Der staunende Zweifler

Der Huzz und Buzz des alltäglichen Wahnsinns hat uns schon ganz schön heftig in seinen Klauen. Wie schön wäre es, wenn man sich tatsächlich an den “kleinen Dingen” erfreuen und vom Trott des Hamsterrades ablenken könnte, ohne dafür etwa nach Kambodscha fliegen und Angkor Wat besichtigen zu müssen. Abseits der aberwitzigen Kosten, der zeitgenössischen Flugscham und der notwendigen Impfungen wäre das auch ein recht zeitintensives Unterfangen, um mal eben runterzukommen. Und wir wollen ja sogar unsere Achtsamkeit jetzt gleich – und zudem am besten schön Instagrammable oder Tiktokerisierbar. Ja – Social-Media-Konsum und Achtsamkeit wiedersprechen sich in vielerlei Hinsicht. Ärgerlich, oder? Nimmt man sich die ca. 30 Sekunden, die bis hierhin zum Lesen dieses Posts verbraucht wurden – KOSTBARE 30 SEKUNDEN, in denen man der Welt NICHT zeigen konnte, was für eine coole Sau man ist – einfach als Moment, in dem man evtl. zum Denken angeregt wurde, erscheint das anachronistische Element des Begriffes Achtsamkeit plötzlich sichtbar.

A better day…?

Achtsamkeit bedeutet im Kern doch erst mal nichts weiter, als seine Aufmerksamkeit gezielt lenken, und dabei Dinge, die vom derzeit individuell Wesentlichen ablenken ausblenden zu können; wenigstens zeitweise. Und hier haben wir das Hauptproblem: nämlich überhaupt erst mal zu wissen, was individuell wesentlich ist. Denn solange ich dauernd online, dauernd verfügbar bin, sind Ablenkung, Prokrastination und DAS MITTEL gegen Fear Of Missing Out immer nur einen Griff in die Tasche weit entfernt. Vielleicht wäre es ganz gut, sich zu erinnern, was “verfügbar sein” wirklich bedeutet: nämlich das ich Anderen Gewalt über meine Zeit und damit zumindest Teile meines Lebens gebe – Verfügungsgewalt eben. Bei einem Diensthandy bekommt man dafür Bereitschaftzszeiten bezahlt. In der Social Cloud ist die Währung, in der ich bezahlt werde die Aufmerksamkeit, welche mir zuteil wird. Doch wenn ich dauernd zuerst nach der Aufmerksamkeit giere, vergesse ich möglicherweise, auf mich selbst, meine Bedürfnisse zu achten – und vernachlässe in der Folge meine Achtsamkeit.

Ich sprach zuvor von den “kleinen Dingen”. Manchen Menschen kommen dabei Begriffe wie, “die Welt mit den Augen eines Kindes sehen können” in den Kopf; ganz so, als würde das Staunen des Kindes durch einen anderen Blick auf die Welt entstehen; eine noch nicht von Erfahrung, Verstehen und Verantwortung verbaute Sicht der Dinge. Quasi unschuldig. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass diese Augen eines Kindes in der üblichen Auslieferungsform auch einen Mund haben, der in der Folge sehr seltsame Fragen stellen und uns ganz schnell aus der Fassung bringen kann. Mal davon ab, dass wir ja oft genug selbst unsere Kinder auf – für uns bemerkenswerte – Dinge hinweisen; womit das Kind irgendwann lernt, für bemerkenswert zu halten, was auch schon seine Eltern für bemerkenswert hielten. Das nennt man Imitationslernen. Und es ist noch dazu, wenn vermutlich im Normalfall auch ohne böse Absicht, eine durchaus manipulative Variante von Pädagogik. (Ein paar der Gedanken habe ich übrigens aus diesem Artikel auf Zeit-Online entlehnt, ist hinter der Paywall) Dennoch ist das STAUNEN KÖNNEN etwas, wonach sich viele Erwachsene anscheinend stark sehnen. Und manche zahlen dafür anscheinen sogar Geld. Ich würde das anders angehen. (Verdammt, ich begebe mich jetzt vielleicht gerade auf die Ratgeberschiene! Aber keine Sorge – ich verlange nichts dafür!)

Anekdotische Evidenz (auch bekannt als “…also bei mir ist das so…!”) hat bekanntermaßen keinerlei Beweiskraft und eignet sich bestenfalls für unernsthaften Smalltalk. Weil das hier aber MEIN Blog ist, sag ich’s einfach mal so: Achtsamkeit beginnt damit, sich selbst nicht mehr so viel abzulenken! Ist einfach, oder? Da brauch man jetzt kein Seminar für: LEG EINFACH DIE VERDAMMTE TASCHENWANZE WEG! So, der erste Schritt wäre getan. Und jetzt schau dich um. Achtsamkeit braucht KEINE Tools. Nur deine fünf Sinne. Allerdings bitte nicht immer alle, denn z. B. auf einem Waldweg einfach mal irgendwas, was du gerade gefunden hast zu schmecken, könnte medizinisch bedeutsame Konsequenzen haben. Und vor allem, versuche nicht immer alle Sinne gleichzeitig zu bedienen! Das macht einen kirre. Wenn du unbedingt etwas dafür bezahlen möchtest, digital detoxifiziert zu werden, kannst du natürlich in irgendso ein Camp gehen.

Oder du legst das Handy nach dem Fertiglesen weit weg! Noch weiter! Mindestens zwei Zimmer weiter! Dann setzt oder legst du dich bequem auf die Couch oder dein Bett und denkst mindestens 15 Minuten über folgende Frage nach: “WAS WILL ICH WIRKLICH?” Mach dabei ruhig mal die Augen zu. Höre KEINE Musik! Schau NICHT fern! Sei ruhig mal allein mit deinen Gedanken. Ich weiß, das das beängstigend sein kann, aber das musst du jetzt aushalten! Und dann schreibst du die Antworten, die dir einfallen auf Papier! Auf Papier, hörst du? Mit einem Stift! (Ich benutze übrigens einen Füller). Das machst du mindestens einmal alle drei Tage, und du legst die Zettel in ein Glas. Kauf dir bitte NICHT extra eines dafür, sondern benutze ein gebrauchtes Marmeladeglas. Ist nachhaltiger. Und nach einem Monat kommt der Review. Ob du große, oder kleine Themen niedergeschrieben hast, ist egal. Wichtig ist, dass du jetzt darüber nachdenkst, warum du Ziele NICHT erreicht hast. Zweifele an deinen Methoden! Zweifele an deinen Zielen! Zweifele auch mal an deiner Wahrnehmung. Hat die Person das wirklich gesagt? Hat die Person das wirklich SO gesagt? Hat die Person das wirklich SO GEMEINT? Du weißt, wohin das führt, aber das muss sein. Man nennt das Selbstreflexion. Das ist der erste Schritt eines Prozesses, der länger dauert. Und wenn du Bock hast, erzähle ich dir vollkommen kostenfrei, was noch alles kommt. Aber nicht jetzt.

Wichtig ist, dass du zuerst verstehst, dass du gerade wieder lernst, zu staunen. Über dich. Über deine Mitmenschen. Über die Welt um dich herum. Dafür muss man nicht weit reisen, Geld ausgeben, oder unglaublich schlaue Bücher lesen, sondern sich mehr und öfter bewusst mit dem beschäftigen, was um einen herum und in einem drin vorhanden ist; und viel weniger mit dem, was einem Andere aufzwingen, indem man verfügbar ist. Denn man sollte öfter mal bezweifeln, dass Andere einem tatsächlich wohlmeinen. Häufig benutzen die dich nur als Mittel, ihr eigenes geringes Selbstwertgefühl zu steigern. Dazu bist DU zu schade! Probiers mal aus, und sag mir, ob es für dich auch funktioniert. Vielleicht wirst ja auch DU zu einem staunenden Zweifler. Bis dahin – schönen Abend.

Auch als Podcast…

Kurator N°2

Jetzt war ich im letzten Post voll auf der Geschäftsleben-Schiene. Aber natürlich ist unser kleiner (manchmal großer) innerer Kurator auch in anderen Bereichen tätig. Besonders, wenn es um unser Abbild in den antisozialen Medien geht. Für den eigenen Avatar – was hier nicht nur das Bildchen meint, welches in den entsprechenden Profilen zum Einsatz kommt, sondern natürlich auch den Bedeutungsgehalt, also die Wirkung, welche man mittels Social Media bei den möglichen Rezipienten erzielen möchte – wird häufig viel Zeit zur Pflege verwendet, weil viele menschliche Wesen nach ihren ganz persönlichen 15 Minuten Ruhm streben! Und es ist dabei unerheblich, ob sie dies bewusst oder unbewusst tun; die sichtbaren Auswirkungen bleiben die gleichen. Das ist, was ich meine, wenn ich von der “Kuratierbarkeit des eigenen Lebens” spreche, welches im Jahr 2022 zu einem nicht unerheblichen Teil auch in der Virtualität stattfindet. Es wird dabei nicht selten eine Persona erschaffen, welche mit ihrem realweltlichen Analogon (also ihrer/m Schöpfer*in) nicht zwingend deckungsgleich sein muss. Manchmal ist sie dies nicht mal annähernd…

Wahrhaftigkeit und Beständigkeit…?

Die daraus resultierenden sozialen Phänomene sind oft einfach nur erheiternd, manchmal bizarr, und selten auch mal dramatisch oder gar traurig. Sie verweisen jedoch immer auf die, wie oben schon gesagt bewussten oder unbewussten Intentionen ihrer Schöpfer*innen. Die Frage, welche sich nun daraus ableitet, ist diejenige nach den Motiven. Ich meine, die von mir ins Spiel gebrachten 15 Minuten Ruhm klingen griffig; aber oft erscheint es so, als wenn es vor allem um Anerkennung und Respekt innert der eigenen Peergroup geht, weil soziale Codes benutzt werden, deren tatsächliche Bedeutung sich Typen wie mir eh nicht mehr erschließt (remember: white, middle-aged, cis-gender guy); ich sag ja zum MEME auch Meme anstatt Mim, dessen Richtigkeit sich durch Hinsehen natürlich sofort erschließt… Danke, Richard Dawkins. Das alles macht manche Bemühungen nicht einfacher. Zum Beispiel meine Arbeit in der Berufsbildung. Denn natürlich verändert die (Selbst)Erfahrung einer kuratierbaren, virtuellen Persona die Erwartungen an die Wirksamkeit des realweltlichen Verhaltens gleich mit.

Es erscheint dann oft so, als wenn nicht wenige SuS zwischen zwei Extrempolen pendeln würden: der Erwartung einer weitgehenden VERINSTGRAMUNG – oder noch schlimmer VERTIKTOKISIERUNG – von Unterricht auf der einen Seite, und dem Wunsche nach knüppelharten Frontalunterricht (wie in der guten alten Zeit an der allgemeinbildenden Schule) auf der anderen. Wobei innerhalb eines Klassenverbandes (falls es denn einen gibt) oft eine Gleichzeitigkeit beider Pole zu beobachten ist; und natürlich auch aller möglicher Spielarten dazwischen. Was es fast unmöglich macht, einen Königsweg zu finden. Vielleicht spielt dabei manchmal auch der “innere Monk” eine Rolle, wenngleich ich vielen Mitgliedern der Generation Z unterstellen wollen würde, dass sie nie eine nennenswerte Zahl von Folgen dieser Serie gesehen haben. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen extrem und nach maximaler Desillusionierung. Doch das ist gar nicht der Fall. Für mich ist dieser Wandel in (Selbst)Wahrnehmung und (Selbst)Darstellung die logische Folge von Kultur als Prozess. Ich bin meinen SuS deswegen nicht böse, oder enttäuscht, sondern ich nehme wahr, dass sich Prioritäten und Wertigkeiten verschieben; ganz gleich, ob ich das gut finde, oder nicht. Was bedeutet, dass ich mich darauf einlassen MUSS, wenn ich als Lehrer und Leitungsperson relevant bleiben will!

Womit wir bei einer zweiten, hochrelevanten Frage wären: nämlich, was das für meine Tätigkeit als Kurator bedeutet? Als Kurator von Lern- und Arbeitsumgebungen ebenso, wie als Kurator meiner eigenen Persona, in der virtuellen, wie auch in der realen Welt. Ich sprach gestern von Honne und Tatemae; und natürlich sind die beiden Begrifflichkeiten auch jetzt wieder am Start, wenn ich für mich beantworten muss, wie ich authentisch und bei mir selbst bleiben kann, ohne in einer Welt abgehängt zu werden, deren Wandel-geschwindigkeit mich manchmal überfordert? Denn auch, wenn ich vorhin gesagt habe, dass Persona und Person nicht zwingend deckungsgleich sein müssen, werden wir, früher oder später, wenn die reale Welt wieder übernimmt auf unser reales Selbst zurückgeworfen sein. Und ICH wäre nicht mit mir zufrieden, wenn dieses reale Selbst nur noch aus Maske bestünde. Carl Rogers, der Vater der Klientenzentrierten Psychotherapie spricht in diesem Zusammenhang von Kongruenz, vom mit sich selbst eins sein. Und weil viele Menschen ein sehr feines Näschen dafür haben, wenn sie verarscht werden, ist mir Authentizität in Wort und Tat immer ein Grundbedürfnis sozialer interaktion. Wie ich das auch in der Virtualität hinbekomme, deren Verlockung ja doch immer das Vexierspiel mit der möglichen Selbst-Darstellung im Netz ist, weiß ich noch immer nicht, obwohl ich schon eine Weile übe. Wie könnte ich da von meinen SuS perfekte Out-of-the-Box-Lösungen erwarten…?

Mal schauen, was mir die Tage zum Themenkreis Kurator/Kuratierbarkeit noch einfällt. Einstweilen wünsche ich allen eine halbwegs erträgliche Woche.

Auch als Podcast…

Kurator N°1

In den vergangenen Tagen drehten sich meine Gedanken vor allem darum, diese Woche zu überleben, und all die verschiedenen Eimer voller Ärger und Arbeit, welche Andere auf meinem Schreibtisch auszuleeren beliebten irgendwie in den Griff zu bekommen. In einem Job, der viel mit Leiten und Organisieren zu tun hat, ist es oft NICHT so, dass am Ende eines Arbeits-Schrittes oder gar eines ganzen Prozesses ein fertiges Werkstück vorliegt, wie dies etwa bei meiner besten Ehefrau von Allen der Fall ist. Es gibt bei ihrer Arbeit ein greifbares Produkt, dessen Entstehung zeitlich von definierten Start- und Endpunkten begrenzt wird. Organisationsprozesse hingegen sind immerzu im Fluss; und sehr oft muss man (manchmal im wahren Wortsinn) aufstehen und sich umsehen, um herausfinden zu können, an welcher Stelle man sich gerade befindet. Einerseits bedeutet das viele Freiheiten bei der Gestaltung der eigenen Arbeit; andererseits aber auch ein andauerndes ambivalentes Gefühl, zwar viel getan aber nix fertig bekommen zu haben. Weil einem oft die Landmarken fehlen.

Auch hier hat der Kurator zugeschlagen… Ich würd’ wieder hinwollen!

Leiten/Führen ist eine Dienstleistung, die grundsätzlich nach dem Uno-Actu-Prinzip funktioniert und sehr häufig von der Leitungsperson verlangt, Entscheidungen zu treffen, für die man eigentlich in die Zukunft schauen können müsste. Nun sind unsere armen kleinen Affengehirne zwar mit mehr oder weniger komplexen Heuristiken für das Überleben im Hier und Jetzt ausgestattet; eine mögliche Zukunft antizipieren zu wollen, deren tatsächliche Erscheinungsform von vielen Variablen abhängig ist, die wir allzu oft nicht einmal annähernd alle kennen, muss jedoch zwangsläufig oft zu Spökenkiekerei degenrieren. Auch wenn uns die Wirtschaftswissenschaftler das gerne anders verkaufen wollen. Vor allem die bizarren Produkte menschlicher Entscheidungsfindungsprozesse sind dabei ein riesiges Problem. Wir ticken recht oft erstaunlich irrational; selbst, wenn es um’s liebe Geld geht. Das führt dazu, dass man manchmal Entscheidungen hinauszögert, weil man sich eine noch bessere Entscheidungsbasis herbeizaubern zu können erhofft, und am Schluss nicht nur verspätet reagiert, sondern allen vordergründig rationalen Bemühungen zum Trotze dennoch objektiv suboptimale Entscheidungen trifft. Ich war dort! Ich weiß also, wovon ich rede (ich weiß, ich weiß, anekdotische Evidenz zählt nicht. Und doch… und doch…)

Sinn und Zweck ergeben sich oft erst in der Kommunikation…

Ich hatte letzthin davon gesprochen, dass man beim Decision Fallout auch immer mal wieder versucht ist, die Konsequenzen von Entscheidungen anderen aufzubürden; denn gerade im Geschäftsleben geht es oft darum, dass dieser oder jener “nicht sein Gesicht verlieren” darf. In der japanischen (Geschäfts)Kultur kennt man hierbei die Trennung zwischen “Honne” (tatsächlichen Gefühlen ) und “Tatemae” (die Masken, welche wir in der Öffentlichkeit tragen). Ich würde nicht soweit gehen, zu sagen, dass auch viele Menschen in der westlichen Geschäftswelt diese Idee wirklich verinnerlicht haben. Aber wenn ich eine Argumentation höre, die nicht darauf basiert, was objektiv für eine Organisation gut ist, sondern, wie man sich am besten Gesicht erarbeitet und wahrt, bekomme ich so meine Zweifel an der Objektivität mancher Entscheidungen. Denn wenn es jemandem offenkundig zuvorderst darum geht, sich als Kurator seines Images bzw. seiner Reputation zu vermarkten, bleibt die Frage nach der wahren Substanz von Entscheidungen, nach dem wirklichen semantischen Gehalt von Kommunikation; und schließlich nach der Verlässlichkeit des Gegenübers, wenn es um die Konsequenzen solcherlei motivierten Handelns geht unbeantwortet. Oder wie Sartre gesagt hat: “Die Hölle, das sind die Anderen.”

Nur um das hier noch mal in aller Deutlichkeit gesagt zu haben: Wer ohne Sünde ist, und so weiter und so fort. Natürlich bin auch ich schon in diese Falle getappt und tue es wohl auch in Zukunft immer mal wieder. Aber mittlerweile seltener. Was daran liegt, dass meine diesbezügliche Wahrnehmung (Lernen durch Schmerz) immer besser wird. Was nichts daran ändert, dass ich mich manchmal im Decision Fallout Anderer stehen sehe, denen die Konsequenzen ihres Handelns entweder nicht bewusst sind, oder aus oben genannten Gründen in Kauf genommen werden; schließlich zahlt ja jemand anders die Zeche. Falls man meine Worte bis zu diesem Punkt als halbwegs wohl abgewogen wahrgenommen hat, habe ich mich selbst wohl halbwegs erfolgreich als Kurator meiner Reputation versucht – also mein persönliches Tatemae gepflegt. Mein Honne jedoch ist in Aufruhr, denn ich bin stinksauer, weil die rein gesichtsbasierten Entscheidungen Anderer mir Sorgen und Arbeit bescheren, für die ich im Moment weder die Nerven noch die Ressourcen habe. Und ich darf sie dafür nicht mal anschreien! Ich bin ehrlich gesagt gespannt, wie viel ich noch ertrage, bevor ich mit irgendsoeinem Headhunter auf XING doch mal ernsthaft ins Gespräch gehe. Schönen Sonntag.

Auch als Podcast…

Teilhabe?

Markus Söder kritisiert das Bürgergeld als ungerecht und unfair… muhahahahahahah. War das nicht der Mann, der so sehr in der Vergangenheit lebt, dass ihm das Kruzifix an der Wand wichtiger war, als Ehrlichkeit und Realitätsnähe? Markus Söder, dieser machtgeile Möchtegern-Tribun des bajwaurischen Volkes ist mittlerweile schlicht unwichtig, also muss er poltern, damit er überhaupt noch von irgendwem außerhalb des provinziellen Miefs wahrgenommen wird, aus dem er kommt – und in dem er bald auch wieder verschwinden wird. Schrotthaufen der Geschichte, Abteilung gescheiterte Populisten. Das Bürgergeld kommt, und egal ob der Mittelstands-Blackrocker Merz oder irgendwelche anderen, vollkommen realitätsfernen Lichtgestalten der größten Schmiermaschine der bunten Republik (für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: CDU/CSU) noch so dagegen wettern: bei allen handwerklichen Problemen der Jurisdiktion, die sich beim Beheben des größten sozialdemokratischen Fehlers seit dem 2. WK (für alle, die DAS nicht mitbekommen haben: HARTZ IV) so ergeben, bleibt die Notwendigkeit bestehen. Arbeiten zu gehen würde sich nicht mehr lohnen, hört man dann von den Schwarzen und den Blauen unisono. Weil der Abstand zwischen den Einkünften aus Transferleistungen und aus eigener Arbeit schrumpfen würde. Ich sehe das anders: wenn jemand, der 40h die Woche einer Arbeit nachgeht, mit dem erwirtschafteteten Salär seine Existenz nicht bestreiten kann, IST DER LOHN ZU NIEDRIG! Und entgegen aller Unkenrufe hat der Mindestlohn seit seiner Einführung 2014 kaum negative Auswirkungen auf die Beschäftigungsstabilität gehabt. (und das Handlesblatt kann man wohl als seriöse Quelle einstufen…)

Großherzoginnen taugen heute nur noch als Statuen…

Die “Preußischer-Gutsherr-Mentalität” so vieler angeblicher Führungspersonen landauf landab ist mir mittlerweile so dermaßen zuwieder, dass es mich krank macht! Die “Abhängigkeit” im Begriff “abhängige Lohnarbeit” als wichtigstes Element des “Im-Zaum-Haltens” der Plebs? Was für ein grausam inhumanes Menschenbild diese Abziehbilder der echten Manchester-Kapitalisten hier öffentlich zeigen, lässt nur einen Schluss zu: es geht ihnen nicht um die Menschen, von denen sie gewählt werden, sondern nur um sich selbst, den Erhalt ihrer Macht und die Festigung eines Status Quo, der möglichst viele Menschen von echter Teilhabe ausschließen soll, damit man die wichtigen Entscheidungen “unter sich” abmachen kann. Klingen meine Worte ein bisschen nach Verschwörungsmythos? Nach “die da oben, wir hier unten”? Nach enttäuschtem Sozialisten? Nach Depression? Ich würde sagen, ein bisschen von allem. Denn natürlich sind Lobbyisten-Gespräche, wie wir sie in Filmen präsentiert bekommen großer Käse. Das passiert alles mehr oder weniger öffentlich. Ab und zu blubbert was an die Oberfläche, und dann wird eine Rundfunk-Intendantin abgesägt, weil Sie sich’s zu gut hat gehen lassen und noch nicht mal in der Lage ist, darin eigene Schuld zu erkennen. So wird’s auch dem Söder und dem Merz gehen. “Wir? Wir haben doch nichts böses getan…?”

Was man halt so böse nennt. Ich denke mittlerweile, dass solche Menschen soweit von meiner gesellschaftlichen Lebensrealität entfernt sind, dass sie sogar glauben, was sie sagen. Weil sie zu blind, zu entrückt und zu gut gepampered sind, um zu erkennen, welche Folgen ihre Entscheidungen an anderer Stelle haben können. Wir Menschen können mit steigender Komplexität nicht sonderlich gut umgehen. Ich würde einem Söder jetzt normale Inteligenz, Erfahrung und Bildung attestieren. d.h. er hat in etwa die gleichen Voraussetzungen wie ich, die Dinge zu durchschauen. Aber seine Lebensrealität (Achtung Konstruktivismus!) erlaubt ihm ein völlig anderes Framing, was zu völlig anderen Schlüssen führt. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass unser politisches System irreparabel ist! Es wäre wahrscheinlich gerechter und ehrlicher, alle zwei Jahre max. 500 Abgeordnete per Los zu bestimmen, anstatt unser Schicksal in die Hände von Leuten zu legen, die sich erst mühsam durch die jeweilige Parteienhierarchie hochbumsen mussten, um zu den empathiebefreiten Menschoid zu werden, die sie jetzt sind. Und wir bräuchten wesentlich weniger hechelnde Berichterstattung. Die regt nur unser schnelles Denken an, wenn doch das langsame Denken für Entscheidungen von gewisser Tragweite wesentlich sinnvoller wäre (nochmal Danke Daniel Kahnemann, DER Nobelpreis war verdient!)

Das Bürgergeld soll Teilhabe stärken und Menschen die Chance geben, auf würdige Weise wieder in Lohn und Brot zu kommen, wenn die Notwendigkeit dazu besteht. Es ist gedacht als Brücke, um lebenslanges Lernen, welches sich die EU und damit auch die BRD bereits 2000 mit dem Memorandum der Kommission auf die Fahnen geschrieben haben, besser unterstützen zu können, als HARTZ IV dies jemals realisieren konnte. Und wenn es Anfangs Inkonsistenzen erzeugt, oder jene Menschen, die auch HARTZ IV niemals erreichen konnte nicht aktiviert – DANN IST DAS VERDAMMT NOCHMAL SO! Der alte konservative Traum von der Peitsche für die Unwilligen sollte 2023 endgültig ausgeträumt sein, wenn wir damit jene überwältigende Mehrheit von willigen und dankbaren Transferleistungs-Beziehern wieder sozial gerechter und würdiger integrieren können. Und wenn das irgendwelche Mogule ein paar Milliarden ihres Vermögens kostet, mit dem sie zumeist eh nichts sinnvolles zum Gang der Welt beitragen, außer die CO2-Emmissionen immer schön weiter anzuheizen, dann wäre MIR dies hochwillkommen. Kann bitte jemand den Söder und den Merz und ihre Geistesbrüder und -schwestern abholen. Die braucht niemand mehr. Schönen Tag noch.

New work N°11 – Networking…?

Netzwerken ist in der Personal- und Organisationsentwicklung ein alter Begriff. Allerdings meinen viele Menschen höchst unterschiedliche Dinge, wenn sie diesen benutzen. Für Manche ist das lediglich die Beschreibung einer technizistischen Angelegenheit; es geht ihnen um das elektronische Verbinden von funktionalen Einheiten, seien dies Menschen, Liegenschaften oder unterschiedliche Informations- und Kommunikations-Technologien. Also Hard- und Software. Am anderen Ende der Skala finden wir den psychologisch-sozialwissenschaftlichen Ansatz, der Individuen miteinander verbunden sehen möchte, um die jeweiligen Stärken füreinander nutzbar machen zu können, also die Wetware. Zur Erinnerung, wir bewegen uns in der Welt der Arbeit – hier geht es nicht um die Dimensionen Sympathie <=> Liebe, Antipathie <=> Hass, oder Unmut <=> Spaß. Wenn wir bei der Arbeit zu viel Spaß hätten, müssten wir womöglich noch eine Gebühr an den Chef bezahlen… Nein, nein, hier geht es zuerst um die Nutzbarmachung von Potentialen zum Gewinn des Unternehmens. Auch wenn Netzwerke ein normaler, ja sogar notwendiger Bestandteil von Leben sind!

Sind in der Natur hinterlassene menschliche Artefakte auch Networking?

Allerdings haben private und geschäftliche Netzwerke eines gemeinsam: immer noch betrachten wir technologische Artefakte und Sozialbeziehungen als strikt voneinander zu trennen. Das reflektiert sich in komplexen Institutionen z. B. durch das Vorhandensein personell und räumlich voneinander getrennter IT- und HR-Abteilungen (Human Ressources, für Menschen, die mit Business-Sprech nicht so vertraut sind). Diese Trennung suggeriert, dass Mensch und Technologie voneinander unabhängig seien. Ich behaupte, das ist falsch. Schauen wir uns Twitter als Beispiel an. Dieser Tage entspann sich ein ein kleiner Schlagabtausch zwischen Horror-Tycoon Stephen King und Möchtegern-Alleskönner-Tycoon Elon Musk, der sich im Kern um die Frage drehte, ob es legitim sei, jetzt für Twitter-Accounts Geld zu verlangen, obwohl doch das einzige Kapital, welches Twitter hätte, seine Nutzer seien, die ja den ganzen Content generierten; und das ganze Drama, die ganze Spannung, die ganzen Stürmchen im digitalen Wasserglas, usw. Elon Musk, der alte Empörungs-Nutznießer will für Twitter, dass digitale Brennglas der globalen Entrüstungs-Industrie jetzt Gebühren erheben; wenn das nicht ironisch ist…?

Aus diesem Blickwinkel lassen sich Medium und Creator nicht trennen. Und das gilt für andere Formen antisozialer Medien genauso. Auch bei TikTok, Instagram und Snapchat werden Sender, Botschaft und Medium eins – im Guten, wie im Bösen. Mal wieder mit Marshall McLuhan gedacht realisiert sich die Einheit neuer Technologien mit uns Menschen hier als Verlängerung unserer Physis in die Virtualität. Wenn man so will, haben wir uns schon einen Cyberspace geschaffen, denn selbst politische Mehrheitsbildung kann heutzutage im Netz der Netze beeinflusst werden. Kommen wir zurück zur New Work, so bedeutet hier das aristotelische Diktum vom “mehr als die Summe seiner Teile sein”, dass das Netzwerk Synergien erzeugt, die mehr sind, als nur die Summe seiner Technologie und seiner Nutzer – sofern wir uns darauf einlassen, technologische Artefakte und ihre Bedeutung für unser Miteinander als gleichwertige Variablen in Netzwerktopologien miteinzubeziehen. Hierzu sei auf die Akteur-Netzwerk-Theorie verwiesen, die vom erst kürzlich verstorbenen Technik-Soziologen Bruno Latour maßgeblich mitentwickelt wurde.

In der, für die Abbildung gewählten Nomenklatur steht M für Mitarbeitende, C für Cluster, L für Leitungsperson und T für Technologie. Die unterschiedlich gezogenen Doppel-Pfeile zeigen, dass eine Vielzahl möglicher Verbindungen von unterschiedlicher Intensität und Verbindlichkeit unter allen Prozessbeteiligten möglich ist. Dazu ist zu bemerken, dass diese Verbindungen bedarfsbedingt emergieren können (etwa im Rahmen von Projektarbeiten), und nicht zwingen zeitstabil bleiben müssen. Überdies sind alle Arten von Verbindungen zunächst als gleichwertig zu betrachten. In der Akteur-Netzwerk-Theorie spricht man von Punktualisierungen, die notwendigerweise, weil alles Soziale ein Prozess ist, ein gewisses Maß an Instabilität aufweisen (hierzu Law 2006, S. 436 ff). Zur zeitlichen Instabilität einiger Akteure und Aktanten (hierzu Akrich, 2006, S. 408) tritt die Frage von individueller Nähe und Distanz, sowie von zeitlicher Dauerhaftigkeit anderer, spezieller Akteure; hierin besteht die Antwort auf die Frage, was Führung in einem Akteurnetzwerk voller, eigentlich auf Augenhöhe agierender Individuen und Technologien ausmacht: nämlich die Dauerhaftigkeit einiger Akteure, welche durch ihr früheres und längeres Vorhandensein zu Netzwerkknoten werden und daher die Spielregeln des Netzwerkes zumindest zeitweilig prägen können. Modelliert man das Bild einer Organisation unter diesen Gesichtspunkten, stellen z. B auch die vielzitierten Ansprüche der Generation Z keine echte Herausforderung des Tradierten mehr dar, weil eben dieses Tradierte, Zuvor-Gewesene sich schon des steten Wandels bewusst ist.

Ich sitze schon wieder krank daheim, und während die Beschwerden langsam besser werden, funktioniert das Hirn halt weiter. Daher schreibe ich hier, denn es wäre mir daran gelegen, wenn die Menschen sich des Umstandes erinnerten, dass man Kultur immer in ihrem prozessualen Aspekt denken muss. Dass meint auch Organisations-Kultur und das dazugehörende Networking. Ich wünsche eine schöne Woche.

McLuhan, M. (2011): Die Gutenberg-Galaxis. Die Entstehung des typographischen Menschen. Deutschsprachige Ausgabe. Hamburg: Gingko Press Verlag.
Akrich, M. (2006): Die De-Skription technischer Objekte. In Belliger, A.; Krieger, D. J. (Hrsg.): ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Bielefeld, transcript Verlag, S. 407 – 428.

Law, J. (2006): Notizen zur Akteur-Netzwerk-Theorie: Ordnung, Strategie und Heterogenität. In Belliger, A.; Krieger, D. J. (Hrsg.): ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Bielefeld, transcript Verlag, S. 429 – 446.

Eine Schreibübung…

Blitze zerrissen die Dunkelheit und dichter Regen fiel wie eine Wand. Merrick stand da, ganz still, nur atmend. Von den Zinnen des Turmes aus war es unmöglich den Hof der Zitadelle komplett zu sehen. Irgendwo da unten waren sie, lauerten, gierten nach seinem Blut. Das Gewitter schwieg für einen Moment und er sprang. Der Fall war lang und mit einem lässigen Federn rollte er von Punkt seines Aufpralls weg, die Schwerter aus den Scheiden zischend. Der erste Angriff hätte ihn beinahe getroffen, doch das Biest aus Schatten zerfaserte mit einem Aufheulen, als er ihm mit einem sauberen Schnitt ein Bein abtrennte.
Die nächsten Angriffe folgten in schneller Folge, doch seine Klingen zeichneten einen hypnotischen Wirbel in die Dunkelheit, Gegner um Gegner zurückschlagend; dann schrillte ein Klingeln durch den Burghof, dass alle für einen Moment zu irritieren schien. Eines der Biester erwachte wenige Hundertstelsekunden vor ihm aus seiner Verwirrung und lange, elend scharfe Klauen fuhren von oben durch seine Schulter, zerrissen seinen Brustpanzer und mit einem Schrei hauchte der Samurai sein Leben aus, zerfetzt von einem Schatten-Oni.
Mit einem lästerlichen Fluch auf den Lippen betrachtete er das „GAME OVER“ in seiner Brille, einen Moment überlegend, ob er jetzt überhaupt auf den Idioten reagieren sollte, der gerade seine Kom-Blockade umschifft und ihn damit sein letztes Leben gekostet hatte. Mit einem Seufzen stöpselte er aus, setzte die Brille ab und ließ seinen Blick durch die Arcade schweifen, wo in Dutzenden angeranzter Virtu-Kabinen andere Gamer ihr Glück versuchten. Das Klingeln war persistent, also bestätigte er und der Holo-Projektor seines Omnis zeichnete das Bild eines nichtssagenden Standard-Avatars in die Luft. Gemäß des, vom Anrufer aktiviertem Privacy-Protokolls wurde der Audio-Stream des Anrufes direkt in den Drahtlos-Anschluss seiner Buchse gestreamt.
Datenbuchsen der neueren Generationen hatten dieses Feature serienmäßig und er mochte es. In aller Öffentlichkeit telefonieren zu können, ohne dass die Informationen kompromittiert wurden; wenn nicht gerade zum rechten Zeitpunkt irgendein ultrakrasser Hacker im Nahbereich saß und den Feed anzapfte. Aber das konnten nur sehr, sehr wenige. Also fühlte er sich ziemlich sicher. War auch besser so, denn der Anrufer vertrat eines wichtigen Kunden.
„Merrick-San, schön dass sie es doch einrichten konnten. Ich hoffe, ich habe sie nicht bei etwas Wichtigem gestört…?“
Diese freundliche Stimme von Mr. Shao nervte ihn, wussten doch beide, dass es dem Anrufer scheißegal war, ob er gerade eine Ehe gesprengt, oder einen wichtigen Deal vereitelt hätte. Er machte sein Ding für seinen Boss und alle anderen hatten zu kuschen. Dieses elitäre Geschmeiß aus den oberen Ebenen. Die waren doch alle gleich. Er atmete einmal tief durch und versuchte mit möglichst nichtssagender Stimme zu antworten, denn ein Job aus diesem Büro war immer hilfreich, weil top bezahlt.
„Nö, Shao, is alles Sahne. Was gibt’s?“
„Mr. M benötigt ihre Dienste für einen Personentransfer vom Raumhafen ins Blue Chip.“
„Reicht dafür kein Taxi-Unternehmen?“
Sein Tonfall hatte ins Genervte gewechselt. Was sollte das?
„Mr. M hat explizit sie angefordert, da der Gast noch nie in Tairan City war und man nie wissen kann…“
Die unausgesprochenen Teile des letzten Satzes ließen vermuten, dass es vielleicht doch nicht so langweilig werden könnte. „Wann soll’s losgehen?“
„Jetzt! Wenn sie akzeptieren, schicke ich ihnen alle relevanten Informationen auf ihr Omni. Mr. M bittet um Diskretion!“
Das tat er eigentlich immer, also war es unnötig darauf hinzuweisen, weshalb er ihre letzte Äußerung mit einem gebrummelten „Schick schon!“ quittierte. Mit einem höchst indignierten Gesichtsausdruck übertrug der Avatar ein Datenpaket in sein Omni und das Gespräch wurde beendet.
Die gebotene Bezahlung war allerdings attraktiv. Er sah sich noch einmal um, unauffällig auf das Highscore-Board schielend. Immerhin hatte dieser Poser von Chukyo es immer noch nicht geschafft ihn vom Thron zu stoßen. Mochte an der Übung in der realen Welt liegen, die auch im Cyberspace durchaus einen Unterschied machte, den Ungeübte nur durch den Zukauf unverschämt teurer Aktoren-Software auszugleichen hoffen konnten. Derlei Geldverschwendung hatte er nicht nötig. Er verließ die Virtu-Kabine, löste seinen Rucksack am Schalter aus und machte sich auf den Weg zum Raumhafen. Immer schön gemächlich, es blieb ja noch fast eine Stunde, bis das Schiff ankommen würde.

Der Text, aus dem der Auszug stammt, sintert schon eine Weile auf dem Clouddrive vor sich hin. Hoffentlich werde ich irgendwann auch mal wieder mit einem Buch fertig…

Der verwirrte Spielleiter N°45 – Was könnte ich denn…?

Wann immer ich eine meiner wirren Einstiegs-Geschichten zum Besten gebe und die Spieler in der Folge darum ersuche, in den Plotbus einzusteigen, passieren irgendwann vollkommen automatisch spannende Dinge am Spieltisch. Denn es geht bei diesen Geschichten, die wir im Pen’n’Paper gemeinsam erzählen ja um Drama, um Spannung, um Konflikte, um Katharsis und die Lösung von Problemen (manchmal auch die Erlösung von Problemen) – also schlussendlich um Abenteuer, die erlebt werden wollen. In Simon & Garfunkels “Sound of Silence” heißt es: “People writing songs that voices never shared. And no one dared. Disturb the sound of silence.” Wir wollen den Sound of Silence brechen, um die Geschichten mit Leben zu füllen. Was allerdings bei allen Beteiligten ein Minimum an Engagement und Kreativität erfordert. Und da wird es dann manchmal haarig.

Auch diese Bild erzählt eine Geschichte vom Leben und Sterben…

Auf der einen Seite steht der Storyteller, der eigentlich nur einen Einstieg erzählen muss, der die Spieler wahrhaft einlädt, sich auf den Rest der Ereignisse einzulassen. Dieses “NUR” im Satz, war natürlich ein Witz. Jeder, der sich schon mal mit Storytelling befasst hat weiß, dass Anfänge sehr schwierig sind. Meine Aufgabe ist es also, ein Drama aufzuzeigen, dass es wert ist, sich damit zu beschäftigen, und gleichzeitig den Spielern alle Chancen offenzulassen, auf IHRE Art und Weise einzusteigen. Das Spiel soll Spaß machen, was ein “genötigt werden” durch den Spielleiter eigentlich ausschließt. Nun ja… Den notwendigen Buy-In herzustellen, geht auf verschiedene Arten:

  • Z. B verständigt man sich vorher darauf, welche Art von Abenteuer/Kampagne es denn werden soll. Das kann bedeuten, dass man sich nur auf ein Genre und ein Regelwerk einigt, oder der SL pitcht verschiedene Szenarios und die Spieler wählen aus (machte ich bislang nicht, aber man macht vieles in seinem Leben zum ersten Mal… 😉 )
  • Es wird nur ein Regelwerk vorgegeben und der SL schaut sich an, mit welchen Char-Ideen die Spieler um die Ecke kommen. Ist für mich immer wieder spannend. Ich selbst konnte mich mit diesem “Wir machen die Chars gemeinsam und verteilen die Rollen taktisch!” nie so richtig anfreunden.
  • Die Spieler liefern einen eigenen Abenteuer-/Kampagnen-Vorschlag und wir starten “on the get-go” und schauen dann mal gemeinsam, wie sich’s entwickelt. Habe ich bislang sehr selten erlebt, ist aber spannend.

Alle genannten Möglichkeiten überlassen die Wahl der Waffen den Spielern und verlangen von mir tendenziell im weiteren Verlauf eine Menge Justierungsarbeit. Andererseits lasse ich mich auch gerne selbst überraschen, wie es dann läuft. Wie sehr ich Entscheidungs-Möglichkeiten am Anfang einschränke, dass heißt, bei welchen Aspekten die Spieler evtl. auch mal ein NEIN von mir zu hören bekommen, hängt bei den ersten zwei Varianten hauptsächlich davon ab, wie viel Vorbereitungsarbeit ich in schon meine Core-Story und meine Weltentwicklung gesteckt habe. Gehe ich mit einer klaren Vision, was für eine Kampagne das werden soll in die Session 0, werde ich im Zweifel überschäumenden Enthusiasmus für allzu abseitige Ideen dämpfen müssen. Ob’s dann trotzdem gut wird, hängt von vielen Faktoren ab: treffe ich den richtigen Ton für die Geschichte? Konnten die Spieler sich bei der Char-Gestaltung trotzdem austoben? Haben alle Lust auf SO eine Geschichte…?

Auf der anderen Seite finden die Spieler nach und nach Herausforderungen vor, mit denen sie, bzw. ihre Chars irgendwie umgehen müssen. Und dann wird ein höchst traditioneller Aspekt von Pen’n’Paper manchmal zum Problem: das Charakterblatt. Weil Spieler dazu neigen bei der SL-Frage “Was willst du tun?”, erst mal ihr Charakterblatt anzuschauen wie eine Kobra, die sich gerade im Gras aufgerichtet hat; als wenn dort die Lösung für irgendein Rätsel stünde? Oder die Anweisung, wie man einen beliebigen Gegner bezwingt? Wie man mit den gelisteten Fähigkeiten kreativ umgehen kann? Oder wie ein Charakter auf eine gegebene Situation reagiert…? Zuerst möchte ich mit einem Irrtum aufräumen: Das Charakterblatt ist keine Whitelist, so nach dem Motto “Was nicht draufsteht, kannste halt nich!”; sondern eine Beschreibung der besonders gut beherrschten Fertigkeiten! Grundsätzlich kann ein Charakter, der als professioneller Kämpfer ausgelegt ist, mit vielen Waffen umgehen. Mit denen, die auf dem Blatt stehen, halt besonders gut! Aber für sehr viele Fertigkeiten, insbesondere im Fantasy-Genre kann man auf Attribut-Proben oder einen, on the fly festgelegten (dann halt angepassten) Schwellwert ausweichen, wenn die Fertigkeit noch nicht offiziell erlernt wurde. Das gilt auch für Magie, sofern der Char irgendeine Form von Training erhalten hat. Man kann es mit dem Bullshitten natürlich übertreiben, aber hier sind Fingerspitzengefühl und – TADA KREATIVITÄT beider Seiten gefragt. Gleiches gilt, wenn bekannte Fertigkeiten einer Off-label-Use zugeführt werden sollen. Also ich z.B. mit meinem Feuerball eine Stahltür zuschweißen will. So what – let’em roll!

Was nun die Reaktion auf verschiedene (vor allem soziale) Situationen angeht, so verweise ich auf meinen Post zu Motivations- und Interaktionstiefe vom Juni diesen Jahres: nichts von dem, was ich in diesem wirklich verdammt langen Post zum Thema Spielen von Rollen bespreche, steht auf dem Charakterblatt! Vielleicht haben andere Leute, so wie ich, auch kleine Heftchen randvoll mit Notizen, die ihnen das nötige Wissen über den Char vermitteln, den sie jeweils gerade spielen? Vielleicht können sie sich das auch alles merken? Ist einerlei – wichtig ist, dass es für diese Fragen KEINE Antworten auf dem Charakterblatt gibt – N I E M A L S ! Das Charakterblatt ist einfach nur eine Merkhilfe für die vielen regelmechanischen Aspekte des Spiels; weil wir halt manchmal würfeln müssen, ähm wollen… ach ihr wisst schon. Gewöhnt euch also daran, nicht immer auf dieses Papier zu schauen. Und wenn, dann tut es wenigstens nicht erst, wenn der Spielleiter euch anschaut und fragt “Was willst du tun?”; um dann mit schreckerfüllten Augen zurückzufragen “Was könnte ich denn…?” In diesem Sinne – always game on!

Auch als Podcast…

Decision Fallout

Mit Blick auf die zunehmende Vermüllung des menschlichen Lebens durch ubiquitäre Verfügbarkeit medialer Inhalte komme ich letzthin nicht daran vorbei, a) meinen eigenen Konsum zu hinterfragen und b) die damit verknüpften Ziele anzuzweifeln. Was macht meinen Mediengebrauch, meine Suche nach Nachrichten und Informationen aus? Bin ich fokussiert, oder lasse ich mich, emergierenden Assoziationsketten folgend, einfach mal treiben? Wie lange kann ich konzentriert tun, was ich so zu tun habe? Und überhaupt – wohin bringt mich das alles? Vorwärts, seitwärts, rückwärts, in den Abgrund oder nach Oben (was auch immer dieses ominöse “Oben” sein mag)? Zweifel nagen, Zweifel fragen: “Gut oder schlecht?”, “Nützlich oder Schrott?”, “Schön oder hässlich?”, “Heute oder morgen?”, “Will ich oder will ich NICHT?” und schließlich “Warum stellt sich die Frage überhaupt…?” Das Bittere daran ist, dass es keine perfekten und immerdar gültigen Antworten gibt. Auch salomonische Entscheidungen haben stets ihre Härten, von denen man manche nicht zu tragen bereit ist; wie z.B. mit einem Schwert zerschnittene Kinder.

Imperfect Beauty!

Ich war mit besten Ehefrau von allen spazieren und unterdessen kam die Frage auf, ob es nun gut oder schlecht sei, sich an Träume erinnern zu können? Meine Gattin war da ganz pragmatisch und sagte “Kannste nicht wissen, aber wenn’s ein schöner Traum war, ist es natürlich gut!” Ich entgegnete sinngemäß, dass ein Traum, auch wenn er als Albtraum daherkäme trotzdem eine Botschaft, eine Inspiration oder eine Gelegenheit zum Lernen beinhalten könne, aber das war ihr zu abstrakt. Philosophie sei mehr so meine Domäne. Wir gingen weiter, und es war ein schöner Spaziergang. Doch die Frage nach dem Ying und Yang hängt mir nach, ist sie doch mit einer der basalsten Notwendigkeiten menschlichen Lebens verknüpft: dem dauernd von uns geforderten Treffen von Entscheidungen! Wir können uns dem nicht entziehen, auch wenn wir mit der Prokrastination eine ganze Kunstform rings um das Aufschieben, Ignorieren und Vermeiden entwickelt haben; die allerdings nicht nur beim Entscheiden ihren unheilvollen Sirenengesang entfaltet… Wie man es auch dreht und wendet, ohne (Wert)Urteile kommt man nicht aus – und (Wert)Urteile haben immer Konsequenzen. Im mildesten Fall habe ich mir halt irgendeinen nutzlosen Scheiß gekauft. Im schlimmsten Fall jedoch sterben Menschen!

Man kommt auf der Suche nach einer guten Entscheidung oft von Kuchenbacken auf Arschbacken, ohne dem Ziel näher zu sein. Wie war das noch mal mit den emergierenden Assoziationsketten? Denn eine Entscheidung bezieht sich zumeist auf etwas, dass sich im Nebel der Zukunft verbirgt. Und wir Menschen meinen ernsthaft, diesen Nebel durch das zwanghafte Sammeln von immer mehr Informationen (rational), oder wahlweise durch heuristische Extrapolation auf Basis unserer Erfahrung (intuitiv) teilen und auf das bestmögliche Ergebnis zuschreiten zu können, wie einst Moses das Rote Meer teilte, um das Volk Israel zu retten? Dass man die Bibel nicht allzu wörtlich nehmen sollte, dürfte vielen Menschen klar sein; warum zum Teufel glauben sie dann, wirklich in die Zukunft sehen zu können? Es sei zu Protokoll gegeben: ich bin Mensch und habe diesen Fehler selbst öfter gemacht, als ich zählen kann. Mittlerweile versuche ich wenigstens, bei rationalen Entscheidungen meine eigene Fehlbarkeit in die Gleichung miteinzubeziehen. Was das Ganze allerdings NOCH komplizierter macht!

Jede Entscheidung erzeugt, mal mehr mal weniger epische Konsequenzen – Decision Fallout! Manche versuchen sich dem zu entziehen, indem sie Entscheidungen jemand anders aufzwingen, oder aber Verantwortung für die Konsequenzen verschieben. Aber letztlich bleibt immer irgendwas haften. Womit wir wieder bei der Frage “Gut oder schlecht?” wären. Vor Entscheidungen mit Veränderungspotential Angst zu haben, weil der Status Quo, allen Unzulänglichkeiten zum Trotz, halt doch wenigstens bekannt und damit subjektiv berechenbar ist, ändert nichts daran, dass die Welt sich weiter bewegt. Irgendwann wird man selbst damit unausweichlich auch weiterbewegt! Und bevor ich mich selbst zur Passivität verurteile, möchte ich lieber selbst gestalten und mein Schicksal (wenn man denn so groß denken möchte) soweit selbst in die Hand nehmen, wie dies nur eben möglich ist. Was auch die Möglichkeit beinhaltet, sich zu irren, auf das falsche Pferd zu setzen, zu verlieren, es zu verkacken – aber ebenso das genaue Gegenteil: “We are the champions, my friends…”. Viele Leute vergessen allerdings gerne, wie diese Liedzeile weitergeht “…an we’ll keep on fighting ’til the end!”

Mit Decision Fallout umgehen zu können bedeutet, sich bewusst auf Entscheidungen und Konsequenzen einzulassen, selbst gestalten zu wollen, Veränderung als unausweichlichen Bestandteil dieses Dings namens Leben zu begreifen und sich nicht immerzu davon ins Bockshorn jagen zu lassen, dass man daneben liegen kann! Mit der besten Ehefrau von allen habe ich dieser Tage auch mal darüber sinniert, wie’s wäre, keine Leitungsposition mehr innezuhaben. Ich kaue auf diesem Gedanken jetzt erstmal eine Weile rum, weil’s im Moment tatsächlich keinen Spaß mehr macht, alles selbst kompensieren zu müssen. Wir werden sehen. Einstweilen wünsche ich einen schönen Start in die neue Woche.

Auch als Podcast…

…punked…?

Das Jugendwort des Jahres 2022 sei “smash”, behauptete man dieser Tage. Als wenn das nicht genug wäre, befragte man dann 20 junge “Prominente” (was auch immer das individuell bedeuten mag), nach deren Meinung dazu. Dass einige dieser Menschen schon fast 30 waren, entwertet die Befragung aus meiner Sicht, weil sich speziell vom Teen zum Twen so verdammt viel verändert. Aber hey, wer bin ich denn schon? Als ICH mich auf den steinigen ersten Metern vom Knaben zum Mann befand, kam es zu drei Begegnungen, die mein Leben bis heute beeinflussen: erstens wurde ich an Pen’n’Paper herangeführt, zweites begann ich – auch durch das Erstere vermittelt – mit den Punks abzuhängen. Und drittens begegnete ich meiner besten Ehefrau von allen. Im Bezug auf den letzten Punkt habe ich nichts weiter zu sagen; außer vielleicht, das Langzeit-Beziehungen von den Beteiligten Mühe und Pflege verlangen. Der erste Punkt hat sich im hier gegebenen Kontext schon so oft in Einlassungen realisiert, dass ich diesen heute auch mal beiseite lassen will. Der zweite Punkt jedoch bedarf eventuell einer kurzen Betrachtung. Zuvor sei allerdings noch erwähnt, ich bin immer noch auf diesem steinigen Weg, und mittlerweile zieht er sich ein bisschen. Wenigstens bin ich kein Junge mehr. What separates the boys from the men…?

Boys gehen tanzen, men zur Klausur ins Kloster 😉

Manche Erinnerungen an diese Zeit sind mittlerweile ein wenig verschwommen (ist ja auch schon 30 Jahre her), gewisse Personen und Dinge werde ich aber gewiss mein Lebtag erinnern. Insbesondere den Umstand, dass meine politische Sozialisierung damals sozusagen auf Links gedreht wurde – und dass dieser Life-Spin auch mit viel mehr Lebenserfahrung und Bildung einer kritischen Betrachtung nach wie vor standhält. Hätte auch anders kommen können, denn die späten 80er und frühen 90er waren auch in Mannheim von Konflikten zwischen den politischen Polen und Bevölkerungsgruppen geprägt. Ich war damals mehr so ein Mitläufer, durfte allerdings viele Einblicke nehmen. Den Begriff “Punk” habe ich damals noch nicht bewusst reflektiert. Das kam erst später. Aber ich wusste damals instinktiv, dass diese Leute dem Mainstream, dem Angepasst- und Eingepasstsein kritisch bis ablehnend gegenüber standen. Wir waren Kids und die Emotionen ins uns mächtig; also waren auch die Zeichen des Andersseins nach Außen mächtig. Mein diesbezüglicher Mut war insofern immer begrenzt, als ich noch nie zum Radikalismus geneigt habe – und dies bis heute nicht tue; doch die bewusste Abgrenzung war immer ein Motiv meines Lebens. Wenn manchmal auch ein gut Verstecktes.

Wenn ich heutzutage etwas über Jugendsprache und ihre Codes lese, überkommt mich oft ein Schmunzeln. Nicht etwa, weil ich die beschriebenen Begriffe lächerlich fände. Das sind sie nicht! Können sie gar nicht sein, denn für die jeweilige Jugend sind diese Begriffe Teil IHRER Realität! Was weiß ich denn, abseits meiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema schon davon, was es heißt, heutzutage so jung zu sein, wie ich vor 30 Jahren? Manche von denen sind Mainstream, manche sind Außenseiter, so wie ich es war – nur anders! Same, same, but different? Keine Ahnung. Ich habe zwar, durch meine Arbeit in der beruflichen Bildung viel mit Menschen dieser Alterstufe zu tun, aber wirklich verstehen…? Ich rühme mich einer gewissen Menschenkenntnis, möchte mir jedoch nicht anmaßen, zu behaupten, in Menschen hineinsehen zu können, deren Realität doch recht weit von meiner entfernt ist. Was ich aber weiß ist Folgendes: jedes Individuum sucht nach Distinktion, nach der Gewinnung einer eigenen Identität; und Alterskohorten, so divers ihre Mitglieder auch sein mögen, so wenig der Begriff “Generation” zur differenzierten Beschreibung komplexer sozialer Phänomene taugen mag, erzeugen ihren je eigenen Peerpressure – und damit Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Andernfalls hätten sich nicht schon Platon und Sokrates vor 2500 Jahren über die Unsitten der Jugend beschwert – und die Zwei taten das keinesfalls als Erste….

Viele empfinden den Begriff “Punk” als ausgenudelt und überstrapaziert. Das könnte damit zusammenhängen, dass er für Vieles herhalten musste; z.B. als Marketing-Buzz für Video-Spiele und Filme, reduziert auf einen optischen Stil, den jemand aus SEINER ganz speziellen Sicht auf Atom-/Cyber-/Diesel-/Steam-Punk entworfen hat. Der Whatever-Punk, den ich im Kopf habe, sieht sicherlich anders aus, als der von William Gibson, den Leuten bei CD-Project RED, oder den Wachowski-Brüdern, die mittlerweile Wachowski-Schwestern sind. Das Suffix -PUNK steht dabei jeweils für mögliche gedachte Entwicklungspfade, die jedoch eines gemeinsam haben: sie werden von ihren Machern stets als problembehaftet betrachtet. Weil die Festschreibung eines Status Quo in den Erzählungen unweigerlich katastrophale Folgen haben wird.

[Kurzer Exkurs]: Folgt man Adorno, der die Kunst dem Primat des wirtschaftlichen Verwertungsinteresses unterworfen sieht, und kann man z.B. auch Science-Fiction-Literatur als Kunst verstehen, wird der Zwiespalt klar, in welchem sich die Künstler befinden müssen: einerseits fiktive Pfade beschreiben zu wollen, die eine mögliche Entwicklung unserer Welt zu bestimmten Zeitpunkten extrapolieren, um auf ihre Wahrnehmung der Probleme aufmerksam zu machen, und dies andererseits so zu tun, dass ein Verlagslektor es nicht sofort in den Mülleiner wirft. Heute ist es einfacher, weil man ja alles im Selfpublishing herausgeben kann – Reichweite zu erzeugen, bleibt aber im Zeitalter von Antisocial Media paradoxerweise immer noch schwierig. Weil sich Art und Geschwindigkeit der Wahrnehmung geändert haben. Wenigstens gibt es heute häufiger ein Problem-Bewusstsein für die Krisen unserer Zeit! [Exkurs Ende]

Die Verwurstung des Begriffes in den Medien hat mit der Zeit zu einer gewissen Beliebigkeit der Ettikettierung geführt – alles, was nicht Mainstream ist, nennt man Punk. Der Tag wird einfacher wenn man ein gutes Stereotyp und ein schickes Label dafür hat. Dass wir alle uns zuerst über Dichotomien – also in Gegensätzen zu dem, was wir als ANDERS wahrnehmen – definieren, bleibt dabei cerebral unterrepräsentiert. Was mich einstmals gepunked hat, ist einfach nur etwas anderes, als das, was die Kids heute punked; der Mechanismus bleibt der Gleiche! Und es ist dabei vollkommen egal, ob es die Mainstream-Kids oder die Außenseiter sind (Goth, Jock, Yuppie, Metaler, etc. benutzt man heute ja nicht mehr so…) – sie alle haben etwas , dass sie punked. Ich habe meine Identität gefunden, und die werden das auch tun. Und möglicherweise lächeln sie, wenn sie mal so alt geworden sind wie ich, auch über das Gelaber und die Klamotten von damals… C U…

Auch als Podcast…

Workplace Angst – New Work N°10 vs. Erwachsen bilden N°42

Ich las dieser Tage, rekonvaleszierend auf der Couch herumlungernd, einen Artikel über das “pünktlich Feierabend machen”. Eigentlich war es ein Artikel über die Workload-Balancing-Probleme der Autorin, aber das soll hier im Weiteren keine Geige spielen; weil sie Prozesse beschreibt, die zumindest Wissensarbeiter zumeist aus eigener Anschauung gut kennen dürften. Das Ganze mäandert irgendwo zwischen dezenter NEIN-Schwäche und gelegentlich unterstrukturiertem Zeitmanagement des Arbeitnehmers auf der einen Seite, und der Tendenz vieler Arbeitgeber, den dargebotenen kleinen Finger fest zu packen, um den Oberarm am Schultergelenk rausreißen zu können, auf der anderen. Tatsächlich gehören aber zur Entstehung ausufernder Arbeitsüberlastung in aller Regel Zwei. Niemand ist sich dieser Tatsache besser bewusst als jemand wie ich, der in seiner Führungsposition qua Stellenbeschreibung in der Hoffnung institutionalisierten Mangel verwaltet, trotzdem halbwegs gute NotSans auf die Straße bringen zu können. Im Moment fühlt es sich mal wieder an, als wenn man ohne geeignete Schutzausrüstung mit glühenden Eisen jongliert. Macht echt keinen Spaß.

Always being chased up a tree…?

Wie man es auch dreht und wendet, das Thema bleibt immer das Gleiche: wir können doch nicht anders weil wir immerzu müssen, aber leider nicht können, wie wir wohl wollten, obwohl wir eigentlich dürften, wenn wir nur könnten! Das Topos bleibt also auch immer das Gleiche: Ressourcenmangel landet auf dem Rücken des Einzelnen, weil die Institutionen schon immer so funktioniert haben. Nun könnte man MIR sagen: “DU bist doch in der Position, etwas dagegen zu tun!” Und das versuche ich auch. Weil aber mindestens eine GENERATION vor mir es so richtig verkackt hat, denn heraufziehenden Fachkräftemangel frühzeitig und sachrichtig anzugehen, verwalte ich jetzt, wie viele andere auch, einfach erst mal den Mangel, den ich so schnell nicht beheben kann. Und neben der Tatsache, dass ich im Strahl kotzen könnte, weil ich von meinen Mitarbeitern so viel verlangen muss, beute ich mich natürlich schön selbst aus, denn wirklich geführt wird ja bekanntlich nur von vorne. Den Unterschied zwischen Leader und Boss werde ich jetzt nicht noch mal extra aufwärmen…

Hier entsteht gerade eine Kluft zwischen denen, die derzeit zu wenige sind und denen, die leider (noch) nicht genug Qualifikationen haben, um auf den richtigen Zug aufspringen zu können. Ich erlebe z. B. die Institutionen, welche sich mit dem Thema Qualifizierung von Migranten für den Arbeitsmarkt befassen als dermaßen unflexibel, an teilweise absurden Formalismen verhaftet und dermaßen unterfinanziert, dass es mich mittlerweile nicht mehr im Mindesten wundert, warum zum Teufel wir es einfach nicht hinbekommen, diese neuen Menschen im Lande zu integrieren und ihnen die Chance zu geben, tatsächlich Bürger*innen zu werden. Da ich gezwungen bin, Bildung AUCH als Wirtschaftsbetrieb zu betrachten, stehe ich gerade am Scheideweg, ein im Grunde gutes und hilfreiches Projekt sehr kritisch auf den Prüfstand stellen zu müssen, weil es sich nicht rechnet; egal, wie man den Abakus auch verdreht. Das Resultat ist, dass Menschen, die sehr wohl eine Menge Grips und auch Engagement mitbringen, aber halt nur geringe Sprachkenntnisse, in irgendwelchen Maßnahmen versauern. Das mit der Kultur, die ein Prozess ist und sich daher stetig verändert, werde ich jetzt nicht auch noch mal erklären. Ich bin es nämlich leid, mich dauernd zu wiederholen.

Wenn ich heute an Workplace Angst denke (und den Begriff in dieser Form habe gerade ICH aus der Taufe gehoben, als Amalgamat aus “Workplace” und “German Angst”), dann sehe ich Arbeitsverdichtung bis zum Tode auf der einen Seite und die Unfähigkeit, neue Leute dazu zu ermächtigen, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten auf der anderen; und das macht mir Angst! Denn wir brauchen jeden Mann und jede Frau für die Herausforderungen, vor denen wir stehen! Also bleibt nur die Frage: Wie passen die eben beschriebenen Diskrepanzen zusammen? Nun, ungefähr genauso schlecht wie die Anforderungen und das Gehaltsgefüge in den allermeisten Gesundheitsfachberufen – wenn man diese mal mit den Bullshit-Jobs im Bereich der Wissens- und Vermögensarbeit vergleicht. Ich weiß auch nicht, wie man das Problem in Gänze lösen könnte. Aber es wäre mal ein guter Anfang, den Weiterbildungsmarkt in Deutschland zu entschlacken, zu professionalisieren, auskömmlich zu finanzieren und zu entbürokratisieren. Und als Gesamtgesellschaft mal genau darüber nachzudenken, welcher Job essentiell ist: Finanzmakler*in oder Gesundheits- und Kranken-Pfleger*in. Mir persönlich fällt die Entscheidung bezüglich Verzichtbarkeit übrigens nicht sonderlich schwer.

New Work ist derzeit nichts weiter als ein Slogan für verschiedene Ideen, wie Arbeit und ihre Rahmenbedingungen sich verändern könnten; der allerdings ungefähr so viel Substanz hat, wie ein Soufflé. Man kann das ganz gut beobachten, wenn der Ofen zu früh aufgeht. Diesen Begriff mit Leben zu füllen, könnte sinnstiftend werden. Aber nur, wenn wir uns von der Idee lösen, dass Mamon ein Gott ist, Bürokratie sein Avatar, Hierarchien ohne Leadership Ability der Weisheit letzter Schluss und Präsentismus eine unumstößliche Tradition. Ich hab die Scheiße so satt. Und ich habe fertig. Schönen Tag noch.

Auch als Podcast…