Sicherheitsbedenken N°2

Irgendwie kann ich nicht umhin, meine Gedanken gelegentlich wandern zu lassen. Sie wandern dann an Orte, die weder kartographisch erfasst, noch – zumindest manchmal – einfach zu fassen sind. Ich bin mir des Umstandes bewusst, dass ich manchmal drei Mal um die Ecke denke, bevor für den Leser/Zuhörer das Ziel auch nur annähernd klar wird und ich verzettele mich bei meinen Denkspielen auch mal ordentlich öffentlich. Aber ehrlich gesagt finde ich das authentisch, denn all das bin ich und wenn ich dann, wie im letzten Artikel, das böse Fäkalwort nutze, dann geschieht dies sicher unter anderem auch aus dramaturgischem Kalkül, aber vor allem, weil es Dinge gibt, die man einfach nicht anders titulieren kann; ganz gleich wie gebildet man sich auch gerne gerieren würde.

Unabhängig vom Furor, der mich dann und wann packt, wenn ich meine Mitmenschoiden, insbesondere die Angehörigen der Subspezies Homo Sapiens Politicus zu beobachten gezwungen werde, ergehe ich mich eigentlich immer in Betrachtungen meiner Umwelt. Es ist mir quasi ein natürliches Bedürfnis, die Vorgänge um mich herum verstehen und miteinander in Beziehung setzen zu können. Übrigens ist genau das eine Grundvoraussetzung für politisches Agieren, gleich auf welcher Ebene. Die Folgerungen, welche ich aus meinen Beobachtungen ziehe und auszusprechen die Stirne habe, sind nicht selten wenig Mainstreamkompatibel, aber das ist mir egal, sofern ich wenigstens manchmal jemanden zum selber Denken anrege.

Ich räsoniere hier ein bisschen über meine Beweggründe und Ziele, weil ich mich in meinem letzten Blogpost zu der Bemerkung verstiegen habe, das Terrorismus, ganz gleich wie grausam, dumm und wenig Zielführend er auch sein mag, auf soziale Ungleichheiten aufmerksam macht. Und weil ich mir sicher bin, dass man das sowohl absichtlich als auch unabsichtlich missverstehen kann, ist hier ein kleiner erklärender Exkurs angezeigt:

Ein terroristischer Ausflug…

Wenn wir heutzutage von Terrorismus sprechen, so meinen die Allermeisten den so genannten islamistischen Terror, weil zumindest gegenwärtig der weitaus größte Teil aller terroristischen Taten auf das Konto von Menschen geht, welche die Lehre Allahs nicht recht verstanden haben oder sie im falschen Sinne erklärt bekommen haben. Der Boden auf welchem die Saat dieses gewalttätigen Gedankengutes aufgeht, ist in vielen Fällen durch eine soziale und wirtschaftliche Dürre sehr empfänglich für den wohlklingend verführerischen rhetorischen Regen, der im Kern einfach nur die Schuld für all die erduldete Not einem System zuschreibt, welches sich selbst gegenüber seinen eigenen Kindern als dankbarer Sündenbock zeigt – unsere durch und durch säkularisierte westliche Konsumgesellschaft.

Es gab und gibt auch jede Menge Menschen innerhalb unserer keineswegs perfekten Gesellschaftsform, die auf dem Wege der Gewalt etwas zu ändern suchen, etwa Theodore Kaczynski, besser bekannt als der UNA-Bomber, der den Neo-Luddismus, also die Ablehnung der immer weiter fortschreitenden Technisierung unserer Lebenswelt als Antrieb für seine Taten angab. Oder aber Timothy McVeigh, der das Murrah-Building in Oklahoma sprengte und über dessen Motive bis heute keine vollständige Klarheit herrscht, auch wenn ein ultranationalistischer Hintergrund zumindest vermutet werden kann. Auch ultralinks motivierte Gewalttaten verschiedener Gruppen in den 70er und 80er Jahren in Europa, wie etwa der deutschen “Rote Armee Fraktion” oder der französischen “Action Directe” können sicherlich als Terrorismus bezeichnet werden. Heutzutage jedoch dominiert global der islamistische Terror, der seine Wurzeln in einem weit verbreiteten Ohnmachts- und Ausbeutungsgefühl der Bewohner vieler Zweite- und Dritte-Welt-Länder gegenüber den Staaten der ersten Welt hat. Ich scheue mich bekanntermaßen davor, Menschen auf ökonomische Motive reduzieren zu wollen, aber die dort vorherrschende blanke Not mag zumindest die Vorbedingungen schaffen – ein radikales Umfeld lässt radikales Denken entstehen, aus dem irgendwann mit der “richtigen” Motivation dann schlussendlich radikales Handeln wird.

Freilich gibt es Terror in vielen Darreichungsformen, schließlich sind Bomben, Schusswaffen und Messer, so grausam und zugleich Publizitätserzeugend sie auch sein mögen, nur die allerletzte Steigerung von Terror. Er beginnt immer mit dem Entzug einfachster Menschenrechte, wie ihn zum Beispiel die Taliban gegenüber Andersdenkenden und vor allem Frauen ausüben. Diesem Denkansatz folgend müsste es unser erstes – eigentlich einziges – Ziel sein, die Einhaltung der Menschenrechte durchzusetzen und, wie jenes pakistanische Mädchen Malala Yousafzai auf beeindruckende Art vor der Jugendversammlung der Vereinten Nationen eingefordert hat jedem Kind Bildung bringen. “Ein hehres Ziel, aber weder durchsetzbar noch finanzierbar!” höre ich es in meinem Hinterkopf. Wie teuer waren doch gleich noch mal diese Spionageprogramme.

…endet nicht vor meiner Haustür!

Anstatt immer mehr Menschen zu kriminalisieren, zu bespitzeln, für dumm zu verkaufen und von Entscheidungsprozessen auszugrenzen, die unser aller Zukunft beeinflussen, sollten unsere so genannten Führer sich darauf besinnen, wer sie in ihre Ämter getragen hat und wem sie Rechenschaft schuldig sind – weder einzig der Wirtschaftslobby noch nur ihrer eigenen kranken Umwelt mit Namen Politik, sondern mir und jedem anderen mündigen Bürger, gleich wie viel oder wenig er/sie hat oder ist! Und darüber hinaus endlich verstehen, dass man Terror nicht mit Waffen und Bespitzelung sondern mit Bildung und wohl gemeinter Hilfe zur Selbsthilfe bekämpft. Der Weg ist gewiss lang und steinig aber ich finde ihn wesentlich wertvoller als die asphaltierte Schnellstraße in den Totalitarismus, auf der wir uns gerade befinden.

Ich habe noch nicht zu Ende gedacht, aber manchmal muss man zwischendurch nicht nur die Schrift sondern auch die eigenen Ideen interpunktieren und reifen lassen. Die folgen in Kürze auf diesem Kanal. Bis dahin, denkt wohl!

Sicherheitsbedenken N°1

Abhörskandal – ich kann diese Scheiße nicht mehr hören! Auf der einen Seite tummeln sich die selbst ernannten Bürgerrechtsaktivisten jedweder Couleur, übrigens auch solche, die unsere Bürgerrechte üblicherweise bestenfalls als Allerletztes auf ihrer Agenda haben, jedoch auf Sympathiestimmen im kommenden Wahlkampf hoffen und darum jetzt medienwirksam alle Formen von Datensammlung für Teufelswerk erklären. Auf der “Gegenfront” stehen die Befürworter des Gläsernen Bürgers, für die jedes noch so kleine Geheimnis die potentielle Verschleierung einer möglichen Straftat bedeutet. Ein Albtraum für jeden Sicherheitsmenschen; hinterher könnten die Bürger noch Dinge denken, die man selbst zu bedenken Bedenken erdacht haben könnte.

Sicherheit sei ein genauso wichtiges Bürgerrecht wie die Privatsphäre, denn ohne sie würden die einfachsten Dinge des Alltäglichen plötzlich zum Pogohüpfen im Minenfeld. Garantierte der Staat zum Beispiel nicht für die Verbindlichkeit von Verträgen, könnte man nichts mehr einkaufen. Der Arbeitgeber könnte einen einfach ausnehmen; was er ja trotzdem auf jede erdenkliche Art tut. Also setzt man die Sicherheit des Staatswesens mit der Sicherheit seiner Bürger gleich, schließlich würde in einer Demokratie ein generelles Misstrauen gegenüber den Institutionen des Staates keine Berechtigung haben, denn zum Schutz der Freiheit sei der Schutz der Sicherheit unabdingbar und man wäre ja naiv, wenn man von staatlicher Überwachung überrascht wäre Ja, ist schon schön, wenn man öffentlich naiv sein darf und auch noch als Journalist dafür bezahlt wird.

Hier sind zwei grundlegende Denkfehler zu konstatieren: zum einen sind die Institutionen des Staates mittlerweile durch ihre inhärenten Selbsterhaltungstendenzen soweit vom Willen des Volkes entfernt, sofern dieser überhaupt auszumachen wäre, dass man getrost von systemischer Entfremdung durch Selbstzweck sprechen darf. Ich empfehle hierzu Habermas und Luhmann als Lektüre. Und überdies ist es ausgesprochen kurzsichtig, Volksvertretern und vor allem den Mitgliedern der ihnen beigeordneten Ministerialbürokratie zu unterstellen, dass sie für Versuchungen, welche sich im Spannungsbereich der Dichotomiepole Gemeinwohl und Eigenwohl abspielen in keinster Weise anfällig wären. Das sind alles Menschen – und hier dürfte der gleiche Prozentsatz an Individuen zu finden sein, welche schwach an Charakter sind, wie beim Rest auch.

Natürlich ist es ein wichtiges Vorhaben, die Sicherheit des Staates und seiner Bürger zu schützen, doch bevor man sich nun hinstellt und Sicherheitsbehörden mit diesem äußerst kurz greifenden Argument einen Persilschein dafür hinschmiert, sich einfach so meine intimsten Gedanken zu eigen machen zu dürfen, um dann irriger Weise zu glauben, beurteilen zu können, wie ich ticke und somit meinen individuellen Gefährdergrad benennen zu können, MUSS man sich fragen wer was dadurch gewinnen kann? Wieso braucht ein Staat überhaupt Kontrolle über seine Bürger? Sollte das Verhältnis nicht genau umgekehrt sein? Dieser Argumentationsstruktur liegt die vollkommen irrige Annahme zu Grunde, ein Staat müsse Macht über alle Lebensbereiche seiner Bürger ausüben können. Das ist autokratische Scheiße, gegen die man sich bis zur letzten Konsequenz wehren muss, denn der Bespitzelung folgt die Bevormundung und die mündete bisher immer in der Diktatur.

Anstatt immer mehr Geld in die Überwachung und Befriedung zu investieren wären wir – nein nicht wir, sondern unsere politischen Führer – besser beraten, mehr für sozialen Ausgleich zu tun. Denn das, was die selbst ernannten Eliten fürchten, ist nicht der Terrorismus als solches, sondern der Umstand, dass dieser – wenngleich auch auf die denkbar dümmste Art – auf soziale Ungleichheiten hinweist. Räumte man diese aus, beendete man auch den Terrorismus und könnte seine Drohnen und Funkanlagen und Computer und den ganzen anderen Rotz einmotten. Aber soweit sind wir noch lange nicht, darum will ich die Tage weiter über das Thema nachdenken…

Gegangen durch die Ä-gyp-ter…?

Präsident Mursi nach tagelangen Protesten durch weite Teile der Bevölkerung weggeputscht – STOP – Lage im Moment ruhig – STOP – Große Teile der Bevölkerung feiern – STOP – Muslimbrüder rufen zu Gegenprotesten auf – STOP – Weiterer Weg Ägyptens im Moment unklar – STOP – Intervention notwendig? – STOP…

Zu den Fakten: der erste demokratisch gewählte Präsident Ägyptens wurde durch das Militär aus dem Amt entfernt. So was nennt man einen Putsch. Sein Regierungsstil könnte als wenig Konsensorientiert betrachtet werden und sicherlich sind die politischen Ansichten der Muslimbrüderschaft vielen säkular orientierten Menschen viel zu sehr an der Sharia ausgerichtet, um als Grundlage für die Ausrichtung eines in vielerlei Hinsicht schon sehr lange weltlich orientierten Staates empfunden werden zu können. Das ist allerdings unsere westliche, Leitkulturideeverseuchte Lesart der Dinge.

Wir Europäer, oder vielleicht besser wir Mitteleuropäer, neigen sehr gerne dazu, unsere Idee davon, wie eine Gesellschaft günstiger Weise beschaffen zu sein hätte als allein sinnvolles, ja sogar selig machendes Prinzip zu betrachten und dies auch jedem zu erzählen, gleich ob er es hören mag, oder nicht. Die Amerikaner gehen noch einen Schritt weiter und exportieren ihre Ideologie gleich aktiv in jene Regionen der Welt, in denen man Bodenschätze… ähm, pardon, ich meinte natürlich Menschen findet, die nach dieser Ideologie dringend der Demokratie bedürftig sind. Mit der Demokratie erleiden sie dabei eigentlich immer Schiffbruch, aber wenigstens der Zugriff auf die Bodenschätze … ach lassen wir das.

Wenn ein Bundesaußenminister sich hinstellt und vor der Kamera alle Beteiligten am Konflikt zu Besonnenheit aufruft, dann folgt er lediglich einem formalisierten Ritual institutioneller Bigotterie, dem alle Angehörigen des politischen Standes der so genannten ersten Welt verpflichtet sind. Im Grunde positionieren alle zunächst ihre Figuren für die nächsten Züge im geopolitischen Kampfschach. Wie das mit Ritualen so ist – sie werden mit der Zeit berechenbar, da staatliche Interessenportfolios gewissen politischen Sphären zuordenbar sind. Letzten Endes geht es immer um die eine Frage: Was springt für uns dabei heraus? Und wer glaubt, in der BRD würden die Uhren diesbezüglich anders ticken, dem rate ich dringend mal darüber nachzudenken, welchen Partnern wir verpflichtet sind, wo unsere Rohstoffe herkommen und unsere Exporte hingehen. Money talks – und sonst hat hier niemand was zu melden!

Würde man sich als denkendes Individuum gerne auf seine ökonomischen Interessen reduzieren lassen – auch wenn, ganz nüchtern betrachtet, die pekuniären Zwänge tatsächlich für fast jeden von uns einen nicht unerheblichen Teil des Handlungsspielraumes beeinflussen – könnte man sagen, der Westerwelle hat Recht, wenn er sie zur Ordnung ruft. Geopolitische Instabilitäten sind schlecht für’s Geschäft und damit schlecht für unsere Binneneinkünfte. Wenn da nicht der Umstand wäre, dass ich mir vieler Dinge sicher bin; jedoch NICHT der Repräsentation MEINER Interessen durch UNSERE Politiker. Denn ich persönlich bin durchaus der Ansicht, dass zum Beispiel die Ägypter sehr wohl in der Lage sind, selbst heraus zu finden, was das Beste für sie ist. Und das muss nicht unbedingt eine Verfassung wie die unsere sein, denn solange sich die säkularen und die religiösen Kräfte nicht miteinander aussöhnen und einen Konsens finden, wird ein Land wie dieses nie zur Ruhe kommen. Solange Nationen jedoch aus der politischen Perspektive immer nur als Bankkontenbündel betrachtet werden, ist es sehr schwer, auf die Bedürfnisse abseits der Ökonomie einzugehen. Und die sind mannigfaltig.

Womit wir bei der grundlegenden Frage wären, was uns westliche Menschen zu der Arroganz veranlasst, zu glauben, wir wüssten, was für die Menschen anderswo auf dem Erdenrund das Richtige und Wichtige ist? Würden wir uns von diesem Stuss verabschieden, könnten wir die Dinge vielleicht mal etwas unvoreingenommener betrachten. Vielleicht würden wir dabei ja feststellen, dass nicht nur deren, sondern auch unsere Interessen auf andere Art und/oder durch andere Menschen besser vertreten werden könnten. Dieser Gedanke lässt mich hoffen.

Selbst beteiligt?

Zweischneidige Schwerter. Sie sind ein nicht wegzudenkender Bestandteil unseres Lebens. Ganz so, wie die üblicherweise auf einem sehr langen Zettel aufgelisteten Nebenwirkungen bei Medikamenten. Wir finden es genial, wenn der Schmerz nachlässt, aber der schäumende Magen… Doch um Medikamente geht es mir jetzt gerade nicht, auch wenn manche Menschen, die sich wirklich um Partizipation bemühen, was man eigentlich honorieren müsste, vielleicht doch eher eine Medizin bräuchten; doch dazu später mehr.

Ich bin eigentlich jemand, der sich sehr freut, wenn man von seinem individuellen Recht auf Partizipation an den verschiedensten demokratischen Prozessen in unserer Gesellschaft Gebrauch macht. Das fängt beim Wählen Gehen an, geht über die Mitgliedschaft bzw. aktive Mitarbeit in Gewerkschaften und Interessengemeinschaften wie etwa Bürgerinitiativen oder Berufsverbänden, und mündet schließlich in die aktiv gestaltende Teilnahme an Politik, egal auf welcher Ebene. Derartiges Tun bedeutet, höchst selbst Verantwortung für einen Teil von Gesellschaft zu übernehmen, sich so an der inhaltlichen Ausgestaltung dieses, für die allermeisten doch recht ominösen, Begriffes zu beteiligen und so zum Akteur zu werden, anstatt sich mit dem Reagieren zufrieden zu geben. Ominös nenne ich den Begriff Gesellschaft hier, weil viele davon reden, aber die Vorstellungen davon, was Gesellschaft denn tatsächlich bedeutet zumeist sehr weit auseinander gehen.

Reduziert auf das Notwendigste bedeutet dieses eine Wort nicht viel mehr, als einigermaßen friedliches Zusammenleben unter der Zuhilfenahme von halbwegs verbindlichen Regeln. Womit zunächst noch nichts darüber ausgesagt ist, wie Viele auf wievel – oder wie wenig – Raum und mit welchen Regeln zusammen leben sollen oder können. Aber ganz allgemein darf man sagen, dass dieses Konstrukt Gesellschaft dazu gemacht ist, irgendwie einen Ausgleich zwischen den vielen, nicht selten widerstreitenden Partikularinteressen seiner Beteiligten herzustellen.

Klingt kompliziert, heißt aber auch nicht mehr, als dass man verhindert, das Einzelne, die vielleicht auf Grund von Glück oder Geschick etwas mehr Reichtum und somit fast automatisch auch Macht als andere ansammeln konnten, einfach so die Anderen weniger glücklichen oder geschickten ausnutzen oder unterdrücken können. Das funktioniert, wie man nach einem aufmerksamen Rundblick weiß, mal mehr, mal weniger gut, worauf natürlich immer alle schimpfen, weil die einen gern mehr Macht ausüben wollen würden und die anderen nach mehr Freiheit und einem Stück vom Kuchen streben.

Unsere Gesellschaftsform ist weit vom Perfekt-Sein entfernt, aber die Alternativen sind noch viel weniger charmant: Autokratie, Anarchie und was einem sonst noch so einfällt kranken alle daran, dass alles früher oder später in sozialen, politischen, eventuell auch militärischen Auseinandersetzungen eskaliert, weil Beherrschte in dem Moment unbeherrschbar werden, da sie ihre eigene Beherrschbarkeit verneinen, also die Legitimität der Herrschenden nicht mehr anerkennen und aufbegehren. So ein Prozess kann schnell oder langsam und friedlich oder gewalttätig ablaufen, man weiß vorher nicht, was später dabei heraus kommt, aber schließlich endet dann eine Gesellschaft und eine Neue beginnt. Zum Besseren oder zum Schlechteren. Zumeist wird es allerdings erstmal schlechter…

Aus dem eben Gesagten wird aber auch klar, dass es in jeder aktuell existierenden Gesellschaft eine schlichte Notwendigkeit zur mehr oder weniger aktiven Teilnahme an den sie überhaupt erst erschaffenden Prozessen gibt. Gesellschaft erwächst aus dem Miteinander, aus der Suche nach dem jeweils passenden Kompromiss, aus Ausgleich von Lasten und Gewinnen, schließlich aus dem Balanceakt, das Bedürfnis nach Nähe zu anderen Menschen und den Wunsch nach individueller Freiheit in ihrer Ambivalenz irgendwie in Einklang zu bringen. Das alles klappt nur in einem aktiven, dauerhaften Diskurs als Prozess, der all diese Dinge immer wieder aufs Neue thematisiert, und die erwachsenden Probleme irgendwie löst. Irgendwie, weil es nie die EINE, alle Beteiligten befriedigende Lösung geben kann. Dazu rennen da draußen viel zu viele Menschoiden rum, die zwar teilhaben wollen, sich aber der grundlegenden Vorraussetzungen für ein Gelingen von Teilhabe, nicht nur für sich, sondern auch für alle Anderen, einfach nicht bewusst sind, oder sie aber schlicht ignorieren.

Es gibt durchaus eine Menge Leute, die sowohl das Engagement, als auch den Willen mitbringen, sich selbst einzubringen. Wie schon etwas früher erwähnt freut mich das eigentlich. Diese Freude verebbt jedoch häufig recht schnell, wenn der Enthusiasmus ob der gelingenden Teilhabe, von der ja allenthalben die Rede ist, mit der Realität dessen konfrontiert wird, was tatsächlich stattfindet. Anstatt nämlich den Ausgleich zu suchen, sind viel zu viele solcher Akteure lediglich bestrebt, entweder ihr Interessenportfolio möglichst günstig zu platzieren – wobei das Zuhören oder auch das Verstehen (wollen) anderer Positionen oft genug auf der Strecke bleiben – oder aber sich eine Nische zu schaffen, in der sie es aushalten können. Hinzu kommen tragischerweise nicht selten noch Missverständnisse bezüglich der eigenen Zuständigkeit oder Leistungsfähigkeit, die durchaus nicht unerheblich – nach oben oder nach unten – von der Wahrheit differieren können. Man könnte das jetzt mit dem abschließenden Satz abhaken, das gut gedacht noch lange nicht gut gemacht bedeutet, aber ganz so einfach will ich es mir dann doch nicht machen.

Worauf ich hinaus will ist eigentlich ganz einfach: Ich möchte, das solche Individuen begreifen, dass die Mitarbeit, z.B. in Gremien der betrieblichen Mitbestimmung, nicht dazu da ist, strikt die eigenen Interessen um- bzw. durchzusetzen, um dabei zu übersehen, dass genau dies vielleicht für Andere Probleme bereiten könnte; dass sie lernen, miteinander zu kommunizieren, anstatt immer wieder in die gleichen unnötigen, ermattenden, fruchtlosen und letzten Endes auch verletzenden Verbalgefechte zu verfallen und schließlich, dass sie versuchen, sich zu informieren und ihr Gegenüber wirklich zu verstehen, so dass sie mit Kenntnis und Weitblick anstatt mit Druck und Scheuklappen agieren können. Menschen, die es fälschlicherweise für richtig halten, durch Partizipation nur sich selbst vertreten sehen zu wollen, die den Blick über den Tellerrand, oder auch das selbstständige Tätigwerden in anderer Leute Interesse nicht zum Prinzip ihres Tuns machen wollen oder können, die nicht bereit sind, für die wirklich wichtigen Themen zu streiten, sich dafür aber stets aufs Neue in den unnötigen Kleinteiligkeiten von Detailfragen verlieren, lassen meinen Blick auf Teilhabe an demokratischen Prozessen nämlich furchtbar trübe werden.

Ich glaube, dass ein bisschen Lernbereitschaft, die Fähigkeit von gewohnten Positionen auch mal abrücken zu können und ein wenig Kommunikationstraining hier erheblich helfen könnten, doch leider bin ich mir im selben Moment ziemlich sicher, dass genau jene, die es eigentlich dringend nötig hätten, was dazu zu lernen und ihr Tun mal zu überdenken wahrscheinlich sagen würden, dass sie doch vollkommen richtig agieren. Soll ich jetzt verzweifeln, die mal ordentlich verprügeln, oder mich einfach zurückziehen? Ich weiß es noch nicht, aber vielleicht begreift der eine oder andere Protagonist – egal ob Männlein oder Weiblein – ja doch noch, wie verkehrt der Dampfer ist, auf dem er gerade fährt. Falls nicht, müssten wir sie eigentlich los werden. Aber es sind ja so viele…

Ey, es is Kapismus!

Für alle, die das oben exerzierte Wortspiel nicht kapiert haben – es geht um Eskapismus. Das ist, wenn man etwas Besonderes macht, um wenigstens gelegentlich den grauen Alltag vergessen zu können. Keine Ahnung, ob jetzt schon jedem klar ist, dass das zum einen so klassische Geschichten wie den eigenen Schrebergarten, eine umfangreiche Musik- oder Büchersammlung, regelmäßige Theaterbesuche oder die ehrenamtliche Mitarbeit im ortseigenen Tierheim beinhaltet; genauso aber auch Speedgolfen, Downhillbiken oder Fallschirmspringen.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang ausdrücklich nicht der Actiongehalt der gewählten Tätigkeit, oder der Preis der notwendigen Ausrüstung – obwohl der bei Männern ja durchaus auch mal für einen Schwanzvergleich taugt – ganz zu schweigen vom Sozialprestige, mit welchem diese verbunden sein mag; nein hier zählt sozusagen nur der individuell zugemessene Gehalt, also das Maß an Realitätsflucht, dass realisiert werden kann.

Man könnte jetzt sagen, dass ein normales Hobby doch keine Realitätsflucht im psychologischen Sinne darstellt, da Vertreter dieser Fachrichtung nach meiner bescheidenen Erfahrung allzu oft recht schnell mit der Unterstellung eines pathologischen – will heißen krankhaften – Sachverhaltes bei der Hand sind. Aber Eskapismus hat für mich in erster Linie keinen psychopathologischen Gehalt, sondern beschreibt, dass man verdammt noch mal eine Pause vom Alltag braucht. Und die Art und Weise in der man sich den Pflichten, Regularien und der Enge des Hier und Jetzt zu entziehen versucht, ist eben etwas sehr eigenes; und so soll es auch sein.

Allerdings bedeuten sehr unterschiedliche Geschmäcker bzw. Interessen auch, dass den just nicht an der Sache beteiligten ein gerüttelt Maß an Toleranz abgefragt werden kann, denn mancher Versuch der Alltagsflucht mutet für den nicht initiierten unter Umständen schon ein wenig sonderbar an. Ich bin Fantasyrollenspieler, ich weiß leider, wovon ich rede.

Aber genau das ist der Kern – “Jedem Tierchen sein Pläsierchen” ist nicht zu Unrecht seit über 100 Jahren ein geflügeltes Wort und auch wenn die Pluralisierung unserer Gesellschaft seit den Tagen Edwin Bormans und Adolf Oberländers mit Sicherheit zugenommen hat, geht von seiner Gültigkeit kein Jota verloren. Allerdings kann es einem heute passieren, dass die ganze Welt sehr viel schneller von vielleicht auch eher als abseitig betrachteten Freizeitgestaltungsvorlieben erfährt; Facebook und Youtube machen’s möglich. Damit muss man dann halt leben, wenn man für sich den Wunsch nach Tolerierung des eigenen Tuns reklamiert. Wichtig ist mir neben der Akzeptanz des Andersseins einerseits allerdings auch, dass man andererseits durch seine eskapistischen Eskapaden niemandem Schaden zufügt. Sollte ja eigentlich immer so sein, oder? Also, dann mal viel Spaß bei euren Hobbys. Vielleicht muss ich ja nicht immer nur von meinen erzählen…

Wird man hier gerettet?

Normalerweise habe ich – dem Himmel sei Dank – weder das Interesse, noch das Bedürfnis, mich großartig über meinen Arbeitsalltag als Healthcare Professional auszulassen. Was daran liegen dürfte, dass ich effekthascherische Berichte im Stil von “Schauen sie sich mal diese Sauerei an” als Niveaulos und dem Bild meiner beruflichen Tätigkeit in der Öffentlichkeit wenig zuträglich betrachte. Diese Darstellung korreliert allerdings mit den Eindrücken, welche mir manche meiner Kollegoiden bei ihrer täglichen Verrichtung zu vermitteln die Stirne haben.

Es steht nicht zum Besten um meine eigene Sicht auf meinen Job, obwohl ich ihn immer noch gerne und zumeist auch mit Hingabe ausübe. Das könnte zum Einen an dem Ambivalenz erzeugenden Mittelwert der mannigfaltigen Eindrücke liegen, welche ich im Laufe von fast 20 Jahren über meine Mitmenschen gewinnen durfte, zum Anderen aber sicher auch an meinen – leider in der Summe zumeist negativen – Erfahrungen mit Jenen, welche das Recht haben, meine Arbeitsumwelt nach ihrem Bilde zu gestalten.

Dies ist der Punkt, an dem ich vorsichtig werden muss, denn sicher liest auch irgendjemand von den eben genannten eventuell zumindest gelegentlich hier mit; oder wird allerspätestens in diesem Moment auf mein Blog aufmerksam (gemacht), was dazu führt, dass ich mich nicht im Klartext über die von mir ausgemachten Mängel auslassen werde, da ich keine Lust habe, von meinem Arbeitgeber hernach juristisch belangt werden zu können. Allerdings kann ich nicht umhin, mich zu ein, zwei Bemerkungen über den Grad der Professionalität im Gesundheitswesen hinreißen zu lassen.

Sofern jemand in meinem Beruf das Interesse und Engagement hat, sich selbst tatsächlich als Healthcare Professional sehen und auch dementsprechend handeln zu wollen, bedeutet dies, das er bzw. sie oft genug alleine dasteht! Das heißt, dass man selbst dafür Sorge tragen muss, vernünftige Fortbildungen zu bekommen, in denen nicht wenige Kollegoiden einfach nur störend Zeit absitzen und so den Nutzen beeinträchtigen, sondern man etwas mitnehmen kann. Das man sein gesamtes Tun oder Unterlassen genau dokumentieren und begründen können muss und sich darüber hinaus nicht selten Kollegoiden gegenüber sieht, die bis heute nicht begriffen haben, dass sich die Welt, die Medizin und das Leben in den letzten 20 Jahren weiter entwickelt haben, wodurch manchmal das alte Programm einfach nicht mehr reicht. Und schlussendlich bedeutet es, dass man sich im Falle von auftretenden Komplikationen und Problemen den Rücken selbst frei halten muss – auch und vor allem gegenüber so genannten Weisungsbefugten. Was den jeweiligen Funktionsträger hierbei tatsächlich für seine Position qualifiziert, bleibt häufig genug unerklärbar, was die Gefahr von Reibungsverlusten quasi automatisch heraufbeschwört.

Ja, es mangelt im Gesundheitswesen an verschiedenster Stelle an Professionalität und Qualität, was einer Melange aus überkommenen Strukturen, mangelndem Problembewusstsein, Filz, unnötigem Kostendruck, schwach ausgeprägter Handlungs- und Sozialkompetenz, sowie Lernunwilligkeit verschiedenster Personengruppen geschuldet ist. Dass dieses System nicht schon lange kollabiert ist, verdankt es einzig und allein dem Engagement jener, die tatsächlich Healthcare Professionals sind und nicht einfach nur so tun! Ich hoffe, dass meine diesbezügliche Motivation noch eine Weile vorhält, denn ich habe den Eindruck, als wenn es in letzter Zeit immer schlimmer wird…

Sollte bei irgendeinem der Eindruck entstanden sein, dass ich nicht ohne Ansehen von individueller Herkunft, Weltanschauung und sozialer Schicht alles situationsabhängig Nötige und Richtige für meine Patienten tun würde, will ich dem noch mal in aller Vehemenz widersprechen. Es ist nicht meine Arbeit, die mir Probleme bereitet, sondern es sind die Umstände, unter denen sie erbracht werden muss. Und deren Verbesserungsbedürftigkeit betrifft alle möglichen Beteiligten, nicht nur innerhalb meiner eigenen Zunft. Vielleicht ist das einer der Hauptgründe, warum es mich in den Bildungsbereich zieht, denn ich glaube, in meinem Metier ist da noch viel Entwicklungsspielraum.

Was ich bin? Rettungsassistent! Und ob man bei mir gerettet wird? Darauf darf man sich getrost verlassen; nur für gewisse Teile des restlichen Systems würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen!

Ich bin ein alter Sack?

Ja, ja, älter werden ist ein furchtbares Problem. Jetzt hat ein deutsches Printmedium von nicht unerheblicher Reichweite die Generation ab 40 als neue Problemzone ausgemacht, jene Menschen, die, so man verschiedenen Verlautbarungen glauben schenken möchte, gerade ihr anstrengendstes und ausgefülltestes Lebensjahrzehnt hinter sich haben. Wird anfangs noch davon gesprochen, dass man ja zwischen 40 und 50 den Zenit des Wohlstandes erreicht hat, bejammert man dann wenig später, dass Menschen dieses Alters in unserer wunderbaren Wohlstandsgesellschaft ja vollkommen gerädert von Karrierestress, Familiengründung und Hausbau in ein tiefes Loch der Traurigkeit fallen, weil der Glaube in den eigenen Nutzen angeblich in dem Maße schwindet, wie sich Aufstiegschancen verringern und man sich mit dem Überschreiten einer gedachten Lebensmitte seiner eigenen Vergänglichkeit bewusst wird. Ach verdammt, ich muss ja bald sterben…

Und die letzten Babyboomer, die gerade eine halbe Generation vor einem sind – jetzt also so um die 50 – verbauen einem ja den Weg nach vorne, nach oben und überhaupt sind die Leute meiner Alterskohorte, so Ende 30, Anfang 40 ja alle so auf Konsens weichgespült worden, dass es uns an den guten alten Primärtugenden des Aufdentischhauens, Sichdurchsetzens, Anderewegbossens, Durchregierens und Aussitzens deutlich mangelt. Möglicherweise ist dem Autor entgangen, dass es die Aufdentischhauer, Sichdurchsetzer, Anderewegbosser, Durchregierer und Aussitzer waren, die unseren Staat an den Rand des Abgrunds manövriert, alles Vertrauen in die Eliten verspielt, uns unglaubliche Schuldenlasten angehäuft und das Gesamteuropäische Klima bis zur beinahe absoluten Ungenießbarkeit vergiftet haben. Ich HASSE schlecht durchdachte Sommerlochfüller, die mal dieser, mal jener Zielgruppe suggerieren sollen, dass sie doch ein Problembewusstsein für die eigene Situation braucht – Psychoratgeber und Medikationsvorschläge oft genug unnötiger Weise inklusive, denn ob ich krank bin oder nicht, entscheidet nicht die Kanaille von der Journaille, sondern ein geeigneter Facharzt.

Ich will ehrlich sein – ich habe mir nicht die Mühe gemacht, irgendwelche sozialwissenschaftlichen oder psychologischen Studien zu lesen, bevor ich diese Replik zu dem “Stern”-Titel der Woche zum Thema “40 Jahre alt, was kommt jetzt” in die Tasten hub. Braucht es auch gar nicht, da mir die je nach Lesart variable Interpretierbarkeit solcher Studien durch Kenntnis der zu Grunde liegenden Methoden bewusst ist. Ob die bescheidene Argumentation der Redakteure eher auf Unwissen und mangelhafter Methodenkompetenz, oder doch auf der Notwendigkeit für ein paar Füllerseiten beruht, weiß ich nicht, aber weder das Interview mit Frau Klumm noch der Themenartikel voller Allgemeinblatz und semi-lustiger Schenkelklatscher wussten zu überzeugen und das aus mehreren Gründen.

Immer noch scheint man beim Stern nicht zu wissen, welcher Art von Tätigkeit der größte Teil der Durchschnittsverdiener in der BRD nachgehen, wie deren Lebenssituation und Blick auf die Dinge aussehen und das Karrieresorgen alles in allem hier eher eine untergeordnete Rolle spielen. Wohl denen, die sich um eine Karriere überhaupt Sorgen machen müssen. Luxusprobleme sind allerdings selten existenziell. Darüber hinaus unterstellt die Schreibe, dass man jenseits der 40 automatisch abbaut, nicht mehr vorwärts denkt, sich langsam ins Altern zurück zieht und die Dinge geschehen lässt, alles auf Konsens ausrichtet, sein Engagement einschränken muss und keine Möglichkeit zum Wachstum mehr hat. Eine recht eindimensionale Perspektive für jemanden, der vermutlich eine akademische Ausbildung genossen hat.

Nach meiner Erfahrung sind es überkommene, allerdings vielerorts immer noch gelebte soziale Rollenmodelle, die eine solche Lebenshaltung tatsächlich in Menschen entstehen lassen, doch eine Gesellschaft wie jene, in welcher wir hier leben, die sich in immer größerem Maße pluralisiert, in der Kenntnisse, Fähigkeiten, Wissen und vor allem Erfahrung eine immer größere Rolle spielen kann es sich nicht leisten, derartigem Denken und Handeln Vorschub zu leisten; es verbietet sich sogar, mit Omas Unfähigkeit zur situationsadäquaten Verhaltensadaption zu kokettieren, denn derartiger Unfug lässt Menschen tatsächlich glauben, dass es OK ist, ab 40 langsamer zu werden und sich gedanklich auf die Rente vorzubereiten.

Was für ein hanebüchener Bullshit allererster Güte! Ich kann und werde mich nicht mit der Idee anfreunden, einen nicht unerheblichen Prozentsatz des Potentials unserer GEsellschaft einfach brach liegen zu lassen, oder noch besser die Träger dieses Potentials dazu ermutigen, dies zu tun. Ich will, dass genau solche Menschen aufwachen, sie anleiten, ihre Ressourcen sinnvoll einzusetzen und zu lernen, was Nachhaltigkeit tatsächlich bedeutet – nämlich all mein Tun an der Zukunft zu orientieren, nicht nur für mich, sondern auch für die folgenden Generationen. Das funktioniert aber nicht, wenn ich ab 40 langsam aber sicher mental in Rente gehen, denn genau auf meine Generation wird es ankommen, wenn es für meine Kinder noch eine lebenswerte Zukunft geben soll.

Ich bin streitbar, lernwillig, hungrig auf Wandel und Willens, etwas dafür zu tun und ich will so einen Lückenfüllerhumbug über eine Generation, die angeblich mit dem Kopf schon halb im Altersheim ist nicht mehr lesen müssen, sonst kriege ich Plaque!

Veröffentlichen, auf Teufel komm raus!

Gelegentlich wirkt es wie ein Zwang, wie eine unsichtbare, nichtsdestotrotz mächtige Verpflichtung, Dinge aufschreiben und unter’s Volk bringen zu müssen. Bei näherer Betrachtung sozialer Medien ist das Sendungsbewusstsein, zumindest gefühlt, in den letzten wenigen Jahren enorm gewachsen. Auch die Formen haben sich pluralisiert. Mussten die ersten Blogger und Podcaster noch über fundiertes Know-How bezüglich der Struktur des WWW, verschiedenster technischer Apparate wie Mischpulte etc. verfügen und sich manche Softwarelösung mühsam selbst zusammenbasteln, liked man heute einfach, postet in Facebook, lädt seine Fotos zum semiautomatischen Aufhübschen in Instagramm, twittert seinen Senf über jedes Nachrichtenwürstchen und wasweißichnichtnochallest an weißderteufelwievielen anderen Stellen – damit auch ja jeder mitbekommt, wo man was mit wem gerade tut, welcher mehr oder weniger bekannte gerade welchen Fauxpas begangen hat und was es sonst noch Neues gibt.

Nicht das die meisten so genannten Nachrichten tatsächlich Neuigkeiten wären. Vielmehr ist das Meiste unter der Rubrik “auf Grund der Lebenssituation erwartbarer, sozial verkonventionalisierter Gossip” einzuordnen; ich bin mir des Umstandes bewusst, dass die schlechten Nachrichten der Anderen das eigene Leben gleich ein wenig hübscher wirken lassen und soviel Menschlichkeit muss einfach mal gestattet sein; aber muss man damit gleich die ganze Welt beglücken? Noch dazu dauernd?

So ganz nüchtern betrachtet ist dieser Zinnober nichts weiter als der früher übliche Dorftratsch, nur auf einem anderem technischen Niveau. Und man muss seinem Gegenüber nicht mehr wirklich ins Gesicht bzw. aufs Maul schauen. Asynchrone Formen der Kommunikation haben die entscheidenden Vorteile, dass man sich seine Antwort gut überlegen könnte, wenn’s mal drauf ankäme und das man einen Teil der unbewusst mit übertragenen Subtexte frisieren bzw. ganz weglassen dürfte – keine Mimik, keine Gestik, im Zweifel auch keine Stimmlage; da bleibt nur die Wucht der Worte, die man selber skalieren kann. Klingt gut, wirkt aber furchtbar, weil so viele Menschen offensichtlich mit Worten nicht sonderlich gut umgehen können, oder aber bewusst die Situation der Distanz für Boshaftigkeiten aller Art missbrauchen. Darum weiter oben der Konjunktiv, denn so wie das Alter die wa(h)re Persönlichkeit wieder zum Vorschein bringt, tun dies auch social networks und ihre Kommunikationsdienste; leider ist Das, was da zum Vorschein kommt nicht selten wenig schmeichelhaft. Ja, die wahre Persönlichkeit wird hier zur Ware Persönlichkeit auf dem Jahrmarkt der virtuellen Eitelkeiten und wenn manch einer seine Energie anstatt für diesen Bullshit für vernünftige Dinge nutzen würde, wie z.B. etwas zu lernen oder Andere etwas zu lehren, könnte mein Blick auf meine Mitmenschoiden ein bisschen weniger zynisch ausfallen. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntermaßen zu letzt, auch ich mache in diesbezüglich keine Ausnahme, sonst bräuchte ich ja nicht Bildungswissenschaft zu studieren.

Nun ist es aber so, dass Öffentlich Machen – also das Posten von hoffentlich publikumswirksamen Belanglosigkeiten – und Veröffentlichen im publizistischen Sinne zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sind, denn das eine wirkt als ex-ante-Freigabe für groben Unfug und das andere als Qualitätsanspruch für die zur Disposition stehenden Artikel. Journaille und Kanaille klingen zwar ähnlich, allerdings ist eine solche Analogie weder bei Journalisten noch bei Bloggern immer zulässig. Sicherlich hat der Qualitätsanspruch an den Journalismus mit dem steigenden Zeitdruck durch den Vormarsch des Digitalen in allen Lebensbereichen ein wenig gelitten; vielleicht auch ein wenig mehr. Die neuen Social media haben einen Konkurrenzdruck aufgebaut, der das klassische Printmedium in Bedrängnis bringen konnte. Gehaltvollen Content zu produzieren braucht aber handwerkliches Können und die Muße zur gründlichen Recherche, worin sich ernsthaftes Bloggen und journalistische Arbeit übrigens kaum unterscheiden. Damit bleibt als Differenzierungsmerkmal die nicht zu leugnende unternehmerische Notwendigkeit zur Profitgenerierung, doch auch ernst zu nehmende Blogger verfolgen mit ihren Publikationen heutzutage ja oft pekuniäre Ziele.

Interessant wird hier die Frage, wie man kritischen, unabhängigen, gleichsam informativen Journalismus betreiben kann, der seinen Machern ein auskömmliches Dasein erlaubt und dennoch für jedermann erschwinglich, verständlich und durch verschiedenste Kanäle verfügbar bleibt? Problematisch ist gegenwärtig, aus dem ganzen Wortmüll, der im Internet hin und her bewegt wird, den wertigen Content überhaupt herausfiltern zu können, da ernsthafte Blogger, Spaßblogger, journalistische Angebote und jede Menge Hobos, die zwar null Ahnung haben, darüber aber dennoch viel zu berichten wissen zu einer Melange verschmelzen, die zu überblicken mit jedem Tag schwieriger wird.
Ich erwarte wirklich nicht, dass jeder die Maßstäbe journalistischer Tätigkeit an seine Verlautbarungen anlegen muss, aber ich würde mir wünschen, dass mehr Kontemporanzien denken, bevor sie posten und sich erst informieren, bevor sie irgendjemandes leidlich leckere Opinion-to-go-Häppchen Kritikfrei regurgitieren.

Was nun meine eigene publizistische Tätigkeit angeht, ist diese gegenwärtig zumindest auf zimbocom.de weitestgehend frei von finanziellen Interessen, wenngleich ich nicht umhin kann zu hoffen, dass Leute, die hier lesen sich vielleicht auch mal für die Bücher interessieren, die ich zusammen mit meinem guten Freund Claus Volz auf faeries-inkpot.de veröffentlicht habe und in Zukunft auch wieder veröffentlichen werde. Ansonsten ist es mein erklärtes Ziel, Menschen den Sinn des Lernens und Informiertseins nahe zu bringen, sie eventuell sogar dazu zu bewegen, Interesse in Aktion umzusetzen und ihre eigenen Ressourcen zu nutzen, anstatt nur zu existieren.

Klingt einfach, doch Menschen neigen offensichtlich dazu, sich in der erstbesten Nische der gemütlichen Selbstbeschränkung einzurichten; meistens leider gleich für immer. Sich außer zum Zwecke des täglichen robotens, des gelegentlichen Besuchs sozialer Events oder des Fitnessstudios von der Couch zu erheben, ist ja aber auch SO VERDAMMT ANSTRENGEND… Nun ja, ich habe meine rhetorische Munition noch lange nicht verbraucht und vielleicht wirken meine Worte ja doch hier und da. Also – aufwachen, mal aus der Nische kommen, aufrichten, umschauen und was dazulernen, anstatt auf Fratzenbuch das 100. unnötige Foto zu teilen, oder den 1000. unnötigen Kommentar zu verfassen! Hat noch keinem geschadet!

Das mit den Büchern… [die angeblich tot sind!]

…ist so eine Sache. Wenn man den, oftmals mutmaßlich vom einen oder anderen Interessenvertreter schöngefärbten Befragungen Glauben schenken darf, ist das Buch tot – oder auch nicht! Wiedergeboren als Ebook, oder doch noch als lieb gewonnenes Rudiment eines toten Baumes im Regal den dekorativen Staubfänger spielendes Wohnraumaccessoire im Rennen; womit ich noch lange keine Wertung abgegeben haben möchte, das kommt erst später. Aber wie man’s auch betrachtet, die Weitergabe von in Schrift reproduzierten Sprachäußerungen ist und bleibt eines der Hauptkulturmedien des Menschen.

Man könnte sich nun in einer Aufrechnung ergehen, aber ich denke, dass es kaum einen Unterschied für Mutter Erde macht, ob man von Menschenhand monokulturierte Nutzwälder schnetzelt, oder im Tageraubbau seltene Erden und Ähnliches schürft – ökologisch betrachtet ist beides schwierig. Und wenn nun jemand daher kommt und den Umstand anführt, dass ein Ebook-Reader aber viel praktischer ist und weniger Ressourcen verbraucht, weise ich auf die geplante Obsoleszenz hin – das mehr oder weniger trickreich in jedem modernen Gimmick geplant implementierte Verfallsdatum – die in den buchhalterischen Kalkulationen unserer lieben Technikkonzerne mittlerweile zu einer festen Stellgröße für den Profit geworden ist. Das mit dem Ressourcenschonen halte ich also für fragwürdig – siehe fest verdrahtete Akkus in Smartphones etc.; keiner ist bereit, sich hier genau in die Karten schauen zu lassen, so dass wir die ökologischen Folgen unternehmerischen Handelns nur sehr grob abschätzen können. Mutmaßlich läuft es aber wieder einmal auf die personalisierten Gewinne und sozialisierten Kosten hinaus. Da wir alle diesen Preis mittels der Natur, in welcher wir leben wollen zahlen müssen, könnte es sich als hilfreich erweisen, auf das Eine oder Andere einfach mal zu verzichten und genau darauf zu achten, bei wem man einkauft. Fällt auch mir schwer, aber ich will wenigstens versuchen mich diesbezüglich als lernfähig zu zeigen.

Doch das war noch nicht mal, worauf ich hinaus wollte. Das Buch ist nicht tot! Auf der re:publica hat jemand orakelt, dass wir bald keine Bücher mehr lesen werden, dass Ebooks auch nur eine Übergangsphase seien, weil wir halt noch zu sehr an die Haptik des seitenweise gegliederten Textes gewöhnt wären. Social reading würde das jedoch alsbald ablösen. Aha? Na sowas. Social Reading also? So wie … social media, social networking, social cloud, usw.? Als wäre es kein social reading, wenn ich meinen Lieben abends auf der Couch aus einem Buch vorlese? Was soll der Begriff überhaupt?

Es soll bedeuten, dass man sein Leseerlebnis mit Anderen teilt. Also quasi Bücher mit “share”-Buttons. Yo, und was zum Henker ist jetzt daran neu, dass man sich über jene Bücher, die man gerade so liest austauscht? Der Gedanke ist so alt wie die Lesesalons der Gesellschaftsdamen. Da ist absolut nichts Neues dran – außer dem Zeitansatz, denn unsere neuen Medien erlauben es nun, diese shared oder social experience zeitgleich mit dem Leseprozess zu erleben. Ich wage einfach mal folgende, den Digitalnomanden vermutlich recht kühn anmutende Behauptung: an der Existenz des Buches als Medium zur Vermittlung von Wissen, Ideen, Bildern, Idealen, Ideologien, vor allem aber auch Unterhaltung wird das nur recht wenig ändern. Die Art, wie wir Bücher konsumieren, hat sich ja schon zumindest teilweise geändert, doch ich will nicht vorhersagen müssen, wie es auf den Menschen langfristig wirkt, wenn ich seine Aufmerksamkeit dauernd zu teilen heische. Die allermeisten Individuen, welche ich kennen zu lernen die Ehre und das Vergnügen hatte, empfinden den Konsum von gedruckten oder digital wiedergegebenen Worten als etwas, auf das man sich zumindest ein Stück weit konzentrieren möchte – insbesondere, wenn es um Wissensvermittlung geht. Jene, die nicht oder nur ungerne lesen, werde ich auch mit social reading kaum erreichen, da sie in aller Regel sowieso schon ein Problem mit ihrer Aufmerksamkeitsspanne haben. Ihnen dann das Angebot zu machen, diese dauernd von A nach B nach C nach N und wieder zurück wechseln zu können, erscheint auf den ersten Blick als Anpassung an ihre Gewohnheiten. Die Chance tiefer in einen Sachverhalt einsteigen zu können, bekommen sie dennoch nicht, da es leider einer gewissen Zeitspanne bedarf, in eine x-beliebige Materie weit genug eintauchen zu können, um sich in dieser dann sinnvoll weiter fortbewegen zu können.

Indem ich aber eine der inhärenten Charakteristika des sich Bildens – aber auch des sich Unterhaltens – nämlich die Notwendigkeit des sich individuell Involvierens und mit der Materie Auseinandersetzens, den Einsatz der persönlichen Ressourcen Zeit und/oder Mühe durch dauerndes Einanderüberdieschulterschauen entwerte, weil eine in meinen Augen durchaus wertvolle, ganz persönliche Erfahrung plötzlich eine Erfahrung des Kollektivs sein soll, erweise ich allen einen Bärendienst, weil das Fehlen der Reklusion ins Individuelle beim Lesen das Lesen als Tätigkeit schlechthin seines Reizes beraubt. Ich bin wahrlich kein Schwarzmaler, aber die Individualität einer (Bildungs)Erfahrung als Erleben der höchst eigenen Fähigkeiten ist nach meinen Erfahrungen wichtig zur Persönlichkeitsbildung und -Stabilisierung.

Nun habe ich gerade eben genauso übertrieben wie jener Sprecher bei der re:publica. Aussagen wie “dieses oder jenes Alte ist tot, denn wir haben dieses oder jenes Neue” verbieten sich von selbst, da ich kaum glaube, dass irgendjemand eine funktionstüchtige Wahrsagekugel im Schrank hat. Sicher verändert sich unsere Rezeption des Mediums Sprache mit all seinen Ausdrucks- und Darreichungsformen ständig, aber Bücher werden vermutlich, in Ermangelung eines besseren Gliederungskonzeptes, allerdings sicherlich in sich dynamisch verändernder Form noch eine ganze Weile unsere Begleiter bleiben. Ich liebe Bücher, übrigens ganz egal, ob digital oder analog. Und ich glaube, dass wir Bücher brauchen.

Indes erscheint es ein wenig seltsam, dass ausgerechnet die von mir aufgegriffene Deutung, die übrigens von Stefan Heidenreich stammt, in einem Ebook veröffentlicht wurde, welches sich selbst als schnellstes Buch der Welt bezeichnet, weil die Inhalte der re:publica 2013 an allen drei Veranstaltungstagen von den Teilnehmern protokolliert und einen Tag nach Abschluss der Veranstaltung bereits veröffentlicht wurden. Ob man sich da wohl genug Zeit genommen hatte, über die Themen wirklich nachzudenken anstatt nur viel Egogewärmte Luft umzuwälzen? Wie hoch dürfte die Reichweite dieser Veranstaltung wohl sein, abseits von Nerds wie mir…? Was für mich beweist, dass die Netcommunity sich immer noch viel zu sehr um sich selbst und ihre tradierten Rituale dreht. Wenn das mal kein Anachronismus ist…

Eine kleine Polemik über Linke…

Ich sehe dauernd Dogmen! Und ich meine damit nicht den durchaus amüsanten Film von Kevin Smith, sondern eher die krampfhaft auf das Recht haben und Recht behalten versessene Position, intellektuell eigentlich durchaus achtbar ausgestatteter Menschen, die wohl meinen, Weltverbesserung geht von ihrer – und nur von ihrer! – Erkenntnis und Weisheit aus. Überhaupt Weltverbesserung! Dieser Begriff an sich trägt, nicht ganz zu Unrecht wie ich meine, eine deutlich ambivalente Notion in sich, der Gebrauch als Titel ist doch eher selten schmeichelhaft gemeint und dennoch wünschen sich nicht Wenige unter uns ein bisschen mehr davon.

Ein bisschen mehr Gemeinsinn, ein bisschen weniger Ego, etwas mehr Nachhaltigkeit und weniger Verschwendung, einfacheren Zugang zur Nutzung von Ressourcen anstatt, Besitzverhältnisse, welche diesen restringieren; so vieles liegt im Argen und wird den kommenden Generationen als so gut wie nie mehr abtragbare Hypothek präsentiert werden, weil wir kontemporäre Menschen es verabsäumt haben, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit auf die richtige Art zu tun. Ist ja auch viel, viel komplizierter als es klingt, was damit beginnt, dass wir nur zu gerne Dogmen zur Hand nehmen. Die geschickteren Propagandisten nennen ihre Dogmen Prämissen und verkaufen deren Notwendigkeit, mit augenscheinlich wohlfeilen Argumenten, als wertvollen Diskussionsbeitrag. Hart gesottene Gesinnungsdogmatiker jedoch nehmen jedes ihrer Worte für bare Münze und so ernst, dass man sich fragen muss, ob die zum Lachen in den Keller gehen. Und am anderen Ende des Spektrums finden sich die Verkäufer, die einfach nur ihr Repertoire aus dem Bauchladen der just jetzt beliebtesten Thesen füllen, um ihren Schnitt zu machen, sei es nun mit Gebrauchtwagen, oder in der Politik.

Prinzipiell ist das Vorhandensein von Überzeugungen, gekoppelt mit dem Eintreten für dieselben, ein durchaus lobenswerter Wesenszug. Konsequenz in Wort und Tat ist schließlich etwas, das wir speziell bei Personen des öffentlichen Lebens ja nur allzu oft vermissen müssen. Doch wie Paracelsus schon gesagt hat: die Dosis macht, das ein Ding ein Gift ist. Sobald Überzeugungen nämlich in der selbst erhaltenden Bewegungslosigkeit, im Kritikresistenten Beharren zu Denkfiguren mit Lotoseffekt degeneriert sind, an denen jedwede Hinterfragung einfach abperlt; sie also schließlich zum Dogma erhoben worden sind, beginnt das Gift des Sendungsbewusstseins seine volle Wirkung zu entfachen. Aller Charme entweicht aus dem Diskurs, wenn mit dem Hammer der Unerschütterlichkeit durch die Argumente der nun als Feinde wahrgenommenen Kritiker gemalmt wird, das die Wort- und Sinnfetzen nur so fliegen.

Hat sich die Überzeugung so verfestigt, dass ihr auch mit sinnvollen Gegenthesen nicht mehr beizukommen ist, kommen wir neben dem Alt- bzw. Neunazi am einen Spektrumende auch bei den Weltverbesserern an; jenem Typus des Nachhaltigkeit predigenden, sich mit machtvoller Äußerungsfreude linksintellektuell gerierenden Political-Correctness-Junkies, für den schon die bloße Anwesenheit potentiell konservativer Meinungen beinahe körperlich schmerzhaft zu sein scheint. Oh, ich vergaß, dass er natürlich jederzeit ökologisch verantwortlich sowie pädagogisch wertvoll handelt und Menschen, die nicht seinen Ansprüchen genügen können – oder wollen – mit seiner gefährlichsten Waffe stets aufs allerschärfste angreift: dem Dogma. Und da habe ich ja so furchtbar Angst vor…

Wenn ich ernsthaft eine Möglichkeit suche, irgendjemanden wegen Benachteiligung Anderer aus Gründen des Geschlechts, der Herkunft, der Religion, des sozialen Status, etc. anzugreifen, ist zumeist eine Analyse des Sprachgebrauchs vollkommen ausreichend um eine Diskriminierung inkriminieren zu können. Ob der Sache damit gedient ist, sie hier mal dahingestellt, mich nervt es jedoch mittlerweile mehr als nur ein wenig, dass hinter jedem “man” eine Missachtung der Rechte der Frau vermutet wird, dass Türke eine Beleidigung ist, weil man doch “Bürger mit Migrationshintergrund” sagen muss, dass man klassische Kinderbücher umschreiben soll, weil sie angeblich unsere Kleinen zu diskriminierendem Verhalten erziehen würden. Wenn man sich einfach mal des Umstandes vergegenwärtigte, dass jedes Kulturprodukt im dynamischen Kontext seines Entstehungszeitraumes betrachtet werden muss, wird speziell das letzte Argument zum Witz. Oder ist “Metropolis” von Fritz Lang kein Filmklassiker mehr?

Sprache ist gewiss ein diffiziles Instrument, dessen Beherrschung bei weitem nicht jedem Nutzer gegeben zu sein scheint. Doch das unversöhnliche Blockwarttum, mit dem selbsternannte Weltverbesserer sie als Waffe gegen jedwede andere – als reaktionär betrachtete – Meinung missbrauchen, macht mich krank. Dieses beinahe sektiererische Gehabe lässt mich zu dem Schluss kommen, dass ich mit diesen Political-Correctnes-Nazis nichts zu tun haben will. Wenn sozialdemokratisch orientierte Intellektualität durch solches Tun zur Farce, zur Karikatur ihrer Selbst degeneriert, kann man nur noch zum systemkritischen Konservativen werden. Ich wäre dann jetzt soweit. Schönen Tag noch.