Ein Abend im Theater

Ich war anlässlich meines Geburtstag mit der besten Ehefrau von allen (Dank an Ephraim Kishon für den Begriff) Abends im Theater. Präzise in der Mannheimer Freilichtbühne, die diesen Sommer ihre Interpretation von William Shakespears’ Komödie “Viel Lärm um nichts” gibt. Ich mochte die Darbietung. Ich kam jedoch nicht umhin, aus hinteren Reihen Gemuffel darüber wahrnehmen zu dürfen, dass die besser in klassischen Kostümen gespielt hätten; und überhaupt… Und ich musste spontan an einen Text denken, den ich schon vor über sechs Jahren geschrieben habe. Ich reblogge mich selbst eher selten, aber in diesem Fall hielt ich es für angemessen.

Recyclingkreativität – gibt’s sowas überhaupt?

Es gibt offensichtlich in der englischsprachigen Welt eine Bewegung unter Künstlern und Kritikern, welche sich der Idee verschrieben hat, dass jedwede Art von Kunst nicht viel mehr ist als – wenn auch hoch entwickelter – Plagiarismus. Nicht in einem negativen Sinne, sondern eher aus einer Sicht auf die Kunst- und Kulturgeschichte heraus, welche den Verdacht nahe legt, dass alles irgendwie schon mal da gewesen ist; und dass echte Innovativität und kreatives Genie Mythen sind, da Schöpfung ex nihilo anscheinend wohl außerhalb der menschlichen Möglichkeiten liege.

Meine Lesart ist – und nicht nur, weil ich selbst schon publiziert habe und dies auch fürderhin tun werde – nicht kongruent. Die Idee, dass der Mensch, bzw. der Künstler stets lediglich verwertet, was andere vor ihm gedacht und erschaffen haben, dass er so quasi nur recycelt, dass alles Neue mehr oder weniger direkt aus Altem entsteht und somit gleichsam alt ist, entspringt einerseits der Erkenntnis, dass alles Dasein und auch alles Kulturschaffen als, in dieses Dasein eingebettet, ein Prozess ist, bei dem bestimmte Elemente sehr wohl tradiert oder vererbt werden; andererseits unser heutiger Mediengebrauch das Plagiat quasi befördert, macht doch das Internet Copy-Paste quasi zur einfachsten aller Kunstformen. Früher bedurfte es profunder technischer Kenntnisse, um ein einigermaßen brauchbares Bild zu schießen. Heute kriegen auch unbedarfte Amateure mit digitalem Equipment und etwas Software Know-How achtbare visuelle Produkte zu Stande. Gleiches gilt auch für das Texten und sicherlich haben sich die Wege des Veröffentlichens dermaßen pluralisiert (und damit auch demokratisiert), dass man das Plagiat schon fast als eigene Kunstform betrachten muss.

Doch diese Pluralisierung geht noch weiter. Die Menge an Information und Kunst, die täglich vor meinen Augen und Ohren vorbeizieht, hat sich vervielfacht, so dass die Leute, welche “recreativity” als Prinzip schöpferischen Tuns deklarieren, jeden Künstler nur noch als Knoten in einem Netzwerk sehen, der mit anderen korrespondiert, deren Signale interpretiert, modifiziert, variiert und weitersendet. Das World Wide Web als Analogie für unser Kulturschaffen. Doch bedeutet diese (gefühlt) fast ubiquitäre Verfügbarkeit älterer Produkte des menschlichen Kulturschaffens tatsächlich, dass wir nicht (mehr) wirklich kreativ sind, sondern stets mit der einen oder anderen Form des Abkupferns beschäftigt sind, gleich wie originell und spannend diese auch sein mögen?

Zum einen vermisse ich einen wichtigen Aspekt der Prozessualität von Leben und (menschlichem) Schaffen, nämlich den der je individuellen wie auch zeitgenössischen Eigenheiten der kreativ tätigen Menschen. Methoden ändern sich, Materialien und Techniken ändern sich; und natürlich ändern sich auch die Menschen. Das was wir als tradierte Güter ehemaligen Kulturschaffens mit uns herum tragen, mag eine gewisse Präsenz haben, doch es diktiert nicht mein eigenes schöpferisches Tun. Ich nutze Geschriebenes, Gemaltes nicht als Blaupause für meine eigenen Werke, so wenig wie die viele andere dies tun.

Vielmehr ist diese, dem Wandel innewohnende, Varianz Motor für Vielfalt, für Innovation. Mag sein, dass einmal Gedachtes oder Gemachtes hie und da seinen Widerhall in den Kreationen kontemporärer Künstler findet; doch dies entwertet die Kunst in keinster Weise, wenn die Idee und Erkenntnis des Künstlers in ihm selbst gereift ist und so seinem Werk zur Kraft gereicht, Idee und Erkenntnis zu transportieren. Wie oft denkt man einen Gedanken, nur um später herausfinden zu müssen, dass ein Anderer diesen auch schon hatte. Dennoch ist der vielleicht auf ganz anderem Wege dahin gelangt und wird für sich reklamieren, von selbst darauf gekommen zu sein, selbst wenn es auch vor ihm schon mal jemanden gegeben haben sollte, usw..

Die eine oder andere Idee kommt immer wieder zum Vorschein und gewisse künstlerische Motive werden ja sogar als Standardtypen an der Kunstschule gelehrt. Doch das macht Kunstschaffen nicht zum Plagiarismus, denn das Werk ist immer Spiegel des Individuums, welches es geschaffen hat. Und eben dieses Individuum ist immer selbst dauernd im Wandel befindliches Produkt eines Prozesses, der so sehr von Zufällen und Chaos bestimmt ist – nämlich unser Leben – das die Ergebnisse der kreativen Arbeit – natürlich unter bestimmten Voraussetzungen wie etwa Talent, Fähigkeiten, etc. – mindestens so spannend sein werden, wie das Leben selbst.

Mit Sicherheit verfangen einige Aspekte der Idee von der Recyclingkreativität. Sie jedoch als ausschließliches Prinzip der Kunstschöpfung zu deklamieren, um gleichzeitig die Existenz von wahrer Kreativität, vulgo des schöpferischen Genius zu negieren, nur weil das Internet nach und nach einige Modi des Kulturbetriebes verändert, halte ich für drastisch übertrieben. Mit Sicherheit ist an der Idee vom Künstler als Empfänger/Transmitter, als Knotenpunkt im Netz(werk), der Signale – oder besser im semiotischen Sinne Symbole – dekodiert, interpretiert, modifiziert, usw. insofern etwas dran, als wie bereits oben erwähnt, eine Demokratisierung des Kulturbetriebes mehr Menschen in die Rolle des kreativen (Inter)Akteurs gebracht hat; Menschen, die sicherlich oft viel Enthusiasmus, aber wenig Erfahrung und kaum formale Kenntnisse mitbringen. Aber auch für diese Leute gilt, dass sie als Individuen je eigene Algorithmen der Symbolinterpretation/Kodierung mitbringen, die auf mittlere Sicht eher einen Gewinn darstellen dürfte, denn eine “Verwässerung” des künstlerischen Schaffens.

Abschließend würde ich sagen, dass Kreativität zu fast gleichen Anteilen aus bewusstem Recycling, einer Beeinflussung durch tradierte Kulturerfahrungen und Originalität besteht. Kontemporäres kreatives Arbeiten aber als reines “Remixen” zu betrachten, rechtfertigt diese Erkenntnis in keinem Fall. Viel Spaß bei der Suche nach einer eigenen Meinung.

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