Altes Denkfutter, frisch poliert!

Ich habe mich dazu entschieden, ein paar ältere Texte nach dem Redigieren zu veröffentlichen, da diese aber nochmals umfangreicher sind, als meine “normalen” Blogposts, die ja auch eher mächtig daher kommen, kommen diese auf eine eigene Seite, die sich über das Header- oder das seitliche Menü aufrufen lässt

=> Po(pulär)philo(sophie) à la Zimbo

Wenn’s interessiert…

Postmodern – was issen des? (Postmodern N°0)

Also, wenn man einfach nur das Wort auseinander dröselt, bedeutet es “Nachmodern”, weil die Vorsilbe “post” nach bzw. danach bedeutet. Mit dem Wort modern wird es dann allerdings schon problematisch, weil zum Einen die Ansichten darüber was modern sei, doch sehr deutlich differieren und zum Anderen mit diesen Worten bereits ein Irrtum begangen wurde. Es geht nämlich nicht darum, WAS man als modern betrachtet, sondern WANN. Nun, für die Kulturgeschichtliche Epoche der Moderne kann man zumindest so etwas wie einen Anfang angeben; nämlich den Zeitraum zwischen Ende des 18ten und Mitte des 19ten Jahrhunderts, als die europäischen Staaten sich langsam vom feudalen zum bürgerlichen Gesellschaftsmodell zu entwickeln begannen. Wobei auch diese Angabe bereits Einschränkungen enthält, weil sie auf einer sehr eurozentrischen Weltsicht beruht. Woanders auf dem Globus haben sich Gesellschaften – nicht zuletzt allerdings auch unter dem Einfluss der europäischen Staaten als Kolonialmächte – zu anderen Zeiten auf andere Art entwickelt.

Wollen wir aber um der Einfachheit Willen annehmen, die Moderne als Zeitalter habe ca. mit der Staatsgründung der USA bzw. der französischen Revolution begonnen. Wann beginnt dann die Nachmoderne? Gestern? Nach dem Ende des 2. Weltkrieges? Nach dem Ende des ersten Weltkrieges? Noch überhaupt nicht? Und was kennzeichnet eine solche Epoche? Ich meine, wenn wir heute von modern sprechen, was meinen wir im Kern damit? Mit einem Tablet auf den Knien in der Monorail zur Arbeit fahren? Die Freiheiten und den Pluralismus, welche entwickelte Demokratien ihren Bürgern bieten? Bürgerbewegungen für einen ökologisch nachhaltigeren Umgang mit unserer Umwelt? Alles zusammen, oder gar nichts davon, oder wie jetzt…?

Wenn man Literatur zum Thema wälzt, dann tauchen verschiedene Namen auf und philosophische Konzepte, die so weit vom Leben der Menschen weg sind, dass es einem sehr schwer fällt, guten Gewissens behaupten zu können, dass die Philosophie die Mutter aller Wissenschaften sei. Das Meiste davon ist für den Ottonormalverbraucher – und übrigens auch für mich – schwer verdaulich und macht kaum Sinn, so dass es für mich, auch wenn ich manches zumindest faszinierend finde, dennoch an der Zeit sein dürfte, mir meine eigenen Gedanken dazu zu machen.

Sicherlich werde ich jetzt nicht mit einer Definition aus meinen Augen anfangen, das wäre nicht nur schlechter Stil sondern schlicht unredlich, weil man die verschiedenen Aspekte eines so komplexen Begriffes ja erst einmal überdenken sollte, aber ich will ein paar Fragen formulieren, die des Nachsinnens wert sein könnten und mich darum bemühen, dann und wann in nächster Zeit je eine nach bestem Wissen, Gewissen und sonstigen -issen zu beantworten.

Darum hier die erste Frage: Wo beginnt für mich ganz persönlich die Moderne?

Mal schauen, was mir so einfällt.

Wer braucht denn heute noch den Papst?

Ein Anachronismus. Aus der Zeit gefallen, überkommen, versteinert im Zinober der ureigenen Rituale, nicht Reformfähig oder Reformwillig, gestrig in den Ansichten und in keinster Weise politisch, selbst da nicht, wo viele es sich wünschen würden. Das Bild, welches viele Menschen heute von der katholischen Kirche haben, ist wenig schmeichelhaft und in mancherlei Hinsicht vermutlich – leider – gar nicht so falsch. Genau deswegen ist es aber so wichtig, sich einmal kurz ein paar Gedanken darüber zu machen, ob diese Umstände die Institution katholische Kirche en complet entwerten, oder ob nicht doch manches, auch wenn dies auf den ersten Blick seltsam erscheinen mag, vielleicht irgendwie einen Sinn hat.

Es ist oft so, dass man sich ein schnelles Urteil erlaubt, basta, zack und weg, ohne sich die Dinge genau anzuschauen, ohne sich zu fragen, was einen eigentlich dazu gebracht hat, genau das zu denken und nicht etwa irgendwas anderes. Erfahrung aus erster Hand, Erfahrungen aus zweiter, dritter oder vierter Hand, also mit anderen Worten Dummgebabbel? Wie seriös sind die Quellen, auf welche man sich berufen kann, wie breit die empirische Basis? War es nur ein singuläres Ereignis, dass einen zu einer Meinung geführt hat, oder durfte bzw. konnte man mehr Erfahrung sammeln? Die Komplexität der eigenen Informationen, vielleicht vernetzt mit anderen Wissensgebieten – das, was der Volksmund gerne den Blick über den Tellerrand nennt – ist nicht unbedingt kausal für ein realistischeres Urteil, aber sie macht es zumindest wahrscheinlicher.

Wenn wir den Blick nun wieder zurück schweifen lassen zur Eingangs erwähnten Institution, was kommt einem da zuallererst in den Sinn? Die Bilder eines müden alten Mannes, der in recht spektakulärer Weise seinen Rücktritt von einem der prominentesten Ämter der Welt verkündet hat. Skandalöse Enthüllungen über das ausschweifende, missbräuchliche Verhalten so mancher gebildeter Männer, denen wir eigentlich das Etikett eines Behüters, eines Helfers, eines Seelsorgers geben wollen, da sie Kraft Amtes die Nächstenliebe im altruistischen Sinne für sich gebucht haben müssten? Beeindruckende Bauten, die bis heute den Geist der Geschichte atmen? Den kleinen Abzug auf unserer Steuererklärung? Die eigene Hochzeit? Was kommt da alles zusammen, was bedeutet es, wenn es denn überhaupt noch eine Bedeutung hat und wie gehen wir mit der daraus erwachsenden Ambivalenz um? Mit dieser Mischung aus so vielen gegensätzlichen Bildern und Symbolen, die mehr verwirren, als sie Klarheit zu schaffen vermögen…

Sicherlich kann man nicht behaupten, dass jene, welche üblicherweise die Entscheidungen über die Wege der Kirche zu treffen haben sonderlich jung, sonderlich modern oder irgendwie säkular orientiert wären, wobei letzteres für sich betrachtet auch als Markenkennzeichen verstanden werden könnte. Von Kirche erwartet man gemeinhin, evoziert von den vorhin beschworenen Bildern, ein würdevolles Verhalten, eine Orientierung an tradierten Werten, so etwas wie eine Insel der Ruhe in einem Ozean aus digital beschleunigtem, hohlem Geplapper, welches leider auch unsere Informationsmedien heutzutage nur allzu oft dominiert.

Doch bleibt, auch wenn man sich darauf einlassen möchte, seine individuellen Betrachtungsweisen durch eine bewusste Reflexion an einem sehr alten Spiegel zu entschleunigen der Umstand bestehen, dass zwischen den Kurienkardinälen und der weitaus größten Zahl ihrer Schäfchen ein nicht unerheblicher Altersunterschied besteht, der den Verdacht eines Generationenkonfliktes aufkommen lassen könnte. Darüber hinaus wirft eine sich verändernde Welt, mithin eine sich globalisierende, mit all den dazu gehörenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen Fragen auf; neue Fragen, auf welche die alte Antworten und Denkmuster vielleicht nicht mehr wirklich passen. Auch wenn ich durchaus davon überzeugt bin, dass in der gesammelten Erkenntnis älterer Epochen so manch Hilfreiches liegt, das auch heute noch Probleme zu lösen helfen könnte. Allerdings ist es dazu notwendig, das Alte mit neuen Augen zu betrachten. Und dazu taugen die alten Herren in Soutane meist nicht wirklich.

Und hier liegt, wenngleich ich heute nicht aufgebrochen bin, um Vatikanbashing zu betreiben, das größte Problem. Die der katholischen Kirche zu Grunde liegende Hierarchie, welche in Punkto Strukturkonservierung unglaublich effizient ist, macht es notwendig, sich lange hochzudienen bevor man an eine einigermaßen einflussreiche Position gelangen kann. Das ist ein wenig wie der – hier um der Wirkung willen stereotyp beschriebene – Lebensweg des Parteisoldaten, der auf der Durchmessung zumeist notwendigerweise Kontur gegen Compliance tauscht.

Will heißen, ist man oben, will man nix mehr ändern, weil man gelernt hat, das Veränderung u.U. Privilegien beschneidet, Strukturen zuungunsten von Planungssicherheit beeinflusst und somit oft auch Machtverteilungen verändert. Wer aber erst einmal Macht erlangt hat, behält sie auch ganz gerne. Und wer sich durch eine so komplexe Struktur wie die katholische Kirche hindurch gearbeitet hat, ihre Geheimnisse und Rituale kennen und schätzen gelernt hat, der wird wenig daran interessiert sein, all das zu gefährden.

Auch wenn sich die katholische Kirche gerne apolitisch gibt, haben Indiskretionen der Vergangenheit gezeigt, dass es sehr wohl Verflechtungen zwischen sakral und säkulär gab und wohl auch noch gibt, die durchaus die Wahrnehmung politischer und wirtschaftlicher Interessen beinhalten – von irgendwas muss die Kirche als Institution ja auch leben, nicht wahr? Doch auch bei Betrachtung all dieser strukturellen Probleme und historisch gewachsenen Widersprüchlichkeiten muss man anerkennen, dass die auf geniale Art institutionalisierte ideelle Reichhaltigkeit und Reichweite bis heute beachtlich sind.

Ich würde es als Übertreibung bezeichnen, Kirche heute immer noch als sinnstiftend anzusehen. Das mag im Mittelalter gegolten haben, doch seit dem Ende der vormodernen Zeit haben sich die Dinge ein wenig gewandelt; der Mensch hat herausgefunden, dass das Individuum an und für sich nicht nur ein Recht auf Subsistenz sondern auch auf sein wahrgenommen werden, seine eigene Meinung und die Vertretung seiner Interessen gegenüber anderen hat, ohne dass dies dem Lehnsherren gefallen muss. Und mit den Rechten und Interessen des Individuums tut sich Mutter Kirche immer noch schwer – andererseits gibt es ja auch eine Menge moderner säkularer Staaten, welche die Menschenrechte tagtäglich mit Füßen treten, bzw. mit Knüppeln malträtieren. Aber darüber reden wir lieber ein anderes Mal. Denn allen offensichtlichen Defiziten zum Trotz wirkt die katholische Kirche für viele bis heute als eine Quelle der Inspiration, der Motivation und eines Ausgleichs, der vielerorts weltlich nicht zu bekommen ist.

Bei aller Zwiespältigkeit, welche mich ansonsten beim Betrachten dieses wahrhaft altmodisch strukturierten Konglomerats von manchmal allzu bemüht wirkender gläubiger Demut und Gelehrsamkeit überkommt, muss ich respektieren dass der Glaube, den diese Institution spendet, offensichtlich die Kraft hat, Elend zu lindern, Hoffnung zu geben und das auf eine Art und Weise wie es keine moderne, weltliche Organisation vermag. Ich persönlich würde mir zwar wünschen, dass man im Vatikan das eine oder andere zu überdenken beginnt, aber sich dieser Faszination zu entziehen, gelingt auch mir nicht vollkommen. Vielleicht doch ein guter Grund sich ab und an mit Anachronismen zu arrangieren…?

Nur so als Randbemerkung: der Umstand, dass ich selbst für meinen persönlichen Glauben an Gott kein irgendwie institutionalisiertes Gewand – also eine Kirche im Sinne der Organisation wie auch als Gebäude – brauche, steht aus meiner Sicht kaum im Widerspruch zum Gesagten, muss doch jeder seinen spirituellen Weg selbst finden. Und wenn der für viele immer noch unbedingt durch das Portal eines Sakralbaus führen muss, dann ist das halt so. Ich erwarte nur, dass man sowohl meinen Glauben als auch den des Kirchgängers in gleichem Maße respektiert. Und dabei ist die katholische Kirche leider auch noch ordentlich hintendran. Aber vielleicht kann Franziskus es ja besser…

Alles nur Äußerlichkeiten…

Reduziert werden auf das, was man sehen kann. Ein Gefühl, dass viele Menschen mit Erschrecken weit von sich weisen, weil sie es fürchten, weil sie sich gedrängt vom allüberall herrschenden Überschuss an dem, was unsere Wahrnehmung uns als Ästhetik vorgaukelt überwältigt und entwertet fühlen, niedergeworfen von dem kaum kompensierbaren Gefühl optischer Unzulänglichkeit. Unsere Wahrnehmung ist dabei wie ein Bumerang, der uns trifft, wann immer wir uns von den aufpolierten Hochglanzbildern blenden lassen, welche Andere auf das Postament mit dem Namen Schönheit zu hieven die Frechheit besitzen.

Ich mag einen kleinen Schuss Polemik und Populismus, weil viele meiner Pointen ohne nicht funktionieren würden, aber es griffe wohl deutlich zu kurz, wenn ich mich darauf beschränkte, jetzt wieder singulär die bösen, bösen Medienfuzzis zu schelten, die uns andauernd mit delikat angerichteten sexy Häppchen beliefern, von denen wir unseren Blick nur ungern abwenden, weil diese Bilder gleichsam im besten wie im schlechtesten Sinne Symbole sind – Symbole für das, was wir an uns selbst gerne entdecken wollen würden: ein Äußeres, dass Begehrlichkeit weckt, dass uns Türen öffnet und ein wilderes, erfüllteres Leben verspricht.

Mit Versprechen ist es ja nun so, dass sie meist entgegen aller Schwüre dann gebrochen werden, wenn es uns den größten Schmerz bereitet. Murphys Law gilt eben auch für weiche Faktoren des sozialen Miteinanders. Was aber nun die Symbolik angeht, so lässt sich sagen, dass der schlechteste Sinn sich darin erfüllt, dass die gezeigten Bilder überstilisierte, mit normalem Aufwand unerreichbare Ideale zeigen. Das Ironische daran ist, dass wir – egal ob in Kenntnis, Unkenntnis oder Verleugnung des vorgenannten Umstandes – dennoch nach dieser optischen Perfektion gieren, die anscheinend eine Projektionsfläche für in den allermeisten Fällen nicht erfüllte Träume bildet. Oder anders gesagt ein Versprechen, auf das wir uns einlassen, obwohl wir wissen, das es nie eingelöst werden wird; nie eingelöst werden kann. Denn dafür müssten wir die Realität bescheißen können.

So und jetzt trösten wir uns erstmal ein bisschen damit, dass wir im Grunde ja alle so gebildet, so reflektiert und zutiefst empathisch sind, dass wir trotz der ganzen vorgeblich ästhetischen Verrenkungen die wirklich wichtigen inneren Werte sofort erkennen können, zu schätzen wissen und uns von visuellen Komponenten ja eigentlich gar nicht täuschen oder ablenken lassen… Ja klar und Luzifer verkauft Jakuzis mit eingebauter Kühlung.

DAS ist Perfektion – allerdings nicht optische sondern selbstbetrügerische. Ich habe eigentlich kein großes Problem damit, mich dazu zu bekennen, dass mir bestimmte Formen der Hochglanzoptik durchaus zusagen und das ich eher dazu neige einer schönen Frau hinterher zu sehen, als einem Mauerblümchen oder gar jemand hässlichem. Es ist, so meine ich, nicht verwerflich sondern zutiefst menschlich, sein Augenmerk, ja vielleicht auch seine Begierde auf etwas oder jemand schönes auszurichten. Es schmeichelt nicht nur dem Auge, es weckt auch meine Phantasie. Allerdings bleibt es auch beim Kopfkino, was daran liegt, dass ich visuell überaus ansprechende Träumereien, Wunschvorstellungen und Hirngespinste in der Hollywood-Kategorie sehr gut von meiner Lebensrealität zu trennen vermag, ohne diese dabei herabwürdigen zu müssen. Ich übe mich in mentalem Eskapismus schon ziemlich lange, ohne dabei jedoch die für ein prolongiertes Funktionieren als produktives Mitglied der mich umgebenden Gesellschaft notwendigen Faktoren aus den ebenso metaphorischen Augen verlieren zu müssen. Eigentlich ist das auch nicht sehr schwer. Eigentlich…

Das Entscheidende hier ist, das man lernt zu begreifen, dass die Janusköpfigkeit uns allen vom Beginn unserer bewussten Indiviuums-Werdung mitgegeben wird. Nicht nur Typen mit dem Sternzeichen Zwilling, wie ich einer bin. Es ist vielmehr eine Basisfunktion, die alles Soziale aber auch die zutiefst intimen Bereiche erst richtig gut funktionieren lässt. Bei mir selbst bezeichne ich es als Bedienoberfläche, welche wie bei jedem einigermaßen gut funktionierendem Computer für den jeweiligen Benutzer ein wenig anders aussieht, aber dennoch die angemessenen und notwendigen Funktionen beherbergt. Man könnte es auch als ein Arsenal von Masken betrachten, die wir je nach sozialem Anlass und Umfeld aufsetzen, um die Ansprüche der jeweiligen Gegenüber erfüllen zu können. Abhängig vom Grad der Intimität einer Beziehung beschreibt die Maske einen größeren oder geringeren Abstand zu unserer wahren Persönlichkeit, die sich gerade in der Abgrenzung bestimmter Areale ihrer selbst von fast allem und jedem definiert, obwohl wir uns erst im sozialen Vollzug als Individuen realisieren. Klingt das kompliziert? Ist es nicht…

Es ist wie ein Tanz vor einem Spiegel, bei dem wir uns mal annähern und mal wieder entfernen, bei dem sich je nach Winkel zur Oberfläche immer andere Facetten unseres Selbst zeigen und bei dem wir nur dann so langsam werden, dass auch bedeutsame Details sichtbar werden, wenn wir genau diese Wahrnehmung unserem Betrachter gewähren wollen. Gleichsam haben wir aber im Taumel der Bewegung trotzdem nie eine Hundertprozentige Kontrolle über das, was unser Gegenüber sehen kann und dennoch können – oder wollen – wir das Spiel nicht beenden, denn dieser Tanz ist unser Leben und gleich wem wir in diesem Spiegel begegnen, er oder sie wird mindestens ein Bild von dieser Begegnung mitnehmen.

Genau deshalb sind Äußerlichkeiten genau DAS – einfach nur das Außen; und diese Bemerkung weißt dem Außen keinerlei Wertung zu. Der Tanz zeigt nicht nur Außen, er zeigt auch das Innen. Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, echte Tänzer länger und genauer zu beobachten, dem fällt es leicht, die Analogie zu verstehen, denn selbst mit grell geschminkten, dauernd lächelnden Gesichtern und fest betonierten Frisuren zeigen die Augen, die winzigen Regungen der Mimik, der Habitus sehr genau, was sich unter der Oberfläche tut. Und in aller Regel ist das viel interessanter als das ganze Brimborium außen rum – obwohl es nicht selten durchaus schön anzuschauen ist. Die Kunst liegt darin, die Optik schlicht als Optik sehen und gegebenenfalls einfach genießen zu können und sich trotzdem der Existenz des Innen bewusst zu sein. Man muss ja nicht immer nach einem Zugang zu den inneren Werten suchen…

Motivation – ein Fremdwort?

Immer mal wieder, besonders aber in solchen Momenten, da ich so was wie eine Talsohle kommen spüre treibt mich die Frage um, was mich denn antreibt, all die verschiedenen Dinge zu tun, die ich mir leichtfertiger Weise aufzubürden die Blödheit besitze. Es ist ja nicht so, dass eine Familie, eine Vollzeitstelle und ein Fernstudium nicht reichen würden, um jeden Tag mit gefühlten 33,68 Stunden anzufüllen; dennoch scheinen sich immer noch irgendwo ein Futzel Zeit und ein paar Watt Energie zu finden, wenn eine Sache an mich herangetragen wird, oder ich über irgendwas stolpere, das ich dann schlussendlich meines Einsatzes für wert befinde.

Meines Einsatzes für wert befinden – ist das vielleicht schon der ganze Schlüssel? Geht es, wie so oft im Leben rein um die Frage, ob mein Einsatz einen Wert generiert und falls ja, welche Art von Wert dabei in den Fokus gerät? In meinem letzten Blogpost sprach ich vom Dasein als Ökonomier und kam zu dem Schluss, dass ich keiner sei. Womit sich eine Fixierung auf rein ökonomische Werte zumindest für meine Person wohl ausschließen lässt. Ich bin mitnichten dem einen oder anderen pekuniären Erfolg abhold, denn wir müssen ja alle von irgendwas unseren Unterhalt bestreiten; und ich will zugeben, das bloßes Subsistieren diesbezüglich meine Ansprüche nicht erfüllt. Das zeitigt aber kein Lebensmanagement, welches auf Maximierung meines ökonomischen Effektes hinaus will. Das wäre nicht ich, und ich will ich bleiben – wenn das ein paar Abstriche mit sich bringt, ist das halt so, solange meine Verpflichtungen gegenüber meine Lieben und mir selbst in akzeptablem Maße erfüllt sind.

Ich glaube, ich war nie ein sonderlich ehrgeiziger Mensch, es mangelt mir bis zum heutigen Tage an dem Drang, über andere Macht auszuüben, mich treibt – zumindest gefühlt – eher der Wunsch um, über die Menschen, die Welt und mich nachzudenken und dabei Dinge herauszufinden, die vielleicht irgendwann helfen können, ES besser zu machen. Und ES umfasst aus diesem Blickwinkel so unendlich viel, was sowohl global aus auch lokal betrachtet nicht so funktioniert, wie es richtig wäre; aber sich jetzt darüber auszulassen, würde den Umfang dieses Textes bei Weitem sprengen. Ich glaube aber, in ein paar – zugegeben sehr begrenzten – Teilbereichen tatsächlich etwas Substanzielles zur Verbesserung der Situation beitragen zu können und das ist für mich ein sehr wichtiger Motivator.

Wenn das jetzt nach einem Homo Sapiens Altruus klingt, einem furchtbar moralinsauren Bildungs-Gutmenschen, darf ich darauf hinweisen, dass ich einerseits zu sehr Nerd bin, um als klassischer Bildungsbürger durchzugehen und auf der anderen Seite zu abgeklärt für ein Übermaß an Moral. Wohl aber hat sich über die Jahre in meiner Denke ein Drang etabliert, mich zu jenen Themen, in denen ich mich halbwegs sicher bewegen kann, ohne sofort in den Untiefen des Detailwissens unterzugehen auch mit der einen oder anderen – so hoffe ich fundierten – Meinung zu äußern. Immer wenn ich feststellen muss, dass ich irgendwo trotz aller Vorsicht doch auf ein rhetorisches Riff gelaufen bin, mein kognitives Kanu in die falsche Strömung geraten ist, oder ich schlicht ein wenig ermattet davon bin, auf dem großen Fluss aus kollektiver Trägheit, Indolenz, Unwissen oder Besserwissen und unreflektierter Zielvorstellungen dauernd gegen den Strom rudern zu müssen, beginne ich mit einer neuen Runde der Selbstevaluation.

Irgendwelche Motivationstrainer nennen das Prioritätensortierung und reden dann davon, dass man sein Zeitmanagement optimieren und mehr delegieren muss; nur dass die wenigsten von uns Führungskräfte sind, die irgendwas an irgendwen delegieren können, oder falls sie doch über solche Kompetenz im Sinne von Dürfen verfügen nicht mit der Fähigkeit ausgestattet sind, auch auf die Kompetenzkomponente Beherrschen im Sinne von Personalführung zurückgreifen zu können. Die meisten Menschen müssen ihre Motivation schlicht aus sich selber schöpfen und dazu ist es gut sich ein paar Kleinigkeiten vor Augen zu führen, die bei fast jedem von uns gleich sind:

Wenn ich mich irgendwann zu fragen beginne, warum oder wofür ich irgendetwas tue, sollte ich mich vorher lieber fragen, ob dieses Tun etwas daran ändern wird, wer ich bin und wo ich stehe – oder besser stehen werde – und ob ich überhaupt jemand anders sein oder woanders stehen möchte? Möchte ich nun tatsächlich etwas ändern, will ich dann nur für mich etwas geändert sehen, oder habe ich als soziales Wesen, dass der Mensch in der Regel nun mal ist auch noch Andere auf meiner Kosten-Nutzen-Rechnung?

Das Gleichgewicht zwischen Egoismus und Altruismus, zwischen persönlichem und kollektivem Erreichen, zwischen Ziel und Wirklichkeit, zwischen Individualismus und Sozialität bestimmt nach meiner Erfahrung, was uns je motiviert. Es ist dabei nichts Statisches, es muss immer wieder neu mit sich selbst und der je individuellen Lebensumwelt ausgehandelt werden, was unvermeidlich Probleme, Reibungsverluste und Talsohlen mit sich bringt – aber auch jedes Mal die Chance, nach der Talsohle auf dem Anstieg was Neues, Gutes hervor zu bringen.

Diese Erkenntnis, dass nämlich das Danach immer ein Davor ist, dass immer ein neuer Zyklus kommt, den ich nur höchst selbst mit Sinn für mich anfüllen kann, aber der es mir auch erlauben wird, mich als soziales Wesen wie auch im professionellen Bereich weiter zu entwickeln, das ist meine persönliche Motivation. Sie kommt und geht, aber solange ich weiß, dass es immer irgendwie weiter geht, wird sie nie versiegen!

Bin ich ein Ökonomier?

Gute Frage, oder? Was ist denn ein Ökonomier, könnte man dagegen halten. Tatsächlich ist das die erste Frage, der ich mich widmen muss. Aus meiner Sicht – und die ist wie immer natürlich mit einem Schuss Polemik eingefärbt, weil’s Spaß macht und die Gedanken weckt – wäre das einerseits der gelegentlich beschrieben Modelltyp des Homo Oeconomicus, eines Menschenwesens, dessen Dasein sich auf eine Kosten-Nutzen-Rechnung reduziert, das alles anhand der Frage beurteilt, was es ihm bringt, das sich selbst auf rationalen Egoismus reduziert und somit der voran gestellte Artikel, nämlich ein DAS voll ins Schwarze trifft, weil sich dieses Kunstwesen geschlechtslos, gleichsam asozial darstellt und somit quasi einen unbestimmten Genus hat. “Voll ins Schwarze” passt in dieser Analogie auch, wenn man mit dieser Farbe einen Politiktyp assoziiert, der klassisches, Konservatives Denken neoliberalistisch bastardisiert hat, um sich eine Berechtigung für die bedenkenlose Entfesselung von Adam Smiths metaphorischer unsichtbarer Hand verschaffen zu können.

Auf der anderen Seite ist dieses Kunstwesen aber nicht sozial entkoppelt, sondern vielmehr vollkommen eingebunden in den Fluss der Informationen, Meinungen, Bewegungen, den das Netz zu jeder Zeit und an zumindest sehr vielen Orten unserer Welt bietet. Also ein soziales Zwitterwesen, welches sich in der virtuellen Ferne die Nähe sucht, doch sich gegen echte Nähe isoliert und sich so langsam aber sicher der ungefilterten Sozialität entfremdet.

Sind wir also auf einer Schnellstraße in eine Welt voller egoistischer Arschlöcher? Nun, zunächst sind diese Gedanken in erster Linie Kunstfiguren. Ökonomen machen sich immer einen Kopf darüber, was Menschen motiviert in aller erster Linie deswegen, weil sie neue Ideen brauchen, wie man Menschen das Geld aus der Tasche zieht, bzw. sie dazu bewegt mehr und effektiver zu arbeiten – am besten für weniger Geld! Der Homo Oeconomicus ist somit nicht mehr als akademische Hirnwichserei, da verschiedenste Persönlichkeitselemente und Sozialisationsumstände sich schlicht der Betrachtung durch diese Theorie entziehen und Menschen nun mal nicht vor einem Computerbildschirm aufwachsen, sondern in aller Regel umgeben von anderen Menschen – welchen Einfluss auch immer diese ausüben mögen.

Wenn man sich nun also über das schwindende Maß an Solidarität in unserer Gesellschaft beklagt und sich sorgt, dass die schwieriger werdenden wirtschaftlichen Umstände – Stichwort Globalisierung – gepaart mit der Informationsrevolution Internet unsere bislang bekannte Form miteinander zu leben über den Haufen werfen werden, darf ich sie beruhigen: das hat schon angefangen und es passiert jeden Tag ein bisschen mehr. Gesellschaften sind nämlich, so wie Lebewesen auch einer Evolution unterworfen, sie entwickeln sich zusammen mit den Menschen, den wissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen stets weiter und das kann man auch nicht aufhalten. Stellen sie sich mal vor, wie sich Menschen gefühlt haben müssen, die zum ersten Mal eine Dampfmaschine, ein Auto oder gar ein Flugzeug erblicken konnten. Oder Kulturen, denen eine Änderung ihres politischen und sozialen Systems von Eroberern aufgezwungen wurde, in Afrika, in Indien, in Asien, immer und immer wieder in der Geschichte. Unsere moderne Industriegesellschaft ist ein hochkomplexes Gebilde mit vielen eigenständigen Subsystemen, die in vielfältiger Weise miteinander agieren, hinunter bis zum einzelnen Individuum. Nicht alle entwickeln sich zur gleichen Zeit in die gleiche Richtung, dass ist dem Pluralismus geschuldet, den größere persönliche Autonomie im Zuge der Demokratisierung mit sich gebracht hat; und das ist gleichsam die Verpflichtung, bei aller persönlichen Freiheit einen gemeinsamen Weg finden zu müssen, der für alle wenigstens akzeptabel ist.

Pluralismus ist gut, denn er erzeugt mehr Meinungsvielfalt, mehr Lebensmodelle, mehr Ideen und Bewegung – aber natürlich auch mehr Chaos. Soziale Klassen werden entgrenzt, Milieus und Subkulturen entwickeln sich und verschwinden wieder, Meritokratie tritt an die Stelle von Aristokratie, der Besitz von Privilegien ist an andere Voraussetzungen gebunden und verschiebt sich und zur gleichen Zeit scheint es, als wenn jeder zu allem werden könnte, aber keiner eine Ahnung hat, wer oder was er sein möchte. Dieser Widerspruch ist allerdings nur schwer aufzulösen, da sich das Tempo, in dem sich unsere Gesellschaft entwickelt einerseits erhöht hat, andererseits die Diffusion und Verselbstständigung gesellschaftlicher Teilsysteme immer mehr zunimmt.

Tatsächlich sind die sozialen Strömungen im Moment zu uneinheitlich, und geben zu viele konvergente Impulse ab, als dass man sich einfach darauf verlassen könnte, sie irgendwann einfach wieder an ihrem angestammten Platz zu finden. Vielmehr sollte man sich von der Idee des Gestern verabschieden, sich selbst fragen, welches Morgen einem zusagen würde und sich aufmachen daran zu arbeiten, dass es zustande kommen könnte.

Um auf die anfangs gestellte Frage zurück zu kommen: Weil ich davon träume, bin ich kein Ökonomier! Ich stelle sehr wohl fest, dass es Menschen gibt, die durch die Möglichkeiten und den Einfluss der Neuen Medien eine potentiell schwierige persönliche Entwicklung nehmen können, aber mitnichten hat das Netz den Mensch als wichtigste, unmittelbare Sozialisationsinstanz abgelöst, noch wird es dies in absehbarer Zeit tun. Schlicht weil in jedem von uns die Erkenntnis verankert ist, das der Mensch als grundsätzlich soziales Wesen sich nur im ungefilterten sozialen Vollzug realisieren kann und sich dies – wie unzureichend es gegenwärtig auch in manchen Milieus und an manchen Orten stattfinden mag – immer noch jeden Tag überall vollzieht.

Unsere gesellschaftlichen Bezüge, unser Normen- und Wertegerüst verschieben sich, wie sie das zu allen Zeiten graduell getan haben, doch daraus den Untergang unserer Kultur ableiten zu wollen – die im übrigen auch nur ein prozessuales Konstrukt ist – halte ich für ein wenig verfrüht. Ich bin vielmehr gespannt, wohin uns der Weg führt und ich werde ihn gehen, auch wenn mir sicher nicht alles, was es hinter der nächsten Biegung zu sehen gibt gefallen wird. Gehen sie doch einfach trotzdem mit!

Kann Ahmed dichten?

Bevor jetzt gleich irgend so ein Triple-B daher kommt – so ein besorgter Bildungsbürger – sei gesagt, dass ich einen X-beliebigen Namen hätte verwenden können, der irgendwie nach Migrant klingt und irgendjemand fühlte sich in unserer vollkommen kollektiv dauerbetroffenen Republik schon mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf den Schlips getreten. “Kann Mosche Goldstein dichten?”. Ehrlich – keine Ahnung, denn ich kenne zugegebener maßen keinen Mosche Goldstein und wenn ich einen kennen lernen würde, stünde “Kannst du eigentlich dichten?” auf meiner Liste von Konversationsbröckchen eher recht weit unten; außer vielleicht ich wüsste, das er ein renommierter Autor ist, oder so…

Ich laß vor einer Weile in einem Stern-Artikel, genauer gesagt einem Interview mit Jörg Asmussen, dem deutschen Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank, dass die Integration der Migranten eine unserer wichtigsten Zukunftsaufgaben sei. Kluger Kerl der Herr Asmussen, mit ökonomischem Weitblick und sicherlich kein intellektuelles Fliegengewicht. Aber es stellt sich die Frage, was er unter Integration versteht, denn genau DAS wird durch diesen quasi im Nebensatz geäußerten Allgemeinblatz nicht wirklich erklärt. Kann ja auch kein Ökonom, denn dazu müsste er Soziologe oder Pädagoge sein und sicherlich interessiert ihn nur eine erfolgreichere Einbringung von mehr Migranten in die Ökonomischen Kreisläufe unseres Landes. “Ja ist das denn so falsch?” fragt sich nun der Zuhörer.

JEIN, sage ich. Ja natürlich, weil bessere ökonomische Integration Migranten mit mehr pekuniären Ressourcen ausstatten kann, man sich so einen anständigen Lebensunterhalt leisten und auch gleich noch die Binnenwirtschaft anzukurbeln im Stande ist. Nein sicher nicht, weil der Weg zu einer erfolgreichen ökonomischen Integration nur über eine erfolgreiche soziale Integration ablaufen kann und eine rein ökonomische Betrachtungsweise darüber hinaus Machtfragen in gefährlicher Weise ausklammert.

Was hat denn das jetzt bislang bitte mit Ahmeds Dichtkünsten zu tun? Und nein, es geht dabei nicht um Sanitärsilikon. Sagen wir mal so: es gibt da einige Sarrazineske Thesen, welche Migranten – gemeint sind bei ihm aber vor allem Türken bzw. andere Muslime in Deutschland – einen geringeren IQ unterstellen. Ulkig an der Sache ist nur, dass selbst wenn einige von ihm zitierte Statistiken einen gewissen Gehalt haben mögen, er das Faktum übersieht, dass die systematische Stigmatisierung von Migranten, welche in unserer Gesellschaft jeden Tag beobachtet werden kann, wenn man sich nur mal eine Stunde in ein Straßencafe in der Fußgängerzone setzt der GRUND für eventuell tatsächlich messbare intellektuelle Fehlleistungen von Migrantenkindern ist und nicht etwa die genetische Minderaussatttung, welche dieser bebrillte Sozialtölpel ihnen unterstellt. Vereinfacht gesagt: wenn ich jemandem lange und laut genug unterstelle, dass er dümmer sei als ich, wird er irgendwann anfangen, selbst daran zu glauben. Für eine deutlich elaboriertere und wissenschaftlich fundiertere Erklärung hierzu empfehle ich, das Werk des renommierten Soziologen Norbert Elias zu studieren. Tatsächlich lässt sich der negative Einfluss von systematischer Stigmatisierung auf kognitive Fähigkeiten statistisch nachweisen. Hierzu verweise ich auf Studien über die Abkömmlinge der Burakumin – das war die unterste gesellschaftliche Kaste im feudalen Japan – die bis zum heutigen Tage an der Unterdrückung leiden.

Ich bescheide mich einstweilen mit einem historischen Exkurs zu den Gründen, warum in unserem Land die Realität der Gesellschaft in der Politischen Landschaft nicht abgebildet wird. Man geht ja in regelmäßigen Abständen Wählen. Zumindest einige von uns. Es gibt Parteien, die haben Programme und in denen findet man sich (hoffentlich) zumindest in Teilen abgebildet. Nun ließt aber so gut wie kein Mensch Parteiprogramme. Die meisten, welche zu kennen ich die Ehre und das Vergnügen habe, urteilen nach Zeitungs- und Fernsehnachrichtenlage. Ich werde jetzt nicht die Mechanismen aufzeigen, welche folgende Aussage bedingen, aber es sei soviel gesagt: für eine echte politische Willensbildung reichen die BILD und die RTL2-News bei weitem nicht aus.

Aber bleiben wir mal bei: man geht wählen. Dann, so ab 18:00 Abends kommen im Fernsehen die ersten Hochrechnungen. Die heißen so, weil da noch lange nicht alle Stimmen ausgezählt sind, sich aber bereits ein statistisch erfassbarer Trend abzeichnet. Und da stehen dann ganz links in der Grafik entweder die Normalroten oder die Schwarzen, nicht ganz so dicht gefolgt vom Rudel den Grünen, Dunkelroten und Gelben…und heutzutage bis vor kurzem auch noch den Orangefarbigen. Und ganz rechts stehen sonstige und ganz selten, aber leider immer noch beobachtbar – und im politischen Spektrum auch auf der richtigen Seite abgebildet – die Braunen, welche sich als Graue tarnen und bedauerlicherweise gelegentlich den Sprung über diese ominöse Schwarze Linie im Sockelbereich der farbigen Klötzchen schaffen. Die so genannte 5%-Hürde, die eine Partei schaffen muss, um in einem Parlament Sitze erlangen zu können. Einzige Ausnahme hierzu ist der Südschleswigsche Wählerverband, die Partei der allochthonen dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein.

Aber warum gibt es diese 5%-Hürde. Warum kann nicht jeder Hinz und Kunz einfach seinen Delegierten ins Parlament schicken. Hierzu schwenken wir den Blick auf die Weimarer Republik. Das war jenes ominöse erste demokratische Staatswesen auf deutschem Boden, welches im Zuge des verloren gegangenen ersten Weltkrieges und darob untergegangenen wilhelminischen Kaiserreiches entstanden war. Da gab es auch Wahlen. Aber keine 5%-Hürde. Was dazu führte, dass eine deutlich größere Anzahl an Parteien im Reichstag vertreten war, als man das heute kennt. Manche von ihnen nur mit drei oder vier Abgeordneten.

Das klingt doch auf den ersten Blick fair, führte allerdings zu großen Problemen, wenn es um die Meinungsfindung, also den von einer Mehrheit getragenen politischen Kompromiss als Ziel parlamentarischer Arbeit ging. So traten Sachfragen hinter Parteiinteressen durchaus häufiger in den Hintergrund und das lähmte das zentrale Verfassungsorgan des jungen Staatswesens erheblich. So sehr, dass in zentralen Momenten der Reichstag beinahe handlungsunfähig wirkte, was nicht gerade zu mehr Vertrauen in die ja noch sehr junge demokratische Politik in Deutschland führte. Wo diese tragische Konstellation hineinmündete, muss ich hoffentlich nicht noch mal ausführlich erklären. Da genügt ein einziger Satz: Schlussendlich haben sie die falsche Partei gewählt und ein sehr engstirniger, rassistischer und militaristischer kleiner Mann aus Österreich landete auf dem Stuhl des Reichskanzlers. 15 dunkle Jahre später wollte man es unter dem Eindruck des Erlebten besser machen.

Die Gründerväter und Mütter unserer Verfassung wollten um jeden Preis eine solche Zersplitterung der demokratischen Kräfte vermeiden, weil sie aus deren Sicht abermals zu einem Handlungsunfähigen Parlament hätte führen können und das vergangene Jahrzehnt von so gut wie Niemandem als wiederholenswert erachtet wurde. Aus dieser hehren Idee wurde im Laufe der Zeit allerdings ein Wahlrechtsungetüm, dass eigentlich nur noch Spezialisten durchschauen und welches manchmal Ergebnisse in der Sitzverteilung erzeugt, die den eigentlichen Proporz nicht korrekt abbilden.

Dieser Umstand ist eigentlich nur ein Symptom, doch es mag als bezeichnend gelten, denn tatsächlich ist das, was auf der politischen Bühne geschieht in seiner Komplexität kaum durchschaubar. Vielleicht ist es gerade dieses mediale Gewitter, welches die zunehmende Flut an Nachrichtenkanälen jeden Tag über uns ausgießt und das uns eigentlich helfen soll, die Lage besser zu beurteilen, welches dazu führt, dass wir sie nicht mehr durchschauen. Viele berichten, manche kommentieren, manche glossieren, kolumnieren, bloggen, podcasten, vodcasten… und einer hat einen neuen Blickwinkel – der kaum zusätzliche Erkenntnisse bringt, einer neue Nachrichten – die das Bild nicht komplettieren, sondern eher noch diffuser macht, wieder andere finden das alles viel zu Mainstream … laberrabarberschwallundgeschwätz!

Wir sind übersättigt, wir verstehen nicht, warum die Sitzverteilung so und nicht etwa anders aussieht, kein Mensch weiß wie Überhangmandate zu Stande kommen – jene, die es doch wissen, mögen mir diese Verallgemeinerung verzeihen – Wahlprogramme sind viel zu umfangreich und zu wenig auf den Punkt und ehemals trennscharfe Grenzen zwischen den so genannten Volksparteien verwischen immer mehr in einem Einheits-Beliebigkeits-IchrededemWahlvolknachdemMunde-Brei, der lediglich dazu dient, jeden davon zu überzeugen, das alles geht – aber am Besten nur mit …setzen hier ein beliebiges Kürzel ein.

Das führt soweit, dass der Stupor des sich immer verwirrter fühlenden so genannten Bürgers in Katatonie kulminiert. Lässt sich an den Wahlbeteiligungen ablesen, oder an dem Umstand, dass irgendwelche Orangefarbigen ohne Plan in Länderparlamente gewählt wurden, oder vielleicht auch daran, dass Probleme, welche uns alle betreffen schlicht so lange tot diskutiert werden, bis es keiner mehr hören kann und man die Lösung stillschweigend in die nächste Legislaturperiode verschieben kann, die stets mit einem Tänzchen um Macht, Zuwendungen und Zuständigkeiten beginnt und mit einer gewaltigen Schlammschlacht endet, ohne dass einer der beteiligten Kombatanten tatsächlich etwas vorzuweisen hätte, dass im wahren Leben auch nur der Erwähnung wert wäre.

Zugegeben ein etwas polemischer Blick, aber wenigstens tue ich nicht so wirklichkeitsfremd, zu behaupten, dass wir ja mit der Integration gut voran gekommen wären. Wir integrieren weder unsere Mitbürger mit Migrationshintergrund – oh wie ich dieses politisch korrekte Gelaber liebe – noch unseren eigenen White Trash, wie man’s in Amiland so treffend nennt. JA, es gibt in Deutschland eine Unterschicht, es gibt Ghettos, es gibt ganze Bevölkerungsschichten, die soweit von Bildung und sozialer Teilhabe entfernt sind, dass man sich ernsthaft fragen muss, ob man etwas weiter oben wirklich blind ist, oder nur ziemlich gut im Ignorieren.

Die Frage, ob Ahmed dichten kann, gewinnt in diesem Moment allerdings ihren eigentlichen Sinngehalt. Wenn ich den Umstand, ein einigermaßen sinniges Verslein hervorbringen zu können mit einem Mindestmaß an Bildung assoziiere, was für eine fundierte Betrachtung wohl zu kurz greift, als Bild aber hinreichend wirkt, wird klar, dass es schön wäre, wenn Ahmed dichten könnte. Ich sprach vorhin davon, dass man in gewissen Kreisen Integration als ein rein ökonomisches Problem begreift. Doch für mich bedeutet Integration, den Menschen – egal von wo sie kommen – welche von unserem System allzu früh als untauglich aussortiert worden sind eine Chance zu geben, sich selbst einen würdigen Platz in unserer Gesellschaft erarbeiten zu können. Jeder Mensch hat das verdient und wir brauchen diese Menschen eben so sehr, wie sie die Bildung und Achtung brauchen, um wirklich zu einem Teil unserer Gesellschaft werden zu können. Wenn wir das denn wirklich wollen und da habe ich bei manchem so genannten Entscheider so meine Zweifel.

Denken sie wohl.

Sprache, du wunderbares Instrument…?

Seine Gedanken kohärent und präzise ausdrücken zu können, ihnen die Kraft zu verleihen, einem Anderen tatsächlich verständlich zu sein, oder ihn gar für den eigenen Standpunkt gewinnen zu können, ist eine Kunst, deren höchste Ausdrucksform nur sehr selten erreicht wird. Selbst zwischen Menschen, welche sich grundsätzlich der gleichen Muttersprache befleißigen – in unserem Falle sei diese im gegebenen Kontext das Deutsche – muss sie nicht unbedingt eine funktionierende Lingua Franca darstellen.

Die am einfachsten begreifliche Barriere sind Dialekte. Obschon meine Mitmenschen zumindest theoretisch alle des Schriftdeutschen mächtig sind, existieren regionale Sprachgebräuche („heya, was machschn du doo, longa?“ – für Nicht-Mannheimer würde man diese Äußerung in etwa mit „Hallo, was machst du denn da, mein Freund?“ übersetzen…wobei Freund nicht überall auf der Welt die gleiche Bedeutung hat…), die berechtigte Zweifel daran aufkommen lassen können, ob man sich denn noch im gleichen Staat befindet. Tatsächlich gibt es so was wie eine Hitliste der beliebtesten Dialekte. Ich persönlich denke, dass so etwas eine sehr dumme Erfindung darstellt, denn wenn es gemäß dieses Rankings beliebte Dialekte gibt, muss es ja auch weniger Beliebte geben, was wiederum die Frage aufwirft, wer sich denn nun hier, aus welchen Gründen unverschämter Weise das Recht herausnimmt, sich zum Richter über die Sprachgewohnheiten Anderer aufzuspielen. Dies trägt zwar nicht den gleichen Grad an Absurdität und Realitätsferne zur Schau, als wenn ausgerechnet Amerikanische Justizbeamte irgendjemanden wegen Folter zur Rechenschaft ziehen wollen, aber es bleibt, wie der Schwabe wohl sagen würde, ein Geschmäckle zurück. Darüber hinaus findet der Dialekt als Varietät unserer gemeinsamen Sprache nur in eher seltenen Fällen seinen Weg in Publikationen, die dann zudem als Mundart gekennzeichnet sind und nicht selten dazu dienen, die besonderen Eigenarten einer solchen aus humoresken Belangen auszuschlachten, assoziiert man mit dem sprachlichen Ausdruck doch oft auch bestimmte Eigenheiten einer Region und ihrer Bewohner.

Doch will ich mit meinen Gedanken Andere erreichen, stellt der Dialekt im publizistischen Bereich ein als eher gering einzuschätzendes Hindernis dar. Vielmehr muss man sich Gedanken um folgende Punkte machen: Welches Ziel verfolge ich mit meinen Worten und welche Motivation steht dahinter? Soll diese transparent sein und falls ja, wie kann ich das erreichen? Was für einen Weg der Veröffentlichung wähle ich? Falls ich Subtextinformationen (welche bei verbaler Kommunikation durch Gestik, Mimik, Tonlage, etc. automatisch mitgeliefert werden) mit einschließen möchte, wie kann ich dies mit den zur Verfügung stehenden Medien erreichen. Welchen Bildungshintergrund haben meine potentiellen Empfänger und in wie weit muss ich dies bei der Abfassung meiner Mitteilungen und Betrachtungen berücksichtigen? Das sind nur einige Fragestellungen, mit denen man sich zu befassen hat.

Nehmen wir als Beispiel dafür, wie leicht man Missverstanden werden kann, einen von mir in einem Internetforum einfach mal so hingeworfenen Satz:

„Ob die so genannte Entwicklungshilfe, also diese zynisch-bigotte Einrichtung zur Kaschierung der Imperialismusschäden nun verdammungswürdig ist, weil sie aus Schuldgefühlen heraus geleistet wird, oder aber toll, weil sie Menschen zu helfen versucht, muss jeder für sich entscheiden.“

Grundsätzlich schwingt hier natürlich eine Implikation mit, nämlich dass das Konstrukt Entwicklungshilfe in den Augen des Autors eine „zynisch-bigotte Einrichtung zur Kaschierung der Imperialismusschäden“ ist. Jedoch enthält der Satz auch eine Relativierung, welche dem LESER die Verantwortung der Entscheidung überträgt, ob er diese Auffassung nun teilen möchte, oder eben nicht. Man hat mich für diese Äußerung hart angegangen, so dass ich mich schließlich gezwungen sah, meine Meinung mit Fakten bzw. einer differenzierteren Darlegung meiner Sichtweise der Dinge zu untermauern. Unabhängig davon, dass man diese Meinung kontrovers diskutieren kann und muss, zeigt es jedoch auch, dass die Stoßrichtung – nämlich ein ironischer Kommentar zu der Frage, ob Leute, welche sich als Helfer in Krisenregionen begeben, sich auch der Gefahren bewusst sind, denen sie sich dort aussetzen, obwohl sie von der Politik aus der bloßen Notwendigkeit der Imagepflege heraus instrumentalisiert werden – vollkommen missverstanden wurde, weil ich mich meist bewusst dem Gebrauch eines IRONIE-Emotikons verweigere. Denn wer die Ironie eines Textes oder eines Sachverhaltes nicht vom Hinschauen zu erkennen vermag, dem muss ich es hinterher sowieso erklären, egal ob ich das dämliche Grinsemännchen nun benutzt habe, oder nicht!

Es vermittelt allerdings auch eine deutliche Lehre. Zum einen scheint der Sprachgebrauch, ganz speziell im Internet auf Grund der im Vergleich zum verbalen Austausch deutlich verkürzten Aufmerksamkeitsspannen durch das dauernde zu-sich-Nehmen kurzer und kürzester Informations- und Kommunikations-Schnipsel zu verarmen. Und ich möchte mich hier überhaupt nicht auf irgendwelche sozio-linguistischen Untersuchungen berufen, sondern ganz und gar auf meine höchst persönlichen diesbezüglichen Beobachtungen. Dies bezieht sich nicht nur auf Wortschatz, Orthographie, Interpunktion, Grammatik, etc., sondern auch – und vor allem – auf die Hemmschwelle, Beleidigungen schriftlich niederzulegen. Und ich musste in letzter Zeit auch bei mir diesbezüglich eine äußerst beunruhigende Tendenz ausmachen, Andere „einfach von der Platte zu putzen“. Etwas, das mir bei einem normalen Gespräch, selbst wenn es in einer hitzige Diskussion über ein strittiges Thema mündete niemals in den Sinn käme.

Zum andern vermeine ich einen Rückgang in der Fähigkeit zur Wissensvernetzung auszumachen. Normalerweise sollte es einem nicht vollkommen verblödeten Individuum recht einfach möglich sein, historisches, geografisches, wirtschaftliches, soziales und politisches Wissen in einem Kontext miteinander in Verbindung bringen zu können. Warum haben die NATO-Staaten 1990-91 am Persischen Golf doch gleich noch mal Krieg gegen Saddam Husseins Irak geführt. Um die Welt von einem schlimmen Diktator zu befreien, welchen sie die 10 Jahre davor allerdings munter mit Waffen beliefert hatten, damit dieser die islamische Theokratie im Iran bekämpft? Oder doch eher, um die Annexion Kuwaits rückgängig zu machen, weil das dort zu findende Öl einen sehr wichtigen Faktor für die US-Amerikanische Wirtschaft darstellte. Wie war es gleich noch mal zu der Bildung der Theokratie im Iran gekommen? Wo liegen die Wurzeln all dieser Konflikte? Wer profitierte von diesen Konflikten? Eigentlich ist all dies recht einfach verständlich und heutzutage sogar sehr gut im Internet recherchierbar. Man muss sich doch heutzutage noch nicht einmal mehr die Mühe machen, die ich selbst z.B. als Jugendlicher noch hatte, in der Bibliothek die richtigen Bücher suchen UND lesen, oder mich durch verschiedene Zeitungen wühlen zu müssen. Und dennoch, obwohl die Menge des leicht verfügbaren Wissens immer schneller wächst, scheint die Zahl derer, die es zu gebrauchen wissen stetig zu schrumpfen. Woran das wohl liegen mag?

Ich werde mich tunlichst hüten, hier Behauptungen aufzustellen, wie etwa, dass wir immer mehr verdummen, aber tatsächlich kann man in der Studien- und Ausbildungslandschaft eine Tendenz ausmachen, die Breite der vermittelten Wissensinhalte zu Gunsten einer höheren Fach-Spezialisierung zu beschneiden. Was in der Konsequenz dazu führt, dass jemand eine bestimmte, hoch differenzierte Profession womöglich um einiges schneller und vielleicht auch besser zu beherrschen erlernt, allerdings auf Kosten verringerter Schnittstellenkompetenzen; et voilá, der viel beschrieene Fachidiot ward geboren.

Wie schon gesagt, das ist lediglich die Essenz selbst angestellter Beobachtungen, die in einem wissenschaftlichen Kontext wahrscheinlich kaum als generalisiert aussagekräftig bestehen könnte. Aber es stellt für mich eine gute Basis für Diskussionen dar, denn eine in meinen Augen zu spezialisierte Form der Ausbildung raubt dem solcherart Unterrichteten die früher einmal genossene Breite an „Allgemeinwissen“ die schlicht notwendig ist, um Fachwissen interdisziplinär in einen Kontext setzen zu können.

Unter diesen Vorzeichen ist ein weiteres Problem, welches die Kommunikation nicht nur im Weltinformationsgewebe, sondern auch in vielen anderen Lebensbereichen enorm belastet, die mit der Spezialisierung einhergehende Ausdifferenzierung von Subsprachen innerhalb des eigenen linguistischen Systems. Der hierzu passende Terminus ist das so genannte „Fachchinesisch“, allerdings umfassen Subsprachen auch verschiedenen Subkulturen eigene Sprachfarben wie z.B. den Hip-Hop-Slang. Sprache wird somit schnell zu einem wirksamen Mittel der Desintegration des gegenseitigen Verständnisses.

Und somit sind manche Bemühungen, etwa Menschen am entgegen gesetzten Ende einer Internetleitung durch den Schriftsprachgebrauch andere Standpunkte oder auch nur die Chance zur Wahrnehmung anderer Aspekte eines Sachverhaltes näher zu bringen von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn auch wenn die alle irgendwie Deutsch sprechen, verstehen sie weder mich noch einander.

Sich dann in vollkommener Ignoranz der eigenen linguistischen Unzulänglichkeit aus dem virtuellen Fenster zu hängen und andere für ihre Worte dumm von der Seite anzumachen zeugt nicht nur vom Rückgang der Kommunikationsfähigkeit und dem Niedergang der Bildung, sondern auch dem Abgang jeglicher Höflichkeit. Und dafür kann man auch bei gutem Willen weder die Subkulturen, noch die Bildungssituation oder gar das Internet verantwortlich machen. Aber auch wenn es doch sehr bequem wäre, die – zweifellos gravierenden – Mängel unserer Gesellschaft einmal mehr als nutzlose Entschuldigung für jeden Dreck heranzuziehen, mit dem man sich eigentlich gar nicht befassen müssen wollte – hier muss sich jeder an die eigene Nase fassen und mal darüber nachdenken, ob er auch verstanden hat, was der Andere überhaupt sagen wollte und ob es manchmal nicht einfach besser wäre, seine Finger bei sich zu behalten, anstatt über seine Tastatur noch mehr überflüssigen Stumpfsinn in der Welt zu verbreiten.

In diesem Sinne wünsche ich mir und allen Hörern Sinne, die stets offen sind, auch das Ungeliebte, Unangenehme, Schmerzhafte, Widersinnig erscheinende, Erschreckende oder schlicht Andere aufzunehmen, ein Hirn, es zu begreifen und ein Herz diesen Dingen den Platz einzuräumen, der ihnen genauso zusteht, wie der eigenen Denkart. Lebt, denkt, fühlt und sprecht wohl, bis zum nächsten Mal.

Beim Neologismus man mit muss…

Es ist schon seltsam, das Phänomen der Neologismen. Oh, sie wissen nicht, was ein Neologismus ist? Nun dabei handelt es sich, vereinfacht gesagt um neue Wörter. Sie haben sich schon immer gefragt, wie man das Gegenteil von Durstig nennt, weil es verdammt wichtig ist, jemandem mitteilen zu können, dass man NICHTS zu trinken haben möchte? Nun die Antwort ist so unerheblich wie das Getue, mit dem so genannte Gurus der neuen Medien in unregelmäßigen Abständen alte Sachverhalte mit wolkigen Umschreibungen zu etwas vollkommen Neuem erklären. Der einzige Sinn, welcher sich bei einer etwas kritischeren Betrachtung erschließt, ist der Wunsch, mit irgendwas Geld zu machen. Das ist in der Wirtschaftskrise ja aber auch dabei, immer knapper zu werden.

Es ist zwar schön, etwas zu kreieren, sozusagen aus dem Nichts zu erschaffen, insbesondere, wenn man es als viel versprechende Geschäftsidee betrachten mag. Nichts motiviert den Homos Sapiens Vulgaris schließlich mehr als die Aussicht, ordentlich Kohle scheffeln zu können. Es wirft allerdings auch die Frage auf, warum diese wunderbaren neuen Dinge dann so oft nicht mehr als alter Wein in neuen Schläuchen sind.

Nehmen wir zum Beispiel mal das wunderbare Wort „Crowdsourcing“. Es wurde zusammengesetzt aus den Worten „Crowd“ – also dem englischen Wort für eine Menschenmenge – und Outsourcing, einem ebenso englischen Begriff aus der Wirtschaft, der das Auslagern bestimmter Tätigkeiten aus dem eigenen Betrieb hin in zu externen Dienstleistern bezeichnet. Das bedeutet dann wohl, dass Crowdsourcing das Auslagern von bestimmten Tätigkeiten hin zu einer Menschenmenge bezeichnen soll. Man hat sich da im Netz dann hingesetzt, und lang und breit erklärt, unter welchen Bedingungen eine solche Aktion funktionieren kann. Und im Großen und Ganzen ergibt dies einen Wettbewerb darum, wer eine – meistens kreative – Aufgabe am besten erledigen kann. Natürlich gibt’s Preise, eine Veröffentlichung usw. Aber eigentlich ist es einfach nur ein Wettbewerb für eine Kreativaufgabe. Und die gibt es schon sehr lange!

Man könnte jetzt anführen, dass diese neue Art von Wettbewerb durch das wunderbare Web 2.00 einen noch viel öffentlicheren Charakter bekommt und somit auch noch den angenehmen Nebeneffekt Zielgruppenorientierter elektronischer Mundpropaganda hat. Ist nett, wenn es funktioniert, aber warum brauche ich dafür ein neues Wort und jemandem, der diese neue sinnentleerte Worthülse (als wenn wir davon nicht Weissgott schon genug hätten) mit Möchtegerninhalt befüllt. Vermutlich aus dem gleichen Grund, aus dem 85% der auf der gesamten Welt gültigen Steuergesetzgebung in deutschen Gesetzbüchern zu finden sind. Irgendwie muss man die Notwendigkeit seiner eigenen Existenz ja begründen können. Aber auch netter Bullshit bleibt einfach nur Bullshit.

Daneben bleiben bei nicht wenigen Begriffen auch einfach nur viele Fragezeichen stehen. Beim Begriff Podcasten zum Beispiel. Natürlich entstand es mit dem I-Pod im Auge als Bezeichnung für Onlineradio-Schnipsel zum Mitnehmen – oder onlineradio-snipets-to-go, wenn es ihnen so lieber ist. Aber der Begriff Podcast sagt eigentlich nichts über diese Art, das Medium zu nutzen aus und ist somit nicht valide …aber wenn ihn halt jeder gebraucht, ist es sehr schwer, sich dem zu verschließen, auch wenn der Nonkonformismus mich eigentlich dazu aufstachelt es als z.B. verdicast – also [ver]satile [di]gital broad[cast] – zu bezeichnen.

Solche Kunstworte zu erschaffen wird offensichtlich mittlerweile als zeitgenössische Kunstform abgesehen. Obwohl das nichts mit Kunst oder Kreativität im herkömmlichen Sinne zu tun hat, sondern einfach damit, Buchstaben auf besonders ökonomische oder aber Effektheischend-verquere Form miteinander zu verquicken. Habe ich gerade eben übrigens auch gemacht und es war nicht besonders schwer, auch wenn’s wohl kein Schwein interessiert – und erst Recht keinen Menschen. Wenn sich aber irgendjemand mal irgendwie als Trendsetter profilieren konnte, darf er mit Buchstaben umgehen wie der Elefant mit dem Porzellan und wird dafür ab und an auch noch als Urheber einer wahren Innovation gefeiert.

Derlei Energieverschwendung macht mich ein bisschen melancholisch, denn faktisch wird dabei auch nicht mehr getan als Beispielsweise auf der Politbühne. Bei der Betrachtung derselben wird offenbar, dass der durchschnittliche Bunte Republikbewohner reflexartig jedwede Verkündung aus dieser Propagandarole voll mittelmäßiger Möchtegernblender mittlerweile nur noch als nervtötende Bewegung heißer Luft wahrnimmt. Ist ja bei den meisten Neuwörtern des potentiell vermarktungswirksamen Technobabbels auch nicht anders.

Selbstverständlich ist nicht JEDE neue Wortkreation sinnfrei und ich habe auch nix gegen die Verwendung englischer Begriffe in der deutschen Sprachlandschaft, denn wenn man so Technikaffin ist wie ich, kann man sich derlei Neuerungen schlechterdings verschließen. Aber mit diesen neuen Worten ist es wie mit dem AKÜFI – kurz für Abkürzungsfimmel, welcher übrigens mithin keine rein deutsche Krankheit ist – ein bisschen ist ganz nett, zuviel nervt ganz schnell ganz kolossal.

Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt, auf den ich Anfangs nur recht kurz eingegangen bin, ist die Intention, welcher eine solche Wortneuschöpfung entspringt. Hierzu ein passender Vergleich ist dieses Nordic walking, dass nur deshalb entstanden ist, weil der zugegeben äußerst clevere Marketingmann eines Skistock-Herstellers nach einer Möglichkeit geforscht hat, auch in den Sommermonaten mehr Einheiten seines Produktes abzusetzen. Seien wir mal ehrlich: niemand braucht diese dämlichen Stecken, um in der Gegend umherlaufen zu können, insbesondere wenn man bedenkt, dass diese unnötige Fuchtelei in den Alpen zu einer vermehrten Bodenerosion entlang der Wanderwege führt, weil unsere Bergbewundernden Trendsportler mit ihrem Tun das randseitige Gestein losstochern. Führt alle ökologischen Gesichtspunkte der Tourismusbranche ad absurdum, aber wenn die meinen…

Interessant ist dabei, wie die Motivation zu Tage tritt: es geht, wie könnte dies auch anders sein einfach nur ums liebe Geld. Der Wunsch nach pekuniärem Erfolg verleitet dabei dazu, eine Einheit aus trendigem Produkt und noch trendigerem Schlagwort zu erschaffen. Und da gesunder Menschenverstand offenbar ein Gut ist, welches auf dem Erdenrund nur noch in homöopathischen Dosen vorkommt, wirkt dieser Mist auch noch Geldgenerierend. Dort, wo nicht sofort was verdient werden kann, ist es aber wenigstens möglich das Geltungsbedürfnis des jeweiligen Schöpfers zu befriedigen. Ich glaub, ich geh zum krampfen mal kurz nach nebenan.

Nur um das an diesem Punkt mal klarzustellen: was mich daran fuchst, ist nicht die geringe Menge an Streicheleinheiten für mein persönliches kreatives Ego, weil ich eben kein berühmter New-Media-Guru bin. Sondern vielmehr die Blödheit meiner lieben Mitmenschoiden, die jeden Scheiß dankbar konsumieren und sich damit der Pflicht enthoben fühlen, selber denken zu müssen.

Sprache ist was wunderbares, denn sie verbindet die Menschen in unvergleichlicher art und Weise miteinander. Sie kann aber auch genauso trennen, ausgrenzen, diskriminieren und mobben wie physische Gewalt. Somit ist der nächste und letzte Punkt, der mir in den Sinn kommt die Tatsache, dass sich bestimmte Personengruppen ihre eigene linguale Subkultur innerhalb unserer Sprache erschaffen, um sich abzugrenzen, hervorzuheben und schlussendlich wichtiger zu machen als sie eigentlich sind. In den wenigsten professionellen oder privaten Lebensbereichen tritt dies so offensichtlich auf, wie bei den Medienschaffenden, egal ob sie nun analog oder digital publizieren. Allerdings sind die „Macher“ des Web 2.00 innerhalb dieser Domäne besonders anfällig für systemimmanente Sprachvergewaltigungen – und den anachronistischen Stolz darauf.

Ganz ehrlich, ich brauche keine weiteren Ideen für social und creative networking, die ich auf noch hipperen ultraportablen Internet-devices laufen lassen kann, um von überall auf meinen workflow oder meine buddies interaktiv zugreifen zu können. Ich muss nicht jedes potentielle news-snipet sofort twittern, oder meine kreative Energie beim crowdsourcing verballern, um mich in der Welt des social commerce mit der common intelligence zu messen. Etwas mehr common sense, also Gemeinsinn könnte hier helfen, denn wenn man sich mal die Minute nimmt, das Ganze mal etwas kritischer zu betrachten, provozieren solche Systeme nicht mehr als eine Egoismusrallye auf dem Datenhighway, die nicht mehr zu Tage bringt als ein paar glückliche Gewinner, deren Ruhm in der Schnelllebigkeit des Netzes rascher verglüht, als er aufflackern konnte auf der einen Seite und jede Menge enttäuschter und wahrscheinlich oft auch entmutigter Verlierer auf der anderen.

Oh sicher, da werden jede Menge kreative Potentiale geweckt – und mit ihnen die Begehrlichkeit, diese auch in klingende Münze umsetzen zu können. Doch sehen wir der Wahrheit ins Auge: wenn tatsächlich jeder, der an diesen Wettbewerben teilnimmt auch das Zeug dazu hätte, wäre unsere Welt viel hübscher, als dies der Fall ist. Darüber hinaus wollen und müssen diejenigen, die solcherart Preise ausloben damit ja auch einen Gewinn machen bzw. Geld sparen, womit das Ganze für den einfachen Teilnehmer schon kein wirklich fairer Deal mehr sein kann, denn wäre er dort fest angestellt, müsste man ihm weit mehr für seine Mühen geben. Und auch wenn die Öffentlichkeit quasi transparente Verhältnisse vorfindet und den Entscheidungsprozess direkt beeinflussen kann, bleibt immer noch die Frage, ob hier nun Sachkenntnis und Fairness das Ergebnis bestimmen, oder doch eher subjektive Faktoren und dumpfer Dünkel. So macht man die Welt des Web wohl kaum lebenswerter.

Es wäre sicherlich ungerecht, die vorherigen Ausführungen als allgemeingültig hinzustellen und mir ist sehr wohl bewusst, dass Pauschalisierungen gefährlich sind, doch ohne einen kleinen Knall ist es schwer möglich, Menschen heute noch zum selber Denken zu bewegen, weswegen ich bewusst auf Polemik setze. Diese Strategie erlaubt mir zudem, reinen Gewissens das Medium zu nutzen, dessen Auswüchse ich so gerne schmähe. Zumindest ich sehe die wunderbare Ironie, die hierin liegt. Wenn sie sich gestatten, diese ebenso zu erfahren, tut der Stachel meines Zynismus gleich nur noch halb so weh.

Was bleibt ist die Hoffnung, dass es wieder mehr Menschen geben möge, die sich NICHT mit Worten blenden lassen – gleich wie neu, hipp, schön, schräg oder intellektuell sie auch klingen mögen. Kommen wir also mit zartbitteren Grüssen aus dem Denkkäfig zum Schluss. Und immer schön sauber und achtsam bleiben.

Was ändern. Aber wie?

Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr erinnern, wie oft ich schon von so vielen verschiedenen Menschen gehört habe, dass man ja was ändern müsste, aber das man keine Ahnung hätte, wie sowas von Statten gehen soll. “Was ändern”; das klingt ein bisschen wie der universelle Schlachtruf des stereotypen Wutbürgers, der im Angesicht gefühlter institutioneller Ungerechtigkeit zur Tat schreiten wird, egal was da kommen möge.

Tatsächlich ist es aber in der Realität selten mehr als eine sinnentleerte Worthülse, denn zum einen ist das Stereotyp des Wutbürgers selbst nicht mehr als ein Substanzloses Idol, weil mitnichten alle am gleichen Strang ziehen. Wer die medial bestens dokumentierte Schlacht um Stuttgart 21 einigermaßen aufmerksam verfolgt hat, erkennt genau, wovon ich gerade spreche. Woraus sich das zum anderen ergibt, nämlich der sich in immer drolligerer Art entladende Culture clash der im wutbürgerlichen Lager anzutreffenden Partikularinteressen, welche das initiale “DAGEGEN”-Gefühl lediglich auf Zeit zu einen vermag. Grün mag das neue Schwarz sein, aber Kehrwoche bleibt Kehrwoche und damit kommt der Autonome nicht unbedingt klar.

Sicherlich entwerten diese Beobachtungen den Trend zur Wahrnehmung der staatsbürgerlichen Rechte im Sinne zivilen Ungehorsams nicht vollkommen – die diesbezügliche Staats- bzw. Verfassungsrechtliche Debatte kenne ich und votiere hiermit ausdrücklich für die Anerkennung des Rechtes zum zivilen Ungehorsam – Aber sie lassen zumindest in mir die Frage aufkeimen, ob’s denn wohl möglich ist, sich erst einmal Gedanken darüber zu machen, WAS man denn nun tatsächlich aus WELCHEN Motiven heraus geändert sehen wollen würde, welche Alternativen es zum Status Quo überhaupt geben könnte, welche Folgen eine Änderung nicht nur für einen selbst sondern auch für Andere hätte und schlussendlich, wie weit man selbst zu gehen bereit wäre, um eine solche Änderung voran bringen zu können.

Und da wird’s dann oft ganz schnell finster…

Ich bringe der kritischen Hinterfragung der Legitimation dieser oder jener politischen Entscheidung durchaus Sympathie entgegen und auch ich sehe in einigen gesellschaftlichen Bereichen dringenden Handlungsbedarf. Mein Problem ist nur, das es mir zumeist um Dinge geht, die man nicht auf den ersten Blick sehen kann – wie etwa gefällte Bäume oder eine Abrissbirne an einem Bahnhofsgebäude – sondern eher um Fragen der sozialen Integration, oder besser des Mangels daran und um die systemische Reformbedürftigkeit unseres Gesundheitswesens. Dinge, für die Menschen auf die Straße zu bringen immer nur dann klappt, wenn deren eigene pekuniären Interessen irgendwie tangiert werden.

An dieser Stelle sei gesagt, dass ich nicht allen Teilnehmern an den Protesten rings um Stuttgart 21 jetzt unterstelle, dass sie nur wegen der Wertentwicklung ihrer Stadt da waren, aber ich habe – vor allem beruflich – schon zuviele Menschen kennen gelernt, um noch uneingeschränkt glauben zu können, dass Altruismus in höheren Konzentrationen als den homöopathischen vorkommt. Dessenungeachtet finde ich selbst das Projekt hinsichtlich der Blauäugigkeit von Politik und Wirtschaft hanebüchen, aber das soll nicht Gegenstand dieses Textes sein.

Was aber im Fokus meiner Betrachtungen liegt – es sei nochmal erwähnt für jene, welche diese Zeilen bislang vielleicht nicht allzu aufmerksam überfogen haben – ist mein Ärger darüber, dass obschon halbgarer “Wir müssen was ändern!”-Populismus niemanden an irgendein Ziel bringen wird, egal wie nah oder fern es auch sein mag, die Leute – wenn überhaupt – aus dem falsch verstandenem Bedürfniss heraus “mal irgendwas Gutes tun” zu müssen dem erstbesten Hurrarufenden Idioten mit einer Agenda hinterher rennen, dessen ihre Äuglein und Öhrchen habhaft werden. Erinnert ein bisschen an die Weimarer Republik der 30er des 20. Jahrhunderts, n`est-ce pas?

In solchen Szenarien ist die Energie, welche der eine oder die Andere aufzubringen vermag, um DER SACHE dienlich sein zu können oftmals überraschend, vor allem wenn man es mit der sonstigen Vitalität der Wortäußerungen und Taten vorgenannter Individuen vergleichen möchte. Es wirkt fast so, als wenn der Aktionismus in uns allen nur ein Stichwort braucht, um mal so richtig abzugehen. Was mich daran fasziniert ist allerdings eher der Umstand, dass dieser Aktionismus, diese unbändige Energie in alles mögliche fließt, nur nicht unbedingt in das Vertreten politischer oder gesellschaftlicher Anliegen, die auch tatsächlich vertretenswert wären.

Man könnte nun einwenden, dass in einer Demokratie ja schon jeder selber entscheiden darf, was für ihn oder sie wichtig und richtig ist und ich bin wahrlich der Letzte, der die Rechte auf Meinungsäußerung und Selbstentfaltung einschränken möchte, es wäre mir allerdings daran gelegen, mal wieder an Kant zu erinnern; um genau zu sein an den kategorischen Imperativ. Für diejenigen, die’s mit Philosophie nicht so haben (und das dürften wohl die Meisten sein) subsummiere ich das mal mit zwei Sprichworten: “Was du nicht willst, das man dir tut, da füg auch keinem Andren zu.”, oder “Die Freiheit des Einen endet da, wo die des Anderen beginnt.”.

Aus vielen Einzelfreiheiten einen Weg zu destillieren, der für alle gemeinsam gangbar ist, stellt zugleich das Recht aber auch die Pflicht der Demokratie dar und in einem Zeitalter der Beliebigkeit, wie unsere Zeit gerne gelegentlich genannt wird, fällt das um so schwerer. Aber genau deswegen muss man, wenn man mal wieder dabei ist, dem Credo “was ändern zu müssen” anheim zu fallen sehr genau darauf achten, das Veränderung zuerst immer bei einem selbst beginnt. Mit Mahatma Ghandis Worten, die heute kein Jota weniger aktuell sind als damals heißt das: “Sei du selbst der Wandel, den du in der Welt sehen willst.” Recht verstanden bedeutet dies, zunächst sich selbst zu reflektieren und gegebenenfalls – nein besser höchstwahrscheinlich – zu ändern, bevor man beginnt, Wandel von Anderen zu fordern. Ein gutes Beispiel wird man nämlich nur, wenn einem “gut gedacht” auch ein “gut gemacht” folgt…