälschte Wahrheit zeigt, damit es nicht noch mal von den bösen Systemmedien gelöscht werden kann!” Nur damit ihr das auch mal gehört habt, ihr rechten Dummbatzen: DAS NETZ VERGISST NICHTS! Weder Porno noch Propaganda. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ist in dem Moment verwirkt, da etwas öffentlich geteilt wird. Egal, ob der Inhalt Sinn macht, oder nicht!

Tja, narrative Naivität findet eben nicht nur in meinen Spielrunden statt, sondern auch in der Realität. Nur in der Realität wäre sie höchstens zum Lachen, wenn das sonstige Treiben der Protagonisten nicht so sehr zum Heulen wäre. Sei’s drum. In einer Hinsicht hat die Corona-Krise da ihr Gutes: von der Sch***-AfD hört und sieht man im Moment so gut wie nix. Sie sind also da, wo sie hingehören, nämlich im informationellen Nirvana.

In meinen Spielrunden hingegen werde ich den Verschwörungs-Spaß auch weiterhin fröhlich einsetzen, denn das ist das Schöne an meinem Lieblingshobby: Man kann im Kontext des Spiels Dinge tun oder lassen, aussprechen oder verschweigen und mal seinen inneren Dämonen frönen, ohne, dass es irgendwelche Auswirkungen auf die Welt an sich hat. Eskapismus in seiner besten Form, weil ich Psychohygiene mit absurden Geschichten, Quality-Time, Gelächter und manchmal auch wahrhaft Erinnerungswürdigen Momenten verbinden kann. Und dabei darf auch der Aluhut mal glänzen, ohne, dass ich in die Tischkante beißen möchte. In diesem Sinne, bleibt gesund und spielfreudig und lasst euch von den echten Aluhüten nicht den Nerv rauben. C U soon.

Auch zum Hören…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.