Verdammt, ich bin Egoist!

Diese Erkenntnis traf mich die Tage, als ich bei der Nachricht, dass ein guter Freund mit einer durchaus nicht unernsten Erkrankung im Krankenhaus liegen würde, zuvorderst daran dachte, wie sehr ich die Zeit mit ihm missen würde; und dass es verdammt nochmal unfair wäre, wenn wir nicht dazu kämen, eine gemeinsam erzählte Geschichte (er ist genau wie ich leidenschaftlicher Fantasy-Rollenspieler), in die alle Teilnehmer viel Zeit und Herzblut investiert haben, zu einem würdigen Ende zu bringen. Und in der nächsten Sekunde schalt ich mich dafür, wie ich nur so unsensibel sein und MEINE Erwartungen mit ins Spiel bringen kann, wenn es doch jetzt um seine Gesundheit geht. Was dazu führte, dass ich eine ganze Weile nachdenken musste. Zuerst unbewusst, doch immer mehr schälten sich aus, zunächst inkohärenten Gedanken Strukturen, die den ersten Impuls in einem nicht ganz so schlechten Licht erscheinen lassen (zumindest hoffe ich das!).

Ganz unverblümt muss ich sagen, dass wir einander nach einer langen Phase der Stille als Freunde wieder gefunden haben und dass ich seine sehr direkte und erdverbundene Art zu schätzen weiß. Die doch relativ große Gelassenheit, mit der er eine chronische Erkrankung hinnimmt und den Menschen um sich herum dennoch – auf seine besondere Art – immer etwas zu geben versteht, macht mich einfach immer wieder glücklich, ihn zu kennen. Auch wenn er manchmal hart zu mir sein kann. Ich brauche das! Das erdet mich und holt mich auch gelegentlich runter, wenn ich mich verrannt habe. Ohne dass wir darum allzu großen Bohei machen müssen. Bei guten Freunden ist das halt so. Und es gibt wenig genug Menschen in meinem Leben, von denen ich das so sagen würde.

Womit wir zum egoistischen Part kämen. Ich denke, dass es umgekehrt genauso läuft, denn wir lachen zusammen, haben wann immer wir miteinander etwas unternehmen eine gute Zeit, lassen die Sorgen nicht zu schwer werden und da ist diese Sicherheit, den Anderen rufen zu können, wenn irgendwas ist. Geben ist leicht, wenn man im Gegenzug auch etwas dafür bekommt. Das ist es, was unser Miteinander ausmacht; zu wissen, dass man zu jeder Zeit etwas zurück bekommt, wenn man es nötig hat. Freundschaft ist ein Investment auf gegenseitiger Basis zwischen Menschen, die sich verstehen, ohne allzu viele Worte machen zu müssen. Ich denke, er würde sich ganz ähnlich äußern, wenn das sein Stil wäre. Sich Sorgen machen und sich fragen, ob wir wohl noch Mal so gute Zeiten zusammen haben können. Im Moment sieht es danach aus, als ob wir uns da keine Sorgen machen müssten, aber man weiß ja nie. Und genau deshalb schäme ich mich nicht für mein kleines bisschen Egoismus. Weil ich weiß, dass wie beide wissen, dass diese gemeinsame Zeit kostbar ist und durch nichts ersetzt werden kann. Dass wir beide daran hängen und hoffen, dass es noch lange so sein möge, auch wenn niemand dafür garantieren kann.

Natürlich habe ich ihn am nächsten Tag im Krankenhaus besucht, wir haben uns lange unterhalten und ich hätte ihm sehr gewünscht, dass es ihm schon besser ginge, aber jeder, der schon mal einen lieben Menschen im Krankenhaus besucht hat weiß, dass diese Situation für beide Seiten beschissen ist, weil derjenige der liegt nicht derjenige sein kann, der er wäre, wenn alles in Ordnung wäre. Sich trotzdem zu vergewissern, dass die Dinge in nächster Zeit wieder halbwegs ins Lot kommen ist dennoch für alle Beteiligten wichtig. Für ihn, damit er weiß, dass auf der anderen Seite der hässlichen Krankenhauswände Menschen auf ihn warten, denen er etwas bedeutet; und für mich, um mir selbst beweisen zu können, dass dieses bisschen Egoismus, dass ich eben an den Tag gelegt habe nicht so schlimm ist, weil ich dennoch für meinen Freund da bin, ohne daraus erwachsende Verpflichtungen und ohne Wenn und Aber. So würde ich es mir umgekehrt auch wünschen. Weil manche Dinge wichtig sind…

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