Hartelijk welkom in Brugge…

Es ist nur eine Stipvisite, aber… Ach, beginnen wir die Geschichte doch einfach ein paar Tage früher. Zum Beispiel in dem Augenblick, wo ich merkte, dass mein Kopf gerade nicht so kann, wie er eigentlich müsste. Weshalb ich zwei Wochen draußen war. Also draußen aus diesem Prozess, den man Arbeitsleben nennt. Ich meine, ich war ja trotzdem häufig drinnen – also zu Hause in den eigenen vier Wänden. Außer, wenn ich draußen war, also weil ich ging, um den Kopf freizukriegen. Jedenfalls war zu dem Zeitpunkt unser Urlaub schon lange geplant, gebucht und bezahlt. Und weil die zwei Wochen Arbeitspause kombiniert mit den richtigen Gesprächen (vor allem mit den richtigen Leuten, auch Fachleuten) mich zwar wieder geerdet, aber nicht wirklich erholt hatten, hielten wir an dem Plan fest, jetzt wegzufahren. Nun haben wir dieses Jahr so etwas wie eine Rundreise geplant. Und die erste Station ist Brügge in Flandern. Wir kamen gestern Nachmittag hier an und haben seitdem eine Menge Eindrücke gesammelt, bevor es morgen früh weitergeht nach Cherbourg. Die Stadt ist… entspannt. Ja, natürlich ist an den Touri-Hotspots in Brügge auch an einem bedeckten Mittag mit gelegentlich leichtem Nieselregen die Hölle los. Wir haben immerhin (noch) Hauptsaison. Aber es ist immer noch nicht so wuchtig, wie an anderen Orten, die ich schon besucht habe. Und irgendwie ist alles überschaubar weit voneinander weg, was es hier irgendwie arg nett macht…

Es ist komisch, wie – aus großer Ferne betrachtet – all der Ungemach um all die kleinen Ränke und Spielchen, all das gelegentliche Tamtam (oft um nichts als eigene Eitelkeiten), all die überzogenen Forderungen plötzlich zusammfällt wie ein Soufflé, wenn man die Ofentür zu früh aufmacht. Die Probleme sind irgendwann im Rückspiegel so klein geworden, dass ich sie jetzt kaum noch auf einer Landkarte zu finden vermochte. Ja… wenn ich mich darauf konzentrierte, käme bestimmt wieder alles hoch. Aber wisst ihr was: f***t euch, einen Teufel werde ich tun! Morgen warten auf mich (und natürlich meine Lieben) wieder einige Hundert Kilometer Strecke und das Einschiffen nach Dublin. DAS ist es, worauf ich mich im Moment konzentriere. Und vielleicht darauf, diesen Text fertig zu schreiben 😉 aber auch das wird schon. Wenn man durch die Gassen geht, vorbei an all den alten Häuschen (wir wohnen in so einem), vorbei an den Kontoren, Kirchen, Plätzen und Waffelläden (ja wir sind in Belgien, was soll ich halt sagen), dann bleibt das Auge noch viel öfter hängen als die Zunge, dann wird der Auslöser meiner Kamera so oft benutzt, dass es irgendwann beinahe schmerzt… nein Scherz, so schlimm KANN es für mich nicht kommen. Aber die Summe der Eindrücke ist eindrücklich erdrückend. Man ist ganz plötzlich in einer ganz anderen Welt und nach einem witzigen (und höchst leckeren) Abendessen gestern war die Entkopplung vom Alltag schon beinahe komplett. Dem hat der heutige Tag bislang wirklich noch einiges hinzugefügt. An dieser Stelle ein Tipp: ja, die Bootsfahrten auf den Reien von Brügge (so nennt man hier die Kanäle, welche die Stadt durchziehen) ist zwar so ein Touri-DIng – aber total schön und für mich das Geld in jedem Fall wert.

Apropos Geld… ich stehe unterdessen auf dem Standpunkt, dass a) das letzte Hemd keine Taschen hat (ich habe schon viele Sterben sehen und bin durch diese Erfahrungen davon überzeugt, dass der Volksmund hier verdammt Recht hat), b) mein Leben daher also JETZT stattfindet, nicht jedoch erst, wenn ich in Rente gehe (denn es könnte auch schon vorher vorbei sein) und c) regelmäßig neue (sinnliche) Erfahrungen zu machen so ziemlich das einzige ist, wofür sich ein Kapitaleinsatz lohnt; zumindest wenn zuvor die existenziellen Bedürfnisse gestillt sind – UND NEIN! EIN VERSCHISSENES NEUES IPHONE IST KEIN EXISTENZIELLES BEDÜRFNISS! Man kann ein Leben nur leben, nicht kaufen… Jedenfalls bedeutet dies zusammengenommen, dass ich bei der Zusammenstellung der Reise im Rahmen unserer Möglichkeiten keinesfalls zur billigsten Variante gegriffen habe. Was auch für die Lustbarkeiten vor Ort gilt, denen hinzugeben wir uns noch aufmachen werden. Mir ist im Übrigen bewusst, dass diese Position privilegiert ist, da sich ca. 20% der Deutschen offensichtlich nicht mal eine Woche Urlaub leisten können. Aber ich werde ganz gewiss nicht die alte “Leistungsträgerleier” vom “mehr anstrengen”, “sparsam sein und Kapital aufbauen” oder derlei Quatsch herbeten. Vor 60, 70 Jahren konnte man mit eigener Hände Arbeit noch ein Vermögen aufbauen, weil die gesellschaftliche und soziale Situation eine andere war. Aber manche Menschen konnten auch damals schon NICHT auf einen grünen Zweig kommen, weil sie systemisch benachteiligt wurden und werden (im Grunde alle jene, die nicht den heteronormativen Familienvorstellungen der Konservativen entsprechen, welche bedauerlicherweise bis heute in erheblichem Umfang unser Land strukturieren). Eingedenk all dieses Wissens habe ich trotzdem keinen Schmerz, so zu urlauben, wie wir es tun. Denn der bescheidene Überfluss, welcher uns zur Verfügung steht, entsteht im wesentlichen in abhängiger Erwerbsarbeit. Und dafür, halt zur rechten Zeit die richtigen Entscheidungen getroffen und sich bis in die Erschöpfungsdepression geschuftet zu haben werde ich mich nicht entschuldigen, sondern den Umstand genießen, dass die Früchte dieses Tuns mir nun die Gelegenheit geben, mich von einer neuerlichen Depression zu erholen. Wir hören uns daher die Tage… nur dann schon wieder von woanders…

Der verwirrte Spielleiter N°66 – Gaming with myself

Ich habe, teils weil ich mich, bedingt durch eine depressive Episode auf nichts besseres konzentrieren konnte, teils weil ich seit Monaten dauerunterspielt bin (eine Runde pro Monat mag anderen genügen, für mich ist das knapp unter meinem spielerischen Existenzminimum), noch mal darauf eingelassen, mit ChatGPT als DM zu spielen. Und weil es dafür halt das meiste Referenzmaterial online gibt, entschied ich mich für DnD 5e als Basis. Die physischen Bücher stehen seit Jahren im Schrank und werden nur höchst selten genutzt, weil wir zumeist mit anderen Regelwerken arbeiten (derzeit Dragon Age, Starfinder und mein eigenes). Lag also nahe, es nochmal auf diese Art zu probieren, nachdem der letzte Versuch eher durchwachsen gelaufen war. Ich gehe an sowas zumeist mit eher geringen Erwartungen und vor allem forensischem Interesse ran, weil ich, obschon halbwegs geübt im Umgang mit LLMs (dem, was der Volksmund halt so als KI bezeichnet), wie gesagt beim ersten Mal nach kurzer Zeit eher ernüchtert von dem Vorhaben abließ. Dieses Mal etablierte ich relativ früh einige Anforderungen und ließ mich ansonsten überraschen. Eine kurze Vorbemerkung noch – ich habe die komplette Konversation auf Englisch geführt. Warum erkläre ich später. And so, without much further adoe, here is, what happened:

  • Setting: ChatGPT entschied sich dafür, ein Kampagnensetting zu designen, welches stark auf meine Charakterklasse zugeschnitten ist. Es orientiert sich bislang oft an “Generic Fantasyland”, was aber aus meiner Sicht für eine “shared vision” der Spielumgebung kein Nachteil ist. Das mit dem Zuschnitt auf meine Klasse ist natürlich schon schön, wurde mit der Zeit jedoch etwas redundant, so dass ich die Maschine daran erinnern musste, dass diese Welt auch noch andere Dinge enthält, als Barden (ja, ich kanns nicht lassen. Aber keine Sorge, mein Char ist nicht stereotypisch promisk und nymphoman). Insgesamt war es bisher aber durchaus stimmig und auch stimmungsvoll. Allerdings schwurbelt dieser spezielle DM bei seinen Beschreibungen gelegentlich schon arg umher…
  • Crunch: ohweiohwei… ich hatte echt noch keinen DM, der so oft irgendwas bullshittet, meine Agency missachtet, weil er jetzt einfach durcherzählen will, es meinem Char im gleichen Atemzug trotzdem (zu) einfach macht, Regeln vergisst oder welche erfindet, wenn er Bock drauf hat. Zumindest anfangs… allerdings reagiert die Maschine auf meine Richtigstellungen umgehend und angemessen. Auch verliert die Maschine bei Kämpfen mit mehreren Kombatanten schnell den Überblick über Initiativereihenfolge und Positionen. Aber auch hier – ein kurzer Hinweis und es fuppt wieder! Regeln werden dann sauber befolgt. Es war aber schon ein Stück Arbeit, verschiedene Regelaspekte immer wieder klarzustellen und deren Einhaltung einzufordern… aber ich habe den Eindruck gewonnen, dass es unterdessen geschmeidiger klappt. Und… lebendige DMs in der realen Welt machen auch jede Menge Fehler; ask me… 😉
  • Story: Natürlich gibt es Anleihen aus verschiedenen verfügbaren Medien und es tauchen bekannte narrative Figuren auf (gleich als erstes mal eine Damsel in Distress als Falle für mich). Dennoch macht ChatGPT hier vieles richtig: Hot Start (AUS einer Taverne), Tone of Voice (NPC-charaktergerecht), Story Mood (düster, mysteriös, bedrohlich), alles wird sofort mit Namen benannt, und es gibt (zumeist sinnvolle) Antworten auf alle Fragen. Wir wollen des Lobes hier nicht zu voll werden, denn natürlich ist vieles Hausmannskost (schon mehr als einmal dagewesen) und manche Erzählfiguren wiederholen sich, insbesondere bei NPC-Interaktionen. Und… ChatGPT hat manchmal digitale Amnesie, wodurch Inkonsistenzen im Erzählkontinuum entstehen können, wenn man nicht gleich interveniert. Aufmerksames Lesen ist also King! Dennoch hat man den Eindruck, einen DM vor sich zu haben, der gerne erzählt. Und einiges habe ich (mit menschlichen DMs) auch schon schlechter erlebt.
  • Technik: nach einer Weile wird der Thread langsam, weil sich ChatGPT anscheinend zumindest kursorisch gegenliest (wir reden allerdings von 200+ Seiten Din-A4. Und die kommen ratzfatz zusammen). Ich bin dazu übergegangen, dann einen Textdump zu ziehen, mir eine Campaign-Bible erstellen zu lassen, alles in einen neuen Thread zu laden (PDF) – und die Maschine nochmal ein bisschen zu erziehen; denn bestimmte “Verhaltensweisen” ergeben sich bei längeren Threads aus der bisherigen Konversation. Da muss man beim Umstellen auf einen neuen Thread nicht nur die Story rekapitulieren. Ich konnte hier zwischen GPT 4o und 5 bislang übrigens keine erheblichen Unterschiede hinsichtlich des Handlings und der Textqualität feststellen.

Wenn ich die Erfahrung mit einem Wort zusammenfassen müsste, so lautete dieses: befriedigend. Nicht mal im Sinne einer Schulnote, aber hinsichtlich der Möglichkeit eine Stelle zu kratzen, die schon eine Weile juckt – nämlich selbst wieder mehr spielen zu wollen. Und ich tat das in Englisch – also der Muttersprache von ChatGPT – weil mein Kalkül war, dass es dort lyrisch wertvollere Beiträge zum Spiel liefern würde. Und die Maschine hat mich diesbezüglich nicht ettäuscht. Natürlich ist das nur Rollenspielmethadon, denn nichts kann die interpersonale Dynamik am Spieltisch ersetzen. Aber als Snack für zwischendurch werde ich das beibehalten. Vielleicht kann ich ein paar Ideen ja sogar selbst als SL verwerten. Wenn ihr Fragen habt – nur Mut. Und ansonsten – always game on.

Auch als Podcast…

Workplace culture?

Es ist schon irgendwie komisch; sehr oft wenn Menschoide über die Arbeit anderer Menschoiden sprechen, dann neigen sie entweder dazu, diese schlecht zu machen. Oder aber, sie versuchen, sich deren Erfolge an die eigene Brust heften. Okay das ist jetzt möglicherweise ein kleines bisschen übertrieben, aber es ist ein wiederkehrendes Motiv, welches ich immer und immer wieder wahrnehme. In Kommentarspalten, in persönlichen Gesprächen, ja sogar in Zeitungsartikeln und Videos muss ich immer wieder sehen und hören, wie niederträchtig über die vermeintliche Nicht- oder Schlechtleistung der jeweils anderen Beschäftigtengruppen, bzw. deren Beitrag zur Gesamtleistung in der eigenen Organisation gesprochen wird. Nicht selten fällt dabei der Begriff “Sesselfurzer”; ein höchst despektierliches Wort für jene Menschen, die anstatt körperlicher Wissensarbeit leisten. Und nur um das an dieser Stelle in aller Form und endgültig klarzustellen: Wissensarbeit ist genauso Arbeit, wie Hausbau, Güterproduktion oder Transport! Wir mögen dann und wann über den realen Gehalt dieser oder jener Tätigkeit streiten können (Stichwort hier: Bullshitjobs) – aber am Ende des Tages bleibt Wissensarbeit eine Arbeit wie jede andere auch. Wertschöpfung bemisst sich nicht nur an der Menge der verarbeiteten Materialien, sondern auch an der Qualität der Ergebnisse; und DIE hängt in wesentlichem Maße von der Zuarbeit der “Sesselfurzer” ab: Workflows organisieren, Arbeitsmittel und Ressourcen heran schaffen, Aus- Fort- und Weiterbildung für alle Beteiligten bereitstellen, Werbung machen, die laufende Mittelverwendung optimieren, das Geld eintreiben und verteilen, und, und, und… Wenn das keine Arbeit ist, könnt ihr’s ja mal Blaumann-only versuchen. Da wird euch nach kurzer Zeit die Puste ausgehen, wenn niemand den “Papierkram” für euch erledigt, ihr Superhirne. Zumal diese ganze Schattenfechterei zwischen einzelnen Parteien vom eigentlichen Problem ablenkt.

Seit Corona flammen immer wieder die gleichen – im übrigen unnötigen – Diskussionen über die Frage auf, ob mobiles Arbeiten oder Home-Office (oder wie auch immer das Kind nun genannt oder organisiert sein soll) nun produktiver oder unproduktiver seien, als die typische Präsenz-Tätigkeit im Büro. Da haben wir schon die erste künstliche Dichotomie: denn man – lies: Arbeitgeberverbände und deren Lobbystiftungen – grenzt jene, die einen Arbeitsplatz haben, der auch von zu Hause stattfinden kann ab gegen jene, denen das nicht möglich ist; und facht in dieser Zone immer schön ein Feuer des Streits an, um vom eigentlichen Thema abzulenken, zu welchem wir alsbald kommen werden. Butter bei die Fisch: ich habe 26 Jahre im Einsatzdienst und auf Rettungsleitstellen gearbeitet. Und es wäre mir im Leben nicht in den Sinn gekommen, zu beklagen, dass andere es besser hätten, weil sie in einem Büro, oder eben nicht in einem Büro sitzen. Denn am Anfang stand halt die verfluchte Berufswahl. Und wenn DICH dein Job jetzt so ankäst, dass DU es nicht ertragen kannst, dass dieser Verwaltungsheini, Lehrer, oder sonstwer einen oder zwei Tage die Woche von daheim arbeiten darf – dann such DIR verdammt noch mal was anderes. DEIN Problem ist nicht der Job der anderen Person, sondern DEIN eigener, GODDAMIT! Aber… das Framing durch Lobbyismus und regelmäßig wieder lancierte Studien, die dieses oder jenes behaupten, hält den Kampf an dieser Front am Laufen. Auf die Art und Weise generiert man ein Feindbild: den “Sesselfurzer”. Es ist a) Blödsinn, zu glauben, dass alle Menschen, die in Büros wohnen nichts arbeiten würden und b) aus verschiedenen Gründen eine verdammt gute Sache für alle Beteiligten, wenn man denen unter bestimmten Umständen mobiles Arbeiten ermöglicht. Lässt sich auch recht gut begründen:

  • Umweltvertäglichkeit: weniger Pendeln = weniger Emissionen = Umweltschutz. Könnte eigentlich jeder verstehen können, der noch sechs bis acht funktionierende Hirnzellen hat. Aber das mit der Umwelt geht offensichtlich ja nicht wirklich in viele Schädel rein…
  • Sozialverträglichkeit: verschiedene Aspekte des Privatlebens und der Arbeit lassen sich so wesentlich besser unter einen Hut bringen. Und ja, das bedeutet bisweilen auch, dass die Arbeitszeit zergliedert sein mag. Solange jedoch die abgelieferte Leistung im richtigen Verhältnis zum gezahlten Gehalt steht, ist mir – auch als Vorgesetztem – am Ende herzlich egal, wann genau diese Leistung erbracht wurde, FALLS das Gegenüber die Vorzüge dieses Arrangements ebenso zu schätzen weiß. Überdies sind manche Menschen Introvertierte – und die BRAUCHEN ihre Zeit zum Nachladen der sozialen Batterien.
  • Produktivität: meine persönliche anekdotische Evidenz sagt mir, dass bestimmte Arbeiten in einem ruhigen, abgeschotteten Umfeld besser von der Hand gehen. Bei mir wäre das vor allem klassische Unterrichtsvorbereitung oder das Erstellen von Instruktionsdesigns. Es steht außer Frage, dass sich das Team trotzdem regelmäßig in Person sehen muss, denn Home-Office ist aus meiner Sicht immer nur ein Teil der Lösung. Für die Unken: die ernstzunehmenden Studien kommen allesamt zu dem Ergebnis, dass die gemessene Arbeitsproduktivität bei einer Hybridlösung (Home-Office vs. Präsenz 35 – 65) ideal ausfällt.
  • Teamwork: lässt sich nur teilweise über die Distanz aufrecht erhalten. Aber es ist eine Legende, dass das gar nicht ginge. Mein Team und ich haben das mehrfach bewiesen. Die richtige Mischung aus Nähe und Distanz ist allerdings in jeder Beziehung entscheidend für den langfristigen Erfolg – auch am Arbeitsplatz.

Worum geht es also: es geht NICHT um die Frage, ob Menschen generell im Home-Office fauler sind. Funfact: manche sind das auch am Präsenzarbeitsplatz, denn Penner die sich mit minimalem Aufwand durchs Leben stinken, gibt’s leider überall. Die muss man einfach markieren, observieren und ggfs. eliminieren – egal ob im Home-Office oder im Büro! NEIN, es geht darum, die Gräben innerhalb der erwerbstätigen Masse der Menschen im Lande schön tief zu halten, damit wir working people ja nicht auf die Idee kommen, mit einer Stimme zu sprechen. Wo kämen wir denn da hin? Da kommt ja am Ende noch “TAX THE RICH” raus. Das geht ja mal gar nicht. Kleines Rechenbeispiel: Jemand hat 100 Millionen auf der Bank. Darauf bekommt die Person, wenn sie gut verhandelt hat derzeit ca 2,5% Zinsen (wahrscheinlich mehr, denn man braucht viel Kapital, um neues FIAT-Geld erzeugen zu können). Das sind 2.500.000,00 €. per Anno. Darauf werden in Deutschland 25% Kapitalertragssteuer also 625.000,00€ fällig. Und noch mal der Solidarzuschlag in Höhe von 5,5% des Kapitalertragssteuersatzes. In diesem Fall sind das 34.375,00€. Bleiben also 1.840.625,00€ per anno übrig. Würde das als normales Erwerbseinkommen versteuert, würde deutlich mehr fällig. Der Einfachheit halber nehmen wir den Höchststeuersatz von 45% (stimmt nicht ganz, lässt sich hier aber leichter darstellen). Das wären dann 1.125.000,00€ mit einem verbleibenden Einkommen von 1.375.000,00€ – oder 465.625,00€, die der Staat NICHT einnimmt, weil er erwerbsloses Kapitaleinkommen gegenüber Erwerbseinkommen aus eigener Tätigkeit bevorteilt. Und das kommt NUR UND AUSSCHLIESSLICH einer Gruppe in Deutschland zu Gute: dem oberen Prozent. Und da wird wesentlich mehr Kapital bewegt als lumpige 100 Millionen, das waren doch schon 1994 mur Peanuts, nicht wahr, Herr Kopper?

Die ganzen Neiddebatten, das scheinbar nutzlose Wiederaufkochen alter Diskussionen, das Veröffentlichen dieser oder jener Studie, das dauernde Trara irgendwelcher Arbeitgeberverbände, wir würden alle zu wenig arbeiten – all das dient nur dem Zweck, dass wir NIEMALS wirklich darüber nachdenken, das Geld, welches uns fehlt, um den Schwächsten der Gesellschaft ein würdiges Leben zu ermöglichen, sofern sie dazu nicht selbst in der Lage sind, dort holen, wo es eh schon zuviel von allem hat. Und nur mal so am Rande – viele Staaten in der EU haben Höchststeuersätze weit jenseits der 50%-Marke. Wie wir übrigens auch bis ca. zum Jahr 2000. Man möchte es kaum glauben, aber ausgerechnet während der, ansonsten eher neoliberal ausgerichteten Ära Kohl (1982- 1998) waren deutlich mehr Steuern fällig als heute… Wenn also jemand für mich den Begriff “Sesselfurzer” benutzt, weil ich (leider zu viel) sitzender Tätigkeit nachgehe, dann kann ich nur mit Schulter zuckend sagen: “DU hast GAR NICHTS verstanden, DUMMY!” Eine gute Workplace Culture wäre folglich, zu akzeptieren, dass a) nicht alle Tätigkeiten gleich und b) nicht alle Tätigkeiten GLEICHWERTIG sind; und überdies c) nicht alle Tätigkeiten auf die gleich Art und am gleichen Ort erbracht werden müssen. Kommt drüber hinweg ihr hart arbeitenden Wertschöpfer da draußen. Schönen Tag noch.

Auch als Podcast…

…unfinished business!

Ich gab zuvor schon einige Hinweise auf meine momentane Situation. Nun ist es so, dass ich – vollkommen unabhängig von meinem derzeitigen Zustand – sowieso immer jede Menge Zeug rumliegen habe, mit dem ich nicht so recht vorankomme. Aufgaben die unerledigt bleiben. Projekte, die ich nicht vorantreibe, entweder weil sie zu anstrengend, zu kompliziert oder zu langwierig sind; und ich mir das überdies vorher einfacher vorgestellt hatte. Alltagskram, der einfach nicht von der Hand gehen will. Jeder von uns hat vermutlich diesen kleinen Friedhof von Lebenslast, der einfach nicht weggehen will. Aber wie soll er das auch, wenn man sich nicht dazu aufraffen kann, etwas gegen diesen mentalen Gottesacker zu unternehmen. Manchmal ist es bloßes Prokrastinieren. Manchmal ist es Ablenkung. Und manchmal ist es Zeitnot. Doch egal welche Ausrede ich mir auch einfallen lasse, vom ignorierend Abwarten wird es nicht besser. Zähle ich jetzt noch meinen derzeitigen mentalen Zustand hinzu, wird daraus plötzlich eine explosive Mischung aus Verweigerung, Indolenz und Überforderung, welche meine Probleme verschärft. Einfache Missgeschicke, die zumeist mit einer charmanten Entschuldigung aus der Welt geschafft werden können, gären dann unter Umständen so lange, bis der üble Geruch der enttäuschten Erwartungen Anderer anfängt, meine komplette Umwelt zu verpesten. Und ich kann den anderen noch nicht einmal böse dafür sein.

Das unerledigte Problem – so als eigene Kategorie – ist für mich EIN Stigma meines Daseins. Und es ist ja nicht so, dass ich nicht eh schon genug Stigmata hätte: zum Beispiel einen an der Klatsche, um es mal etwas unpoetisch auszudrücken. Oder mein manchmal viel zu loses und lautes Mundwerk. Nun ja, jeder legt sich seine Bäreneisen selber aus, in die er dann hinterher hineintritt. Ich hatte vor kurzem schon einmal darauf hingewiesen, dass ich die letzten Tage als einen irritierend angespannten Zustand bitteren Nichtstuns empfinden musste. In meinem Geist flogen zwar diverse Gedanken und Ideenfetzen durcheinander, doch nichts davon konnte soweit reifen, dass es einen – produktiven – Kreativprozess ausgelöst hätte. Ich hänge immer noch in diesem Dazwischen fest und habe keine Ahnung wie lange das noch so weitergehen soll. Ich meine, es heißt doch immer, man soll die Zeit der Rekonvaleszenz für die Dinge nutzen, welche dem aktuellen Leiden, etwas entgegensetzen können; also im besten Falle eine, wie auch immer geartete, Heilung unterstützen. Auf mich bezogen wäre es ein Schaffensprozess, der meinem Geist guttäte, denn ich liebe es, kreativ sein zu können. Nur klappt das leider im Moment nicht…

Ich gehe derzeit so gut wie jeden Tag allein am Fluss entlang. Hauptsächlich, um meine verzwickten Gedanken zu ordnen; und tatsächlich funktioniert das auch. Und zwar genauso lange, wie ich in Bewegung bleibe. Sobald ich jedoch wieder zu Hause bin und versuche, zu greifen, was mir gerade eben noch durch den Kopf ging, ist diese Ordnung, sind diese Ideen oftmals schon wieder verflogen. Zumindest die allermeisten. Ich habe unterdessen den Eindruck gewonnen, dass meine kreativen Muskeln derzeit ohne Erlaubnis eine längere Pause machen. Und zwar irgendwo anders, nur nicht hier mit mir. Daraus folgt jedoch zwangsweise, dass die Bibliothek mit meinem unfinished Business wächst, anstatt kleiner zu werden. Denn so manche Sache wartet dort schon eine ganze Weile auf eine Lösung, einen Kniff, einen Workaround – oder letztlich die Erledigung. Bei meiner Arbeit bin ich (oder besser, war ich) meist in der Lage, Herr der Dinge zu bleiben. Aber möglicherweise habe ich dabei in den letzten Monaten soviel Kraft aufgebraucht, dass die Maschine sich überhitzt hat. Und in der Folge fühle ich mich selbst derzeit wie unfinished business – unfertig, unbeachtet, ungewohnt untätig… oder mit einem Wort UNERFÜLLT.

Nun könnte man mir erwidern “…aber du schreibst doch gerade!”. Und das ist auch wahr. Es stellt den – in meinem eigenen Empfinden allerdings sehr bemühten, ja nachgerade verzweifelten – Versuch dar, mich wieder in den Griff zu bekommen. Wohin der führt, wird sich noch weisen müssen. Ursprünglich hatte ich das Gefühl, Menschen im Stich zu lassen, wenn ich mich in eine ärztlich angeordnete Rekonvaleszenzphase (besser bekannt als AU-Bescheinigung) begebe. Ich bin ja immer noch selbst so dumm, dem sozialen Stigma der psychischen Erkrankungen aufzusitzen, getreu dem Motto “stell dich doch nicht so an, ist doch nur ‘ne Phase” – FICK DICH “nur ne Phase”; nur weil man’s nicht sehen kann ist es deswegen nicht weniger schmerzhaft, Dummy! Mittlerweile bin ich mir nämlich ziemlich sicher, dass ich gut daran getan habe, manche Menschen nicht weiter mit meiner, mutmaßlich letzthin gelegentlich belastenden Anwesenheit zu nerven. Es ist, wie es ist – es ist, was es ist. Manchmal stehst du im Ruderhaus und kannst einfach nur zuschauen, wie der Eisberg näherkommt. Dieses Mal habe ich – hoffentlich – das Ruder früh genug herumgerissen. Wir hören uns – das hier ist für mich nämlich Therapie. Kommt darauf mal klar, liebe Mitmenschen.

Auch als Podcast…

New Short #01 – …and more?

Als ich dieser Tage so durch meine Hood ging, mit der Beute meines mittäglichen Ausfluges zum asiatischen Spezialitäten-Restaurants in der Tasche, kam ich – nicht zum ersten Mal in diesem Leben – an jenem Schild vorbei, welches da stolz verkündet “Feinkost and more”. Und manchmal setzen solche Kleinigkeiten unerwartete Denkkaskaden in Gang, denn… WAS ZUM HENKER IST DIESES “MORE”? Ich meine, wenn ich in Frankreich durch einen Ort gehe, dann steht auf einem Schild möglicherweise “Gaspard et Fils – Boucher”. Und das ist dann ‘ne Metzgerei, aber sicher nicht “more”; von was denn auch? Jagdbedarf? “More”, wortwörtlich übersetzt mit “mehr” verweist üblicherweise auf einen Überschuss, etwas anderes, etwas zusätzliches, dass nicht auf den ersten Blick sichtbar wird – und damit auf das Versprechen, dass man HIER an DIESEM Ort mehr bekommt, als das, was vordergründig in der Auslage umhersintert. Nun ist es aber eher unwahrscheinlich, dass sich hinter jedem “more” ein Speakeasy, eine Schattenbank, ein Bordell, ein Spielcasino oder eine Vermittlungsagentur für Auftragskiller verbirgt. Zumindest in meiner Hood fände ich das seltsam. Ist hier einfach nicht das Klientel dafür. Da kenn ich andere Gegenden… Was also soll dieses verf****e “and more” auf diesem Schild? Bieten die Heimservice an? Kann man hinten im Laden neben Feinkost auch noch einen recht einfachen Haarschnitt erwerben, wenn man das Passwort “Prinz Eisenherz”sagt? Sägen die einem Holz zu, oder verchecken die “vom Laster gefallene” Ikea-Ersatzteile?

Aus meiner Sicht ist diese – nutzlose – Floskel das Deppen-Postscriptum der eigenen Geschäftsbeschreibung. Also in etwa analog zum Deppen-Apostroph in “Andrea’s Haarstudio”, welcher nicht etwa auf einen Friseurladen hinweist, der von einer Andrea betrieben wird, sondern zuvorderst auf mangelhafte Kenntnis der Muttersprache. Der von ihr betriebene Laden müsste “Andreas Haarstudio” heißen, wohingegen “Andreas’ Haarstudio” korrekterweise auf einen männlich gelesenen Betreiber hinweisen würde. Please, learn the difference! Dieses “…and more” ist einfach nur billigstes Möchtegern-Marketing-Sprech aus dem legendären Handbuch “Bullshit-Gelaber für Dummies”. Es weckt durch seine Offenheit unnötige – und zumeist dann auch noch unerfüllbare – Erwartungen an ein “besonderes Shopping-Erlebnis”, ohne die so entstehende Ambivalenz mit Gehalt füllen zu können. So, wie man nie hungrig einkaufen gehen sollte, darf man ein “…and more” einfach NIEMALS für bare Münze nehmen. In 95% aller Fälle hat der Schreiber nicht nachgedacht, in 4,9% aller Fälle hat er versucht nachzudenken und kam leider dennoch zum falschen Ergebnis… und in 0,1% der Fälle kann ich hier vielleicht tatsächlich doch Geld waschen oder einen Killer für Erbtante Frieda anheuern. Ich würd aber nicht drauf wetten, dass das Angebot was taugt, wenn der Anbieter so eine gequirlte Bullen-Scheiße auf sein Ladenschild schreibt.

Machen wir’s kurz: lasst dieses selten dämliche “…and more” einfach weg und besinnt euch auf die Kernkompetenzen eures Geschäftes. ICH mag kleine Läden mit überschaubarem, aber dafür qualitativ ansprechendem Angebot. Ich wünsch euch einen schönen Tag… und mehr…!

Auch als Podcast…

…und der Abgrund schaut zurück!

Wenn einen das Schicksal – oder besser die eigene (Un)Gesundheit – zu einer Auszeit zwingt, dann kann man bemerken, was der Geist momentan noch zu leisten vermag, wenn er NICHT zu irgendetwas gezwungen wird. In meinem Fall lautet die aktuelle Antwort: ZERO! Ich bin an das Funktionieren unter widrigen Umständen unterdessen gewöhnt. Auch daran, weiterzumachen, wenn ich eigentlich lange aufgehört haben sollte. Jemand hat Muhammad Ali mal gefragt, wie viele Wiederholungen er während seines Trainings bei Sit-Ups, etc machen würde. Er antwortete sinngemäß, dass er das nicht wisse, weil er erst zu zählen begänne, wenn der Schmerz käme… Ich kann über physisches Training nicht allzu viel sagen. Aber wenn es um Stressresilienz, kognitive Leistungsfähigkeit, Problemlösen geht, mache ich in aller Regel weiter, auch wenn es schon sehr weh tut. Und dann eben auch länger, als dies sinnvoll wäre, denn jede*r von uns ist irgendwann durch mit “dem Leisten”. Man kann das als Gabe betrachten – oder als Fluch. Das Ergebnis hängt vermutlich vom gewählten Zeitpunkt ab. Das Problem ist, wie bei allen systemischen Kipppunkten, dass man sie erst aus der Nähe zu erkennen beginnt und auch eine Vollbremsung einen erst DAHINTER endgültig zum Stehen bringt. Scheiße daran ist, dass man das eigentlich weiß; und trotzdem jedes einzelne Mal wieder in diese Falle tappt. Nur ein bisschen noch…

Ich hatte die schöne Idee im Kopf, einfach bis zum Urlaub durchzuhalten und dann, in der Ruhe und Abgeschiedenheit den Schalter umzulegen und auch mal ein paar (hundert) Zeilen für meinen eigenen Projekte zu schreiben. Weil ich meine Kreativität ja nicht zu Hause lasse, nur weil ich auf Reisen gehe. Was ich jetzt in den letzten Tagen an mir selbst erlebt habe, lässt mich allerdings sehr zweifeln, dass das auch nur im Ansatz funktioniert haben könnte. Denn meine kreativen Batterien (und im Übrigen auch meine sozialen) sind so lotterleer, dass ich erst mal 48h zum Smombie degeneriert bin. Ich lies mich durch antisocial media und allen möglichen anderen Online-Quatsch treiben und schwamm in meinem Cortisolsee regelmäßig solange hin und her, bis der Akku leer war. Antriebslos. Ideenlos. Von allem überfordert. Erst jetzt, nach ein paar Tagen, da ich echte Maßnahmen gegen meinen Zustand ergriffen und zwischendurch sogar einige wenige, wohldosierte soziale Kontakte gepflegt habe, bemerke ich überhaupt, WIE LEER ich tatsächlich war… und immer noch bin. Als ein gutes Zeichen in diesem Zuammenhang möchte ich allerdings werten, dass es mir wieder möglich ist, mich hier schriftsprachlich so auszudrücken. Die letzten drei Tage war ich nicht mal fähig, kohärente Gedanken zu fassen, die signifikant über das existenziell notwendige hinausgingen. Yeehaa!

Meine Vermutung dazu lautet folgendermaßen: mentaler Detox bedarf des verschärften Müßigganges. Allerdings nicht Urlaubsstyle. Denn Urlaubsstyle würde u. U. bedeuten, dass man irgendwohin reisen muss und für den Aufenthalt dort womöglich ein Programm, oder zumindest einige Highlights eingeplant hat, die man unbedingt gesehen haben muss, weil man ja NIEMALS wieder dahin kommt. Dieser Gedanke ist für mich übrigens noch so ein Grund, lieber in bekannte Gefilde zu reisen… Nichts von dem ziellosen Mäandern, welches die letzten Tage mein Tun und Lassen beherrscht hat, passte jedoch in dieses Muster. Ich bemerkte an mir den Drang nach Zweckfreiheit, wie ich diesen auch im Urlaub habe; allerdings mit dem Unterschied, dass düstere Gedanken mich im Griff hielten und alles Denken, Fühlen, Schaffen zu einem Stopp auf freier Strecke kamen. Rien ne va plus. Das fühlte sich für mich zunächst bedrohlich an, bin ich doch sonst so gut wie nie derart ziellos untätig. Hatte ich nicht erst kürzlich davon gesprochen, dass es mir ein intrinsisches Bedürfnis ist, kreativ tätig sein zu können, ohne dessen Befriedigung ich in ein Loch voll subjektiver Nutzlosigkeit falle? Quod erat demonstrandum. Die Bedrohlichkeit weicht eben der Erkenntnis, dass man nur kreativ sein kann, wenn noch ein Fünkchen Energie in einem verblieben ist. Offenkundig war da allerdings nichts mehr. Womit das, oben erwähnte, gute Zeichen in zweierlei Hinsicht Zuversicht in mir schafft: die düsteren Gedanken lassen sich relativieren, indem man über diese spricht und die Wiederaufladung meiner Batterien ist möglich.

Ich hatte mich selbst in den letzten Wochen einmal mehr – immer mehr – grundlegend fehl am Platze empfunden, meine Wurzeln aus dem Sinn verloren, meine Fähigkeit irgendwie durch den Sturm namens Leben zu navigieren eingebüsst, also verlernt, mich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen. Ja, ja ich weiß, auch mit dem Schwank hatte der Baron von Münchhausen natürlich eine Lügengeschichte erzählt. Aber die Idee, aus eigener Kraft aus einem derben Schlamassel rauskommen zu können, ist trotzdem charmant. Noch sehe ich das für mich selbst allerdings nicht. Aber vielleicht muss ich das mit der richtigen Hilfe ja auch gar nicht? Es würde eh nur wieder diese gefährliche Illusion nähren, dass wir Meister unseres eigenen Schicksals wären, wenn wir doch nicht einmal ein klitzekleines bisschen hinter die Mauer der nächsten Sekunde sehen und uns somit auch nicht gegen die Macht des Zufalls imprägnieren können. Ich werde hier nicht dem Fatalismus das Wort reden, da ich weiß, dass der durch gute Pläne Vorbereitete dem Schicksal wenigstens dann und wann ein Schnippchen schlagen kann. Aber wie wäre es stattdessen mit etwas mehr DEMUT? Insbesondere vor der eigenen Fehlbarkeit und Verletzbarkeit; aber auch vor der Fehlbarkeit und Verletzbarkeit der Anderen. In diesen Abgrund der Erkenntnis starre ich seit ein paar Tagen. Eben hat er zurückgeblinzelt. Mal schauen, was als nächstes kommt…

Auch als Podcast…

Gewitter im Kopf

Das heutige Wetter reflektiert in frappierender Weise mein Innenleben. Einerseits wirke ich äußerlich vermutlich so ruhig und soziabel, wie sonst zumeist auch. Andererseits ist mein ICH gerade in Aufruhr. So sehr, dass ich gegenüber der besten Ehefrau von allen dieser Tage bemerken musste, dass ich zwei Mal die Distanz Erde – Mond von meinem wahren Ich entfernt sei. Während ich diese ersten Zeilen schreibe, geht gerade ein recht ergiebiger Gewitter-Schauer auf die Stadt hernieder. Und ich muss sagen, dass ich es genieße, dem Wasser, welches der Wind vor meinem Fenster vorbeitreibt zuzuschauen. Das Innen und das Außen sind bei verschiedenen literarischen Genres jeweils Spiegel des Gegenüber. Insofern passt dieses Szenario, ist mein Geist doch derzeit verfinstert von Erschöpfung, Irritation, Zweifeln, und anderen negativen Wahrnehmungen, die ich trotz meines umfangreichen Vokabulars nicht so recht zu beschreiben weiß. Manche Dinge fühlt man einfach nur und versteht trotzdem nicht, was da gerade passiert. Und während ich darüber nachsinne, spielt sich draußen ein apokalyptisch anmutendes Wetterchen ab – zumindest, wenn man den Schreien der Passanten lauscht. Here we go again – die Depression ist zurück. Ich will gar nicht so viel darüber sprechen, warum das jetzt gerade so ist, und was ich dagegen nun zu tun gedenke, sondern eher über meine Historie mit dem Sujet.

Ist ja nicht so, dass ich erst seit gestern dieses Päckchen mit mir herum trage. Wenn ich so darüber nachdenke, wie mein Leben bislang verlaufen ist und zu welchen Zeiten mich welche Sorgen und Gedanken mehr oder weniger stark gequält haben, dann liegt der Ursprung vermutlich in meinen mittleren Zwanzigern, eventuell aber noch früher. Die Veranlagung hat mir wohl meine Frau Mutter vererbt, auch wenn sie es für sich selbst niemals zugeben wollte. Und ich konnte damals den Finger nicht drauf legen, weil ich noch nicht den Weitblick und das Vokabular meines mittlerweile 51-jährigen Ichs hatte; wie denn auch? Ich spürte jedoch, dass mit mir irgendwas nicht so war, wie mit den meisten Anderen. Und trotzdem empfand ich früher oft eher geringe Empathie mit den psychisch erkrankten Patienten, welche das Schicksal mir in den Rettungswagen zu spülen beliebte. Vermutlich, war das eine Projektion meiner eigenen Schwächen und Probleme, die ich nicht wahrhaben wollte. Psychische Erkrankungen tragen bis heute ein erhebliches soziales Stigma in sich; damals noch viel mehr. Also konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Ich war doch der Kerl, der zur Hilfe kam, nicht aber der, der Hilfe brauchte! Ich musste erst einen wahrhaft traumatischen Einsatz erleben und 40 Jahre alt werden, um zu verstehen, dass keiner von uns aus Eisen ist. Dann bekam ich meine Erkenntnisse allerdings auch mit der groben Kelle ausgeteilt: 2014 war ich dann insgesamt 18 Wochen krank incl. Wiedereingliederung, bekam Psychotherapie, schluckte Pillen – und stand mühsam wieder auf.

Es hatte auch sein Gutes. Ich bin seit jener Zeit – meistens – deutlich aufmerksamer für meine Bedürfnisse, die tiefen, dunklen Löcher, denen ich besser ausweichen sollte und die Notwendigkeit, Ruhepausen einzulegen. Aber ich musste mir ja unterdessen unbedingt noch einen akdemischen Grad und einen Leitungsjob zulegen. Meine unbändige Neugier, meine Kreativität, meine Skills im Troubleshooting und in der Kommunikation, sowie meine Lust an der Lehre ließen mich da irgendwie rein rutschen und jetzt werde ich nicht behaupten, dass ich diese Arbeit nicht mag. Überdies bezahlt sie einen guten Teil unsere Familienlebens. ABER… eigentlich ist der Stress manchmal zu viel. Und wenn man dann – sozusagen als Sahnehäubchen auf der Schwarzwälder – auch noch herausfinden muss, dass manche Dinge (und manche Menschen) nicht so sind, wie es nach außen den Anschein hatte, kommt man sich halt hart gegaslighted vor. Und so eine Erfahrung macht mit Depressionserkrankten wie mir keine schönen Dinge! Es war in den letzten jahren nie auch nur für ein paar Monate wirklich leicht, den Laden am Laufen zu halten. Und ich bin nicht der Typ, der dann jemand anders ruft. Ich habe mich – stets beinahe ausschließlich von meinem, nur sehr langsam wachsenden, Team unterstützt – immer weiter durch gewurschtelt. Und zuletzt begann einmal mehr alles ganz gut auszusehen. Bis ich – mal wieder – zwei Tiefschläge kassieren musste. Und die kann ich derzeit, beim besten Willen, nicht mehr kompensieren. Meine Energie ist aufgebraucht, incl. dem, was ich noch vor fünf Wochen in Italien nachzutanken die Gelegenheit hatte. Ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mehr. Interessant war dabei für mich, einmal mehr erleben zu müssen, dass ich immer noch hochfunktional performe, wenn innen schon alles nach Dresden ’45 aussieht. Das lässt manche Menschen an meiner Aussage zweifeln, dass ich depressiv sei. Denen sage ich: FICKT EUCH! Was kann ich denn dafür, dass ich krank immer noch besser performe, als so mancher vollkommen gesund…?

Eine Weile später ist es da draußen wieder heiter bis wolkig. Das Gewitter in meinem Kopf, das bleibt jedoch. Natürlich ist dieser Zustand das Ergebnis einer komplexen Melange aus Biochemie im Kopf, extrinsischen Einfüssen aus meinem Arbeitsumfeld, Sorgen über das, was daheim rings um das Zusammenleben mit meinen Lieben so alles passiert und – natürlich – gelegentlich nicht allzu günstigen Coping-Strategien. Scheiße gelaufen, Digger! Aber so isses jetzt halt. Und weil es so nicht bleiben kann… werden wir sehen, was die nächsten Wochen so bringen. Immerhin – denken kann ich noch klar. Und ihr so…?

Auch als Podcast…

Kreativ begrenzt…?

Etwas machen! Etwas NEUES machen! Der Wunsch, schöpferisch tätig zu sein wohnt – zumindest in meiner Wahrnehmung – nicht jedem Menschen inne. Muss er aber auch nicht, solange es nur genug von uns gibt, deren intrinsische Motivation über das bloße Besorgen des Notwendigen zur reinen Subsistenz hinausweist. Roboten, damit Essen auf dem Tisch steht, man ein Obdach und Kleidung hat, die vor dem Unbill der Umwelt schützen und etwas Unterhaltung, um sich vom gelegentlichen Elend durch das Roboten ablenken zu können, ist dennoch für niemanden von uns vom Tisch. Aber der Kreislauf des Kapitalismus verlangt von den allermeisten keine, oder nur sehr wenig Kreativität, keine Innovation, sondern lediglich Problemlösen im Rahmen definierter Parameter. Oft sind die darum entwickelten Arbeits-Vermeidungs-Strategien die höchste Form von Leistung, die man realistischerweise erwarten darf. Aber das Roboten in einem eng begrenzten Rahmen, das kriegen die Allermeisten allermeistens auch irgendwie hin. Das “irgendwie” im letzten Satz mag hierbei auf die Qualität des Hinkriegens hinweisen… MIR genügt es jedoch nicht, im Rahmen definierter Parameter zu “funktionieren”. Sprach ich nicht erst neulich von Leidenschaft? Von meiner ersten und größten Leidenschaft, dem Geschichtenerzählen? Vermutlich ein Tun, dass zumindest dann und wann ein wenig Kreativität fordern könnte. Allerdings sprach ich auch von Scheitern; und damit gleichsam von den Hindernissen, mit denen Kreativität zu kämpfen hat…. oder? Oder könnte es nicht vielleicht doch so sein, dass Hindernisse und Beschränkungen uns erst dazu anregen, etwas wirklich interessantes entstehen zu lassen?

Letzthin habe ich mich neu mit der Frage nach der Quelle meiner Inspiration auseinandergesetzt und bin dabei unter Anderem über ein Youtube-Video gestolpert, welches sich mit eben der Frage befasste: was machen Begrenzungen und Hindernisse mit unserer Kreativität? Spannend fand ich die hier gewonnene Erkenntnis, dass solche Herausforderungen diese eher steigern; undzwar durch die ihnen innewohnende Notwendigkeit, originelle Lösungen für ungeahnte Probleme finden zu müssen. Konfrontiert mit dem Mangel an Ressourcen wie Raum, Zeit oder Geld, eingeschränkt durch die verfügbare Technik (oder den Ausfall derselben) wird einfaches Problemlösen plötzlich oft genug zu einer eigenen Kunstform. Würde man immerzu aus den Vollen schöpfen können, jedes Problem sofort mit einer Reay-Made-Solution bombardieren können, wäre ein kreativer Prozess in etwa so, wie der durchschnittliche Schulweg irgend so eines behelikopterten Bonzen-Kindes in Hamburg: planiert von Mamas überteuertem SUV! Keine Anstrengung, keine Herausforderung, keine Notwendigkeit zur Kooperation – und damit absolut nix gelernt. Denn der Fond von so einem Möchtegern-Leistungsträger-Panzer ist das Sinnbild der Komfortzonen-Couch. Du wirst einfach über alle möglichen Hindernisse hinweg getragen. Doch erst, wenn du auf etwas stößt, dass dich bremst, dass dich irritiert, dass dich dazu zwingt, zur Seite zu gehen oder mit dem Klettern anzufangen, setzt du dich wirklich mit deiner Umwelt auseinander. Wenn man kreativ sein bzw. werden möchte, darf man niemals damit anfangen, immerzu die gleiche alte Antwort auf neue Fragen geben zu wollen. Man muss jede Herausforderung zu ihren jeweiligen Bedingungen annehmen und analysieren, um sie begreifen und bearbeiten zu können. Kreativität ist Lernen ist Kreativität. Und das strengt an! Das muss man wollen!

Welcher Art meine Beschränkung der Mittel in irgendeinem kreativen Prozess auch sein mag; ich sollte diese nicht von vornherein als Zeichen begreifen, es sein zu lassen, sondern so oft es geht als Ansporn sehen, neue Wege zu suchen; denn das Sprichwort “Not macht erfinderisch!” gilt nicht nur für Autowerkstätten im Südsudan. Nach meiner persönlichen Erfahrung ist es leicht, sich von auftauchenden Hindernissen entnerven, entmutigen, gar ganz vom Vorhaben abringen zu lassen. Das, was einen dann noch vorwärts treiben kann, ist intrinsische Motivation, kreativ sein zu wollen, etwas schaffen zu wollen und darum bereit zu sein, mit dem zu arbeiten was man hat – und das, was man nicht hat positiv auf den Prozess wirken zu lassen. Diese Motivation ist, wie bereits oben gesagt, keine Ressource, die jedem Menschen in gleichem Maße zur Verfügung steht. Und das ist auch okay so, denn kreativ sein zu MÜSSEN, weil es einem halt wichtig ist, kann gelegentlich durchaus mit Schmerzen verbunden sein. Dieser Drang entsteht meist aus einer inneren Ideenfülle, die manche von uns in sich tragen und die sich einen Weg nach draußen suchen MUSS, damit man nicht bald das Gefühl bekommt, wertlos zu sein, weil man keine dieser Ideen in die Tat umsetzt. Und dann rennt man halt oft in die vielen Fallen auf dem Weg; wobei es für die meisten einen Walk-Around gibt. Ich habe kein Geld für teure Software oder die “richtigen” Geräte? Für viele Projekte genügen frei verfügbare Programme und ein Mittelklasse-Smartphone / Tablet. Das Wichtigste ist, damit zu üben und sich mit den technischen Möglichkeiten und Grenzen auch wirklich vertraut machen. Ich habe nicht die passenden Hintergründe / Sets für meine Ideen zur Verfügung? Dann geht man raus, sucht nach den passenden Sets und probiert so lange, bis es passt. Ich bin mit meiner Schreibe nicht zufrieden? Meine Texte wirken nicht so, wie ich mir das wünsche? Da hilft nur eines: schreiben, schreiben, schreiben… dann lesen und noch mal schreiben! Kreativität ist ein Muskel, den man regelmäßig trainieren muss, um besser werden zu können. Und dann braucht man immer noch die richtigen Sparringspartner. Menschen, die einem sagen, wenn ein Projekt oder Produkt der eigenen kreativen Bestrebungen schlicht Scheiße ist.

Kreative Grenzen entstehen meist nur dort, wo ich sie entstehen lasse. Die einzige, wahre kreative Begrenzung, die sich dauerhaft meinen Fähigkeiten zur Problemlösung entzieht, ist ein extrinsisch erzeugter Mangel an Zeit, sich mit den verfolgten Ideen und Projekten zu den eigenen Bedingungen auseinandersetzen zu können. Denn an der Notwendigkeit, das existenziell Notwendige zu beschaffen, kommt keiner von uns vorbei. Wie dem auch sei – jene, die ihre Ideen in die Welt gesetzt sehen wollen, weil sie davon überzeugt sind, dass diese Ideen es wert sind, von anderen wahrgenommen und diskutiert zu werden, finden immer irgendeinen Weg. Denn sie MÜSSEN einen Weg finden, um nicht irgendwann an sich selbst zu verzweifeln. Also sitze ich hier und schreibe weiter… schönes Wochenende.

Auch als Podcast…

Warum Leidenschaft?

“Es ist die Leidenschaft, die meine Leiden schafft!” (Tanzwut). Yay, Captain Obvious fliegt wieder, schönen Dank auch! Aber es ist irgendwie wahr – Mittelmaß schafft keinen Sinn. Mittelmaß schafft es mit großer Mühe gerade so nicht, den Status Quo zu bewahren. Mittelmaß ist der Tod der Kreativität, der Innovation, des Lebens schlechthin. Mittelmaß ist der Topor, der etwa in “1984” das Proletariat so sediert, dass es nicht mehr will, nicht mehr wollen kann als dass, was es bekommt; wie schlecht auch immer das – objektiv betrachtet – sein mag. Mittelmaß ist das Ende aller Dinge; oder, wie Francis Fukuyama nach dem Fall der Sowjetunion eitel deklamierte, “das Ende der Geschichte”… Fukuyama war und bleibt, wie wir heute wissen, ein arroganter Trottel sondergleichen, der immer noch an seinem alten Narrativ festhält, obwohl die Auswirkungen der heutigen, multipolaren Weltordnung manchmal so wirken mögen, als wenn das 1989 beschrieene Ende der Geschichte nun wirklich an der Schwelle des Weltengebäudes stünde. Doch die Geschichte schreitet weiter voran und schert sich dabei einen Scheiß darum, ob wir das wollen, ob wir das verstehen, oder ob wir darauf klarkommen. Das Leben und die Geschichte sind, was passiert, während wir versuchen, Pläne zu machen. Aber das ist gar nicht, worum es hier gehen soll. Leidenschaft ist das Stichwort; Leidenschaft als Todfeind des Mittelmaßes, als Motor des Sinns und des Seins, als das Paradox, dass uns im Kern antreiben kann, wenn wir es denn zulassen.

Wenn man etwa Simon Sinek folgen möchte, dann ist Sinn die Antwort auf die Frage, WARUM man etwas tut? Hat man sein persönliches WARUM einmal gefunden und lebt dieses, indem man mit Anderen verbunden ist und ihnen auch dienlich zu sein versucht, dann erlebt man Sinn; durch die Verbundenheit mit anderen Menschen und ein klares WARUM. Dienlich zu sein bedeutet dabei mitnichten, sich selbst aufzugeben, oder stets durch und durch altruistisch bis zur Selbstaufgabe sein zu müssen; es bedeutet vielmehr, Andere an seinem eigenen WARUM teilhaben zu lassen, bzw. ihnen zu helfen, ihr eigenes WARUM zu finden. Ich finde diese Idee gleichsam schlicht, elegant und heilsam, weil sie ein besonderes Augenmerk auf Solidarität und Miteinander legt. Zwei Zutaten, an denen es unserer Gesellschaft heutzutage in erheblichem Maße mangelt. Kommen wir mit dieser Idee zurück zur Leidenschaft, so lässt sich erkennen, dass diese gleichsam Anstrengung und Schmerz aber eben auch Motivation und Sinn beinhaltet. Nur etwas, dass uns fesselt, dass unsere innersten Saiten zum schwingen bringt und uns ein unhintergehbares Gefühl von Lustgewinn, von Freude, von Wachstum gibt, vermag uns dazu zu bewegen, sich den Herausforderungen zu stellen, gleich wie anstrengend oder schmerzhaft diese auch sein mögen. Leidenschaft und intrinsische Motivation sind untrennbar miteinander verbunden. Was natürlich auch in mir diese Fragen aufwirft: Was ist es also, was mich antreibt? Und warum treibt es mich an?

Meine größte Leidenschaft, seit ich mich bewusst erinnern kann war, ist und bleibt das Geschichtenerzählen. Ich habe schon immer Bilder in meinem Kopf gehabt, die mich zum Erzählen angeregt haben. Ob ich schreibe, ob ich Pen’n’Paper spiele, ob ich im Lehrsaal stehe, ob ich mich mit den Bildern auseinandersetze, die ich hier und dort knipse – immer ist da eine Stimme in meinem Hinterkopf, die dazu etwas zu sagen hat, die meine Bilder mit Bedeutung auflädt, die versucht, das MEHR hinter der Summe der Teile zu sehen; und die gleichsam Andere auf diese Reise des Erlebens, oder des Verstehens, oder des Wachsens mitnehmen möchte. Und das ist mein WARUM: ich möchte anderen Menschen durch meine Erzählungen einfach nur die Chance bieten, zu verstehen, zu wachsen, sich zu entwickeln. Und ich will das nicht mit Druck oder mit Zwang erreichen, sondern indem ich sie in meine Geschichten einführe und dort selbst herausfinden lasse, was ihr MOTOR und ihr WARUM sind. Ich möchte dabei einer der Spiegel sein, in welchen sie sich selbst erkennen können! Immer wieder stoße ich dabei auf Hindernisse, lande in Sackgassen, mache Fehler über Fehler, und muss stets auf’s Neue erkennen, dass man niemals wirklich bereit ist für dieses Abenteuer namens “Leben”; und schon gar nicht für das Abenteuer “Lehren”. Man legt einfach los! Man verkackt (manchmal episch)! Man analysiert die Fehler und überlegt sich einen neuen Ansatz – und wird so langsam besser! Wer vom Start weg nach 100% strebt hat nicht verstanden, dass das Leben – und damit alles, was wir unterdessen tun oder lassen – kein Sprint sondern ein Marathon ist! DAS ist der Schmerz, DAS sind die Herausforderungen. Aber wie süß, wie erfüllend es sich anfühlt, wenn eine Geschichte sich entwickelt, wenn sie anfängt zu “funktionieren”, wenn sie in meinem Kopf zu leben beginnt und wenn die Puzzleteile am Ende zusammenzufallen beginnen. Wenn es dann hinterher wenigstens bei ein paar Anderen auch “Klick!” gemacht hat, bin ich mehr als nur ein bisschen zufrieden. Aber der Weg dahin ist nie leicht…

Auch hier und jetzt bin ich im Begriff eine Geschichte zu erzählen. Eine höchst persönliche Geschichte, weil sie – wie so oft, wenn ich hier schreibe – die Möglichkeit eines Scheiterns inkludiert. Und auch das ist ja ein essenzieller Aspekt der Leidenschaft, der eben schon anklingen durfte: eine investierte Anstrengung resultiert nie notwendigerweise in einem Triumph. Du kannst dich noch so anstrengen, alles geben, es sogar richtig gut machen – und wirst trotzdem nur Zweiter. Oder sogar Letzter. All unsere Fähigkeiten, unsere Motivation, unsere Begeisterung garantieren keinen Erfolg – manchmal will es nicht klappen, weil wir noch nicht gut genug sind. “We develop taste, long before we develop skill!” (Danke Matt Colville). Dennoch lebt es sich mit Leidenschaft wesentlich intensiver, als mit Mittelmaß. Ich möchte meine Leidenschaften auf keinen Fall missen, selbst, wenn sie mir ein ums andere Mal eine besondere Art von Schmerz bereiten mögen. So wie etwa mein Wille, für meine Überzeugungen einzutreten, auch wenn der Wind gerade von vorne weht. Meine große Klappe wird mich irgendwann mal in eine Scheiße reiten, die so tief ist, dass ich da nicht alleine wieder rauskomme. Aber das wird es wert gewesen sein – den Kopf erhoben zu halten und zu wissen, dass meine Leidenschaft mich weiter getragen haben wird, als all die Reichsbedenkenträger, Besitzstandswahrer und “Das-haben-wir-aber-schon-immer-so-gemacht!”-Rufer da draußen. Ich sage: Wage, dich deiner Leidenschaft zu bedienen! Also… was ist DEINE Leidenschaft? Was ist DEIN WARUM? Schönen Sonnabend.

Auch als Podcast…

Wenn alles was ich tue gerade keinen Sinn zu ergeben scheint – wer bin ich dann?

Keine Sorge, das wird hier keine Selbsthilfe-Kolumne. Auch kein elegischer Abgesang auf die Grabsteine der gestorbenen Träume, die jeder Mensch in einem Hinterkopf herumträgt. Und noch viel weniger ein (neuerlicher) Rant gegen diese verfickte Selbstopimiererei. Es könnte allerdings eine Suche werden. Vielleicht nach neuem Verstehen; das Verstehen und Verständnis im Übrigen zwei grundverschiedene Dinge sind, muss ich hier jetzt hoffentlich niemandem mehr erklären. Wenn ich von Verstehen spreche, meine ich dabei zuerst, sich selbst zu verstehen. Also… zu wissen, wer man ist, was man ist, wo man ist, warum man ist. Dieses typische identitäts-Gefasel halt, dass man eigentlich eher von Teenagern oder jungen Erwachsenen erwarten würde. Die natürlich grundsätzlich erst mal alles Scheiße finden, was die “Alten” gut und richtig finden, einfach, weil die “Alten” die “Alten” sind – weil man sich selbst eben erst mal selbst erproben und herausfinden muss. Und dabei niemals verstehen kann, dass auch die “Alten” erst jung sein mussten, um überhaupt alt werden zu können. Dass wir dabei den selben Scheiß abgezogen haben…? Schwamm drüber…! ICH bin schon verdammt lange kein Teenager mehr. Noch nicht mal ein Twen. Ich bin ein alter Sack. Oder wie der – nicht selten für mich vollkommen debil daher kommende – Gender-Sprech es nennen würde ein “white middle-aged cis-gender guy”. Also known as: “der Teufel”! Der Schuldige am gesanten Leid der Menschheit. Es gibt da nur ein kleines Problem. Ich persönlich diskriminiere und unterdrücke nicht! So ziemlich das Schlimmste, was ich tue ist – zumindest in den Augen meiner jüngeren Kolleg:innen – Dad-Jokes zu reißen; so die richtig flachen, die aufrecht unter einer geschlossenen Tür durchlaufen können. Ich komme manchmal sicher auch mit ungeschickten Formulierungen um die Ecke oder argumentiere auf der Basis meiner Lebenserfahrung, womit manche nicht klarkommen – aber es ist halt MEINE Lebenserfahrung. Ich hatte nicht darum gebeten, 1974 geboren zu werden…

Diese Unart, Menschen anhand ihres Geburtsjahres in Generationen einzuteilen und diesen Generationen jeweils bestimmte Merkmale zuzuschreiben (Stichwort: “Okay Boomer”) ist sowohl sozialwissenschaftlich als auch in meiner Wahrnehmung vollkommener Quatsch. Weder besteht “meine Generation” – nämlich Gen X – aus lauter Königspudeln, die allesamt den Wolf im Schafspelz wählen, noch aus lauter schwarzen Schafen, Scharlacharas oder Halsbandsittichen. Ganz vorne steht immer ein einziges Attribut: “Mensch”! Was halt bedeutet, dass die Streuung innerhalb aller Alterskohorten von Altruist bis zu Arschloch reicht und dabei einmal den Zirkelschlag durch das ganze Alphabet macht. Warum ist es so schwer zu verstehen, was Menschen SO werden lässt und nicht etwa anders. Individuelle Lebensumstände sind nun mal hoch unterschiedlich. Dorfkind vs. Stadtkind? Akademiker vs. Arbeiter? Suburbia vs. Reihenhaussiedlung? Beide Eltern vs. Scheidungskind? Arm vs. Reich? Einzelkind vs. (viele) Geschwister? Auto vs. Fahrrad? Tech-affin vs. traditionell? Progressiv vs. konservativ? Und, und, und…! Und all das ist vollkommen unabhängig vom Geburtsjahr! Was einen Menschen in dieser Zeit, also von den frühern Kindesbeinen bis zur Ablösung vom Elternhaus prägt, lässt sich nicht so leicht abschütteln und bleibt oft ein ganzes Leben lang wirksam. Und dennoch erschaffen wir uns selbst aus all diesen fragmentarischen Erfahrungen, Eindrücken, Beziehungen, Ideen, Normen, Werten und Moralvorstellungen selbst als eigenständige Person – immer und immer wieder neu! Das Sein mag dem Bewusstsein eine grobe Form geben. Die finalen Konturen erschaffen wir immer wieder selbst und legen dabei – Jahr für Jahr, Lage für Lage – den wahren Kern unseres Selbst (wieder) frei. Erst ein bestimmtes Alter erlaubt es uns, wieder so ehrlich zu sprechen, wie der Mund des kleinen Kindes.

Wenn ich über diese Erkenntnis weiter nachdenke, so komme ich nicht umhin, mich noch in jenem Zustand wähnen zu müssen, in dem die Wahrheit mir nicht mit der Leichtigkeit über die Lippen kommt, die oftmals angemessen wäre, weil die Erfordernisse der Diplomatie, insbesondere im Arbeitsalltag schwer wiegen. Und weil so viele Menschen – was mich sicher einschließt – die Wahrheit über sich selbst, ihr Tun und Lassen gelegentlich nur sehr ungerne hören. Ist es bittererweise oft doch so, dass wir mitnichten alles richtig machen, so dass die Wahrheit eine Kritik sein muss! Und damit sind endlich wir bei der Eingangsfrage angelangt. Denn wir neigen allzu oft dazu, uns über unser Tun und Lassen, oder besser gesagt, über unsere Erfolge und Niederlagen definieren zu wollen. Habe ich es gut gemacht und einen Sieg davon getragen, ganz gleich welcher Natur? Oder ist mir doch (wieder) ein Fehler unterlaufen, der für Ärger, Anschuldigungen, Spott, Rückschläge, etc. sorgt? Wenn ich meinen Wert nur darüber zu messen versuche, muss dann die Bilanz meines Lebens nicht zwangsläufig einige Negativposten ausweisen? Denn jeder Mensch, der ehrlich genug zu sich selbst ist, wird zugeben MÜSSEN, dass Fehler unvermeidlich sind. Wir können NICHT immerzu als Sieger vom Platz gehen. Das würde im Übrigen auch dem kategorischen Imperativ wiedersprechen, denn jeder meiner Siege ist eines anderen Menschen Niederlage. Also – warum betrachten wir das ganze Leben überhaupt als Wettbewerb? Warum hat “Karriere” stets etwas damit zu tun, “besser” sein zu müssen als andere. Besser in was? Im Menschsein? Im sozial sein? Oder doch im Arschloch sein?

Was macht MICH zu MIR? Was ist die Essenz meines Lebens? Diese Frage zu beantworten ist weder trivial, noch ist es dumm, diese Frage zu stellen. Natürlich hat das etwas mit der Suche nach dem Sinn der eigenen Existenz zu tun. Auch, weil wir Sinn, Glück und Identität immerzu munter durcheinander werfen. Aber vielleicht wird uns gerade klar, dass der Sinn der eigenen Existenz nicht gemessen werden kann… nicht gemessen werden sollte! Denn alles was ich zu messen versuche, beginne ich automatisch taxonomisch einzuordnen. Und damit einer Vergleichs-, oder Marktlogik zu unterwerfen. Damit ist das hier irgendwie doch ein Rant gegen die Selbstoptimiererei. Denn, wenn die Marktlogik alle Bereiche unseres Lebens durchdringt, kapitalisiert sie damit automatisch alle Bereiche unseres Lebens. Doch meine Identität speist sich – zumindest in meiner Wahrnehmung – auch aus der Freiheit des Denkens, aus einer Spiritualität, deren Grenzen ich selbst definiere, aus meiner Kreativität und dem Wunsch, Menschen beim Wachsen als Menschen zu helfen. Und all das hat mit meinem Job, mit Karriere, mit Konsumkapitalismus überhaupt nichts zu tun. Arbeiten zu gehen ist für mich nur ein Mittel zum Zweck; eine Notwendigkeit, der man nicht entfliehen kann. Jene Dinge, denen man nicht entfliehen kann, muss man erdulden und zeitgleich versuchen, die Bedingungen step by step so zu verändern, bis das Erdulden erträglich geworden ist. Um die Frage von oben für mich zu beantworten: ich bin ein Suchender und ein Gestaltender zugleich, je nachdem, welche dieser Qualitäten gerade mehr gebraucht wird. Denn, wenn gerade alles keinen Sinn mehr zu ergeben scheint, ist es an der Zeit, sich neu zu orientieren und nach neuem Sinn zu suchen; seine Identität neu zu formen. Das Leben wartet niemals darauf, was du als nächstes tun willst. Es schreitet fort, egal, ob du dich bewegst, oder nicht. Also solltest du dich besser bewegen, bevor du selbst bewegt wirst – in Richtungen oder gar an Orte, die dir zur Falle werden können. Schönes Wochenende…

Auch als Podcast…