Essentiell?

Es sei voraus geschickt, das dieser Text schon etwas älter ist:

Von dem Willen gezwungen, etwas zu Papier und später vielleicht auch gleich noch durchs Mikrofon bringen zu müssen, sitze ich einmal mehr nächtens am Schreibtisch und lasse so die Ideen vorbeischwadronieren, nehme mal hier, mal da eine heraus, examiniere sie gründlich und schiebe sie meist unfertig zurück zu den anderen, wie mancher Fischer die zu jungen oder zu kleinen, die so blöd gewesen waren zu beißen in den Tümpel zurückwirft. Mein Tümpel ist der hintere Teil meines Hirns, ein Ort an dem so viel ungenütztes oder auch unnützes Material in langen Korridoren voll altmodischer Stahlhängeregistraturschränke vor sich hin modert, dass es mich nicht selten erschreckt, wenn mal irgendwas an die Oberfläche drängt, dass ich schon sehr lange nicht mehr auf dem Schirm gehabt hatte. In diesem Teil meines Kopfes gibt’s noch nicht mal Magnetbänder, wie sie eine IBM/360 zu haben pflegte, nur alt gewordene Büroboten in abgestoßenen Livreen, die ziellos wirkend bedächtig Büropostwägelchen vor sich her schieben und mal hier mal dort Schränke aufmachen um was herauszuholen oder hineinzutun. Klingt ziemlich analog für jemanden der Podcasts veröffentlicht oder…?

Es ist heiß, viel zu drückend um klar denken zu können – müsste man denken. Doch tatsächlich sind meine Gedanken weit davon entfernt träge wie fette karibische Fliegen scheinbar ungeordnet umherzuschwirren. Ist es nicht so, dass man irgendwie viel zu oft auf der Suche nach den rechten Worten umherirrt, die Welt dann mit irgendwas voll stammelt in der vagen Hoffnung zum Ausdruck gebracht zu haben, was gerade verlangt war, ohne jedoch überhaupt genau sagen zu können, was das hätte sein sollen.

Planlosigkeit. Unwissenheit. Und vielleicht auch eine Portion Unbeholfenheit. Das sind die medialen Guides des frühen 21. Jahrhunderts. Es geht nicht mehr allzu oft darum, irgendwelchen echten Inhalt zum Besten zu geben, sondern nur darum, zu allem irgendwas sagen zu können. Ich habe von etwas keine Ahnung; also gut, googeln wir mal schnell ein paar Schlagworte, lernen die Essentials – oh, wie ich solche Ausdrücke liebe – so gut es geht auswendig, um in der nächsten Konversation punkten zu können. Keine Sache, so was geht ja heutzutage auch unterwegs. Das Smartphone wurde wahrscheinlich von irgendeinem geltungssüchtigen Idioten erfunden, dem es zu anstrengend war, sich echtes Wissen zu erarbeiten. Und so schliddert man dann tagtäglich von einem Durchverschlagworteten Pseudodiskurs zum nächsten, wobei die Seichtigkeit der durchschifften Gewässer noch jeden Dorfbach bei weitem unterbietet.

Essentials – was ist den das überhaupt für ein Wort? Essentiell sind doch normalerweise jene Dinge, die ein Organismus auf jeden Fall zum Leben braucht, bzw. die für einen Sachverhalt von grundlegender Bedeutung sind. Wie zum Henker will ich denn beurteilen, ob das, was irgendeiner in Wikipedia zu einem x-beliebigen Thema geschrieben hat tatsächlich grundlegend und richtig ist, wenn ich mir kein anderes Wissen zum Thema erarbeitet habe. Essentials sind doch nicht mehr als ein paar prägnante Schlagworte, die aber keinen echten Überblick geben und nur allzu oft irreführend sind. Ein passender Vergleich hierzu sind – weil auch im Internet angesiedelt – die so genannten Abo-Fallen, bei denen man auf einer überfrachteten Webseite mit vermeintlich attraktiven Angeboten geködert wird und der Hinweis zum tatsächlichen Vertragsabschluss nebst Folgekosten sich mit einem sehr kleinen Asterisken gekennzeichnet drei Scrollseiten weiter unten in Arial 4-Punkt findet…

Die Autoren des kleinen Büchleins „Generation Doof“ Anne Weiss und Stefan Bonner nannten so was „gefährliches Halbwissen“ und im Grunde charakterisiert der Ausdruck die Situation recht gut. Ein paar Aspekte abseits der Tatsache, dass sie mit ihrem Machwerk unterschwellig das legitimieren, worüber sie sich vordergründig und noch dazu billig lustig machen muss man allerdings noch ein wenig dezidierter beleuchten…

Zum einen ist es eigentlich ziemlich einfach, jemanden zu entlarven, der bei beliebigen sozialen Gelegenheiten mit durchnummerierten Häppchen von Bildungsvortäuschungswissen zu landen versucht. Dazu ist es allerdings notwendig, selbst über einen nicht unerheblichen Grundschatz an Allgemeinbildung und Expertenwissen in verschiedenen Bereichen zu verfügen und der einzige Weg dahin ist, zu lernen; also sein eigenes Gehirn mit Arbeit zu belästigen. Dammit, das wird hart für so manchen, aber wer sich nicht mehr die Blöße geben will, bei einem Gespräch unter echten Erwachsenen als halbseidener Poser belächelt zu werden, dem bleibt wohl nichts anderes übrig, als sich noch ein bisschen mehr als „Philosophie für Dummies“ reinzuziehen, was für nicht wenige schon der Gipfel der Bildung zu sein scheint. Hierbei ist es übrigens unerlässlich, wenn man denn schon googelt, um an neues Wissen zu kommen, NICHT das erstbeste Suchergebnis unreflektiert zu konsumieren. Ein bisschen Querlesen hat noch keinem geschadet und eine eigene Meinung zu einem bestimmten Sachverhalt sollte nicht nur nicht geklaut wirken, sondern auch tatsächlich selbst erdacht sein; alldieweil man sonst Gefahr läuft, dem Rattenfänger von Hameln auf die süßen Flötentöne zu gehen.

Darüber hinaus nutzen einem die Inseln von Wissen in einem Ozean der Ahnungslosigkeit nicht allzu viel, wenn man nicht daran gedacht hat, ein paar Dampfer zu besorgen, welche zwischen den Eilanden umherschippern. Diesen Vorgang nennt man Wissensvernetzung oder interdisziplinäres Denken und er erfordert neben einer cerebralen Mindestausstattung die Fähigkeit, Begriffe, Sachverhalte und ihre Verbindungen von mehreren Seiten her denken zu können. Das klingt kompliziert, doch wenn man sich nur mal das Thema Energiewende in Deutschland anschaut, das ja im Moment nun wirklich in aller Munde ist, wird klar, wie viele Bereiche auch unseres ganz alltäglichen Lebens Fukushima plötzlich in Bewegung gebracht hat. Fast alles hat etwas miteinander zu tun und daher macht mich die Scheuklappigkeit, mit der manche meiner Kontemporanzien sich durchs Leben schleppen mittlerweile rasend.

Schließlich – und das ist eigentlich doch recht einfach zu kapieren – wird man neben einigen einfachen Siegen mittelfristig mit einer solchen kognitiven Leichtgewichtigkeit an den Klippen echter intellektueller Herausforderungen die Titanic machen. Es mag hier ein Ansporn zu vermehrter Lerntätigkeit sein, wenn ich darauf hinweise, dass man mit echtem Können auch im Beruf weiter kommt als mit hochglanzpoliertem Faktenhäppchen. Aber wie so oft gilt auch hier, dass man Menschen nicht zu ihrem Glück zwingen kann. Schließlich ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. Sicherlich fragt sich jetzt der eine oder Andere, worin denn bitteschön Glück liegt, wenn man sich mit als unnütz empfundenem Wissen herumquälen muss, anstatt Weizen schlürfend Fern zu glotzen…?

Ich kann niemandem, den ich nicht kenne sinnvoller Weise erklären, worin für ihn ganz persönlich der Sinn liegen sollte, sich zu bilden, denn das Maß an Wissen, welches man erwerben kann, bzw. die Fachbereiche, welche wichtig sind mögen von Mensch zu Mensch variieren. Es gibt jedoch ein paar Dinge, die jedes einigermaßen denk- und empfindungsfähige Individuum zumindest mal zur Kenntnis genommen haben sollte. Z. B unser Grundgesetz und warum seine Macher es genau so und nicht anders formuliert haben. Das setzt nur ein wenig Historienkenntnis voraus. Oder wie Politik funktioniert – nicht nur bei uns sondern auch anderswo auf der Welt. Wie Gewerkschaften unsere heutige Lebensrealität geprägt haben und warum es so verdammt wichtig ist, dass die Rechte, welche man uns heute zubilligt auch in Zukunft aktiv verteidigt werden müssen. Welche Wurzeln Blues, Jazz Rock’n Roll und somit auch moderne Popmusik haben. Warum gotische Kathedralen so aussehen, wie sie aussehen – und was gotische Kathedralen überhaupt sind. Und nur so am Rande, der Kölner Dom ist KEINE richtige gotische Kathedrale.

Ich könnte noch eine Menge Beispiel nennen und wenn sie alle Fragen auf Anhieb beantworten konnte, dann Hut ab, denn sie sind deutlich besser als der Schnitt. Falls nein, nehmen sie es einfach als Motivation dazuzulernen, denn nur tatsächliches Wissen aus den verschiedensten Bereich erlaubt es uns bestimmte Vorgänge oder die Berichte in den Medien besser beurteilen und uns somit eine eigene Meinung erlauben zu können. Menschen die nix wissen und sich auch nicht wirklich interessieren, billige ich keine Meinung zu und wünschte mir manchmal, man könnte ihnen das Wahlrecht entziehen. Und nur damit wir uns recht verstehen: es gibt nach meiner Meinung mindestens genauso viel beknackte und effektiv ungebildete Akademiker wie Hartz-4-Empfänger. Die einen sind etwas bornierter und die anderen haben soziale Defizite. Welche Partei in meinem Bild welche Position einnimmt, dürfen sie sich selbst raussuchen. Ich habe für heute fertig und danke herzlich für ihre Aufmerksamkeit. Falls sie’s nicht verstanden haben oder nicht beherzigen wollen, sterben sie wohl…

Normal oder was?

Man als Mensch so ganz im Allgemeinen ist schon ein komisches Dings. Sicher, es gibt Exemplare der Gattung Homo Sapiens Sapiens, die bei näherer Betrachtung vollkommen aus dem Rahmen dessen fallen, was man als NORMAL bezeichnen würde. Was allerdings sofort die Frage aufwirft, was das Wort „normal“ in diesem Zusammenhang denn eigentlich bedeutet, beziehungsweise woran ich erkennen kann, ob ich selbst normal bin.

Da die dazu notwendige Betrachtung soziologischer oder psychologischer Natur sein dürfte, ich aber nun leider ehrlicherweise weder das eine noch das andere studiert habe (obschon beides zumindest einen Anteil an meinem Bildungswissenschaftsstudium hat) und somit gemäß üblicher Gesetzmäßigkeiten eigentlich gar nicht als dazu befähigt zu betrachten bin, diese Dinge sachgerecht zu beurteilen, tue ich halt was ein Schreiberling eigentlich am besten kann – ich schwadroniere meine Gedanken einfach mal frei von der Leber weg in den Äther und überlasse es dem geschätzten Hörer, sich seine eigenen Gedanken zum hier Gesagten zu machen.

Prinzipiell ist es aber erstmal einfach zu verstehen, dass dieses Wörtchen „normal“ sich vom Wort „Norm“ ableitet und eine Norm im soziologischen Sinne einfach eine Regel meint, welche das soziale Zusammenleben unterschiedlichster Individuen erleichtern oder sogar überhaupt erst einmal ermöglichen soll. Ein gutes Beispiel hierfür wären die Zehn Gebote.

Wie jetzt? Die Bibel? Was soll das denn? Nun ja – eine Regel wie „Du sollst nicht Töten!“ ist doch ziemlich einfach zu verstehen. Jemandem NICHT einfach mit einem Beil die Mupfel zu spalten, weil der mich gerade schief angeschaut hat, oder vielleicht versuchen wollte, mir die Frau auszuspannen (was ja allerdings auch ver- anstatt geboten ist), vielleicht etwas besitzt, dass ich selbst gerne hätte (wiederum ein biblisches No-No) oder schlicht eine andere Meinung zu irgendeinem Thema hat, ist grundsätzlich ziemlich nett, denn es führt zu mehr Miteinander anstatt Gegeneinander.

Irgendwann in der Evolutionsgeschichte haben unsere noch mit Fell behängten Vorfahren wahrscheinlich herausgefunden, dass es schlicht gut für die Entwicklung der Zahl der eigenen Stammesmitglieder ist, wenn man sich nicht wegen jeder Kleinigkeit gleich an die Gurgel springt.

Es war diese einfache Erkenntnis, die unsere Spezies – ganz zum Leidwesen unseres Lebensraumes – erst hat zum Erfolgsmodell werden lassen. OK, es war nicht allein der Siegeszug der Friedfertigkeit, welcher unser Dasein zur Blüte trieb – ihr merkt schon, dass ich gerade Stuss labere … also die Menschheit ernsthaft als friedfertig zu bezeichnen ist, als wenn man sich eine tolle, riesige Feuerwache bauen würde und den Jungs dann nur einen Gartenschlauch, einen Blecheimer und eine Aluleiter aus dem Baumarkt hinstellte; also schlicht bekloppt. Nein, aber wir wären kaum weiter als die Mammuts gekommen, wenn es uns nicht irgendwann gedämmert wäre, dass es einfach dem Überleben aller hilft, wenn man sich an ein paar grundlegende Spielregeln hält. Et voilà: die Zehn Gebote. Der Junge, der das mit zwischen diese zwei meistbenutzten Buchdeckel überhaupt gepackt hat, wusste einiges mehr von Soziologie als so mancher Studierte heutzutage.
Man darf also ganz entgegen der landläufigen Meinung vieler meiner hochgeschätzten Mitmenschoiden durchaus annehmen, dass gesunder Menschenverstand bei der Entstehung der Religionen zumindest Anfangs sehr wohl eine Rolle gespielt haben muss. Sich dann durch das Miteinbeziehen von Regeln zu verdammt vielen wichtigen Aspekten des Lebens an sich in sein eigenes Manifest auch noch selbst eine Signifikanz in vielen Fragen des Alltäglichen zu verleihen, war überdies ein Kunstgriff, der auch heute noch Hochachtung verdient. Dadurch, dass Phänomene des ganz normalen Lebens auf das Göttliche zurückgeführt werden konnten, verschaffte sich die damals gerade im Entstehen begriffene Institution der christlichen Kirche eine Machtbasis, welche ihresgleichen bis heute sucht.

Das birgt allerdings auch einige Probleme. Zwar ist die gute alte Mutter Kirche ganz entgegen ihren eigenen Wünschen heute nicht mehr DIE allein herrschende Instanz, an deren Regeln sich alle Lösungen zu moralischen Fragen des Lebens messen zu lassen haben. Trotzdem ist das Gewicht, jener Worte, welche sich aus dem für uns Laien unergründlich tiefen Inneren gewisser Kongregationen in den Weltdatenfluss ergießen nicht unerheblich. Man schenkt diesem gelegentlich doch recht weltfremden Geblubber schon immer noch viel Aufmerksamkeit.

Oh ja, ich kann Schreie hinten in meinem Kopf anbranden hören und es ist mir ein Genuss, jedem Frömmigkeits-Proklamierer nun zu entgegnen, dass es für wahren Glauben keine Kirche, keine Bücher und vor allem keine Priester braucht, wenn Gott doch überall und in uns allen wohnt… Für mich ganz persönlich kann etwas, das von Menschen als Gottes Wille verkauft wird jedenfalls keine größere Bedeutung besitzen als das, was andere Menschen als Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchungen vorzustellen versuchen. Beide Seiten fabrizieren hin und wieder soviel Unsinn, dass es jedem denk- und empfindungsfähigen Wesen eigentlich Schmerzens- oder doch wenigstens Empörungsschreie über die Lippen treiben müsste.

Möglicherweise bin ich etwas abgeschweift, doch im Grunde ist dies nötig, um wieder zu möglichen Antworten auf die Frage nach der Normalität zu gelangen. Denn bei Licht betrachtet beurteilen wir andere Menschen, ihr Verhalten, ihr Aussehen, ihre Sprache und was sonst noch so dazugehört nach von Kindesbeinen anerzogenen, einem unbewussten Reflex folgend automatisch eingesetzten Entscheidungsmatrizen, die uns dazu bringen alles zunächst der Einfachheit halber in akzeptabel oder nicht akzeptabel einzuteilen. Alles was dabei unter das Label „nicht akzeptabel“ fällt, wird folgerichtig zumindest mit Widerwillen betrachtet, oder rundweg abgelehnt und dadurch gemieden, ja vielleicht sogar bekämpft.

Doch wer bringt uns denn diese Entscheidungsmatrizen, diese vorgefertigten, stereotypen, unflexiblen und nicht selten auch xenophoben Freund/Feind-Filter bei? Wer trainiert uns nun somit von klein an, Allem und Jedem was nicht in diese oder jene Norm passt zu misstrauen?

Behaupten zu wollen, dass die böse, böse Kirche das ganz alleine tut, wäre zwar vermessen, denn es gibt zumindest genug Theologen, die ein freien Geist, Offenheit und Toleranz predigen und wohl auch leben. Die Institution Kirche per se jedoch kennzeichnet sich oft genug durch ihre Unnachgiebigkeit in Fragen der Auslegung des Glaubens durch ihre Mitglieder oder Abweichungen von der Liturgie, was für sich betrachtet nicht schlimm wäre, denn dies sind Formalien, die jede so große Organisation wohl braucht. Daraus folgend werden allerdings das Anderssein von Priester oder Laie bzw. überhaupt Abweichungen von „der NORM“ auf eine Art verteufelt und mit Verboten bzw. Sanktionen belegt, die schlicht nicht mehr zeitgemäß ist und an den Bedürfnissen der Gläubigen soweit vorbei denkt, wie die Sonne um die Erde kreist… oh, war das nicht anders rum…?

Aber natürlich ist dies nur ein Mechanismus, der uns immer und immer wieder daran erinnert, dass es nicht gut für einen ist, wenn man anders daher kommt als die breite Masse. Ein schönes Beispiel dafür sind Gothics. Sie wissen schon, diese Kinder in schwarz, die mit allerlei Silber behängt, komischen Halsbändern gegürtet, mit abstrusen Haarfarben und Frisuren sowie einem sehr dick aufgetragenen Make-Up subversiv in der Stadt umherwandern, dass man denkt, die schänden gleich eine Jungfrau auf der Bank in der Straßenbahnhaltestelle. Wenn man allerdings genauer hinsieht, wird man feststellen, dass nicht wenige von denen zumindest altersmäßig auch für die Rolle der Jungfrau in Frage kämen.

Tatsächlich sind die meisten Mitglieder dieser so genannten Jugendkultur, deren Musik ich übrigens selbst sehr gern konsumiere ungefähr so gefährlich wie eine Fruchtfliege. Das Einzige was sie theoretisch tun ist, den um jeden Preis Alles mit Tod und Verfall assoziierte meidenden Jugendlichkeits- und Konsumkult unserer heutigen Gesellschaft optisch zu karikieren. Wie ich finde übrigens durchaus nicht unhübsch. Aber das ist wohl Geschmackssache. Und über den soll man ja angeblich nicht streiten. Genau das tun wir aber, wenn wir jemandem aufoktroyieren wollen, dass er bzw. sie zum Beispiel beim Einkaufsbummel eigentlich kein schwarzes Rüschenkleid und weißes Make-Up tragen darf. Wir bestreiten damit nämlich die Autonomie dieser Person, ihre individuelle Vorstellung von Aussehen leben zu dürfen.

Ich darf die werten Hörer übrigens an dieser Stelle trösten: die meisten Gothics von heute machen das nur noch, weil sie den Stil schick finden und es auch noch eine kleine Rebellion gegen das Elternhaus darstellt. Was im Übrigen jeder Jugendliche oder junge Erwachsene auf seine Art tun muss. Da stecken aber meist keine weitergehenden sozialen oder politischen Gedanken wie bei den Urpunkern mehr dahinter.

Ich war allerdings bei einem anderen Gedanken, nämlich diesem: Jemandes Autonomie in Frage zu stellen, egal um welchen primär oberflächlich erscheinenden Aspekt des Daseins es auch gerade gehen mag – in diesem Fall nämlich den Kleidungsgeschmack – ist nicht etwa unwichtiger Kiki, sondern wegbereitend für einen Akt der Unterdrückung. Denn von einem Aspekt einer beliebigen Person oder Gruppe zum nächsten ist es, wenn ich einmal mit dem Geringschätzen oder sogar Hassen angefangen habe, nur noch ein kleiner Schritt. Dieser Erkenntnis folgend kann man sagen, dass jede Form von Verletzung, Verhetzung und schließlich Verfolgung mit Kleinigkeiten beginnt. Wie etwa einer herabsetzenden Wortwahl. Somit sind Sätze wie „Der ist ja nicht normal!“ oder „Die sieht ja komisch aus!“ in diesem Kontext der Anfang des Übels. Allerdings auch in manch anderem…

Zurück in der Betrachtung zum Thema „Normen“ bleibt die Erkenntnis, dass wir schlicht unsere Meinungen erben. Über viele Jahrhunderte hat sich eine Gesellschaft wie die unsere, die fest im Wertekanon der christlichen Kirche verwurzelt ist – daher auch das unsägliche Unwort Leitkultur, als wenn unsere Kultur heute noch zu irgendetwas anderem anleiten könnte als zum Konsum – sich eine Rahmendefinition dessen erarbeitet, was schicklich ist und was nicht. Diese modifizierte sich bislang üblicherweise, wie es in jedem komplexen sozialen System der Fall ist, selbst an den Bedürfnissen des jeweiligen Zeitalters. Wir leben nun allerdings in einer Zeit, in der sich die Geschwindigkeit, mit der sich der Mensch der Technik hinterher entwickeln muss so rasant erhöht hat, dass der kategorisierende und bewertende Unterbau, den wir als „Normen“ kennen sich einfach nicht mehr adäquat schnell mitentwickeln kann.

Wir haben unsere Kultur mittlerweile in fast allen Aspekten dem unterworfen, was die technische Entwicklung möglich macht, ohne dabei darauf zu achten, dass unsere Moral auch genauso schnell wachsen kann wie unsere Kapazitäten sie zu testen bzw. in Frage zu stellen. Über viele Jahrhunderte reichte „Du sollst nicht töten!“. Es gibt aber immer noch keine Bibel 2.17 in der steht: „Sei vorsichtig, wenn du im Humangenom herumpfuschst!“. In einer Welt, die sich wenn es um die Bewertung neuer Problemstellungen stets auf jene antrainierten Reflexe verlässt, die unter Zuhilfenahme überkommener Erkenntnisse und veralteten Wissens entstanden sind, ist dies jedoch ein gravierender Mangel.

Immer die gleichen, alten Antworten auf immer neue Fragen geben zu wollen ist nicht nur blind, sondern fahrlässig dumm. Doch genau das tun auch Jene, die Alles und Jeden unter Anwendung dieser alten Denkraster in „normal“ oder „nicht normal“ einordnen.

Natürlich wäre es purer Blödsinn, Die Zehn Gebote nicht mehr – zumindest in einer, unserer Zeit angepassten Form – zur Anwendung bringen zu wollen, doch wer stets nur alttestamentarisch denkt, wird früher oder später auch Leute oder Denkweisen verurteilen bzw. ablehnen, die für seine persönliche Weiterentwicklung förderlich sein könnten. So dieses Individuum denn überhaupt an der eigenen Weiterentwicklung interessiert ist … oder hoffentlich wenigstens weiß, was das Wort bedeuten könnte.

Ich persönlich finde, um mit dem Geschwafel mal langsam zu einem Schluss zu kommen, Normen durchaus in Ordnung – und tatsächlich nicht nur wenn es um Papierformate oder Monitoranschlüsse geht – es mangelt mir im täglichen Leben aber bei vielen meiner Kontemporanzien an der Fähigkeit, alte, angeblich bewährte Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster selbständig zu überprüfen und gegebenenfalls auch mal zu modifizieren.
Es ist also quasi wie immer – ich wünschte mir, Selberdenken käme langsam mal wieder etwas mehr in Mode, anstatt immer nur den Mist wiederzukäuen oder – viel schlimmer – auch noch zu leben, den einem irgendwelche Fehlfarben auf der nachmittäglichen oder auch abendlichen Mattscheibe als gültige Weisheit des Okzidents zum Besten geben. Denn die haben zwar auch die Haare schön, nur fünf Zentimeter tiefer herrscht offensichtlich bestenfalls ein laues Gebirgslüftchen, dessen frontalen Ausstoß man besser ignorieren anstatt honorieren sollte. Dieses Wörtchen „Matt“ in Mattscheibe kommt nämlich nicht von ungefähr…

Aber auch das, was man glaubt noch als Schulweisheit im Köpfchen parat zu haben, sollte man gelegentlich mal auf die Pausenbank schicken und stattdessen vielleicht anfangen zur Kenntnis zu nehmen, dass das 21. Jahrhundert – leider oder Gott sei Dank muss hier jeder für sich herausfinden – nie mehr so funktionieren kann wie das 20. es getan hat. Dann fällt es einem unter Umständen auch leichter zu sehen, das „normal“ einfach das ist, was ein jeder – natürlich in gewissen Grenzen, denkt halt an die Zehn Gebote – für sich selbst daraus macht.

Euro kaputt – alles kaputt?

Immerzu wird ein Europa beschworen, welches es in der Lesart vieler anscheinend zur öffentlichen Äußerung Berufener ja gar nicht gibt; mit der Konsequenz, dass man die Europäische Idee als naiven Unsinn abtut und Lösungen präsentiert, die ein mögliches Gebilde Europa auf DAS reduzieren, was gegenwärtig wohl den allem politischen Tun übergeordneten Metaplot darstellt, nämlich eine ehemalige fiskalische Opportunität, die man nun am Liebsten schnell abwickeln möchte.

Menschen, insbesondere aber die jüngeren Menschen in den einzelnen Nationalstaaten Europas, also jene Generationen, die ein Zeitalter fast grenzenloser Prosperität, dauerhaften Friedens und bislang ungeahnter räumlicher und zu Teilen auch sozialer Freizügigkeit erlebt haben und keine wirkliche Ahnung vom Krieg mehr haben können, stehen plötzlich vor den Scherben eines Konstruktes, dessen größter Fehler in seiner Reduktion auf wirtschaftspolitische Interessen besteht; immer bestanden hat!

Jahr um Jahr hat man sich darauf beschränkt, sich an technokratisch verklausulierten Wischiwaschichkeiten festzubeißen, die so genannte Einheit in Vielfalt beschworen, stets als für den Denkenden allzu durchschaubares Deckmäntelchen für die kompromissfreie, knallharte Durchsetzung nationalstaatlicher, bestenfalls bilateraler Partikularinteressen. Und während man im Vordergrund mit viel Getöse die Freiheit des Verkehrs von Waren, Dienstleistungen, Know-How und Menschen propagierte, saßen in Gremien, welche allesamt mit Steuergeld alimentiert wurden Leute, deren vordringlichste Aufgabe es war, dafür zu sorgen, dass auf dem Grund und Boden dieses oder jenes Staates alles beim Alten bliebe, weil man ja nur selbst die Weisheit mit Löffeln gefressen hatte.

Nun ist es so, dass es auf Europäischem Grund keinen Nationalstaat gibt, dessen große, zum Zwecke der Patriotismusgenerierung immer wieder beschrieene Geschichte auch nur annähernd soviel historische Substanz hätte, wie man das den jeweiligen Bürgern gerne glauben machen möchte. Deutschland zum Beispiel war vor 150 Jahren ein Flickenteppich aus Dutzenden von Staaten und Stätchen, von denen jeder einzelne aufs Eifersüchtigste für seine Souveränität eintrat, gleich wie insignifikant diese auch gewesen sein mochte. Einen Staat Deutschland, den es zuvor nie gegeben hatte konstruierte man durch die Erschaffung einer nationalen Geschichte, welche den Menschen etwas schenken sollte, womit sie sich identifizieren konnten, nämlich das wilhelminische Kaiserreich mit seinem Militarismus, seinem Rassismus und seinem Kolonialismus als Ordnungsbezug, der Schwaben, Bayern, Thüringer, Sachsen, Badener und wie sie noch alle hießen einen sollte, um zusammen etwas größeres zu sein…

Derartige Verlautbarungen kennen Italiener, Franzosen, Spanier aber sicher auch Norweger Briten und die ganzen Anderen durch ihre nationalen Ideologieepen mit Sicherheit auch. Und gewiss gibt es kulturelle Unterschiede; wenn man unbedingt danach suchen muss, findet man sicher irgendwas hassenswertes an jedem Menschen auf diesem Kontinent. Kultur ist allerdings, wie ich schon des Öfteren erwähnt habe, ein prozessuales Konstrukt, dass sich mit der Zeit und den Menschen ändert, anpasst, schlicht weil es das können muss, sonst würde unser Lebensstil sich zum Beispiel niemals den Wundern der Technik angepasst haben können. Schließlich gehört die Internetnutzung in den entwickelten Staaten heute zu den üblichen Kulturtechniken dazu.

Vielleicht wäre es an der Zeit, Pluralismus und Anpassungsfähigkeit endlich auch als grundlegende Kulturtechniken zu akzeptieren, den Ballast des Althergedachten abzuwerfen, welcher mit Zähnen, Krallen und Geifer von den Wächtern des Tradierens gegen die Zeit verteidigt wird. Gewisse gesellschaftliche Subsysteme, namentlich Bürokratie und Politik – aber nicht nur diese zwei – haben sich teilweise soweit von den Lebensrealitäten der Menschen entfernt, dass es mir schwer fällt zu glauben, dass deren Vertreter fähig sein könnten, wirklich zu erkennen, welches Potential immer noch in der Idee Europa liegt. Sie sehen nur noch Rote Zahlen mit vielen Nullen, die es ihnen nicht erlauben, die Dinge zu verändern; obschon es doch gerade die von ihnen und ihren systemischen Vorfahren selbst verfochtene Linie der Präservierung des Überkommenen war, die uns diesen Schlamassel, dieses Übermaß an Schulden eingebrockt hat.

Wann wird wohl jemand erkennen, das Europa nicht tot ist; es lebt, und zwar mit, in und durch jene, die irgendwann verstehen werden, dass diese Schulden ohne Substanz nur dann eine Last sind, eine Last sein können, wenn man sie anerkennt. Genauso wie Politik nur solange tun und lassen kann was sie möchte, solange die Bürger ihre Legitimität anerkennen.

Wie viel Legitimation kann jemand jetzt noch besitzen, der so sehr in seiner überkommenen Denke gefangen ist, dass ihm die Fähigkeit fehlt, zu verstehen, dass die alten Antworten keine Gültigkeit mehr besitzen können.

Europa wurde einst lediglich als Chance für mehr Wohlstand begriffen. Es wäre an der Zeit, es als Chance für mehr Demokratie zu begreifen.

Zeitung lesen nutzlos?

Ich las neulich in einem Buch von Schwarzen Schwänen! Es ging dabei nicht um Ornithologie, sondern um die Macht, welche unvorhersehbare Ereignisse auf unsere Welt haben, bzw. haben können. Auf Grund seiner Beschäftigung mit Statistik als Mittel zur Beurteilung finanzieller Risiken – was wohl eine Weile sein Beruf war – kommt der Autor zu dem Schluss, das alles Wissen um den normalen Ablauf der Dinge so gut wie gar nichts nutzt, um Schwarze Schwäne vorhersehen zu können; also Ereignisse die basierend auf einer Ex-Post-Betrachtung des bisherigen Verlaufs in der Historie des jeweiligen Kontextes nicht vorhersagbar sind.

Sein Beispiel ist der uramerikanische Thanksgiving-Truthahn, der das ganze Jahr über freundlich gefüttert wird – woher sollte der arme Kerl wohl wissen, das Ende November in dieser freundlichen Hand das Schlachtbeil auf ihn lauert? Eine wie ich finde durchaus bemerkenswerte Analogie.

Er schließt daraus allerdings auch, dass man das Zeitung lesen lassen sollte, weil alles Wissen um Standardabläufe kaum Auswirkungen auf die Wirksamkeit schwarzer Schwäne hätte; weil vielmehr der Konsum der Tageszeitung einen zu der törichten Illusion verleiten könnte, das Geschehen der Welt sei erklärbar, ja sogar kontrollierbar. Er meint in diesem Zusammenhang, dass es viel sinnvoller sei, mehr Bücher zu lesen.

Gewiss ist diese Argumentation bestechend – allerdings weiß man nicht erst seit 2007, dass Gesellschaften und damit auch die Ereignisse, welche sie hervor bringen können nicht tatsächlich von außen oder von oben steuerbar sind, sondern vielmehr die vielen einzelnen Subsysteme sich selbst steuern und dabei in Interaktion mit den anderen Subsystemen eine Art fließendes Gleichgewicht des Interessenausgleichs erzeugen. Zumindest in einem idealisierten Modell. Was aber für einzelne Gesellschaftsteile bezüglich ihrer Komplexität, Selbsterhaltung, Interessenvertretung und Selbstbestimmtheit gilt, lässt sich auch auf das Individuum herunter brechen.

Nun bin ich durchaus geneigt zuzustimmen, dass man beim Studium der Tagesmedien sehr sorgfältig auswählen muss und bei weitem nicht alles als von hohem Wahrheits- oder Informationsgehalt durchsetzt akzeptieren darf, was gedruckt steht oder über meinen Monitor flimmert. Dieser Umstand allein entwertet allerdings meine Lektüre keineswegs. Auch lasse ich mich dadurch nicht von der Illusion globaler Kontrolle einlullen. Vielmehr reflektiere ich mich an dem was ich lese und werde mir der Tatsache bewusst, dass meine ganze Existenz ein Schwarzer Schwan ist!

Mein Hiersein ist einer Verkettung höchst unwahrscheinlicher Ereignisse auf der sozialen Mikroebene zu verdanken und der Weg, den mein Leben bislang genommen hat, war zu keiner Zeit von irgendwem oder gar irgend einer höherem Macht vorgezeichnet. Diesem Gedanken folgend ist die Zukunft offen und vollzieht sich just in dem Moment, da ich sie durchlebe durch mein Tun oder Lassen. Wüsste ich, was mich erwartet, könnte ich vielleicht Risiken vermeiden, aber die Existenz würde dadurch nicht notwendigerweise perfekt, da es keinem Menschen gegeben ist, ein so komplexes System wie ein Leben in allen Ebenen und Möglichkeiten überblicken zu können. Womit alle Vorhersagesysteme imperfekt sind, da ich im Perfekt lebe; also in der just vollzogenen Gegenwart.

Ich lese trotzdem gerne Zeitung, denn so chaotisch Leben als solches auch sein mag, beeinflusst Wissen um die größeren Zusammenhänge dennoch in gewissem Umfang Entscheidungen, durch welche ich meine individuelle Existenz sehr wohl verändern kann. Ob die derart getroffenen Entscheidungen sich im Nachhinein als richtig, falsch oder ein bisschen von beidem erweisen, kann keiner vorher wissen…oder?

PS: Der Titel des Buches lautet “Der Schwarze Schwan” von Nassim Nicholas Taleb

DAS Internet gibt’s nicht!

So komisch der Satz im ersten Moment auch klingen mag – insbesondere wenn er über DAS Medium verbreitet wird, von dem gerade die Rede ist – das Internet als EIN ungeteiltes Netz, an dem ALLE partizipieren können gibt es nicht und die Gründe dafür sind mannigfaltig. Zum einen rein technischer Natur, denn das Eine Internet besteht einfach aus vielen kleineren Einheiten, die miteinander kommunizieren können; wichtig ist hier das Wort “können”, den müssen tun sie das nicht, sonst könnten chinesische Surfer einfach so Seiten besuchen, die tatsächlich heute von der staatlichen Zensur blockiert werden. Das weltweite Informationsgewebe ist somit als Analogie gar nicht so verkehrt, denn überall zwischen den Fäden gibt es Löcher, wie bei einem normalen Spinnennetz erkennt man die Struktur des Gebildes nicht auf Anhieb und um von einer Seite zur anderen zu kommen muss man manchmal Umwege gehen.

Abseits der technischen Belange, deren Problematik zum Beispiel unter dem Aspekt der Netzneutralität diskutiert werden kann ist da aber auch die Frage nach der Gesinnung. Viele behaupten gerne, das Internet als nicht-regulierte Entität sei ein Raum reiner Demokratie. Diese Aussage ist schlicht Bullshit, denn zum einen ist es auf Grund der zuvor erwähnten Möglichkeiten zur Einflussnahme von staatlicher Seite – aber auch durch Hacker verschiedenster Couleur mit teilweise sehr undurchsichtigen Motiven – weit davon entfernt, frei oder gar de-reguliert zu sein; und zum Anderen ist der in der Diskussion vorherrschende Pluralismus mit so großen Varianzen gesegnet und die durch geglaubte Anonymität befeuerte Vehemenz der Verbal-Kombatanten so durchdringend, dass eine sinnvolle Diskussion im Sinne einer Konsensfindung nur recht selten stattfindet. Das einzige was an liquid democracy im Moment liquide ist, dürfte wohl der Schnaps sein, den so Mancher offensichtlich etwas zu eifrig konsumiert hat. Anders lassen sich die logischen Inkonsistenzen und der offensichtliche Faktenmangel in so mancher Argumentation kaum erklären.

Die Manipulierbarkeit des technischen Unterbaus gemischt mit einer leider wohl deutlich zu wenig wahrgenommenen Intransparenz bezüglich der wahren Interessen diverser Protagonisten im Web und einem blinden Vertrauen in die Möglichkeiten neuer Techniken lassen eine Gemengelage entstehen, welche das Potential für alte Verbrechen in neuem Gewand in sich trägt: social engineering vom Feinsten.

Und es möchte sich bitte jeder vor Augen halten, dass es, wie beim klassischen Lobbyismus den Vertreter zum Beispiel verschiedener Zweige der Privatwirtschaft seit eh und je betreiben, mitnichten um “das Wohl des Volkes” geht, sondern um die knallharte Durchsetzung von Partikularinteressen eher wirtschaftlicher Natur. Nur Macht ist dazu angetan, mehr Geld zu erzeugen, denn wenn einer mehr verdienen will, müssen Andere dafür etwas abgeben, weil die Summe der möglichen Wertschöpfung, auch wenn Ökonomen gerne was anderes zu predigen pflegen nun mal endlich ist.

Und so, wie unser Leben im realen Raum davon beeinflusst wird, wie gut oder schlecht ein Staat und seine Institutionen in der Lage sind, ihre Hauptfunktion zu erfüllen, nämlich einen Ausgleich zwischen Einzelinteressen und dem Gemeinwohl zu finden, bilden sich auch im ach so demokratischen Netz Tendenzen der mehr oder weniger subtilen Manipulation und teilweise nur schlecht verhohlener Zensur.

Hüben wie drüben ist es sehr schwer auszumachen, wer was wozu tut oder auch unterlässt, feststellen lässt sich aber, das ein blinder Glaube in die Selbstregulationsfähigkeiten des immer noch neuen Mediums genauso großer Humbug ist, wie Adam Smiths Idee von der “unsichtbaren Hand”, die vollkommen liberale Märkte in der Wirtschaft schon irgendwie ins Gleichgewicht bringen wird – oh Hedgefond ick hör dir trapsen.

Gleichwohl birgt das Internet trotz all seiner Schwächen und Angreifbarkeiten jede Menge Potential zu positiver gesellschaftlicher Veränderung, doch es ist wie mit allen neuen Dingen – um die Probleme und Risiken weiß man erst, wenn das Kind schon mal in den Brunnen gefallen ist. Mit einem Bewusstsein für die Chancen UND die möglichen Probleme kann es dennoch gelingen, das Internet zum ersten echten Medium der Partizipation für ALLE zu machen; der Weg dorthin ist allerdings noch sehr lang und steinig.

PS: Ich empfehle, hierzu etwas von Evgeny Morozov zu lesen.

Zimboplag – oder warum kopieren auch legitim sein kann!

“Denke nie gedacht zu haben, den das Denken der Gedanken…” und so weiter und so fort. Sie kennen den Spruch von Kästner vermutlich, man könnte das als Allgemeingut bezeichnen, das immer mal wieder zitiert wird; zu Recht, wie ich finde, denn es ist ein guter Spruch. Darüber hinaus funktioniert er auch als Sinnbild für die feine Linie zwischen Zitat und Plagiat oder manchmal auch zwischen tatsächlich selbst drauf gekommen und woanders geklaut.

Menschen bekommen ihre akademischen Würden im Nachhinein aberkannt, weil andere Menschen mit Akribie – man könnte es weniger freundlich auch Dippelschisserei nennen – deren Dissertationen auf Fehler überprüfen. Ich behaupte mal, so gut wie jeder längere wissenschaftliche Text enthält zumindest Flüchtigkeitsfehler, womit eine solche Suche als selbst erfüllende Prophezeiung betrachtet werden kann. Insbesondere, wenn man sich moderner Methoden des Textvergleichens bedienen kann.

Die Frage ist also nicht, ob plagiiert wird oder wurde. Im Zeitalter des Internet, wo Copy=>Paste so einfach ist wie das Einmaleins, beklagen sich immer mehr Hochschulprofessoren über die wachsende Zahl von mehr oder weniger gewichtigen Betrugsversuchen, wobei ich davon überzeugt bin, dass ein nicht unerheblicher Teil davon nichts mit Betrügen zu tun hat, aber dazu später mehr. Wichtiger ist, geschieht bzw. geschah es denn tatsächlich mit Vorsatz? Kann man das daraus erwachsende Produkt eventuell dennoch als original und originell einstufen? Und was verspricht sich der Plagiatjäger davon, jemanden des – vermeintlichen – Betruges zu entlarven?

In der ersten Frage klang bereits an, dass ich nicht überzeugt bin, dass jedes Plagiat auch tatsächlich bloßes Abschreiben ist. Vielmehr ist, wenn man die oftmals begrenzte Reichweite der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit und des individuellen Variantenreichtums in Betracht zieht die Wahrscheinlichkeit gar nicht so gering, dass ein einigermaßen begabter Student bei Kenntnis der Grundlagen im Kontext einer bestimmte Frage zu den gleichen Schlüssen kommt wie andere vor ihm; und diese dann auch zumindest ähnlich formuliert, insbesondere, wenn man sich der eigentümlichen Sprachkonventionen des akademischen Alltags bewusst ist. Muss man diesem armen Tropf dann das Pech der späteren Geburt vorhalten? Ich finde nicht. Wenn jemand allerdings eine bereits vorbestehende längere Textpassage eins zu eins wiedergibt, darf man zumindest am lauteren Charakter seiner Bemühungen zweifeln.

In meinem Artikel zu Recyclingkreativität sprach ich bereits davon, dass die Zitation, Neuinterpretation und Neumodellierung tradierter Kulturbestände durchaus achtbarer Teil des kreativen Prozesses sind – auch weil nicht jeder zur creatio ex nihilo fähig ist – und gleiches sollte auch im akademischen Bereich gelten. Wir sollen uns ja nicht vollkommen von den “Klassikern” lösen, aber eben hier ist es stets eine Gratwanderung zwischen unreflektierter Reproduktion – vulgo Wiederkäuen – und dem Begreifen und Vernetzen des Studierten, die den Unterschied ausmacht.
Manche Sachverhalte sind so komplex, das es wenig alternative Möglichkeiten gibt, sie zu erklären als mit eben den Worten Desjenigen, der sie zuerst für andere zugänglich gemacht hat. Hier Plagiarismus zu unterstellen grenzt an Bigotterie.

Es ist also zumindest in einigen Fachdisziplinen – insbesondere den Geisteswissenschaften und den Künsten – sehr schwer, heraus zu finden, ob jemand bewusst plagiiert hat; allerdings sollte meines Erachtens hier auch gefragt werden, ob derjenige dann aus den Bauteilen nicht vielleicht doch etwas Neues, Bedenkenswertes, vielleicht sogar Wertvolles geschöpft hat, das den Umstand schluderiger Arbeit wenigstens etwas mildert. Die Originalität des erarbeiteten Ergebnisses sollte demnach in der Gesamtbetrachtung durchaus beachtlich werden.

Was nun allerdings die Jagd nach Plagiaten angeht, bin ich zwiegespalten. Auf der einen Seite ist es wohl notwendig, die gewaltige Menge an für eine akademische Karriere zu verfassenden Papieren durchaus diesbezüglich zu durchleuchten, wenngleich, wie ich bereits dargelegt habe harte Kriterien oft eine Mangelware darstellen.

Wenn sich allerdings irgendwelche Netzbürger auf einem Kreuzzug befinden, um Dissertationen von Personen des öffentlichen Lebens zu zerpflücken, die in ihren Augen Amt und Würden nicht verdient zu haben scheinen, muss die Frage erlaubt sein, wie viele von denen wohl von der politischen Opposition alimentiert wurden, ebendies zu tun. Oder anders gesagt: es ist ihnen wahrscheinlich vollkommen wurscht, ob der Von und Zu ein guter Jurist sein könnte, Hauptsache, er wird für den Bajuwarischen Flügel des politischen Christentums in unserem Land nicht mehr öffentlich tätig.

Derlei hat nichts mit der Frage nach akademischer Integrität zu tun! Hier geht es nur darum, politische Gegner zu demütigen und zu demontieren. In einer medial befeuerten Erregungsbürgerlichen Gesellschaft, wie sich unsere bunte Republik im Moment darstellt, sind solche Kampagnen – die sehr einfach für jedermann publizierbar sind – nichts weiter als Mittel zum Zweck. Es MUSS jede Woche eine andere Sau durchs Dorf getrieben werden, sonst erlahmen die Auflagen- bzw. Klickzahlen und die Werbekunden bleiben aus. Man mag sich also fragen, woher nur immer all die willfährigen Menschen mit ausreichend Zeit kommen, welche stets zur rechten Zeit Skandale liefern.

Ob ihnen wohl auffällt, dass sie mit dieser Redundanz sich solange selbst plagiieren, bis das Interesse daran vollends erlahmt ist…?

PS: Auch wenn ich das hier geäußerte stets selbst erdacht habe, bin ich nicht so töricht zu glauben, dass solche Gedanken nicht schon ein anderer gehabt haben könnte – ob er sie dann auch geäußert hat, prüfe ich nicht nach, denn selbst wenn es so wäre, würde das den Wert meiner Worte um nichts schmälern.

Wegschauen?

Voyeurismus ist mir ein Greul. Könnte an meiner beruflichen Sozialisation als Rettungsmensch liegen. Ich hasse Gaffer, denn obschon es wohl ein zutiefst menschliches Bedürfnis ist, Anteil am Schicksal Anderer nehmen zu wollen, pervertiert die Art, in der wir heute unsere Umwelt wahrnehmen allzu oft allzu offenkundig den ursprünglichen Zweck des Hinschauens; es geschieht nicht mehr unter dem Aspekt der Anteilnahme und des eventuell Helfen Wollens sondern unter der Maßgabe, fette Action zur Unterhaltung mitnehmen zu können, weil einen unterbewusst die vermeintliche Bedeutungslosigkeit der eigenen Existenz anödet.

Was könnte da besser helfen, als ein bisschen Panem et Circenses – nur dass heute kaum jemand mehr so weitsichtig ist, öffentlich und gesellschaftlich akzeptiert auf einem von Zirkusrängen umfriedeten Plätzchen Kämpen mit Schwertern und sonstigen lustigen Männerspielzeugen aufeinander los zu jagen, um die Menge für einen Nachmittag die Last ihrer Existenz vergessen lassen zu können. Man empfindet es dem Bekunden nach weitläufig als anstößig, Gladiatoren zur Belustigung zu beschäftigen, wenn man mal von der weitestgehend als zumindest physisch ungefährlichen Variante aus dem amerikanischen Fernsehen absieht.

Doch dieses vordergründige Paradieren von political correctness ist ein nur leidlich funktionelles Tarnmäntelchen für den seit den Tagen Neros ungebrochenen Drang, Gewalt als Unterhaltung konsumieren können zu wollen. Gleichwohl es einen deutlichen Unterschied zwischen dem Anschauen eines Actionfilmes – der ja genau zum Zwecke der Befriedigung dieses Bedürfnisses produziert wurde – und dem Beiwohnen bei der Verübung echter Gewalt zum Schaden Dritter gibt, ist der Mechanismus, der dem Drang hinsehen zu müssen zu Grunde liegt in meinen Augen der Gleiche: Wir wollen jemand anders bluten sehen als uns selbst!

Oh ja, die meisten Menschen lieben es, die Anderen bluten zu sehen, egal ob nun im wahren Wortsinne, oder doch eher metaphorisch. Wenn das Schicksal sich nicht mich gekrallt hat, ist es eine Mischung aus Erleichterung, Schadenfreude Überraschung und Angst, die unsere Biochemie zu einem qua-erotischen Cocktail der Befriedigung abmixt, welcher durchaus den Wunsch nach mehr erzeugen kann. Und wie man durch diverse Populärwissenschaftliche Veröffentlichungen ja wissen könnte, ist unser Belohnungssystem durch die ambivalente Mischung aus Verlockungen und Barrieren welche unsere durchzivilisierte Welt bereit hält ja sowieso dauerhaft aus dem Tritt.

Offensichtlich ist es eine Art Kahneman’sche(*) Unschärferelation im Gehirn, die unsere Wahrnehmung von den guten und den schlechten Tagen zuungunsten der ersteren modifiziert, was zum einen hohe Scheidungsraten begünstigt und zum anderen auch verstehen lässt, warum wir den Kick des Leids der Anderen anscheinend brauchen; nämlich um uns der – wenn auch fragilen – Existenz unseres eigenen bisschen Glückes zu vergewissern. Immer und immer wieder.

Ich hasse Gaffer trotzdem, denn wenn sie nur einen kleinen Teil ihres Gehirns zum Denken über ihr eigenes Tun und Lassen, über Konsequenzen und Verantwortung nutzen würden, anstatt sich einfach den Fängen ihrer ubiquitären Konsumlust hinzugeben, könnte diese Welt ein um ein vielfaches besserer Ort sein. Denn manchmal ist Wegschauen tatsächlich die bessere Wahl…

* Daniel Kahneman – “Schnelles Denken, langsames Denken”

Der falsche Moment? (Postmodern N°1)

Der Blick über die Stadt schweift durchs Dunkel, denn wie so oft, wenn ich mich an meine Texte mache, ist es spät, was daran liegt, dass die Fülle der Dinge des Tages bewältigt sein möchte, bevor man sich eine wenig Muse zur Kontemplation nehmen kann. Ich kann es auch nicht zwingen. Ich habe diesen Umstand schon des Öfteren erwähnt, aber es ist so gut wie unmöglich, etwas Sinnbringendes zu erzeugen – gleich ob einen Text, oder etwas Visuelles – wenn man nicht in einer Stimmung ist, welche es den Gedanken erlaubt, zu fließen. Nicht selten sitze ich an meinem Arbeitsplatz und denke … und denke … und denke … und es passiert … genau gar nichts!

In solchen Momenten schicke ich meinen mentalen Büroboten durch die Archive, ob er nicht doch noch irgendwo eine nicht zu verbrauchte Idee entstauben könnte; ganz selten findet er noch was Brauchbares, dass ich nicht schon zu häufig durch die Wortmaschine gedreht habe, aber manchmal verstreicht eine Weile, in der es mich einfach nicht packen will.

Und dann ist da der Augenblick! Ein Moment, in dem ich eine – zumindest in meinen Augen – wirklich gute Denkfigur zustande bringe und habe vielleicht gar nicht die Chance, mir dazu Notizen zu machen, oder es ins Diktiergerät zu sprechen. Oh ja, ich habe eines, doch ich vergesse es immer und selbst mein allgegenwärtiges Smartphone – ja auch einen solchen Fluch habe ich mir vor ein paar Monaten aufgeladen – welches ja auch über eine Audionotizenfunktion verfügt, bleibt ungenutzt in der Hosentasche, weil ich ein verdammt altmodischer Typ bin. Ich mag Notizzettel oder ein Whiteboard, auf die ich meine kryptischen Hirnejakulationen schmieren kann, um sie dann später zu ordnen. Doch nicht immer ist zugegen, was man sich gerade als Medium der Transformation von der bloßen Idee zum bewusst Gedachten wünscht und bevor man einen Moment findet, es tatsächlich zu fassen, gleich wie roh und unpoliert es auch zuerst daher kommen mag, ist es oft auch schon wieder im Nirvana des allzu leicht Vergessenen entschwunden.

Kairos; der günstige Moment! Eigentlich der günstige Moment für eine Entscheidung, später – in der Renaissance – zu occasio der günstigen Gelegenheit geworden, versinnbildlicht durch eine weitgehend unbekannte griechische Gottheit, die sich durch eine Nähe zu den Göttern der zufälligen Fügung namentlich Tyche), der Strafung menschlichen Hochmuts (da haben wir Nemesis) und dem Götterboten (natürlich der olle Hermes) auszeichnete. Und tatsächlich passt diese Ordnung, denn mancher Moment für Entscheidungen verstreicht allzu schnell, ist in seinem Auftreten und den Konsequenzen sehr dem Zufall überlassen und allzu oft fällen wir geblendet von der vermeintlichen Brillanz unsers Intellekts Entscheidungen, ohne wirklich zu wissen, was wir da gerade tun.

Es liegt mir fern, behaupten zu wollen, dass es immer so abläuft, doch beispielsweise bei der Ex-Post-Betrachtung verschiedener wichtiger Entscheidungen der letzten Jahre in der Politik oder der Wirtschaft (hier vor allem dem Finanzsektor) drängt sich der Verdacht auf, dass entweder der Kenntnisstand sehr dürftig oder der Horizont so manchen Entscheiders sehr begrenzt gewesen sein muss, sonst hätten wir heute wohl keine Wirtschaftskrise. Oder hat denen allen der Kairos einen Streich gespielt, so wie es mir recht oft mit meinen Ideen passiert? Sind die richtigen Zeitpunkte verpasst oder einfach nur lausig ausgenutzt worden? Auch wenn der Gedanke verlockend ist, die durchaus gravierenden Probleme unserer Zeit dem Schicksal oder einen schlichten Mangel an göttlicher Intervention mittels des inspirativen Funken anlasten zu wollen, würde ich eher dazu tendieren, einigen Leuten einen eklatanten Mangel an korrektem Timing und dem für komplexe Entscheidungen notwendigem Wissen zu unterstellen.

Nun ist der Typus der entwickelten Industriegesellschaft – und in genau so einer leben wir hier in der bunten Republik Deutschland ja – vor allem durch eines gekennzeichnet; nämlich die außerordentliche Komplexität, welche mit der Ausdifferenzierung der mannigfaltigen funktionalen Subsysteme und der daraus notwendigerweise erwachsenden Verflechtung derselben einher geht. Im Klartext bedeutet das, wenn wir mal das viel beschriebene Modell der frühindustriellen Fließbandarbeit, wie sie z.B. Henry Ford zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seinen Automobilfabriken eingeführt hat als Analogie benutzen wollen, dass eine Menge unterschiedlicher Arbeitsschritte notwendig sind, um ein Auto zu bauen, dass es aber immer nur ein Teil der Belegschaft versteht, einen bestimmten Schritt zu vollziehen und alle anderen irgendwann zum Stillstand kommen müssten, wenn man eine der vielen hoch spezialisierten Komponente aus dem Gesamtablauf entfernten würde. Zwar sind gesellschaftliche Prozesse nicht linear wie ein Fließband, womit das Beispiel unvollkommen ist, aber man gewinnt eine Idee, dass es sehr dumm sein könnte, z.B. allen Bauern die Existenzgrundlage zu nehmen, eigene Rohstofflieferanten auszuklammern oder das Schulwesen noch weiter zusammenzukürzen; denn alles interagiert miteinander und die Qualität der Ergebnisse des Gesamtsystems korrespondiert mit denen der Teilsysteme.

Dieses Maß an Komplexität in seiner Gänze durchschauen zu wollen, wäre eine Aufgabe, die den alten Sisyphos wie einen Faulenzer dastehen ließe. Es gibt viel zu viele Spieler auf dem Feld, zu viele Partikular- aber auch Gruppeninteressen und damit zu viele mögliche Stellgrößen, als das ein Mensch oder auch nur eine vergleichsweise kleine Gruppe, die wir in diesem Kontext mal Politiker nennen wollen im Ansatz dazu befähigt sein könnte, derlei zu bewerkstelligen.

Ohne jetzt politische und wirtschaftliche Fehlentscheidungen en complet rechtfertigen zu wollen, würde ich hieraus dennoch die Annahme ableiten wollen, dass der Kenntnisstand Vieler, welche sich letzthin – oder auch schon vor längerem, wenn wir in historischen Zeiträumen denken mögen – in der wenig beneidenswerten Position wieder gefunden haben, solche Entscheidungen treffen zu müssen in der Tat eher begrenzt gewesen sein dürfte. Womit sich auch das Problem mit dem Kairos erklären dürfte, denn in der Vielzahl sich nur schemenhaft zu erkennen gebender Momente den richtigen für die richtige Wahl zu finden, gleicht damit eher einem Glücksspiel denn einem bewusst-kognitiven Prozess.

Und damit habe ich meinen ganz persönlichen und vermutlich für jede Region unserer Welt differierenden Anfangspunkt der Moderne ausgemacht; nämlich den Zeitpunkt, da die Komplexität einer Gesellschaft so rapide zuzunehmen beginnt, dass eine echte zentrale Steuerung mangels Möglichkeit zur Überblickung aller für eine Entscheidung Ausschlag gebenden Sachverhalte nicht mehr leistbar wird. Also den Moment, da der Kairos nicht mehr für das Kollektiv von herausragender Bedeutung ist, sondern nur noch für das Individuum. Individualisierung ist damit ein sich aufdrängendes Stichwort, das dem Soziologen Ulrich Beck zugeschrieben werden muss, damit mich hier keiner des Plagiarismus bezichtigen kann. Also schließe ich diese Ausführungen mit einer neuen Frage ab:

Was bedeutet Individualisierung?

Damit diese Antwort nicht zu trocken werden möge, will ich mich dran versuchen, den Sachverhalt ohne Verweise auf andere zu ergründen. Was mich dazu bringt, das ich geschwind was zum Thema Plagiarismus zwischen schieben muss, denn Original ist nicht immer originell und zuviel Zitate kommen einem Selberdenkverbot gleich, doch dazu alsbald mehr.

Altes Denkfutter, frisch poliert!

Ich habe mich dazu entschieden, ein paar ältere Texte nach dem Redigieren zu veröffentlichen, da diese aber nochmals umfangreicher sind, als meine “normalen” Blogposts, die ja auch eher mächtig daher kommen, kommen diese auf eine eigene Seite, die sich über das Header- oder das seitliche Menü aufrufen lässt

=> Po(pulär)philo(sophie) à la Zimbo

Wenn’s interessiert…

Postmodern – was issen des? (Postmodern N°0)

Also, wenn man einfach nur das Wort auseinander dröselt, bedeutet es “Nachmodern”, weil die Vorsilbe “post” nach bzw. danach bedeutet. Mit dem Wort modern wird es dann allerdings schon problematisch, weil zum Einen die Ansichten darüber was modern sei, doch sehr deutlich differieren und zum Anderen mit diesen Worten bereits ein Irrtum begangen wurde. Es geht nämlich nicht darum, WAS man als modern betrachtet, sondern WANN. Nun, für die Kulturgeschichtliche Epoche der Moderne kann man zumindest so etwas wie einen Anfang angeben; nämlich den Zeitraum zwischen Ende des 18ten und Mitte des 19ten Jahrhunderts, als die europäischen Staaten sich langsam vom feudalen zum bürgerlichen Gesellschaftsmodell zu entwickeln begannen. Wobei auch diese Angabe bereits Einschränkungen enthält, weil sie auf einer sehr eurozentrischen Weltsicht beruht. Woanders auf dem Globus haben sich Gesellschaften – nicht zuletzt allerdings auch unter dem Einfluss der europäischen Staaten als Kolonialmächte – zu anderen Zeiten auf andere Art entwickelt.

Wollen wir aber um der Einfachheit Willen annehmen, die Moderne als Zeitalter habe ca. mit der Staatsgründung der USA bzw. der französischen Revolution begonnen. Wann beginnt dann die Nachmoderne? Gestern? Nach dem Ende des 2. Weltkrieges? Nach dem Ende des ersten Weltkrieges? Noch überhaupt nicht? Und was kennzeichnet eine solche Epoche? Ich meine, wenn wir heute von modern sprechen, was meinen wir im Kern damit? Mit einem Tablet auf den Knien in der Monorail zur Arbeit fahren? Die Freiheiten und den Pluralismus, welche entwickelte Demokratien ihren Bürgern bieten? Bürgerbewegungen für einen ökologisch nachhaltigeren Umgang mit unserer Umwelt? Alles zusammen, oder gar nichts davon, oder wie jetzt…?

Wenn man Literatur zum Thema wälzt, dann tauchen verschiedene Namen auf und philosophische Konzepte, die so weit vom Leben der Menschen weg sind, dass es einem sehr schwer fällt, guten Gewissens behaupten zu können, dass die Philosophie die Mutter aller Wissenschaften sei. Das Meiste davon ist für den Ottonormalverbraucher – und übrigens auch für mich – schwer verdaulich und macht kaum Sinn, so dass es für mich, auch wenn ich manches zumindest faszinierend finde, dennoch an der Zeit sein dürfte, mir meine eigenen Gedanken dazu zu machen.

Sicherlich werde ich jetzt nicht mit einer Definition aus meinen Augen anfangen, das wäre nicht nur schlechter Stil sondern schlicht unredlich, weil man die verschiedenen Aspekte eines so komplexen Begriffes ja erst einmal überdenken sollte, aber ich will ein paar Fragen formulieren, die des Nachsinnens wert sein könnten und mich darum bemühen, dann und wann in nächster Zeit je eine nach bestem Wissen, Gewissen und sonstigen -issen zu beantworten.

Darum hier die erste Frage: Wo beginnt für mich ganz persönlich die Moderne?

Mal schauen, was mir so einfällt.