Benvenuti nelle Marche N°6 – Mythen treiben Blüten!

Eingerahmt vom Schilf, Bäumen und Weinreben liegt der Naturpool, verborgen vor den allzu neugierigen Augen Dritter. Wenn der eigene Blick schweift, fängt er nicht viel mehr ein als das Innen dieser Oase; eine gelegentliche dunkelblaue Traube schimmert an der Pergola durch das alles dominierende Grün, an der hölzernen Umfriedung nagt der Zahn der Zeit, die dunkle Lasur blättert ab. Aus all dem emergiert ein Gefühl: befreit von der Notwendigkeit auf etwas anderes (wichtigeres?) zu achten als die Zahl der Bahnen, die zu schwimmen ich mich eben angeschickt habe, ist es diese Einfachheit der Dinge, die davon abhält, zu sehr nach irgendetwas zu suchen. Dieser Pool ist der Ort, in dem ich vergesse, dass es jemals eine Box gab, außerhalb welcher man denken sollte. Ich bin einfach und das genügt, um dem ganzen eben so viel Sinn zu geben, wie das Leben braucht. Diese Gedanken begleiteten mich in der Tat, als ich eben genau das tat: einfach nur schwimmen. Das mag jetzt ein bisschen wie eine contradictio in adjecto klingen, jedoch emergierten diese Gedanken – gleich dem beschriebenen Gefühl – auf genau die beschriebene Weise und baten darum, festgehalten zu werden, was ich hiermit pflichtschuldigst erledige. Ich bleibe meinen Gedanken nur ungern etwas schuldig, denn Geschichten wollen erzählt werden… War das eben etwa eine Geschichte? Nun, sagen wir mal so: zumindest wurde etwas über den Protagonisten preis gegeben und das Setting wurde gesetzt. Als ich vor etwa 35 Jahren anfing, tiefer in die Welt des (kollaborativen) Geschichtenerzählens einzutauchen (ich fing u. A, an mit Pen’n’Paper-Rollenspiel), war mir natürlich weder bewusst, wie komplex dieses Hobby für mich werden würde und wie viel Bezug es zu meiner späteren Arbeit als Pädagoge haben würde, noch ahnte ich, WIE VIEL es darüber zu wissen geben könnte. Noch immer sind es vor allem die Worte, mit denen ich gerne und häufig arbeite; wenngleich meine Arbeit mit visuellen Medien in den letzten Jahren an Umfang und Bedeutung erheblich zugenommen hat. Ich sagt ja bereits, dass Kreativität ein Muskel ist, der regelmäßig trainiert werden möchte. Doch alle Übung nutzt nichts ohne eine Quelle, aus der man schöpfen kann!

Ich habe über diese Quellen in der Vergangenheit immer wieder gesprochen, doch ich bin mir nicht sicher, wie viel von meinen Beschreibungen tatsächlich verständlich war. Es gibt ja diese Idee, dass man sich an den einfachen Dingen erfreuen soll, dass es nicht immer den ausufernden Konsum braucht, dass etwas Mäßigung uns allen ganz gut zu Gesicht stünde und das man die Welt um sich herum achtsam betrachten soll, um an dieses Ziel gelangen zu können. Schön und gut, aber dafür braucht man tatsächlich weder ein Retreat im Kloster, noch die Reise nach sonstwo, oder gar ein Achtsamkeits-Seminar auf einer Insel, sondern schlicht die Entkopplung vom eigenen Alltag. Denn es ist die Summe all der kleinen und großen Verpflichtungen, die uns von früh bis spät auf Trab halten und uns nicht selten des Abends vollends erschöpft auf dem nächstbesten Sitz-/Liegemöbel zusammen sinken lassen. Kontemplation, Reflexion, Kreativität? Fehlanzeige. Warum wohl erscheinen meine Blogposts, wenn ich nicht gerade Urlaub habe, vornehmlich am Wochenende… hm…? Oh ja, man könnte mich schon wieder eitler Bigotterie beschuldigen, da ich diese Zeilen 1100 KM weit von zu Hause schreibe. Von wegen, man muss nicht nach sonstwo reisen! Tatsächlich ist das purer Selbstschutz, denn ich musste die Erfahrung machen, dass wenn ich nicht weit genug weg bin, leider dazu neige erreichbar zu sein. Und erreichbar sein ist Scheiße! Also tue ich mir den Gefallen und entkopple auch örtlich. Ich nehme an, dass ich da nicht der einzige Mensch bin, welcher das aus ähnlichen Gründen so handhabt. Jedenfalls sind diese Momente reinen Erlebens meine Quellen. Es geht dabei nicht um Selbstwirksamkeit, oder das motiviert sein, oder die bewusste Selbstreflexion; sondern einfach nur um das Sein an sich. Was in mir an Kreativität steckt, kann erst fließen, wenn ich frei bin von alltäglichen Zwängen.

Ich würde die Erzählung meiner Existenzt gerne Ändern, denn ich habe Angst, dass der Fluss meiner Gedanken in wenigen Tagen, wenn der Alltag zwangsweise mit Macht zurückkehrt alsbald wieder versiegt, einem Wadi gleich, der nur bei Schneeschmelze oder besonders starken Regenfällen überhaupt Wasser führt. Ich will nicht schon wieder an Freiheits-Mangel verdorren, so wie ich dies war, bevor wir hierher kamen! Ich möchte meinen eigene Geschichte auf eine Art neu erzählen dürfen, dass sie dem Mythos des Alltags wiederstehen kann. Jedes Jahr versuche ich auf’s Neue, etwas vom frisch geschöpften Spirit des Urlaubs mit in dieses andere Leben zu nehmen – und jedes Jahr scheitere ich wieder an der Übermacht dieses Endgegners namens ALLTAG! Ich weiß nicht, was ich falsch mache, aber so kann das nicht weitergehen. Ich brauch Change – und zwar nachhaltig. Schönen Abend, schöne Woche.

Benvenuti nelle Marche N°5 – Impressionen aus Assisi…

Hab ich eigentlich irgendwann mal erwähnt, dass ich kein sonderlich gläubiger Mensch bin, wohl aber ein durchaus spiritueller? Mich interessieren die Dogmen einer von Menschen gemachten Organisation nicht die Bohne. Kirche war (und ist teilweise heute noch) zumeist auch nichts anderes als Staat, nur mit anderer Dienstkleidung. Damit könnt ihr mir getrost vom Halse bleiben, denn meine Spiritualität braucht sicher niemand anderes Regeln und auch keinen besonderen Ort oder eine spezielle Zeit, um zu funktionieren. Dennoch gibt es da in mir schon eine besondere Verbindung zu alten Sakralbauten; nicht nur weil ich diese aus dem ästhetischen Kalkül heraus spannend finde, sondern weil ich zu wissen glaube, was Menschen jener Zeit bei dem Anblick empfunden haben müssen. Handwerkskunst als Stein gewordenes Gotteslob ist immer wieder beeindruckend. Manchmal ist sie auch echt spannend, Insbesondere dann, wenn Glaube und Pragmatismus eine Verbindung eingegangen sind. Ich konnte das in einer Kathderale in Südfrankreich sehen, wo man irgendwann einfach mit dem Kirchenschiff aufgehört hat, weil entweder keine Kohle mehr da war, oder kein Platz zum Bauen. Das erinnere ich nicht mehr so genau, ist aber auch Wurst, denn die dadurch entstandene, eher ungewöhnliche Form hat der Bau bis heute behalten. Die allermeisten neuen Kirchen sind aus meiner Sicht wenig spannend, weil die Formensprache sich mir nicht erschließen will. Aber das ist dann mein Problem.

Wenn man nun an einen Ort wie Assisi reist, der für gläubige Christenmenschen auf Grund der Verbindung mit dem Gründervater des Franziskanerordens eine gewisse Bedeutung haben mag, könnte man sich also von der dargebotenen Pracht des Gotteslobes einfangen lassen und gläubig werden; oder man nimmt einfach mit angemessener Bewunderung zur Kenntnis, was Menschen hier geleistet haben, interessiert sich für die Geschichte(n) des Ortes (einfach weil die Geschichte uns IMMER irgendetwas lehren kann) und ehrt diesen schließlich, indem man die Schönheit als Anlass zum inspiriert-sein begreift. Die Tage war ich wieder mal über so einen Artikel auf Zeit Online gestolpert, wo irgendsoein jemand dem “klassischen Bildungsreisenden” (den es übrigens genausowenig gibt, wie den “klassischen Journalisten”) Schuld an verschiedenen negativen Auswirkungen von Tourismus zuweist. Ich weise diese Anschuldigung insofern weit von mir und meinen Lieben, als wir abseits der Nutzung unseres privaten PKWs, die vermutlich CO2-mäßig allerdings dennoch eine gute Alternative zum viel zu beliebten Fliegen darstellt, stets respektvoll im Umgang mit Land und Leuten sind, nicht an jene Plätze drängen, wo eh schon alle anderen Selfie-Stick-jonglierenden Insta-Huren herum turnen, wo man eigentlich nicht rumturnen soll; und wir versuchen, die örtliche Kultur so gut zu leben, wie wir können. Wenn wir dennoch Teil des Problems sein sollten, muss mir das jemand mitteilen, damit ich was daran ändern kann. Komischerweise habe ich jedoch in den letzten 20 Jahren bei so gut wie allen Urlaubs-Gelegenheiten kein solches negatives Feedback bekommen. Wahrscheinlich sind es doch die Arschlöcher, welche die meiste Publizität bekommen…

Zurück zum inspiriert-sein: was auch immer meine Kreativität triggert versuche ich ganz und gar aufzusaugen. Es mag manchmal so wirken, dass ich diese Orte nur durch den Sucher meiner Kamera betrachte; doch das täuscht! Einerseits, weil der Blick durch den Sucher einem die Suche nach einer anderen, frischeren, besseren Perspektive aufzwängt, wenn man schon eine Weile geübt hat. Und zum Anderen, weil die Ergebnisse meiner Knipserei für mich ein Quell des Nachdenkens sind, aus dem ich noch schöpfen kann, lange nachem ich den fraglichen Ort schon wieder verlassen habe. Dass dabei unter 100 Shots oft nur einer heraussticht, liegt in der Natur des Augenblicks, dieser von mir schon öfter beschworenen, unüberwindbaren Mauer der nächsten Sekunde, deren Vergänglichkeit der Druck auf den Auslöser nur bruchstückhaft zu vermindern mag, weil alle anderen Eindrücke, die mich in dem Moment dazu bewogen haben mögen, genau diese Perspektive zu wählen schon wieder hinfort sind… für immer… Insofern sind meine Bilder nicht nur mangelhafte Abbilder meines inspiriert-seins, Gedankenstützen so nützlich wie ein Knoten im Taschentuch des Schicksals sondern stumme Zeugen meines verzweifelten Bemühens, Fetzen von etwas etwas einzufangen, was man eigentlich nicht einfangen kann – (ER)LEBEN! Also war ich auch nur ein typischer Besucher in Assisi, aber immerhin stets bemüht, kein Arschloch-Touri zu sein. In diesem Sinne einen schönen Abend.

Benvenuti nelle Marche N°4 – all you need is…?

Wenn’de Zeitung liest, kriegste manchmal komischen Kram serviert. Heute Morgen zum Beispiel bekam ich einen Artikel zum Thema “Cortisol-Face” serviert. Offenbar ist es derzeit ein Trend, ein wenig aus der Form geratene Gesichter einem Stress-induzierten Cortisol-Überschuss im Körper zuschreiben zu wollen. Manchmal wäre es ganz gut, wenn das Insta-Völkchen, die TikTok-Nation und die SnapChat-Jünger NICHT jeden Quatsch einfach replizieren würden. Insbesondere in einem Zeitalter, in dem manche selbsternannte Besserwissende – a.k.a. Influencer – einem auch noch das Letzte Stückchen ALTEN Blödsinn als den NEUEN heißen Scheiss verkaufen wollen. Verkaufen hier im wahrsten Wortsinn, weil diese Bübchen und Mädchen meinen halt, mit gequirlter Scheiße Geld machen zu können. (Der Artikel auf ZON, der den Quatsch mit dem Cortisol-Face sachlich widerlegt, ist leider hinter der Bezahlschranke). Bezeichnend finde ich die Aussage eines Mediziners aus dem Artikel, das eine in seine Ambulanz mitgebrachte Selbstdiagnose aus dem Internet quasi automatisch ein Ausschlußkriterium darstellt. So viel zur Nützlichkeit von Selbstdiagnostik durch die Halbwissenden. Gemischt mit einem Schuß Dunning-Kruger ein weiteres soziales Pest-Bazillus unserer Zeit. Ich sage das jetzt vollkommen unironisch, nicht in beleidigender Absicht aber sehr wohl mit der Zielgruppe Gen Z und jünger: Erfahrung ist durch NICHTS zu ersetzen, außer durch mehr Erfahrung und Dazu(Lernen) findet NIEMALS ohne Anstrengung statt! Merkt euch das endlich und hört endlich auf, dauernd nach der Abkürzung zum Topf voller Gold zu suchen! Das einzige, was ihr damit erreicht, ist noch mehr gequirlte Scheiße in diese Welt zu setzen (siehe oben)!

Das Restaurant in Macerata war nicht übel…

Der Titel sagte ja was von “all you need is…?”. Und auch wenn die Beatles natürlich schon lange und überdies vollkommen richtig besungen haben, dass die Liebe wirklich das Allerwichtigste in unserem Leben ist, bleiben natürlich noch ein paar andere Bedürfnisse, die es zu stillen gilt. Jedes Mal, wenn ich die Frage nach den Bedürfnissen in Aus- und Fortbildungskontexten anspreche, fangen die Leute unwillkürlich an, Maslows Pyramide zu zeichnen oder mit Worten zu beschreiben. Da Brecht schon wusste, dass das Fressen vor der Moral kommt (da hat er natürlich bei Marx abgekupfert), ist das an sich noch nix bemerkenswertes. Es scheint sich aber ins kollektive Gedächtnis eigearbeitet zu haben, dass ganz unten die physiologischen Bedürfnisse stehen. Und “physiologisch” wird oft und gerne mit “existenziell” verwechselt, wobei die Leute dann unterschlagen, dass soziale und individuelle Bedürfnisse (zumindest in unserer Gesellschaft) subjektiv sehr wohl ebenso existenziell sein können, wie die physiologischen – anders wären manche psychische Zivilisations-Krankheiten wie etwa Burn-Out wohl nicht zu erklären. Womit wir wohl wieder beim Cortisol-Face angelangt wären. Welche Bedürfnisse noch existenziell sind, bestimmt – sofern die physiologischen halbwegs gedeckt sind – jeder Mensch für sich; was allerdings mittelfristig ein Problem darstellt, wenn jede/jeder der Meinung sind, IHRE diesbezüglichen Empfindungen und Erkenntnisse zu denen ALLER erklären zu müssen! Und das überdies auch noch in die Weiten des Wenig Wichtigen Webs hinausposaunen… Womit wir wieder bei den Influenzeranzien wären; Menschen, die ihre (wie auch immer beschaffene) Reichweite ausnutzen, um gequirlte Scheiße zu ver breiten, was mich dann mental ranzig macht.

Denke ich über das nach, was ich brauche, dann komme ich zummeist zu dem Schluss, dass ich immer noch mehr Konsumkapitalist bin , als ich das gerne wäre, aber immerhin weniger als viele Andere. Ich brauche vor allem eine Ressource: Zeit. Zeit für meine Lieben, vor allem aber auch Zeit für mich, weil ich in letzter Zeit zu oft bemerken musste, dass dieser ständige Modus des (aufoktroyierten) Kommunizieren-Müssens über alles und jedes mich ermattet hat. Bis zu dem Punkt, da meine Resilienz aufgebraucht war. Und ich bin mir NICHT sicher, dass sie zum Ende des Urlaubs wieder voll aufgefüllt sein wird. We’ll see to that… Was ich jedoch feststellen konnte ist, dass Chef-Sein mich NICHT erfüllt. Now, don’t get me wrong: ich mag die Herausforderungen, welche meine Arbeit mit sich bringt, es gibt einige Kolleg*innen, mit denen zusammenzuarbeiten Spaß macht und ich empfinde meine Aufgaben ehrlich als richtig und wichtig. Und trotzdem fehlt mir letzthin der Drive; weil es immer wieder nur um das eine geht: Kohle, Moos, Schotter, Asche, Zaster, Penunze. Ich sehe keine Visionen – und ich finde das Peer Steinbrück ein Dummschwätzer war, als er sagte, für Visionen ginge man zum Wahrsager. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt je zum Chef-Sein gemacht war; insbesondere, weil ich eigentlich kein direktiver Typ bin, sondern eher jemand, der bedächtig lenkt und auf die Einsicht der Menschen hofft. Immer noch. Mittlerweile muss man sagen: wider besseres Wissen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wir fuhren hier in den letzten Tagen mit einem Leihwagen umher, der objektiv betrachtet lächerlich klein, dezent untermotorisiert und nicht sonderlich gut ausgestattet war. Dafür war er halbwegs kostengünstig. (Lancia Ypsilon Model 846). Unser eigenes Auto laboriert an einem Atmungsproblem, welches erst derzeit behoben werden kann, nachdem in der Woche um Ferragosto kein Ersatzteil zu bekommen war. Wir haben trotzdem schöne Ausflüge gemacht und ich war, bzw. bin, allen kleinen Widrigkeiten zum Trotze zufrieden. Sehr sogar. Vor allem, weil unsere Unterkunft einen vieles vergessen lässt, aber auch, weil unsere Vermieter wirklich reizend hilfsbereite Menschen sind. Ich durfte einmal mehr feststellen, dass meine Vorstellung von einem guten Leben und die meiner besten Ehefrau von allen gelegentlich ein wenig differieren. Ich brauche materiell wirklich nicht viel. Vielleicht liegt es daran, dass sie an ihren Wurzeln, also der Art, wie ihre Familie gestrickt ist nicht vorbeikommt. Ich bin – und das kann man unumwunden sagen – vollkommen anders als meine Geschwister. Ob das mit meiner Erziehung (die anscheinend anders verlaufen ist, als bei meinen älteren Geschwistern) oder doch eher mit meinen Lebens-Erfahrungen zu tun hat, werde ich nicht beurteilen. Aber es hat so einige Auswirkungen… Wenn ich ehrlich bin – ich könnte mir das Leben hier auch vorstellen. Doch ich weiß, dass es meinen Lieben da anders geht und ich käme im Leben nicht darauf, sie entwurzeln zu wollen. Denn ihre Bedürfnisse sehen eben ganz anders aus, als meine. Und ihr existenziell sieht vermutlich auch ganz anders aus, als mein existenziell, selbst wenn wir alle Menschen sind. Am Ende des Tages weiß ich nicht, ob ich den Mut aufbrächte, mit 50 in einem anderen Land noch mal ganz neu anzufangen; von den Kosten mal ganz abgesehen. Aber davon träumen ist schon ganz nett. In diesem Sinne wünsche ich einen schönen Tag.

Benvenuti nelle Marche N°3 – Hitzige Klassenfragen…?

Ich las heute morgen einen Artikel, der sich mit der Frage beschäftigte, wie man angesichts wachsender Auswirkungen des Klimawandels – vulgo: es wird im Sommer früher, länger und intensiver heiß – mit sozialen Unterschieden umgehen soll. Und insinuiert dabei, dass ein niedrigerer sozioökonomischer Status automatisch mit größeren Belastungen einher ginge. Das ist so schlicht nicht richtig, da etwa die Verfügbarkeit von Klimaanlagen am Arbeitsplatz mitnichten mit dem Gehalt der arbeitenden Personen korrelliert, sondern mit der Bereitschaft oder Fähigkeit des Arbeitgebers welche zu installieren. Und gerade am Arbeitsplatz, wo wir Lebenszeit gegen Geld tauschen, wünscht sich er Arbeitgeber ja, dass wir konzentriert und produktiv sind. Dass Hitze an sich bereits eine gesundheitliche Belastung darstellt und die Leistungsfähigkeit negativ beeinflusst, darf als Tatsache geltenzu klären ist die Frage, wie viel der Mensch aushalten können muss. Und da sind wir bei einem gesellschaftlichen Aushandlungsprozess, der noch lange nicht zu Ende geführt ist. Da stellen sich immer noch genug Leute hin und bramabarsieren irgendwas von “stellt euch nicht so an ihr Pussies, früher sind wir bei jeder Hitze arbeiten gegangen”, “Was für ein Klima-Wandel? Das ist doch nur Wetter!”, “Typische Gen-Z-Probleme, die sind alle nur zu Faul zum Schuften!” oder aber der Klassiker “Was interessieren mich eure Armut – ich hab ‘ne Klimaanlage!”. Ja, Arschlöcher wachsen anscheinend immer noch auf sehr prall gefüllten Bäumen; und irgendein Depp lässt immer das Türchen zur Streu-Arschloch-Wiese offen, damit die rausgelangen und unnötig die Welt mit ihrem verbal-kognitiven Abraum verpesten können… Schönen Dank für NIX!

In der Tropfsteinhöhle ist es immer schön kühl => idealer Arbeitsplatz für alle?

Wie der Titel dieses Posts verrät, weilen meinen Lieben und ich derzeit nicht daheim, sondern im Urlaub in Italien. Wir sind mit dem eigenen Auto hergekommen, einem Diesel. Selbst wenn man Lebenszyklusemissionen für ein älteres Fahrzeug umrechnet, ist es noch lange nicht so gut, wie ein Elektroauto. Immerhin arbeitet es aber derzeit effizient, weil vollbesetzt. Wobei wir derzeit ein unfreiwilliges Downgrade auf einen Kleinwagen haben. Dazu zu anderen Zeit mehr. So oder so: für das, was eine Flugreise nach Italien an Emissionen vrebraucht hätte, könnten wir hier ein halbes Jahr rumfahren. Das Gebäude, in welchem wir wohnen, ist ein altes Natursteinhaus, das keine Klimaanlage hat, aber aus meiner Sicht auch keine braucht, da selbst bei sehr hohen Außentemperaturen (wir hatten die Tage immer mal wieder 37°C!) die Innenräume angenehm bis erträglich temperiert bleiben. Nun könnte man wieder einmal sagen, dass ich gerade so einen typischen Bildungsbürgerurlaub der gehobenen Mittelschicht abfeiere; aber wenn man ein bisschen sucht, vergleicht und nicht nur auf das erstbeste (oder – schlechtetese) “Billich Willich!”-Angebot anspringt, ist das jetzt nix, was sich recht viele andere nicht auch leisten könnten. Wenn man halt am Ballermann zum Human-Grillwürstchen werden will, ist das nur eine weitere eigene Lebensentscheidung von vielen. Entlastung schaffen muss man indes für jene, die sich einen Urlaub schlicht nicht leisten können – entweder indem wir über deutlich höhere Mindestlöhne, veränderte Transferleistungen oder eine wesentlich lebenswertere Umgestaltung des urbanen Raumes an sich reden!

Um’s kurz zu machen – wir werden nicht umhin kommen, mehr zu klimatisieren, damit wenigstens in Schulen, sowie an bestimmten Arbeitsplätzen wie Krankenhäusern und Altenheimen Patienten und MItarbeitende nicht weiterhin so stark zu Schaden kommen. Solche Klimaanlagen muss man mit erneuerbaren Energien betreiben und so nicht zum Treiber der Klimakrise werden lassen. Gleiches gilt für Menschen, die sich Klimaanlagen für den privaten Bereich leisten können und wollen – der Betrieb mit Photovoltaik oder wasauchimmer muss dann obligat vorgeschrieben sein. Worüber wir aber dringend diskutieren müssen, sind autofreie, weitesgehend bodenentsiegelte Innenstädte und neue Arten zu bauen, um Städte nicht – wie das heute der Fall ist – zu riesengroßen Schamottsteinen zu machen, welche die tagsüber gespeicherte Hitze nachts schön kontinuierlich abgeben, um ihre Bewohner sous-vide zu garen. Und hier ist der Gesetzgeber ultimativ gefragt. Denn vernünftiges Verhalten im Angesicht der drohenden Katastrophe ist offenkundig von den allermeisten Menschen nicht zu erwarten. “Was, ihr wollt mir meinen vollkommen überdimensionierten Carburator verbieten, mit dem ich alleine ins Geschäft fahre, weil ich mich dann wie King/Queen of the Road fühlen kann? NIEMALS!” (ja, es gibt auch genug unvernünftige Frauen, nur so am Rande). Tja, Jungs und Mädels die Antwort lautet: weil ihr unnötig Ressourcen verschwendet, eine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer darstellt, den Menschen in der Stadt Platz wegnehmt und ihre Luft verpestet . DESHALB! “Wieso soll die Flugreise nach Malle jetzt so teuer sein? Kann man denn nicht makl mehr Urlaub machen, wie man will…!”. Doch, doch ihr dürft Urlaub machen. Aber ihr solltet zwei, nein besser drei Mal darüber nachdenken, wie viele Ressourcen ihr dafür verschwenden wollt.

Und dann waren da noch die Menschen, die weite Strecken pendeln müssen. Oder wollen? Oder doch müssen? So ganz klar ist das nämlich nicht. Aber auch auf dem platten (oder hügeligen) Land gibt es noch jede Menge Möglichkeiten, den ÖPNV weiterzuentwickeln. Und niemand will irgendwem das Auto verbieten. Aber es muss viel kleiner, sparsamer, effizienter gehen, als derzeit. Die Dinger sind Gebrauchsgegenstände, keine Statussymbole – GEHT DAS ENDLICH MAL IN EURE DICKSCHÄDEL? Und wir müssen endlich davon Weg, das individuelle Kraftfahrzeug (am besten auch noch Verbrenner) als Nonplusultra von vorne und von hinten staatlicherseits zu subventionieren. Ob das einen gewaltigen Umbau der Gesellschaft erfordert? OH JA! Ob das nur mit dem Einverständnis und der Vernunft der Bürger gehen wird? OH NEIN! Welche Vernunft meint ihr? Die oben beschriebene? Ja, ne, is klar; schönen Dank auch! Ja, mag sein, dass die Ressourcen im Umgang mit den steigenden Temperaturen in einigen wenigen Situationen eine Klassenfrage sind – vor allem aber sind sie eine Bildungsfrage und eine Frage kluger Politikgestaltung; und das meint nicht mehr, immerzu auch dem letzten Depp alles noch transparent erklären müssen zu glauben, sondern sinnvolle Fakten zu schaffen, weil es JETZT verdammt nochmal notwendig ist. Ich wünschte mir nur ein einziges Mal eine Legislatur, in der Probleme tatsächlich angegangen werden, ohne immerzu auf den Proporz am Ende der Legislatur zu schielen. Und Medien, die verstehen, wann es besser ist die Fresse zu halten, anstatt duarend eine neue Sau durch’s Dorf zu treiben. Ach, wär des schee! Schönen Tag noch.

Benvenuti nelle Marche N°2 – Character-driven Storytelling

Als ich vor einigen Tagen hier darüber schrieb, dass Kreativität heutzutage oft vor allem Recycling-Kreativität sei, weil die großen Geschichten alle schon auserzählt seien, meinte ich damit vor allem Archetypen von Geschichten. Die klassische Form des Dramas mit seinen fünf Akten gibt bis heute Geschichten jedweder Art ein Grundgerüst, welches uns immer wieder bestimmte Figuren des Erzählens in verschiedenen Kunstformen zuverlässig wiedererkennen lässt:

  • Exposition (oder Protase) => wir werden in die Geschichte eingeführt und lernen Pro- wie Antagonisten kennen. Davon abgeleitet ist einer der wichtigen Ratschläge für Möchtegern-Romanciers: beginne die Geschichte mit einigen wenigen Sätzen, welche den bzw. die Protagonisten möglichst stark charakterisieren und positionieren. Doch dazu später mehr.
  • Komplikation (oder Epitase) => der Konflikt, bzw. die zentrale Spannung betritt die Bühne der Geschichte. Dies kann sich an eine Person polarisieren, oder an einem besonderen Sachverhalt (etwa einem McGuffin, den alle haben wollen). In jedem Fall wird der Eintopf gerade mit einigen 1000 Scoville nachgewürzt…
  • Peripetie => eine erste Klimax führt dazu, dass der/die Protagonisten eine Niederlage, einen Verlust oder einen Rückschlag erleiden und an den Folgen wachsen müssen, um den/die Antagonisten später (evtl.) überwinden zu können.
  • Retardation => Steigerung der Spannung durch das langsame Hinarbeiten des/der Protagonisten auf den finalen Akt. Die Kräfte werden gesammelt, Wunden geleckt, Erkenntnisse gesammelt, eine neue Kraft entdeckt. All das führt entweder zur…
  • Katastrophe oder zur Lysis => Wir alle lieben Happy-Ends…oder? Nun, offenkundig hat insbesondere die Mainstream-Filmemacherzunft vergessen, dass eine Geschichte auch mit einem Niedergang enden kann. Das Happy-End ist nur eine Möglichkeit, aber kein Gegebenes, wenn es um Geschichten geht.
Der Weg ist das Ziel 🙂

Vollkommen unabhängig davon, ob man nun als Autor eines Romans, eines Drehbuches, eines Computerspiels oder eines Skriptes für ein Instruktionsdesign in der beruflichen Bildung tätig wird, gibt es ein paar Dinge die man abseits der eben beschriebenen Struktur beachten sollte: a) inhaltliche Kohärenz: Wenn die Plotholes so groß sind, dass die voll aufgefächerte Pazifikflotte hindurchrauschen kann, ist irgendwas beim Denkprozess des Autors falsch gelaufen. Das bedeutet übrigens mitnichten, dass JEDE Geschichte den Gesetzen der Physik huldigen muss, oder den knochentrockenen Realismus eines alten Tatortes braucht. Die Geschichte muss in ihrem eigenen Kontinuum funktionieren und darf selbst aufgestellte Regeln nicht (allzu oft) brechen: ein Beispiel ist die vielzitierte Protagonistin Rey aus der dritten Star-Wars-Trilogie (“Das Erwachen der Macht” etc.), die vollkommen ohne Training oder mentorielle Begleitung beim zweiten Zusammentreffen schon einen Sith-Lord zerlegt – und damit erhebliche Bestandteile der Star-Wars-Lore ad absurdum führt. b) glaubwürdige Motivation: warum stellt sich ein Protagonist gewissen Herausforderungen? “Weil es eben da steht”, ist MIR als Begründung deutlich zu knapp. Es muss sich aus der Exposition und Komplikation erklären lassen, warum jemand sich auf ein Abenteuer begibt, warum und vor allem wie viel er oder sie für den Erfolg zu geben bereit ist und wie der Weg dahin aussehen könnte. Wenn hier zu viel Deus Ex Machina passiert, und ein*e Protagonist*in von Zero to Hero gebullshittet wird, bin ich als Konsument raus. Denn Erfolg / Stärke / Macht muss erworben werden und geht immer mit Verantwortung einher c) glaubwürdige Beziehungen: wenn da plötzlich aus zwei Personen, die in etwa so viel gemeinsame Chemie haben wie das Sandmännchen und der Osterhase eine Love-Interest hergesponnen wird, revoltiert mein Erzählerherz. Beziehungen entstehen nicht aus dem Nichts und bedürfen eines Reife-Prozesses (Sex in Extremsituationen, ein Klassiker des 80er-Action-Kinos, sei hiervon ausgenommen. Aber derlei Blödsinn sieht man ja heutzutage nur noch selten). Das betrifft aber auch die Verbindung mit Nebencharakteren, Sidekicks, Henchmen des/der Antagonisten etc.

Die “willing Suspension of disbelief” funktioniert nur dann, wenn die Erzählung im Rahmen ihrer eigenen Parameter glaubwürdig bleibt, unsere menschliche Erfahrung hinsichtlich bestimmter Sachverhalte (eine 55KG-Frau wirft keinen 125KG-Mann umher, außer sie ist mit Superkräften gepimped und das wurde vorher auch so erklärt) nicht vollkommen konterkariert und die Struktur der Beziehungen erklärbar ist und bleibt – dann erzeuge ich Buy-In und die Leute kaufen mir meine Geschichte ab. Character-driven bedeutet also, dass ich Persönlichkeiten erzählen muss und nicht nur Schablonen; dass die Motive und resultierenden Handlungen der Pro- und Antagonisten emotional wie auch rational nachvollziehbar bleiben müssen. Und schließlich, dass die Beziehungen der Figuren untereinander relevant sind. Selbst dann, wenn diese durch die Geschichte einer (teils unvorhersehbaren) Dynamik unterworfen werden. Ich denke Geschichten immer von den Charakteren her. Übrigens auch im Lehrsaal. Szenen-Beschreibungen und Personen, die nah genug an einer realen Erlebniswelt dran sind, vermitteln den Schüler*innen stets bessere Einstiegspunkte in Fall-Szenarien, als irgendwelcher wirrer, an den Haaren herbeigezogener Action-Quatsch. Und tatsächlich beobachte ich, dass eine solche Einstellung beim Lehrpersonal auch auf die Schüler*innen abfärbt, wenn diese mit der Zeit teilweise selbst beginnen, auf diese Art Szenarien füreinander zu entwickeln. Das macht mich dann auch ein bisschen stolz.

Ich kämpfe hier im Urlaub gerade mal wieder mit verschiedenen Ideen für hobbymäßiges Storytelling, die allerdings noch nicht richtig Struktur annehmen wollen. Das Einzige, was mir, einer Fingerübung gleich, sofort aus der Feder lief, waren Nichtspielercharaktere und deren Beziehungen. Sogar für verschiedene Settings, die ich derzeit beackere. Tatsächlich ergibt sich der Rest der Geschichten dann vermutlich alsbald von allein, denn Kreativität kann man, wie ich neulich auch geschrieben hatte ja nicht zwingen; aber wenn der Moment günstig ist… Also hoffen wir auf die weitere Wirkung der Erholung. Die beste Ehefrau von allen meinte in dem Zusammenhang übrigens dieser Tage zu mir, dass ich in den letzten Jahren hinsichtlich meines Outputs für Pen’n’paper viel zu selbstkritisch geworden sei. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber das was ich geschrieben hatte, lasse ich jetzt so. Und jetzt kann ich den Pool rufen hören. Denn bei den aktuellen Temperaturen tut gelegentlich Abkühlung not. Wir hören uns alsbald wieder.

Benvenuti nelle Marche N°1 – irgendwas ist ja immer…

Die Erwartung, einfach und friktionsfrei an den Urlaubsort zu kommen, ist ja ungefähr so wahrscheinlich zu erfüllen, wie das Verlangen, etwas im Lotto zu gewinnen – einen Schein müsste man halt schon ausfüllen, nicht wahr. Ich lasse mich hier nun nicht aus über den Verkehr (wer in der Woche rings um Ferragosto, also den 15.08 oder Maria Himmelfahrt nach Italien reist, ist sowieso selbst schuld), oder über den Umstand, dass das Familienauto Dinge tut, die es nicht tun sollte. Immerhin fährt es (noch) und die Location erfüllt meine Erwartungen in jeder Hinsicht. Idyllisch gelegen, von sehr, sehr gastfreundlichen Leuten betrieben, mit allem ausgestattet, was man unbedingt braucht und trotz der atomaren 37°C Außentemperatur innen recht angenehm temperiert, weil halt altes Natursteinhaus. Herz was willst du mehr.

Ich schrieb neulich irgendwo in den Weiten des Web, dass Urlaub kein physischer Ort an sich, sondern eher eine Einstellung zu den Dingen sei. An dieser Behauptung möchte ich festhalten, indes aber eine Einschränkung anfügen: es hilft total, wenn ich den Geruch der warmen Erde Mittelitaliens in der Nase habe, morgens meine Bahnen im Pool schwimmen kann und ansonsten gerade durch die Tage hindurch mäandere wie ein Faultier durch die Bäume: bedächtig und doch irgendwie dauernd in Aktion. Ich bin an und für mich (und meine, die Festellung treffen zu dürfen, dass dies für meine Lieben ebenso gilt). Eine liebe Kollegin fragte mich vor ein paar Monaten, was ich mit dem Begriff ZWECKFREI denn meinen würde; und ich konnte ihr nur antworten: ebendas! Zweckfreiheit bedeutet – in meiner bescheidenen Welt – die vollkommene Kapitulation des Homo Oeconomicus vor der unüberwindbaren Mauer der nächsten Sekunde. Pläne sind für die Katz, Erwartungen schrumpfen auf das absolute Minimum zusammen, Schwarze Schwäne passieren – und es ist einfach vollkommen egal. Ich sitze, während ich diese Zeilen schreibe in einem kühlen Wohnzimmer voller Memorabilia anderer Menschen an einem alten Sekretär und schaue durch ein Fenster nach draußen, wo gleißende Sonne alles mit ihrem Feuer überzieht – Leben spendend und Leben bedrohend im gleichen Moment. Die Zeit fließt derweil, ganz im Gegensatz zu meinen Gedanken, zäh wie Melasse und ich frage mich, wann dieser eigentlich vollkommene Moment aufhört. Ich muss übrigens von dieser Einschränkung lassen, denn eigentlich ist das Wort “eigentlich” riesengroßer Mist – also ist es ein vollkommener Moment, falls es überhaupt je einen geben kann. Doch wann er endet? Vielleicht bevor ich mit diesem Post zu Ende bin, vielleicht auch erst danach. Who cares…?

In einem Moment aufzugehen, sich dem Kairos hinzugeben und der Intuition folgend zu tun, was man für gut und richtig hält, ist DAS Privileg des im Urlaub seienden Menschen. Ich plane tatsächlich für meine Freizeit – im Urlaub genauso, als wenn ich meinem Lieblings-Hobby Storytelling (also etwa Pen’n’paper-Zocken) nachgehe – eher wenig. Es gibt gewiss gelegentliche Erwägung über die Tagesgestaltung, Gespräche mit meinen Lieben über das Für und Wider von Besuchszielen, Speisenfolgen und anderen Aktivitäten; aber im Großen und Ganzen lasse ich es auf mich zukommen. Einfach weil ich das sonst einfach nie tun kann. Andere Leute, die mal ausnahmsweise ihre Kontroll-Illusion verlassen wollen, gehen zur Domina. Ich suche lieber weniger Schmerz- und/oder Demut versprechende Abenteuer. Ich muss an dieser Stelle noch einmal betonen: echte Kontrolle über das eigene Leben zu haben ist eine Illusion, der wir nur verfallen, weil unsere Affengehirne darauf konditioniert sind, die – absolut und vollkommen offene und zudem hoch volatile – Zukunft auf Basis der vergangenen Erfahrungen vorhersagen zu können glauben. “Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube”. Der olle Faust meinte zwar etwas anderes, passend sind die Worte an dieser Stelle dennoch. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als auf die Fortune zu vertrauen und einfach mein Ding zu machen, wie es mir gefällt. Und falls das jetzt klingt, als wenn ich einfach bestimmen könnte, was in diesem Urlaub als nächstes passiert… nun, da bin ich wohl meiner eigenen Kontrollillusion aufgesessen; denn mit meinen drei Frauen im Haus kommt es erstens anders und zweitens als man denkt! Wir hören uns.

Hast du mal eine Idee für mich…?

Wir haben da in der beruflichen Welt ein ziemlich großes Missverständnis am Laufen: nämlich dass Handlungskompetenz im Sinne des situations-, sach- und sozialadäquaten Problemlösens Kreativität an sich sei. Ja, Handlungskompetenz hat eine kreative Komponente, wenn ich bekannte Ingredenzien meines Gewerkes auf jeweils neue Weise miteinander mischen muss, um eine neue Problemlage lösen zu können. Manche nennen das Improvisation, aber tatsächlich ist es Handlungskompetenz; lediglich auf einem neuen Niveau gedacht. Man kann es mit DJs vergleichen, welche die Situation (also den Saal) lesen und ihren Mix an die Stimmung, die Vibes, das Publikum anpassen. DJs sind dabei zumeist spielerischer unterwegs als Notfallsanitäter*innen oder Lehrkräfte. Aber im Kern ist die Aufgabe sehr ähnlich. Handlungskompetenz ist jedoch keine Kreativität an sich, weil sie so gut wie nie in der Freiheit ausgeübt wird, zu vergessen, wo die verdammte Box steht; zur Erinnerung es gibt den Terminus “to think outside the box”, wo es darum geht, seine üblichen Denkmuster zu verlassen, über den ´Tellerrand zu blicken, frei zu assoziieren, sich schlicht quer zu seinem sonstigen Denken zu stellen. Einen solchen Flow-Zustand erreiche ich unter dem üblichen Druck der Arbeitswelt, bzw. wenn ich in teilweise sehr streng und eng definierten Rahmenbedingungen arbeiten muss NICHT, weil ich dazu weder die Zeit, noch die freien kognitiven Ressourcen habe. Selbst, wenn die Arbeitsumgebung fancy and free gestaltet ist; was z.B. für Notfallsanitäter*innen und Lehrkräfte auch nicht der Fall ist.

Echte Kreativität lebt von eben jener Freiheit, die mich vergessen lässt, dass es jemals eine Box gegeben haben könnte. Das große Problem damit ist, dass man diesen Zustand nicht herbei zwingen kann – schon mal was von Schreibblockade gehört? Es gibt einen guten Grund, warum George R. R. Martin “Winds of Winter” mehr als 12 Jahre später immer noch nicht fertig hat. Man kann es nicht erzwingen. Mal davon abgesehen, dass seine Geschichten eigentlich auserzählt sind. Wie oft kann man immer gleiche Intrigen aufbauen, dann eigentlich wichtige Charaktere töten – und immer noch frisch wirken? Die Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Mal davon abgesehen, dass heutige Kulturprodukte auch deswegen so ein Problem damit haben, immer härter um ausreichendes Publikum kämpfen zu müssen, weil die Urgeschichten alle erzählt sind. Ich habe vor mittlerweile 15 Monaten in Berlin ein Interview geführt, bei dem es um das Geschichten Erzählen ging. Und meine Interviewpartnerin meinte, dass speziell die alten griechischen Mythen sie immer noch faszinieren, weil sie immer wieder etwas Neues über diese uralten Geschichten herausfindet – und weil sie immer wieder neue Bezüge zu unserer heutigen Zeit herstellen kann. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ein altes Thema, über das ich schon vor 10 Jahren geschrieben hatte, kam wieder hoch: nämlich, dass streng genommen fast alles, was wir heute als neue Schöpfung hip und smash und frisch finden im Grunde nichts weiter ist, als ein Mash-Up, ein Re-Mix – kurz Recycling-Kreativität.

Im Grunde ist es mit unserer Kreativität heute so, wie mit dem, von einem Mehr an Biographie belasteten Menschen mittleren Alters beim Lernen: je mehr Vor-Gewusstes, Erfahrungen, Wissenssedimente sich in unserem Langzeitgedächtnis abgesetzt haben, desto länger brauchen wir, um Neuem darin einen sinnvollen Ort geben zu können. Je älter man wird, braucht man nicht länger zum Lernen, weil man langsamer denkt, sondern weil man wesentlich mehr Altes mit dem Neuen in Einklang bringen muss. Und so ist es mit unserer Kreativität: wenn ich etwas wirklich frisches schaffen möchte, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit dem ganzen alten Kram auseinanderzusetzen – allein schon, wenn ich einen Copyright-Verstoß vermeiden möchte. Ein gutes Beispiel dafür sind auch die Produkte, welche man mittels KI-Tools wie Chat-GPT erzeugen kann; denn generative KI erzeugt das “NEUE” ja einfach nur durch Heuristiken, die Altes auseinander nehmen und neu zusammensetzen. Et voilà: Mash-Up und Re-Mix. Zwar wirkt das dann oft auf den ersten Blick überraschend kreativ; hat man aber ein einigermaßen geschultes Auge, bemerkt man, dass gerade DALL-E 3 mit seinen Bildern gerne in Pomp und Pathos abgleitet. Was neulich z.B. dazu führte, dass ich die KI darum bat, es noch mal mit etwas weniger sozialistischem Pathos zu versuchen, weil das Ergebnis aussah, wie ein Propaganda-Wandbild aus Sowjet-Zeiten…

Creatio ex nihilo – also die Erschaffung von etwas wirklich Neuem aus dem Nichts heraus passiert heutzutage nur noch ziemlich selten. Allein schon deshalb, weil der größte Teil unserer Unterhaltungsindustrie sich um des konsumkapitalistischen Paradigmas der Umsatz-Rendite Willen algorithmisiert hat – und in der Folge immer mehr von der selben Scheiße produziert. Adorno Ahoi! Und trotzdem entstehen ein ums andere Mal Ideen, die tatsächlich diesen Charakter der Novität haben. Etwa, weil sie in der Lage sind, unsere Sicht der Dinge zu verändern; oder weil sie ein wirklich neues Element in eine alte Geschichte einfügen, was diese wieder spannend macht. Weil sie etwas Bekanntes auf überraschende Art neu denken. Es sind diese Ideen, die es wert machen, die eigene Kreativität zu trainieren. Denn in der Tat ist die Fähigkeit, Neues zu schaffen, Neues zu erdenken, sich selbst neu zu erfinden wie ein Muskel, der atrophiert, wenn man ihm kein Training angedeihen lässt. Dass ist die wahre Gefahr von zu viel Routine, von zu viel “Das haben wir ja noch nie so gemacht”, von zu viel Tradition – die Fähigkeit zur Kreativität und damit zu echter Innovation zu verlieren. Problemlösen kann man dann trotzdem noch, aber irgendwann wird auch diese Fähigkeit schlechter, weil neue Problemlagen manchmal anstatt alter auch mal neue Antworten brauchen. Könnten sich Politiker aller Parteien mal hinter die Ohren schreiben. Insbesondere aber die von CDU/CSU und FDP; die blauen Faschos lernen eh nix mehr dazu.

Ob ich heute eine Idee für euch habe? Jawoll! Probiert es doch einfach mal aus und lasst euch auf die Ideen, die Gedanken, die Philosphie von jemandem ein, um den ihr bisher einen Bogen gemacht habt, weil ihr immer dachtet, dass das aus 1001 Grund nicht zu euch passt! Ihr werdet überrascht sein, wie anders diese Welt plötzlich aussieht, wenn man seine Offenheit trainiert – und auf was für krasse Ideen man dann kommt. Lasst euch nur bitte nicht von irgendwelchen chauvinistischen, rassistischen, faschistischen Arschlöchern inspirieren. Die wollen nicht kreieren, sondern destruieren! Und damit ist auch genug für heute. Schönen Sonntag noch!

Echt männlich N°0 – …wer bist du denn?

Mit “Männlichkeit” ist es wie mit “Identität” oder “Heimat” – der Begriff kann niemals unabhängig von der eigenen (Er)Lebenswelt diskutiert werden. Was ICH als männlich wahrnehme, ist immer durch Sozialisation, Erziehung, Medienkonsum, kurz gesagt durch Biographie aufgeladen. Mit Biographie ist das ja auch so eine Sache: man nimmt eine Lebensgeschichte oft erst als eine hörenswerte Erzählung wahr, wenn das biologische Alter der erzählenden Person eine gewisse Zahl überschritten hat. Ganz so, als wenn das Alter ein Wert an sich wäre. Ist es aber nicht, denn es gibt da draußen so viele Menschen, die konsistent 50+ Jahre immer alles auf die gleiche Art erledigen – 50+ Jahre lang falsch! Und ja, ich erlaube mir diese normative Festlegung. Denn ein kurzer Blick in die aktuellen wissenschaftlichen Diskusionen zeigt sehr klar, dass ein Handeln, welches andere Menschen willentlich herabsetzt, erschöpfliche Naturressourcen um des egoistischen Spaßes Willen nutzfrei vergeudet und alles Andere der konsumkapitalistischen Prämisse ewigwährenden Wachstums unterordnet, ein falsches Handeln ist! “Es gibt kein richtiges Leben im falschen!”

Kehren wir zum Begriff “Männlichkeit” zurück. Wenn ICH hier nun darüber rede, so wird das Gesagte zunächst MEINE individuelle Sicht auf die Angelegenheit wiedergeben. Ich versuche zwar verschiedene Blickwinkel einzunehmen; wir wissen aber alle (hoffentlich) gut genug, dass der menschliche Modus das Machen von Fehlern von vornherein beinhaltet. Ergo wird meine Sicht der Dinge nicht friktionsfrei auf andere Individuen übertragbar sein. Dennoch erlaube ich mir gelegentlich normative Einlassungen, weil ich meine Meinung zumindest für informiert und ausgewogen genug halte, in einem erweiterten Diskus als Grundlage zu dienen. So arrogant bin ich dann halt doch… Ich bilde unter anderem Ausbilder aus. Und eine der wichtigsten Aufgaben bei der Aus- und Fortbildung von Ausbildern ist, sie immer wieder daran zu erinnern, wie Wahrnehmung, Persönlichkeit, Verhalten und Lernen miteinander zusammenhängen; erinnern deswegen, weil nicht wenige Menschen die Basics zum Ausbilden mitbringen. Und zwar in Form von Haltung, Empathie, Integrität und guter Affektkontrolle. Betrachte ich Männlichkeit nun aus dem Blickwinkel des Ausbilders, so kann man diese als Mischung verschiedener Persönlichkeitsfaktoren gemäß des Big-Five-Model aus der Sozialpsychologie charakterisieren; wobei wichtig ist, dass der Schieberegler zwischen den beiden Polen niemals ganz auf 0 oder 1 steht, sondern fast immer irgendwo dazwischen. Und das es neben einer starken auch eine überstarke (u.U. pathologische) Ausprägung geben kann, so wie es neben einer schwachen Ausprägung eine überschwache (ebenfalls u.U. pathologische) geben kann:

schwach ausgeprägt   -vs-   stark augeprägt

Offenheit für Erfahrungen:
konservativ, vorsichtig -vs- erfinderisch, neugierig

Gewissenhaftigkeit:
unbekümmert, nachlässig -vs- effektiv, organisiert

Extraversion:
zurückhaltend, reserviert -vs- gesellig

Verträglichkeit:
wettbewerbsorientiert -vs- kooperativ, freundlich, mitfühlend

Neurotizismus:
selbstsicher, ruhig -vs- emotional, verletzlich

Wichtig an dieser Stelle ist, dass ICH Männlichkeit nicht per se als “gut” oder “schlecht” betrachte, sondern mich zuerst nur für die Beschreibung der jeweiligen Ausprägungen interessiere. Da spricht dann der deskriptive Sozialwissenschaftler in mir. Das bestimmte Ausprägungskombinationen von verschiedenen Menschen – wie auch mir – als “gut” oder “schlecht” wahrgenommen werden, ist allerdings eine Tatsache. Vielleicht, weil bestimmte Ausprägungskombinationen stets ein Verhalten erzeugen, dass je nach eigener Disposition als mehr oder weniger kompatibel zum Eigenen wahrgenomnmen wird. Wenn ich mich selbst als empathischen und zurückhaltenden Mann sehe, dann wird mir ein Andrew Tate immer zuwieder sein. Ist übrigens der Fall, weil dieser misogyne, chauvinistische, arrogante Menschoid seinen unerträglichen Müll immer noch in die Weite des Internets erbrechen kann. Was soll man da sagen…? Jedenfalls beschäftigt MICH die Frage, was für ein Mann ich BIN, was für einer ich SEIN MÖCHTE und ob diese beiden Beschreibungen (schon) etwas miteinander zu tun haben erheblich. Ich habe zwei Töchter, die gerade in einer Welt aufwachsen, in welcher junge Männer anscheinend wieder einen reaktionären Schritt zurück Richtung 50er Jahre zu tun bereit sind, weil sie sich vom Feminismus bedroht fühlen. Die Folgen kann man insbesondere auf TikTok beobachten, wo junge Männer von teilweise auch noch rechten Rattenfängern in die toxische Maskulinität geführt werden.

Ich könnte ja jetzt sagen: aber ich bin anders. Vielleicht stimmt das auch. Weiß nicht so genau, woran ich das festmachen würde. Was ich weiß, ist aber Folgendes: der Gedanke, dass gerade Teile einer ganzen Generation durch den Gebrauch von antisocial media dazu verführt werden, die gesellschaftliche Uhr wieder zurückdrehen zu wollen, hin zum oldschool-Patriarchat, erschreckt mich. Denn eben dieses Patriarchat hat uns in der Vergangenheit neben einigen bahnbrechenden Erfindungen leider auch Kriege, Elend, Staatsterror von Rechts und Links und einen Amok laufenden Konsumkapitalismus beschert. Ich als white middle-aged cis-gender male habe davon genug. Ich wäre bereit für was anderes. Dieses Andere wird aber bedroht durch solche Entwicklungen, wie sie die verlinkten Studien beschreiben. Kästner hat ja immer gesagt: “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!” In diesem Sinne muss ich als Pädagoge wohl etwas dagegen tun. Und ich beginne daher diese neue Serie. Und vielleicht muss ich doch auf TikTok, so schwer mir das auch fällt. Hat jemand noch ein paar gute Ideen, was man tun könnte? Ich würde mich freuen, von euch zu hören. Einstweilen – schönen Samstag Abend noch.

New Work N°17 – Should I stay or should I go…?

Natürlich geht es nicht um den Song von “The Clash”, sondern um die ewig alt-neue Frage, ob ich da richtig bin, wo ich gerade stehe? Was definitiv auch nicht mein Home-Office meint, denn genau in diesem Moment sitze ich. So wie gestern Abend am Ufer des Flusses mit einem alten Freund und ein, zwei Fläschchen kaltem Bier im Rucksack. Wie wir da so saßen, den Menschen und Wasserfahrzeugen beim Vorbeiziehen zusahen und redeten, kam die Sprache – wie kann es bei Gen-Xern auch anders sein – auf die Arbeit. Und mein Hadern mit meiner Position, welches sich mittlerweile durch das letzte Jahr zieht; und ums Verrecken nicht besser werden will. Ich subsumiere den Tenor dieses Teils unserer Gespräche mit folgenden Worten, die mir gesagt wurden: “Bewirb dich nicht bei denen, ist ja noch schlimmer als da, wo du bist. Wenn, dann such dir was in der freien Wirtschaft.” Tja, was soll ich sagen. Ich bin mir da immer noch nicht sicher, ob er Recht hat. Denn heute hatte ich wieder so ein Gespräch, das mich an meinem Job zweifeln lässt.

Man muss dazu folgendes wissen: ich bin so eine Art schwieriges Wesen, nämlich ein sogenannter gewissenhafter Bauchmensch. Was ich anfange, bringe ich zu Ende, was ich nicht weiß aber brauche, eigne ich mir an und wenn ich was verkacke, stehe ich dafür ein! Und ich treffe Entscheidungen, wenn es keine Regularien gibt auch mal auf der Basis wohlinformierter Intuition; und liege damit meistens voll im Ziel. Nun ist es so, dass manche Situationen von Anfang an verfahren sind. Und das dabei oft unterschiedliche Interessen der Beteiligten Parteien eine Rolle spielen. Ohne auf Details eingehen zu wollen oder zu können kann ich sagen, dass eine Partei immer wieder auf ollen Kamellen rumreitet, wobei ich mittlerweile häufig berichtet habe, dass ein Dienstleister für den hier betroffenen speziellen Teil eines Gesamtpaketes nicht funktioniert und dass bislang diverse Versuche, Ruhe in die Angelegenheit zu bringen nicht gefruchtet haben. Jetzt höre ich zum ersten Mal Töne, die darauf hinweisen, den Dienstleister zu kicken. Ich soll das beobachten. Ich beobachte das jetzt seit zwei jahren und die kriegen ihren Job halt zu oft nicht geschissen! Überdies sind die Nutzer des Gesamtpaketes, zu welchem diese Dienstleistung gehört Teil des Problems. Weil sie wegen jeder Kleinigkeit an der falschen Stelle rummosern, anstatt ein wenig Eigeninitiative zu zeigen. Weil sie oft genug ihren Teil des Deals nicht erfüllen und dafür gerne mit dem Finger auf Andere zeigen. In dem Fall muss man leider sagen: typisches Gen-Z-Verhalten im negativen Sinne.

In den Augen der Person, mit der ich heute sprach, liegt die Gesamtverantwortung hierbei allerdings bei mir. Und das sehe ich nicht mehr so, wenn ich wieder und wieder darauf hingewiesen und nachgesteuert habe – und trotzdem dauernd wieder die alten Kamellen auf’s Brot geschmiert bekomme. Butter bei die Fische – keine klientennahe, hochkomplexe, von verschiedenen Stakeholder-Interessen tangierte und örtlich verteilt stattfindende Dienstleistung hat je friktionsfrei funktioniert! Ich frage mich ernsthaft, wann das gute alte “Fünfe-gerade-sein-lassen” endgültig verstorben ist. Würden wir in unseren Kernaufgaben fortdauernd Fehler machen, hätte man jedes Recht, so mit mir umzugehen. Nun sind unsere qualitativen Kennzahlen aber augesprochen gut. Nimmt niemand zur Kenntnis. Dafür klopfen sich andere gegenseitig auf die Schulter, wie toll sie das doch gemacht haben, obwohl deren Beitrag offen gesprochen non-existent war, bzw. eher in Behinderung bestand/besteht. Nun wird da, wo ich arbeite offensichtlich leider nicht mit- sondern übereinander gesprochen. Da kann ich nicht mehr drauf, denn diese Hinter-den-Kulissen-Intrigiererei, das EGO-Geficke, die institutionalisierte Verantwortungsdiffusion und das ewige Fordern lasse ich nicht mehr mit mir machen. Das Beste an dem Gespräch war, das es stattfand, nachdem ich auf andere, wesentlich wichtigere Dinge hingewiesen hatte, die evtl. geschäftlich richtungsweisend sein könnten. Mir kam es so vor, als wenn man von dem Wesentlichen ablenken wollte, weil man sich damit nicht beschäftigen möchte. Oder irgendjemand hat vollkommen andere Prioritäten als ich…?

Immer wieder beschwört man in Gesprächen gemeinsame Ziele. ICH. SEHE. KEINE. GEMEINSAMEN. ZIELE! Ich sehe die Ziele anderer Personen: BILLICH WILL ICH! Und da gehe ich nicht mit! Meine Ziele sind ganz klar definiert: qualitativ hochwertige Ausbildung, bei welcher die Azubis im Mittelpunkt stehen, aber auch von Anfang Führung erfahren müssen; und zwar durch Ausbilder*innen und Lehrkräfte, die als Role-Models taugen. Das ganze solide kalkuliert, damit das Controlling keine Tränen wegen mir vergießen muss. Das wäre mir arg…! Für die Lehrkräfte habe ich hierbei selbst noch einen Erziehungsauftrag, den ich absolut ernst nehme. Was ich nicht mehr ernst nehmen kann, sind Nachfragen im Wochentakt, die mir a) ein Gefühl von Mikromanagement vermitteln (das ich nicht mehr lange akzeptieren werde), b) mangelndes Vertrauen signalisieren und c) meine pädagogische Expertise anzweifeln. Noch mal Butter bei die Fische: wer pädagogische Qualität an sich beurteilen können will, MUSS Pädagoge sein, sonst nehme ich ihn nicht ernst. Und Veränderungsprozesse durch pädagogische Intervention, ganz gleich an wem sie vollzogen werden sollen, brauchen vor allem eine Ressource: Zeit! Was jedoch die Ausbilder*innen angeht… wir würden ihnen ja helfen, wenn sie sich denn helfen ließen. Hier zeigt sich die gefährliche Wirkung von “Das haben wir ja noch nie so gemacht!” Sich aber hinterher wundern, wenn die Betriebsbindung nicht so gut ist, oder die jungen Leute mit vollkommen falschen Zielvorstellung an ihre Arbeit gehen. Erziehungsauftrag verstanden? Leider NEIN!

Ob ich wütend bin? Oh ja… bin ich doch immer. Ob ich endlich Konsequenzen daraus ziehe? Jawohl! Was das bedeutet? Werden wir rausfinden. Leben ist Veränderung! Guten Abend!

Auch als Podcast…

Was ist Urlaub?

Klingt die Frage blöd genug für einen Sonntag? Ja, aber hallo! Und wenn man es recht bedenkt, bin ich ja nur ein trendiges Arschloch, dass sich eben auch mit einem solchen Quatsch beschäftigt, nicht wahr? Also reden wir erst mal über Trends. Also… diese sozialen Ausschläge hin zu der einen, oder anderen Sache, die alle haben oder machen wollen. Ist für meinen Urlaub natürlich die absolute Pest. Ich meine, ich mag Menschen so schon nicht besonders, weil die meisten von ihnen nach relativ kurzer Zeit durch ihr Tun und Lassen nicht meinen inneren Monk, wohl aber meinen inneren Hulk triggern; wenn die dann jedoch in Massen an Orten herumstiefeln, an denen ich einfach nur in Ruhe einen Espresso oder Eis schlotzen, alte Steine knipsen und staunen will – KOTZ! Orte können leider nämlich auch trendy sein und dann wird es irgendwann für alle Beteiligten zuviel. Zum Beispiel auch für die Bewohner, die es vielleicht gar nicht so charmant finden, wenn Hans, Franz, Erna und Gerda durch ihren Vorgarten walzen, als wenn der ihnen gehörte…! (Ich weiß dass man heutzutage andere Namen vergibt, ist mir aber Wumpe; jene, die mit meinen Worten gemeint sind, kapieren so oder so nix…!) Nicht umsonst hat sich in diversen sogenannten Urlaubshochburgen letzthin großer Widerstand gegen die weitere Vereinnahmung durch den Massentourismus formiert. (etwa hier: https://www1.wdr.de/nachrichten/mallorca-massentourismus-demos-100.html) Venedig erhebt seit neuestem eine Eintrittsgebühr für die Besichtigung der Lagunenstadt. Und auch andernorts in Italien formieren sich Fronten gegen die touristoide Überwalzung der eigenen Heimat.

Und jetzt komme ich – also dieser Typ, der ja auch anerkanntermaßen recht gerne nach Italien und Südfrankreich fährt – und erzähle was darüber, dass Trends mich ärgern, weil ich dann nicht mehr allein an MEINEN Urlaubszielen sein darf… klingt das ein bisschen bigott? Nun vielleicht, aber ich will mich einmal mehr erklären. Meine Familie und ich fahren so ein bis zwei Mal im Jahr mit dem eigenen PKW gen Süden. Unsere Reiseziele liegen zumeist in Mittelitalien, letzthin auch wieder öfter in Südfrankreich; und manchmal, wenn der Teufel uns reitet, verschlägt es uns auf einer Fähre bis nach Irland. Es sind immer Selbstversorgerappartments, bevorzugt vom Besitzer selbst vermietet, etwas abseits der touristoiden Hochburgen gelegen, in denen man sich, wenn es zu heiß, oder zu nass wird auch mal einen Tag verweilen kann. Die allermeisten Mahlzeiten werden selbst zubereitet, denn es bereitet mir Freude, in örtlichen Läden einzukaufen und dabei zu schauen, was es andernorts so alles gibt; und eben auch zumindest teilweise landestypisch zu kochen. Wir fahren dann auch umher, um uns Dinge anzuschauen und versuchen dabei nicht zu sehr in den Trubel zu geraten, was mal mehr, mal weniger gut gelingt. Mit schulpflichtigen Kindern muss man halt in den Schulferien verreisen – und da sind viele andere auch unterwegs. Von expliziten Touri-Magneten halten wir uns aber oft fern. Zum Palio die Siena etwa geht man nur, wenn man muss, oder sehr auf Massen steht. Es ist schon schlimm genug, dass wir dieses Jahr wieder die Zeit über Ferragosto erwischt haben.

Ich kann mit Pauschaltourismus in Bettenburg-Hotels mit ihren festen Essenszeiten, begrenzten Gestaltungsräumen des eigenen Aufenthaltsortes, womöglich auch noch freilaufender animatorischer Dauerbeschallung, Handtuchfights am Pool und – Gott behüte mich – Partymukkesaufbums-Lokalitäten, wie man sie etwa in der sogenannten Schinkenstraße auf Malle findet beim allerbesten Willen bis heute nichts anfangen. Und da ich schon 50 bin, stehen die Chancen gut, dass diese Scheiße auch niemals mehr was für mich wird. Und mein größtes Glück ist, dass die allerbeste Ehefrau von allen das absolut genauso sieht. HALLELUJA! Ich weiß natürlich, dass NICHT jeder Mensch, der nach Malle fliegt, so schlimm tickt und dass es sehr wohl weitere Zwischenstufen vom Pauschal- zum Individualtourismus gibt. Ich meine, meine Lieben und ich sind ja auch nur auf einer solchen Zwischenstufe – schließlich gehen wir nicht 6 Wochen nur mit dem Nötigsten ausgestattet auf Papua-Neuguinea Backpacken. Das wäre mir, ganz ehrlich gesagt, auch viel zu anstrengend. Ich dosiere meine “Abenteuer” lieber etwas präziser. Aber da wir Menschen zu Extremen neigen… Ich suche einfach nur Orte, die ein so großes Stück weit von zu Hause weg liegen, dass ich auf keinen Fall in die Versuchung käme, mal eben wegen irgendeinem Scheiß heimzufahren. Und ich will mindestens zwei, besser drei Wochen von diesem ganzen Mist zu Haus ABER AUCH GAR NIX mitbekommen. Schließlich suche ich ein gewisses Maß an Komfort – und ABSTAND zu anderen Menschen. Meine Familie natürlich (allermeistens) ausgeschlossen. Und wenn ich dann diesen besonderen, erdigen Geruch der Macchia an einem heißen Sommertag rieche, während ich im Schatten sitzend, an einem angemessenen Getränk nippend, ein gutes Buch lesen kann, nachdem wir vom Tagesauflug zurückgekommen sind, dann ist alles gut – WIRKLICH. ALLES. GUT. Dann morgens und abends noch einige Runden im Pool und Zufriedenheit breitet sich aus.

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Urlaub ist kein Ort! Urlaub ist auch keine Zeit (obwohl manche Gegenden zu bestimmten Jahreszeiten zugegebenermaßen einfach mehr Spaß machen)! Und Urlaub ist keine Verpflichtung dazu, irgendetwas zu müssen. Urlaub ist vielmehr die Abwesenheit von Verpflichtung, ist zweckfreies Sein, ist eine Einstellung zu den Dingen. Dass es dennoch leichter fällt, dieses “Einfach-Sein-Können” woanders als am angestammten Lebensort zu erreichen, mag eines der Paradoxa des menschlichen Modus sein; und das manche dafür Unmengen Alkohol und schlechte Musik brauchen… Schwamm drüber. Meine Variante ist auf keinen Fall billiger; und wahrscheinlich auch nicht genügsamer. Eines ist sie jedoch in jedem Fall: leiser. In diesem Sinne wünsche ich euch einen Start in die neue Woche, so leise, wie ihr diesen eben wünscht/braucht. Wir hören uns.