Erziehungsratgeber die 3.895.337.249te…

Ja. Kinder müssen erzogen werden. Zumindest über diese Annahme herrscht zumeist Einigkeit. Doch über das WIE… oh lieber Himmel, darüber wird mit einer Intensität gestritten, die den Verdacht immanenter Handgreiflichkeiten durchaus nahelegt. Würden sich die Protagonisten denn je begegnen. Aber online, da kann man sich ja mit Dreck bewerfen, bis der virtuelle Arzt kommt. Auf kaum einem Gebiet glauben mehr Menschen, über mehr Expertise als die anderen zu verfügen, als bei der Kindererziehung. Das einzige, was bei dieser oft grausig zu lesenden Dogmen-Reiterei evtl. in der gleichen Liga spielt, sind Impf-Gegner. Beides empfinde ich als ungefähr so charmant wie eine Zecke am Skrotum…

Wie Konsumenten meiner Beiträge wissen, lese ich gerne die Zeit. Dieser Tage war auch wieder ein Artikel zum oben genannten Thema dabei. Das Gesagte ist eigentlich nichts Neues, aber die Kommentarspalten haben es in sich. Da wird rhetorisch losgeschlagen, dass es echt eine Augenweide ist; zumindest, wenn so wie ich wohlig-masochistisches Vergnügen beim Fremdschämen verspürt. Der Inhalt selbst erinnerte mich an eigene Erfahrungen mit jungen Erwachsenen (ich arbeite auch im Bereich der beruflichen Bildung). Ich habe nicht selten den Eindruck, dass die Ich-Zentriertheit zu und die verfügbare Empathie im gleichen Maße abnimmt. Könnte eventuell daran liegen, dass das Vermitteln der Regeln des Zusammenlebens in mancher Eltern Erziehungs-Agenda keinen so hohen Stellenwert genießt, wie das Ermöglichen größtmöglicher freier Entfaltung des Kindes.

Nicht dass wir uns hier falsch verstehen: die Persönlichkeit eines Kindes entwickelt sich in freier Entfaltung; es braucht aber, komplementär dazu ebenso sehr nicht verhandelbare Grenzen, deren Überschreitung Sanktionen nach sich zieht. Zur Vermeidung von Missverständnissen: das inkludiert explizit nicht die regelmäßige körperliche Züchtigung des Kindes. Ich glaube, darüber muss man nicht streiten. Sehr wohl aber streiten muss man heute  anscheinend über die Frage, ob man Kinder (und auch junge Erwachsene) manchmal mit der normativen Kraft des faktischen konfrontieren muss: „Nein, das geht so nicht!“. „Nein, das war/ist so nicht gut!“. „Nein, das darfst du nicht!“. Und so weiter, und so fort. Ich meine, auch hier kein Problem zu sehen. Kinder und Jugendliche müssen scheitern können, an Grenzen stoßen können, zurechtgewiesen werden können, ohne dass irgendjemand mit einem erhobenen Zeigefinger hinter mir her rennt.

Wir tun m.M.n. unserem Nachwuchs keinen Gefallen, wenn wir denen dauernd alles durchgehen lassen. Der Mangel an negativem Feedback wirkt nämlich als positive Bestätigung, wo ein „Kannste schon so machen, aber dann wird’s halt Kacke!“ deutlich angebrachter wäre. Aber was weiß ich schon? Hab‘ ja nur Bildungswissenschaft studiert. Schönes neues Jahr und so…

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