Ich denke also bin ich… nicht?

Es ist ernüchternd, von einem Neurowissenschaftler, der schon eine Weile an dem Thema forscht zu hören, dass er Bewusstsein nicht definieren kann, bzw. dass er nicht klar definieren möchte, ob ICH am Ende ICH bin, nur weil ich als Wesen meiner Existenz bewusst bin. Wessen bin ich den bewusst? Meiner selbst? Oder irgendetwas anderem? Er definiert Bewusstsein als einen Regelprozess, welcher lediglich dem Zweck der Erhaltung des Organismus‘ dient, welchem dieses innewohnt. Oder überspitzt ausgedrückt: ich fresse und scheiße, also bin ich. Hier ist, natürlich einmal mehr eine stark biologistische Sicht am Werk, welche SEIN zuvorderst als Subsistenz und BEWUSSTSEIN als Subsistenz-Regelkreislauf betrachtet. Der befragte Wissenschaftler Anil Seth möchte Fragen der Metaphysik und der Transzendenz bewusst ausklammern, weil sie nach seiner Ansicht nicht zum Verständnis des “Bewusstseins” als Phänomen helfen. Diese Reduktion auf eine rein funktionale Betrachtung klammert jedoch – zumindest meines Erachtens – einige grundlegende Fragen des Menschseins aus. Kann man machen; dann wird’s aber Scheiße, wenn Menschen nach Sinn und Unsinn fragen. Denn wir Menschen lassen uns nur sehr ungern auf Biologie reduzieren. Ich verkürze hier bewusst (sorry für das Wortspiel) ein wenig, denn der Mann zeigt sehr wohl, dass er Kategorien abseits seines speziellen wissenschaftlichen Arbeitens sehen kann. Er verneint jedoch die Existenz einer Kategorie ICH als Essenz des Seins; er baut da nicht wirklich eine Brücke… Aber ICH bin doch…oder?

Ich erfahre mich selbst als menschliches Wesen, mit allen positiven und negativen Aspekten. Ich definiere mich selbst durch das bewusste Anwenden eines Werte- und Normenkanons auf mein Tun und Lassen; stets mit Bezug auf die Erfahrungen, welche ich auf dem Weg sammele; es gibt also situative Updates. Ich pflege mannigfaltige soziale Beziehungen und erlebe mich dabei als Wesen, welches sich von seinen Gegenübern unterscheidet. Nicht nur optisch, sondern auch in meinen Meinungen, Gefühlen, Handlungsoptionen. Ich erkenne MICH als MICH, wenngleich gewiss nicht völlig einzigartig, so doch von den Anderen unterscheidbar und damit erkennbar nicht nur für mich selbst, sondern auch für die Anderen. Wenn ich nun jedoch auf der anderen Seite die Denkart von Anil Seth sehe, der in seinem Gebiet als führend gilt, dann muss ich mich der Frage stellen, wie viel von meiner eben geschilderten Selbst-Wahrnehmung MICH tatsächlich zu MIR macht? Also, wie individuell das Individuum wirklich ist? Oder ob ich doch bloß subsistiere und mir mein ICH dazu fantasiere, weil meine psychische Integrität davon abhängig ist, ein Selbstbewusstsein zu besitzen? Wie groß oder klein dieses auch immer sein mag…? Ich weiß es natürlich nicht besser als Herr Seth; immerhin bin ich nur Pädagoge, kein angesehener Neurowissenschaftler. Ich ahne aber, dass ich mir lieber eine andere Betrachtungsweise zu eigen machen möchte. Selbst wenn Herrn Seths Betrachtungen für mich aus forensischem Interesse durchaus interessant sind.

Ich setze mir jetzt mal die konstruktivistische Brille auf, die – zumindest in der radikalen Variante – sagt, dass es keine objektiv erfahrbare Welt gibt, sondern nur die subjektive Rekonstruktion aller erlebten Wahrnehmungseindrücke des Außen in unserem Kopf. Alles lebt nur in uns! Wenn Herr Seth unter dieser Annahme nun Recht hätte, dann lebten wir vielleicht doch in der Matrix und unser Leben wäre nur eine Simulation. Denn es gäbe in dem Fall kein wahrhaftiges Außen – und es gäbe auch kein ICH, sondern nur ein, auf den Erhalt des Organismus ausgerichtetes Gleichgewicht aus Regelkreisen. Herr Seth setzt übrigens eine objektiv erfahrbare, materielle Umwelt voraus. Andernfalls wäre sein Gedankengebäude nämlich problematisch. Wie man hier sieht, ist das Ausklammern der Metaphysik und der Transzendenz vielleicht doch nicht so geschickt. Ich sage daher Danke, aber NEIN Danke und bleibe bei der Annahme eines definierten ICH. Es bedarf übrigens nicht des Glaubens an eine unsterbliche, transzendente Seele, um sich im Hier und Jetzt als Individuum begreifen und erleben zu können. Kann man aber machen, wenn man möchte; sofern man dabei nicht zum Dogmatiker-Arschloch gegenüber Anderen wird.

Es geht mir auch gar nicht so sehr darum, ob ICH so individuell bin, wie ICH mir das gerne einrede. Es geht nur um die Frage, ob derartige Betrachtungen zum Bewusstsein nicht sogar eher schädlich sind, weil sie die ABSOLUTE WIRKSAMKEIT DES SOZIALEN in den Bereich des nicht-wissenschaftlichen Voodoo stellen, weil alles was nicht objektivierbar ist, sondern mittels Verständnis-Näherung erfahren werden muss (und das ist bei den Geistes- und Sozialwissenschaften nun mal so) für Herrn Seth keine brauchbare Grundlage für das endgültige Verstehen des Bewusstseins als real erfahrbarer Instanz unseres Seins darstellt. Warum man immerzu Bewusstsein und Seele miteinander verwechseln muss, weil ein nicht unerheblicher Teil der Menschheit auch über 2000 Jahre später immer noch den Märchen-Geschichten von den Lagerfeuern der Hirten in den levantischen Steppen mehr Bedeutung beimisst, als objektiver wissenschaftlicher Erkenntnis, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben. Ich WEISS, dass ich ein Bewusstsein habe. Ich GLAUBE JEDOCH nicht an eine unsterbliche Seele; wenngleich andere dies gerne tun dürfen. Ich muss jedoch einmal mehr feststellen: ich hasse Dogmatiker-Arschlöcher. Insbesondere die in rituellen Gewändern! Aber vielleicht sollte ich auch hierbei einfach den Rat von Mark Manson beherzigen: Don’t give a fuck, if it’s not absolutely necessary! In diesem Sinne… habt einen schönen Tag.

Auch als Podcast…

loyal, illoyal, scheißegal…?

Ist ein paar wenige Tage her, dass ich mit jemandem beim Essen saß und wir kamen auf das Thema Loyalität zu sprechen. Die Unterhaltung drehte sich auch um andere Themen, alles war auf das Arbeitsumfeld bezogen. Mein Gegenüber konnte, nach eigenem Bekunden, mit dem Konzept der Loyalität nichts anfangen. Vielleicht, weil ein “interessantes” Verständnis von Loyalität möglicherweise einer der Samen des Bösen sein könnte. “Ich war dazu verpflichtet xyz zu tun, weil…” wäre ein Hinweis darauf, das aus einer falsch verstandenen Verpflichtung gegegnüber wem oder was auch immer das Bedürfnis entstehen könnte, Dinge zu tun, die man eigentlich, so ganz allgemein als Mensch, nie tun würde. Hannah Arendt nannte das mal die “Banalität des Bösen”. Natürlich ist längst nicht jedes sich einer Organisation, einer Person oder einer Sache verpflichtet fühlen schon automatisch etwas Schlechtes. Allerdings möchte ich darauf bestehen, das Loyalität NIEMALS eine Einbahnstraße sein kann. Loyal gegenüber JEMANDEM bin ich, wenn wir einander in dem Vertrauen verbunden sind, dass die eingeforderte Verlässlichkeit nicht nur geschuldet sondern auch gegeben wird. Loyal gegenüber EINER IDEE, EINER SACHE kann ich nur sein, wenn diese im Einklang mit meinen moralischen Überzeugungen steht. In dem Moment, da diese Voraussetzungen nicht mehr erfüllt werden (“…das ist nicht mehr meine xyz…”), ist die Loyalitätspflicht aus meiner Sicht hinfällig!

Loyalität einzufordern, ist einer der Pfeiler organisationeller Machtausübung. Man nutzt das Gefühl des Verpflichtetseins, um “Untergebene” dazu zu bringen, bestimmte Dinge zu tun. Im Arbeitsverhältnis ist es so, dass ein definiertes Leistungsportfolio der Arbeitnehmer arbeitsvertraglich geschuldet wird. In aller Regel bezieht sich das auf die Anwesenheit für eine bestimmte Anzahl von Stunden an einem per Direktionsrecht festgelegten Ort, um dort, ebenfalls per Direktionsrecht festgelegte Aufgaben zu erfüllen. Dafür gibt es in größeren Unternehmen die sogenannte Stellenbeschreibung; in kleineren Betrieben ergeben sich die Aufgaben in aller Regel aus der Berufsbezeichnung der Angestellten. Ein Energieanlagenelektroniker macht üblicherweise nicht das Gleiche, wie ein Kaufmann im Einzelhandel. Klar soweit. Nun gibt es aber überall immer wieder Situationen, die gar nicht so klar im Arbeitsvertrag oder der Stellenbeschreibung geregelt sind. Und dann spielen Arbeitgeber oft die Loyalitätskarte, weil sie darauf setzen, dass man mit der Zeit eine gewisse Verbundenheit zu dem Geschäft aufgebaut habe (es ist genau DAS, was gerne mit dem überstrapazierten Begriff “Arbeitnehmerbindung” tituliert wird), stellen dabei manchmal auch Gegenleistungen in Aussicht, oder pochen darauf, “dass man das schon immer so gemacht habe”. KEIN SATZ KÖNNTE JEMALS IRGENDWO FALSCHER SEIN! Nur weil andere so blöd waren, sich ausbeuten zu lassen, gilt das für MICH noch lange nicht…

Wir sind hier letzten Endes im Bereich der Manipulation. Denn Macht kann – zumindest in den Grenzen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung – nur dann über mich ausgeübt werden, wenn ich dies auf irgendeine Art legitimiere. Konkludentes Verhalten, also sich stets an die Anweisungen zu halten auch “die Extrameile” zu gehen ohne zu murren und da zu sein, wenn man gerufen wird, genügt aus Sicht der Geschäftsführung vollkommen, um Machtansprüche zu legitimieren, die oft genug übergriffige Scheiße sind! Um hier ganz klar zu sprechen: ICH HASSE DIESEN BEGRIFF “EXTRAMEILE”, WENN ER VON CHEFS IM MUNDE GEFÜHRT WIRD, denn er meint im Kern “ich zahl’ dir schon genug, schaff mal ruhig ein bisschen was für Lau hier im Laden”! F***t euch! Denn das Problem an dieser Stelle ist die zuvor erwähnte Einbahnstraße. Viel zu oft tut man Dinge für den Arbeitgeber, ohne dass es dafür auch nur einen Futzel Kompensation gibt. Ich kann davon ein Lied singen, denn man hatte mich – einmal vor einigen Jahren – mit einer Aufgabe betraut, mir jedoch strikt untersagt, die für die Erfüllung dieser Aufgabe notwendigen Extrastunden aufzuschreiben. Da dürfte über die Jahre hinweg ein erkleckliches Sümmchen Zeit zusammengekommen sein. DEN FEHLER mache ich bestimmt nicht noch mal! Will heißen – Loyalität kann sehr leicht zu einer (Selbst)Ausbeutungsfalle werden; doch wenn es mal daran geht, im Gegenzug etwas auch nur zu erbitten, steht man plötzlich allein im Regen.

Fassen wir also zusammen: “Loyalität” ist ein Begriff dafür, einander in Vertrauen und Verlässlichkeit verbunden zu sein; auf der zwischenmenschlichen Ebene mag das von Fall zu Fall mehr oder weniger gut funktionieren; ebenso wie die Liebe. Da wir aber in einer hoch komplexen Welt leben, Loyalität auch von Organisationen gegenüber ihren Mitgliedern eingefordert wird und komplexe Organisationen vor allem für ihre Fähigkeit berüchtigt sind, Verantwortungsdiffusion zu einer Kunstform zu erheben, wird von Organisationen oft viel gefordert – aber nichts, oder zumindst nur sehr wenig gegeben. Daher finde ich den Begriff “Quiet Quitting” gar nicht so schlimm. Wenn ich irgendetwas über die vertraglich vereinbarte Leistung hinaus geben soll, ist das verdammt noch mal zu vergüten. Ansonsten könnt ihr euch mit eurem Loyalitäts-Geschwafel verpissen! Ich kann Corporate-Bullshit-Sprech von “auf einem guten Weg”, “das Team gemeinsam”, “Workplace-Family” und was weiß ich nicht noch alles nicht mehr hören. Ich will – hört ihr: ICH WILL – vernünftige Arbeitsmittel, einen angemessen temperierten und beleuchteten Arbeitsplatz und die Zeit, meine Aufgaben richtig zu machen. Denn wenn man von mir fordert es schnell-schnell zu machen… wie kommt ihr auf die Idee, das ich, wenn ich nicht mal die Zeit und die Mittel bekomme, es gut zu machen, ich dann die Zeit und die Mittel hätte, es ein zweites Mal zu machen? Aha…? Merkt ihr was? Also… Loyalität gibt’s bei mir nur für jene, die sie sich verdient haben. Beruht also auf Gegenseitigkeit. Und die Forderungen durch irgendeine Organisation sind mir erst einmal scheißegal, solange ich merke, dass ich jemandem scheißegal bin und nur irgendwelche Zahlen zählen; oder Leistung für lau. Dafür ist mir MEINE Lebenszeit zu kostbar! Denkt mal drüber nach, wenn ihr morgen wieder roboten geht…

Auch als Podcast…

500 Gramm gemischter Hass – Ich will Life-Work-Balance!

Egal was ich mit meiner Zeit anstelle, egal wie weit ich vor meinem normalen Leben und meinen Verpflichtungen davonlaufe, egal wie schön es dort ist und was ich unterwegs alles erlebe, egal wie sehr ich daran glauben möchte, dass die – subjektiv überquellende – frische Energie mir erhalten bleibt… jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, sind die alten Gedankenspiralen wieder da. Dann dreht sich wieder alles um Job, Stress, soziale Gerechtigkeit (oder besser, den erheblichen Mangel daran) und die Frage, wie ich mit all dem umgehen kann. JEDES. GOTTVERDAMMTE. MAL. Ich bin derzeit nicht verzweifelter als sonst auch. Ich lebe ja in einer Welt, in der du den “News” nicht entkommen KANNST. Und ich kann mit dem Denken als solchem leider auch nicht aufhören. Das ginge nur, indem ich mir den Kopf wegschösse – und das kommt überhaupt nicht in Frage! Daher spiegelt sich meine eigene (Über)Lebenrealität in den, derzeit immer und überall wieder aufkeimenden Diskussionen um die Frage, ob wir Deutschen zu viel oder zu wenig arbeiten, ob wir zu viel auf die Work-Life-Balance achten, oder schön brav das Bruttosozialprodukt mehren. Hierzu hätte ich fünf Antworten, die nicht jedem schmecken werden:

  • (1) Die Deutschen: Die mit diesem Begriff insinuierte Grundgesamtheit GIBT ES NICHT! Lest die Sinus-Milieus, beschäftigt euch mal ein Mü mit Sozialwissenschaft (keine Sorge, das tut gar nicht weh) und ihr werdet verstehen, dass eine Nationalstaatliche Volksgemeinschaft, wie sie unsere verf*****n Nazi-A*********r von der AgD zu beschwören versuchen NICHT EXISTIERT! PUNKT! Es gibt jede Menge, sehr unterschiedlich strukturierter Gruppen innerhalb der Bevölkerung; und innerhalb dieser Gruppen gibt es jede Menge Individuen. Ein Lebensentwurf, war, ist und bleibt – ganz nüchtern betrachtet – immer etwas hoch individuelles. Woraus folgt: die Aussage, dass DIE DEUTSCHEN zu wenig arbeiten würden KANN NIEMALS WAHR SEIN, weil es diese Deutschen als Gruppe überhaupt nicht gibt. Das manche Individuen oder auch ganze Gruppen eher zu wenig arbeiten ist ein völlig anders zu betrachtender Sachverhalt. Und da würde ich zuallererst mit der Neubeuteilung von leistungslosem Einkommen anfangen.
  • (2) Was ist viel, was ist wenig? Die Erwerbsquote (also die Zahl der Menschen in Lohn und Brot) ist seit 1991 (also seit der Wiedervereinigung) im Mittel gestiegen; und zwar durch einen kräftigen Anstieg bei den berufstätigen Frauen. Die durchschnittliche Arbeitszeit ist derweil gesunken, weil diese ganzen Frauen deutlich häufiger in Teilzeitbeschäftigungen unterwegs sind, als die Männer. Wir arbeiten aber im Mittel NICHT WENIGER, SONDERN MEHR. Und von den ganzen unbezahlten Überstunden will ich gar nicht erst anfangen. Die Arbeitsproduktivität (also das BIP/Arbeitsstunde) ist bis zum Beginn der Pandemie und den folgenden Krisen (Ukrainekrieg, US-Zollpolitik, etc.) gestiegen und stagniert seitdem; was nicht an weniger Arbeit(sbereitschaft) liegt, sondern an der sich eben ändernden Weltsituation. Und daran, dass die CDU/CSU (wechselnd mit FDP und SPD als Sekundanten) 16 Jahre lang auf Verschleiß gefahren ist und den Bürger*innen die negativen Folgen einer globalisierten Wirtschaft schöngelogen hat. Nun hamwer den Salat, wa…
  • (3) Wem kommt mehr Arbeit zu Gute? Ganz einfach – in unserem System zuallererst und vor allem denen, die den Kanal eh schon voll genug haben. Kann man sich schönlügen, indem man glaubt, dass eine veränderte Steuerpolitik auch den Mittelstand killen würde. Genau das Gegenteil ist der Fall, denn die Geschenke, welche unsere aktuelle Regierung einmal mehr den Reichen macht, sollen zu Lasten der Ärmsten gehen (spart mal 5.000.000.000 beim Bürgergeld ein, hat Herr Merz gesagt); und zu Lasten des Mittelstandes. Solange also keine Entlastung bei Steuern und Abgaben in Sicht ist, werden die Meisten sagen “Leck mich am Arsch mehr Arbeit…”; und wisst ihr womit – mit Recht. Hatte ich eigentlich schon von der dringend notwendigen Neubewertung leistungslosen Einkommens gesprochen? Oder von asozialer Kapitalagglomeration? ICH gehe jedenfalls nicht mehr arbeiten, damit jemand anders was davon hat.
  • (4) Propaganda: Wo auch immer du hinkuckst, finden sich willfährige Apologeten des “Ihr arbeitet alle zu wenig”-Narrativs. Manche davon wissen sehr wohl um die beschriebenen Mechanismen – und manche labern einfach nur die tendenzöse Scheiße nach nach, welche ihnen die Drecks-Springerpresse seit Jahrzehnten als “Nachrichten” getarnt in den Hals stopft. Es wäre einfach, sich zu informieren. Und es braucht auch keinen übermäßigen Intellekt, um zu verstehen, warum man immer schön alle möglichen gesellschaftlichen Gruppen gegeneinander ausspielt, indem man Feindbilder aufbaut. Je nach Tageslage sind die Feinde unserer Gesellschaft: Migranten, die Grünen, Bürgergeldempfänger, die Linke, psychisch Kranke, Veganer, Feministen, die nächstältere oder nächstjüngere Generation, Wissenschaftler, etcpp.. Dabei gibt es für unsere Gesellschaft nur einen Feind – den entfesselten, konsummaterialistischen Kapitalismus und seine Nutznießer. Aber hey, was weiß ich schon…
  • (5) Und die Jüngeren…? Die schauen in die Röhre, weil Rentner und Renten-Anwärter den größeren Teil der Wählerschaft ausmachen und so gut wie KEIN. EINZIGER. POLITIKER. weiter schaut, als bis zur nächsten Wahl. Es geht nicht mehr um “die Sache” (also Wirtschafts- und Sozialpolitik, die untrennbar miteinander verbunden sind), es geht nur noch darum, der (mutmaßlichen) eigenen Klientel die eigenen Handlungen so zu vekaufen, dass es nicht vollkomnmen danach aussieht, als würde man ohne Hemmungen für’s Kapital geschröpft. Wer allerdings nicht zu den oben genannten Klienteln gehört, der hat schlicht Pech gehabt, weil seine Stimme zu wenig wiegt, als dass sie irgendetwas bewirken könnte. Denn CDU/CSU betreiben wie eh und je in den letzten 20 Jahren den Ausverkauf der Zukunft auf Kosten kommender Generationen. Wäre ICH in der Situation, würde ich mir auch kein Bein rausreißen, um es den alten faulen Säcken noch ein bisschen bequemer zu machen!

Zusammengefasst: NEIN. WIR. ARBEITEN. NICHT. ALLE. ZU. WENIG! Manche von uns gewiss, aber bei den Allermeisten ist die Aussage einfach nur riesengroßer Quatsch! Ich kann jedenfalls an mir keine Faulheit bemerken. Eher das Gegeteil. Ich möchte eigentlich einfach nur etwas mehr Zeit für mich und meine Projekte. Aber hey… wir werden sehen. genug geranted. Morgen geht’s wieder los, der Urlaub ist rum. Euch allen einen gediegenen Start.

Auch als Podcast…

Bienvenue en Normandie – Zwischenspiel…

Ich war gestern schon am frühen Abend müde. Eigentlich keine Feststellung, die es wert ist, in einem Blogpost festgehalten zu werden. Allerdings suchte ich nach einem eher leichten Reisetag (Ausschiffen und durch den Zoll in Cherbourg, gefolgt von einer 2,5h Spazierfahrt durch die Nomandie, um zu unserer letzten Location für diesen Urlaub zu kommen) nach einer Begründung für meine Mattigkeit. Ich fand sie in der Idee, dass viele neue Eindrücke kognitiv Last erzeugen und damit Energie verbrauchen, selbst, wenn man physisch gar nicht so viel tut. Lässt sich vermutlich sogar wissenschaftlich begründen, darum soll es hier aber gar nicht gehen. Viel mehr fragte ich mich, ob ich mich selbst – in meinem derzeit immer noch angeschlagenen mentalen Zustand – mit dieser Reise nicht überfordere? Wir machen viele Kilometer (am Ende werden es ca. 4.000 mit dem Auto und 1.400 mit dem Schiff gewesen sein) durch Belgien, Frankreich, Irland. Wir haben eine Menge gesehen und erlebt. Bislang hatte ich eher den Eindruck, dass der dadurch entstehende Abstand zu den anderen Verpflichtungen in meinem Leben mir gut täte. Meine wieder erwachte Kreativität hatte ich ja schon thematisiert. Und doch merke ich, dass es dann langsam mit hierhin und dorthin und dies hier noch anschauen (weil man nicht so schnell oder gar nie wieder da hin kommt) und jenes noch besichtigen einfach genug ist. Mein Körper darf ruhig Bewegung erhalten, aber mein Hirn braucht dann jetzt doch mal die Hängematte zum verschärften Verdauen. Momentan unterstützt mich das Wetter ein bisschen, denn auch hier in der Normandie bleiben wir von Wind und Regen nicht verschont. Da will man nicht unbedingt vor die Tür.

Und doch… wenn ich daran denke, nächste Woche um diese Zeit schon wieder arbeiten zu müssen, wird mir das Herz schwer. Dann werde ich mir vermutlich wünschen, in einem schönen Ferienhaus durch das Fenster dem Regen zuschauen zu dürfen, nachdem ich die wenigen sonnigen Stunden des Tages für einen Ausflug genutzt hatte. Oft fühlt sich meine Arbeit nicht wie ein Müssen an; doch derzeit stecke ich in einer Krise fest, die mich nicht loslassen will. Und ich konnte ein Weile gar nicht mal sagen warum. Nun jedoch denke ich, dass ein Teil von mir ganz genau weiß, dass ich mit meinem Leben etwas vollkommen anderes anfangen möchte, während der moralinsaure Besitzstandswahrer rumjammert, dass ich nichts verändern darf, weil Verantwortung und Einkommen und Lebensstandard und Leitungsposition und Einfluss und Gestaltungsmöglichkeiten… Schön und gut, aber letztlich gestalte ich im Moment genau nichts von dem, was zu gestalten ich berufen und befähigt wäre, weil alle Anderen rings umher aus wirtschaftlichen, politischen und sonstigen Erwägungen auf der Bremse stehen. Ich habe also keinen – oder zumindest subjektiv nur wenig – Einfluss, sondern verwalte. Und halte meinen Arsch hin für alles, was Anderen nicht in den Kram passt. Was soll ich hier also noch? Was genau lässt mich verweilen? Ich kann’s euch ganz genau sagen – mein Team! Die Leute, die jeden Tag auf’s Neue an meiner Seite in den Ring steigen und gegen all diese Widerstände verdammt gute Arbeit abliefern. And that’s it. Wären die nicht mehr da, wäre ich auch weg. Und vermutlich umgekehrt genauso. Das war bei meinem vorherigen Arbeitgeber genauso. Letztenendes wiederholt sich wohl alles auf die eine oder andere Weise.

Um das alles zu wissen und trotzdem irgendwie nicht vom Fleck zu kommen, ist gelinde gesagt desillusionierend. Immer wieder habe ich Ideen, was ich tun oder auch lassen könnte, um die Dinge für mich in Schwung oder aber in Ruhe zu bringen. Immer wieder setze ich mich mit diesen Ideen auseinander, beginne zu planen, mach mir Vorstellungen… und lasse es dann doch sein! Teils aus Angst vor der eigenen Courage, teils aus Vorsicht, weil ich nicht nur für mich selbst verantwortlich bin. Aber eigentlich ist das alles nur eine beschissene Ausrede! Denn mit dem was ich kann, kann ich ziemlich viel! Jedenfalls genug um auszusteigen und ES (also meine Arbeit) woanders auf andere Weise zu tun; und zwar auf eigene Rechnung. Wann ich endlich den Arsch hochkriege? Keine Ahnung, aber die Zeit wird langsam knapp. Für den Arbeitsmarkt bin ich bereits ein alter Knochen und auch Hochqualifizierte haben’s als Ü50er nicht leicht. Also hoffe ich von Urlaub zu Urlaub, endlich die nötige Energie zu finden, alles auf NULL zu stellen und noch mal durchzustarten. Zumindest kann ich sagen, dass es – der anfangs erwähnten kognitiven Erschöpfung zum Trotz – bislang sehr gut getan hat, andere Dinge gesehen und getan zu haben. Diesen Schwung mitzunehmen gelingt mir allerdings nicht immer richtig gut. Oft braucht es nur einen einzigen Arbeitstag um wieder Urlaubsreif zu sein. Ich könnte also Tipps gebrauchen, wie es dieses Mal besser klappt. Doch falls ich keine bekommen sollte – die nächste Reise kommt bestimmt. Und damit auch neue Hoffnung. Wir lesen uns, wenn ich wieder daheim bin. Bis dahin gute Zeit.

Beannachtaí na hÉireann N°13 – performative…?

Ich habe in den unendlichen Weiten des Internets mal wieder etwas dazu gelernt, nämlich dass es wohl sogenannte “performative males” gibt; also Männer, die bewusst das Image eines woken, feministischen, sanften, “modernen” Mannes kultivieren, um damit auf Frauenfang zu gehen. Also mit anderen Worten eine gefällige Fassade aufbauen, die danach trachtet, für Mädels attraktiv zu sein, ohne jedoch tatsächliche Substanz zu haben. Dabei spielen wohl bestimmte Kleidungscodes, Musikgeschmäcker und Accessoires eine Rolle, die heutzutage eine Gesinnung symbolisieren sollen. Früher nannte man sowas übrigens “so tun als ob”, “Schauspielern”, “Manipulation” oder was auch immer. Es ist ja nicht so, dass es nicht schon zu allen Zeiten Männer gegeben hätte, die sich als Frauenversteher inszeniert haben, um Mädels rumzukriegen – und sich dabei einen Scheiß für die Belange der Frauen interessiert haben. Das war schon immer mysogyn, daran ändert auch ein neues Hashtag jetzt eher wenig. Was mich heutzutage allerdings immer wieder f***t, ist der Umstand, dass man wirklich ALLES zu einem instagrammierbaren Trend stylen oder Tiktokerisieren muss. Diejenigen, welche darüber berichten und es bewerten, um sich darüber wahlweise mokieren oder echauffieren zu können, sind dabei im Übrigen selbst nichts weiter als performative Aufmerksamkeitshuren. Hauptsache die Shitstorm-Schleuder läuft immer schön auf Hochtouren, denn Klicks verkaufen… was auch immer. My five Cents: wer nicht in der Lage ist, solche Fake-Feminists zu erkennen, sollte sich vielleicht weniger mit den sozialen Medien sondern mehr mit echten Menschen befassen. Das schult die Sinne. Aber was weiß ich schon…

Mich überkam dabei natürlich auch die Frage, welche “performativen” Aspekte ich an mir selbst wahrnehme. Und ihr müsst jetzt stark sein, denn ich muss euch jetzt leider Folgendes mitteilen: wenn das Adjektiv “performativ” neuerdings als Synonym für das Vorspiegeln falscher Tatsachen (also “Lügen”) herhalten muss, anstatt als Indikator für das Erbringen einer Leistung (auf welchem Gebiet auch immer), bin ich endgültig raus. Ja ich bin performativ. Aber eben im letzteren Sinne; und auch nur dann, wenn ich es entweder a) für sinnvoll und angebracht halte, oder b) dazu auf Grund meines Anstellungsverhältnisses durch das mit Geld Beworfen Werden genötigt bin. Und was mein Äußeres und meinen Habitus angeht – ich sehe seit knapp 30 Jahren immer gleich aus. Ich folge keinen Trends (zumal ich in den Klamotten, die für “performative males” beschrieben werden Sch***e aussähe), ich trinke kein Matcha, ich trage keine dämlichen Kappen und ich hasse In-Ear-Kopfhörer. Lediglich den Jutebeuteln kann ich etwas abgewinnen. Allerdings schon seit knapp 35 Jahren… Zu was macht mich das jetzt? Keine Ahnung.Aber die Debatte, ob ich für einen white middle-aged cis-gender male hinreichend feministisch eingestellt bin, führe ich sicher nicht mit irgendwelchen random Deppen im Internet, sondern mit meinen Lieben. Wofür hat man drei Mädels zu Hause! Ich finde es jedenfalls extrem schwierig, dass man immerzu alles zu einem “Trend” einer “Bewegung” oder einem “neuen sozialen Phänomen” machen muss, ohne mal darüber nachzudenken, oder – Gott behüte! – zu recherchieren, was zuvor schon war. Denn so wenig, wie irgendeine Geschichte, die heute erzählt wird vollkommen neu ist, so sind es irgendwelche sozialen Artefakte. Lediglich die Einordnung mag sich ändern. Für mich bleibt der ganze Schmonz einfach nur Click- oder Ragebait. Aber ihr dürft natürlich denken, was ihr wollt.

Für mich viel wichtiger ist nun die schmerzliche Tatsache, dass wir morgen Irland “farewell” oder “Slán”sagen müssen; auch wenn das Wetter die letzten Tage eher durchwachsen blieb, nehme ich einerseits eine Menge schöner Erinnerungen mit, andererseits aber auch – zumindest für jetzt – auch einen erheblichen kreativen Schub, der mich echt glücklich macht. Außerdem warten noch eine weitere Fährfahrt und die dritte Station unserer Reise auf uns. Doch davon werde ich in der kommenden Woche sicher auch noch zu berichten wissen. Bis dahin bleibt immer schön performativ im richtigen Sinne und habt einen guten Start in die kommende Woche.

Beannachtaí na hÉireann N°12 – Keepsakes

Die Heimstadt der Lieben und meiner Wenigkeit ist ein ziemliches Durcheinander. Könnte daran liegen, dass Menschen drin leben. Könnte auch dran liegen, dass manche dieser Menschen es mit dem Thema aufräumen nicht so genau nehmen. Könnte ebensogut auch daran liegen, dass diese Menschen dauernd an irgendwas rumexperimentieren, basteln, bauen, wasweißichen. Und schlussendlich daran, dass sie aus dem Urlaub immer wieder irgendsoein Zeuch mitschleppen, dass die Funktion eines Andenkens erfüllen soll. Nun ist es nach meiner Erfahrung so, dass die allermeisten Andenken bei Erblicken am Reiseort kurz angestaunt, ja sogar angeschmachtet werden, um dann unrühmlich in eine Tüte gestopft davon geschleppt zu werden. Zunächst noch häufiger beachtet müssen sie dann aber irgendwann für die Rückreise eingepackt werden; bei UNS gibt es zum Glück ja keine Gewichtsbegrenzung für das Handgepäck – außer dem oberen Beladelimit des Fahrzeuges. Das mag anderen anders gehen. Nach dem Auspacken zu Hause allerdings werden die Sachen (mit Glück) in einem Regal zu verstauben, oder (mit Pech und wahrscheinlicher) in irgendeinem Karton zu landen, der Jahre später, wenn einen mal wieder die Aufräumwut packt, in den Müll fliegt. Ganz, ganz selten nimmt man dabei das ehemalige Objekt der Begierde noch mal zur Hand, erlebt diesen “Ach ja, damals…”-Moment… und dann fliegt es zumeist trotzdem. Eines der traurigeren Kapitel unseres heißgeliebten Konsummaterialismus’.

Natürlich entwickelt man zu einigen, ausgewählten Stücken unter Umständen über die Zeit eine besonderes Verhältnis. Aber die eigentliche Funktion, sich an einen schönen Ort, einen besonderen Tag, ein erhebendes Erlebnis erinnern zu wollen, geht zumeist in der industriell geformten Beliebigkeit der Objekte verloren. Denn irgendein 1000fach verkaufter Nippes, den ich mir in einem Souvenirgeschäft mal eben mitnehme, hat natürlich mit zeitlichem Abstand ungefähr genausoviel Bezug zu mir und meinen Gefühlen für den Ort oder das dort Erlebte, wie der Sitz in der Straßenbahn, auf dem ich morgens am ersten Tag nach dem Urlaub meinen Allerwertesten postiere. Is also für den Arsch. Ich wanderte dieser Tage durch einen reizenden Ort, ganz hier in der Nähe und selbstverständlich gibt es auch dort Shops, die sich hauptsächlich an Touris richten. Ich richtete, nachdem ich das sonstige Angebot mit der üblichen Ernüchterung studiert hatte, meine Schritte noch flugs zum örtlichen Buchhändler, ohne irgendetwas besonderes zu erwarten – und erblickte doch tatsächlich im Schaufenster ein paar gebrauchte Graphic Novels, die stante pede mein Interesse erregten. Ich hab sie für einen lachhaften Preis mitgenommen – allerdings nicht, ohne mit der reizenden älteren Dame, welche das Geschäft führt, einen netten Plausch über dies und das – und natürlich auch Graphic Novels – geführt zu haben. Das ist eine nette Erinnerung, der ich lange gedenken werde; und bei der ich nebenbei noch was über den Ort und die Leute gelernt habe. Und dass es offensichtlich noch andere Interessenten gab. Haha, zu spät, ihr Zögerlichen… 😉

Die Tage stand jemand an unserem Auto und offenbarte freimütig, dass er dereinst in unserer Heimatstadt studiert habe, aber jetzt hier lebe. Und er meinte, nachdem ich von Rundreise gesprochen hatte, die irische Kultur, dass seien nicht die alten Steine, oder die faszinierende Landschaft, sondern vor allem die Menschen, die hier leben. Natürlich ist das für jedes Land der Welt gültig, aber wenn ich eines über die Iren gelernt habe, dann, dass sie auf ihre Geschichte verdammt stolz sind und, dass das Land die Historie und die Menschen (mit)geformt hat. Und ich suche mir auch im Urlaub gerne aus, mit wem ich einen Plausch führen möchte und wem eher nicht; zu viele Sozialkontakte sind derzeit noch nicht so gut für mich. Daher sind für mich jedoch optische Zeugnisse unserer Reisen (also die vielen Fotos, die ich mache), zumindest für mich, die besten Keepsakes. Zumal sie im Zeitalter der Digitalfotografie nur dann irgendwo irgendwas anderem Platz wegnehmen, um sich als Staubfänger andienen, sofern ich mir die Mühe mache, sie auszudrucken. Das passiert zumeist nur im Kleinformat für meine privaten Journale, die ich ansonsten von Hand vollschmiere. Fallen die jemals dereinst einem Archäologen in die Hand, wird er einen Doktor der Kritzologie zum Entziffern hinzuziehen müssen. Für mich gilt, dass Andenken am besten durch einen selbst gestaltet werden und nicht durch nutzlosen Konsum. Meine Graphic Novels werde ich trotzdem genießen. Euch ein schönes Wochenende.

Beannachtaí na hÉireann N°11 – We’re in for nasty weather…

Habt ihr auch schon mal so eine Bewertung eines Urlaubsdomizils gelesen, wo jemand hart abwertet, weil das Wetter nicht so gut war, wie gewünscht? Habt ihr euch dann auch schon mal gefragt, wie wahrscheinlich es ist, dass diese Person in den Himmel kommt, denn selig sind ja die, die geistig arm sind…? Als wenn mein Ferienhaus irgendwas für das regionale Wetter könnte. Aber hey, Menschoide bewerten ja auch Restaurants schlecht, weil man zu Hause das Schnitzel günstiger haben könnte. [EXKURS: Eine Bewertung soll abbilden, ob ein Produkt oder eine Dienstleistung ein gewisses Qualitätsniveau hat. MICH selbst interessieren dann nicht irgendwelche Kontextfaktoren, sondern inwiefern DIESES Produkt oder DIESE Dienstleistung den gängigen Anforderungen entspricht. Und die Sternchen symbolisieren umgekehrt proportional zu Schulnoten, was Phase ist; 5 Sterne sind also eine 1+, ein Stern eine 5 (also mangelhaft). Und ein “Mangelhaft” hat etwas nur verdient, wenn das Ding selbst die Anforderungen nicht hinreichend erfüllt. Nicht jedoch, wenn der Paketbote dumm ist, oder der Händler teurer als andere, oder ich von einer Sache etwas erwarte, was diese Sache PER DEFINITIONEM nicht leisten kann. EXKURS ENDE]. Wir – also meine Lieben und ich – sind ja nun derzeit in Irland, spezifisch im County Kerry, also an der südwestlichen Spitze der grünen Insel. Hier hat es – dank des Golfstroms – das mildeste Klima; allerdings ist es ebenfalls die regenreichste Region des Landes. Sowas weiß man übrigens, BEVOR man irgendwo hinreist. Ich hatte mich also NICHT auf einen Sommersonnestrandurlaub eingestellt, sondern auf wilde Landschaft, alte Steine und evtl. Abende am Kaminfeuer. Oder, wie der Bootskapitän, der uns nach Innisfallen Island gefahren hat mit einem Schmunzeln meinte: “Yeah, in Kerry it rains twice a week. The first time three days, and the second time four days…”

Um’s kurz zu machen – ja wir haben Regen gesehen, und auch sonst recht viele Wolken. Ebenso aber auch blauen Himmel mit hinreichend Sonne und Temperaturen immer so um die 20°C, die sich meist jedoch eher wie 25°C anfühlen. Oder anders gesagt – ideales Ausflugswetter. Also haben wir Ausflüge gemacht. Und wenn das Wetter dies mal nicht zulässt, ist unser Cottage heimelig genug, es auch drinnen auszuhalten. (das da oben ist übrigens NICHT unser Cottage, sonder eines der Gemäuer auf Innisfallen…). Um auf die geistig armen zurückzukommen… es war noch nie meins, mich nutzlos untätig auf dem waagrechten Human-Grill liegend Niedertemperaturgaren zu lassen. Zumal das Fett leider dabei nicht unten raustropft. Und nachdem ich die Tage über die demütige Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit im Angesicht der hierorts überall erlebbaren Naturgewalten referiert hatte, sei nun angefügt, dass auch meine Kreativität erheblich profitiert. Wenn ich quasi ein bisschen dazu gezwungen bin, mich mit wenigen Dingen zu beschäftigen – mit denen dafür aber umso intensiver – ist es nur eine Frage der Zeit, bis etwas Brauchbares entsteht. Insofern möchte ich mich über den Regen, der heute immer wieder über Kenmare Bay und unserem Häuschen niedergeht in keiner Weise beklagen. Vielleicht ist es einfach so, dass das eigenen Anspruchsdenken der größtmögliche Feind ist. Allzu oft glauben wir, dass uns irgendetwas zusteht, einfach weil. Allzu oft fühlen wir uns um irgendetwas betrogen, weil die Dinge nicht so laufen, wie gewünscht; wahlweise ist daran die Politik schuld, der Vatikan, die Illuminaten, die Reptiloiden, irgendeine andere Weltverschwörung, oder einfach nur “…die da oben111!!!111!”. Kleiner Tipp: so geschwätzig und blöd, wie die allermeisten Menschen sind, wäre es schlicht unmöglich irgendeine Hollywoodreife Verschwörung auch nur für drei Stunden aufrechtzuerhalten…

Lasst uns kleinere Brötchen backen und die Dinge einfach so nehmen wie sie sind. Lasst uns ein bisschen fatalistischer sein. Lasst uns nicht gleich alles zur Katastrophe erklären, nur weil wir gerade nicht bekommen haben, was wir wollen. Lasst uns etwas genügsamer sein und das schätzen lernen, was wir bekommen. Ich rede nicht davon, Ungerechtigkeit laufen zu lassen. Aber ich rede davon, dass wir alle einfach immerzu, von allem, sofort und viel zu viel wollen. Immer nur haben wollen; aber möglichst nichts geben. Darum gebe ich euch heute eine Aufgabe: tut irgendjemandem etwas Gutes, ohne nach einer Belohnung zu fragen! Erfreut euch an einem kleinen Augenblick! Setzt euch hin (und sei es nur für fünf Minuten) und denkt darüber nach, was am heutigen Tage das Schlimmste war – und was das Beste! Schreibt eure Gedanken auf einen Zettel und hebt ihn irgendwo auf. Und dann macht das in Zukunft öfter. Es wird euch die Augen öffnen, wenn ihr nur wollt. Schönen Tag noch…

Beannachtaí na hÉireann N°10 – Insight…

Wenn du dich nur am Rande mit der Welt befasst (und ja, sie befasst sich natürlich dennoch mit dir, egal ob du willst oder nicht), fliegt die Zeit nur so dahin. Die Tage fließen ineinander, die Erlebnisse, groß und klein, reihen sich wie Perlen auf einer Schnur. Und während du dich nur einmal kurz umgedreht und GELEBT hast, ist fast eine Woche dahin. Kein Grund zur Klage; vielleicht zur Verwunderung, aber sicher nicht zur Klage. Denn egal, was sich auch hinter irgendwelchen zukünftigen Zeitpunkten verbergen mag – genau hier und jetzt ist alles genauso, wie es sein soll. Und ich bin Gandalf. Denn ein Magier kommt niemals zu früh, oder gar zu spät. Er erscheint IMMER zur rechten Zeit. Und ich habe sogar einen Teil meines Zaubers wiedergefunden, konnte ich doch meine monatelange Schreibblockade überwinden. Wer weiß, vielleicht wird dat DIng doch noch dieses Jahr fertig. Was ich derzeit immer wieder bemerken darf, ist ein unerhörtes Aufleben meiner Sinne im Angesicht der atemberaubend schönen Landschaft. JA, wir haben auch alte Steine gesehen… aber die Natur-Szenerien lassen mich neu verstehen, warum die Menschen hier sehr lange (manche wohl bis heute) an mystische Wesen geglaubt haben. Denn mancher Ausblick führt einen – subjektiv – fort in eine andere Welt. Ich bin Fan des Fantastischen und natürlich spreche ich eben über mich. Was anderen durch den Kopf geht, wenn sie so etwas sehen, kann ich natürlich nicht wissen. Aber keine Sorge – ich wälze beim Durchschreiten dieser inspirierenden Lanschaft nicht nur TTRPG-Szenarien…

Allzu gerne lassen wir uns von Äußerlichkeiten ablenken. Allzu gerne ist es das Materielle, das zum Fokus unseres Suchens und Sehnens wird. Allzu gerne hetzen wir von A nach B nach C, immer in dem (Irr)Glauben, ALLES müsse schnell-schnell und effizient sein. Allzu gerne vergessen wir, wie verfi**t vergänglich wir sind. Allzu gerne versuchen wir, unser Licht heller scheinen zu lassen, indem wie jemand anders in den Schatten stellen. Und allzu gerne sonnen wir uns in der Illusion, Meister unserer kleinen Welt zu sein. Alles Mumpitz. Wenn du schließlich da oben stehst, auf diese gewaltige Szenerie hinunterschaust und mit einem Mal WEISST, dass das alles schon da war, als an dein Land, deine Stadt, deine Famile, DICH und dein verzweifeltes Bemühen, jemand oder etwas sein zu wollen noch nicht einmal ein einziger Gedanke verschwendet worden war; und dass es noch da sein wird, wenn du schon ein Dutzend Generationen lang zu Staub zerfallen sein wirst – dann begreifst du vielleicht endlich, dass du dein Leben nicht für irgendeine Ideologie, irgendeinen Hass, irgendeine Gier, irgendein fernes Ziel, irgendjemand anderes Agenda leben solltest, sondern für DICH, und deine LIEBE, HIER und JETZT. Vergiss den ganzen Tand und sei endlich mal ein Mensch. Ist natürlich leichter gesagt als getan, da wir alle eingespannt sind in ein – mal mehr mal weniger sichtbares – Netz aus Verpflichtungen, Bedürfnissen, Ideen, Wünschen, Überzeugungen und Normen. Aber nur weil etwas bislang immer so gewesen ist, stellt noch keinen hinreichenden Grund dar, dass es auch in Zukunft so bleiben muss. Wir wählen (zumindest in MEINER Heimat) unser Gift und unsere Waffen immer noch selbst… Darüber nachzusinnen, wie ich mich von manchen Dingen freimachen kann, passiert daher gerade mehr oder weniger von selbst

Ob man für diese Erkenntnis bis nach Irland fahren muss? Ne, vielleicht langt auch der Pfälzer Wald. Jedoch habe ich für mich ganz persönlich die Erfahrung gemacht, dass der Entkopplungsprozess, der schließlich solche Gedanken in Bewegung setzt bei mir ein paar Tage braucht, bis er volle Wirkung entfaltet; dazu muss man halt ein bisschen unterwegs sein. Und überdies kratzt es mich einen Scheiß, was andere darüber denken. Wer nach Malle fliegt oder eine Kreuzfahrt bucht, braucht sich über eine Reise nach Irland mit der ganzen Familie im eigenen PKW nicht zu beklagen. Ihr könnt euch die Ökobilanz ja mal selbst ausrechnen, wenn’s nicht zu viel Mühe macht. Das ich mich für die Reisen, die wir uns leisten nicht schäme, habe ich an anderer Stelle bereits dargelegt. Was wird aber nun tatsächlich am Ende hängenbleiben? Das weiß ich noch nicht, da ich a) weder im Traum, noch in der Realität wirklich Meister meines Schicksals bin, b) so wenig wie jeder andere Mensch hinter die Mauer der nächsten Sekunde blicken kann und c) Ideen und Pläne oft erst einmal reifen müssen. Außerdem kann ich ja nicht alles sofort in die Öffentlichkeit rausposaunen. Nur so viel: für’s erste sind wir noch ein Weilchen unterwegs. Und entlang des Weges warten noch weitere, sicherlich höchst faszinierene An- und Ausblicke; über welche ich hier evtl. berichten werde. Bis dahin für euch da draußen einen schönen Sonntagabend und einen guten Start in die neue Woche.

Beannachtaí na hÉireann N°9 – Back again…

Das Länderkennzeichen für Irland auf Nummernschildern lautet IRL. Kann man auch mit “In Real Life” übersetzen. Was es mit diesem Gedankensprung (für mich) auf sich hat, möchte ich in Kürze erläutern, doch zuvorderst sei Folgendes ausgesprochen: JA, ich gebe es gerne zu das ich den Sommer in Mittelitalien LIEBE! Aber das hier (ein nicht zu kleines Cottage direkt an der N70, auch “Ring of Kerry” geheißen, mit unverbautem Blick auf Kenmare Bay) ist mal eine Hausnummer, die sich sehen lassen kann; denn zu sehen gibt es hier so einiges. Bereits die letzten paar Dutzend Kilometer Anfahrt haben in mir spontan die Erinnerung an unseren letzten Aufenthalt in Irland geweckt. Die Landschaft, die enge Straße, der letzte, höchst bunte kleine Ort vor unserem völlig frei steheden Refugium – Seele auf Suche nach Frieden, was willst du mehr? All in (also mit dem 2-Tages-Schlenker über Brügge und der Fährfahrt Cherbourg -> Dublin) waren wir in den letzten 4 Tagen aber auch insgesamt über 2200 KM unterwegs. Und hier wird es auch die eine oder andere Tour zu fahren geben. Denn es gibt viel zu knipsen 😉 Unsere neuerliche Reise nach Éire lässt mich also, vom Start weg, keinesfalls unbeeindruckt zurück.

Urlaub soll ja eine Auszeit von der allzu durchgetakteten Normalität des Alltags sein. Denn oft genug kommt man sich in seinem sonstigen Leben nur noch wie ein NPC (also ein Non-Player-Character) vor; wer jetzt nicht weiß, was das ist, liest es bitte hier nach. In aller Kürze beschrieben bedeutet dieses Gefühl, subjektiv nicht die Kontrolle über bestimmte Rahmenbedingungen der eigenen Existenz zu haben, seine Entscheidungen nicht einfach frei treffen zu können, weil irgendwelche Algorithmen diese Freiheit begrenzen (z. B. die Notwendigkeit den eigenen Lebensunterhalt in abhängiger Lohnarbeit bestreiten zu müssen), schlicht seine Bedürfnisse hintenan stellen zu müssen; sich insgesamt also fremdgesteuert zu fühlen. Vollkommen unabhängig davon, wie sehr man tatsächlich fremdgesteuert wird (oder auch nicht), führt diese Empfindung natürlich dazu, sich aus dem engen Geschirr des Alltags herauswinden und mal etwas Anderes machen zu wollen. Und weil wir Menschen diesbezüglich alle zumindest ähnlich gestrickt sind – und Arbeitgeber überdies heutzutage keine Peitsche mehr benutzen dürfen, um Compliance mit IHREN Bedürfnissen herzustellen – ist Urlaub eine der Maßnahmen, die der Wiederherstellung der Fähigkeit zur Erduldung des NPC-Daseins dienen sollen. Obacht – mir ist bewusst, dass diese Darstellung polemisch überzogen wirken mag; jedoch komme ich nicht umhin, auch für mich feststellen zu müssen, dass mich das Leben im Dienste Anderer in letzter Zeit in einem Maße angekotzt hat, dass der Gedanke, sich frei zu machen (oder selbstständig) immer charmanter in meinen Ohren klang. Aber ich kann natürlich immer nur für mich selbst sprechen. Überdies waren (und sind) da natürlich Verpflichtungen, die man nicht einfach so hinschmeißt, was aber das NPC-Gefühl verstärkt, weshalb die Verpflichtungen… wie man es auch dreht und wendet: es bleibt ein Teufelskreis, wenn man erst mal ein gewisses Level an Frustration erreicht hat.

Nun ist jedoch – ganz nach den perfiden Plänen der Kapitalisten, in deren Fängen so viele von uns unser unfreies Dasein fristen – der Urlaubseffekt eingetreten und ich habe einmal mehr am WAHREN LEBEN geleckt. Bin also subjektiv wieder Im Realen Leben angelangt. Oder besser in einem realen Leben, welches mir echte Freude bereitet, mich wieder auf vollkommen andere Arten fordert und mir die Chance gibt, neue Perspektiven zu gewinnen. Weil hier meine Bedürfnisse wieder so viel Geltung haben, dass sie in Einklang mit meinen Ideen, Plänen und Handlungen stehen können. Soweit ist dieser verdammte Kapitalistenplan aufgegangen… Schade nur, dass ich euch durchschaue, haha…! Spaß beiseite. Erstmal wird hier keine Rebellion stattfinden. Weil ich Verantwortung trage und in vielen Momenten meines Lebens alles andere als ein NPC bin; nein vielmehr selbst ein Player sein muss, weil sonst so manches nicht funktioniert. Aber die eben gesponnenen Gedanken bleiben im Hinterkopf, in der Ablage A wie Archiv, um bei Bedarf weiter gedacht werden zu können. Bin ich also wirklich ein NPC? Sagen wir mal so: in den dunkleren Stunden meines Daseins fühlt es sich manchmal so an, als sei ich nur eine Figur aus “Brave New World” oder “1984” – gemacht, um dem System zu dienen. Der Umstand, dass ich all diese Dinge (öffentlich) reflektieren kann, verrät mir jedoch, dass ich weder in einer solchen Dystopie lebe, noch dauernd fremdgesteuert werde. Ich kann den Grad der Manipulation, die auf mich ausgeübt wird anscheinend ganz gut regulieren. Was bedeutet, dass ich mindestens ein Player-Character sein muss – wahrscheinlicher aber selbst ein Player. Man muss sich dessen nur immer wieder erinnern. Und die Rückkehr nach Irland scheint dazu ein guter Anlass zu sein. Feels good, to be back again, Éire. Wir hören uns die Tage, folks…

In Transit…

Ich habe keine Seemannsbeine. Aber wenn man vom europäischen Festland auf die Insel Irland reisen möchte, bleiben – so man nicht auf Umwege steht – ungefähr zwei Möglichkeiten: Fähre oder Fliegen. Es ist nicht so, dass ich Fliegen per se nicht mag, aber a) isses halt schon arg wenig umweltfreundlich und b) schwierig, den ganzen Schamott ins Handgepäck zu schmuggeln, den meine Mischpoke und ich so im Urlaub mitzuschleifen pflegen. Ohne näher darauf eingehen zu wollen, aber… oft geht die Gepäckraum-Abdeckung nicht mehr zu. Dennoch ist der eigene Wagen für uns die geeignete Lösung. Also saß ich, während ich diese Zeilen schrieb auf dem Oberdeck der “W. B. Yeats” in Diensten von Irish Ferries und blinzelte in die, immer noch kraftvolle Augustsonne – und unsere Karre stand vier Decks tiefer. Die anderen Teile der Familie stromerten irgendwo an Bord umher – wahrscheinlich im Restaurant – und ließen es sich auf individuelle Weise gut gehen, während in der Ferne die Kanalinseln sichtbar wurden. Ich jedoch lümmelte hier unterdessen auf dem Boden rum, wie so ein Bettelstudent, sinnierte über dies und das und schaute Menschen beim Menschsein zu.

Es ist faszinierend, wie der Mikrokosmos Passagierschiff ein bedingungsloses Dazwischen schafft. Denn während wir mit guten 17,5 Knoten eher gemächlich durch den Ärmelkanal pflügten, entfaltete sich überall ein unvermeidliches Panorama des ungefiltert sozialen. Kleine und große Dramen, Liebe, völlige Entkopplung wie auch Hektik können nirgendwo hin; denn über Bord gehen wäre eine sehr krasse und vermutlich endgültige Option. Also lebten alle (zwangsweise) im hier und jetzt. Die mangelhafte Qualität des Bord-WLans trug das ihre dazu bei. Sind Menschen auf sich selbst zurückgeworfen, geschehen mitunter… interessante Dinge. Ich werde jetzt keine Geschichten aus dem Bordrestaurant erzählen. Manche könnten es zwar wert sein, mich interssiert hieran aber vor allem die Metabetrachtung. Denn es warf in mir die Frage auf, wie ich mich gerade fühlte. Vorgestern bin ich noch mit einem Boot durch die Kanäle Brügges gefahren – nun, einen Tag später trug mich ein Schiff durch die See nach Eire. Und wenn ich ehrlich sein soll – es fühlte sich VERDAMMT gut an. Ich möchte behaupten, zum ersten Mal seit Monaten wahrhaftig bei mir selbst gewesen zu sein. Ich zu sein ist nicht immer schön, wie hier bereits sattsam beschrieben wurde. Die Schatten sind noch nicht weg. Aber sie schmerzen weniger. Ein Fortschritt.

Ich hatte erst sehr kürzlich davon gesprochen, dass mein Geld mir (und meinen Lieben) heutzutage vor allem Erlebnisse kauft. Das hier ist so ein Erlebnis. Neue Dinge zu sehen (oder evtl. schon bekannte Dinge neu zu sehen) macht mir mein Leben lebenswert. Ich stelle immer mehr fest, dass ich mich nach mehr Zeit für meine eigenen Ideen, Projekte – mein eigenes Leben – sehne. Vor diesem Hintergrund ist etwas wie das hier eigentlich unbezahlbar; auch, wenn es sicher nicht billig ist. Doch es lässt mich auch – einmal mehr – an der gefährlichen Systemfrage lecken: bin ich wirklich da, wo ich hin will? Mache ich wirklich dass, was ich will? Darauf kann es allerdings keine abschließende Antwort geben, denn… Sind wir nicht dauernd “in transit”? Unterwegs von dem, was eben noch war, hin zu dem, was noch nicht festgeschrieben ist, noch nicht festgeschrieben sein kann, weil es uns stets hinter der Mauer der nächsten Sekunde verborgen liegt? “Panta Rhei” (alles fließt) mag einer der Glückskekse der Philosophie sei ; aber dort und zu der Zeit stimmte er. Für mich. Für alle anderen an Bord der “W. B. Yeats”. Die Fahrt endete, wie geplant und erwartet gegen 10.45 am Montagmorgen in Dublin. Und auch, wenn die eben beschriebenen Prozesse der Veränderung subtiler Natur sein mögen – ICH war nicht mehr der Gleiche, der in Cherbourg abgefahren ist. Denn “in transit” flossen meine Gedanken frei und formten dabei Sein neu… Wir hören uns.