This terrible Angst…

Irgendwann dieser Tage bin ich mal wieder in Grübelei versunken. Wie bei vermutlich vielen Menschen stand dabei dieses diffuse Bedrohungsgefühl im Hintergrund, diese gleichsam nutzlose und dennoch nicht weichen wollende Frage, was wäre, wenn hier und jetzt ein Terroranschlag passieren würde. Ich laufe durch die Fußgängerzone, weil ich Besorgungen zu erledigen habe und – BUMM. Oder, die perfidere Variante, dass es bereits BUMM gemacht hat und ich als zum Ort des Geschehens eilende Rettungskraft in das Visier der Attentäter geriete. Oder – und das wäre für mich noch viel grausamer – dass meine Lieben zu Opfern würden. Ist – leider – nicht allzu weit hergeholt, weil schon oft genug geschehen und Terror ist nun mal asymmetrischer Krieg gegen weiche Ziele, wobei es zuvorderst um Opferzahlen und Symbolwirkung geht, nicht um Strategie und Ressourcen.

Allem Wissen um Geschichte und Geopolitik, um die bloße Denkspielhaftigkeit dieser Überlegungen zum Trotz mochte das ungute Gefühl im Bauch nicht recht weichen. Ich bitte darum, mich nicht falsch verstehen zu wollen: ich laufe nicht den ganzen Tag mit eingezogenem Kopf von Deckungspunkt zu Deckungspunkt; es ist eher so ein Bewusstwerden der eigenen Verletzlichkeit und der Unmöglichkeit, etwas so hinterhältiges und perfides wie einen Terrorakt vorhersagen, oder gar verhindern zu können. Sicherheitskreise, wie die Nachrichtendienste im Journalistendeutsch gerne genannt werden, pochen ja dauernd auf ein mehr an Datenzugriff, auf gläserne Bürger, weil sie immer noch der Illusion hinterher rennen, dass Datamining tatsächlich statistische Modelle liefert, mit deren Hilfe menschliches Verhalten quasi in Echtzeit vorhersagbar würde. Was für ein Bullshit! Wäre menschliches Denken und Handeln tatsächlich mit Hilfe statistischer Modelle darstell- und somit vorhersagbar würden Psychologen nach menschlichen Tragödien nicht immer versuchen, zu erklären, wie es ihrer Meinung nach dazu kommen konnte, dass niemand das kommen sah…

Ich bitte nochmal darum, nicht missverstanden zu werden: die Psychologie kann als wissenschaftliche Disziplin durchaus sehr hilfreich sein, aber Regressionsanalysen sind nun mal keine Kristallkugeln. Und so wenig, wie sich ein Selbstmordversuch präzise vorher sagen lässt, so wenig ist das bei einem Attentat der Fall. Man darf sich sicher sein, dass auch wir hier in Deutschland irgendwann Opfer zu beklagen haben werden, aber das größte Opfer, dass wir in diesem Zusammenhang erbringen werden, liefern wir schon gerade ab. So wie ich hier. Nämlich indem wir anfangen, die Sicherheit unseres Lebensraumes zu hinterfragen, womöglich beginnen, unsere Art zu Leben zu verändern, um nicht Gefahr zu laufen, Opfer zu werden; dabei sind wir genau in dem Moment doch schon eines geworden. Denn die stärkste Waffe des Terroristen sind nicht seine Pistolen und Gewehre, seine Bomben und Granaten sondern die Furcht, welche die Möglichkeit, sich deren Gewalt ausgesetzt zu sehen in den Herzen der Menschen säht.

Und wie ich so darüber sinnierte, dass es eigentlich töricht ist, Angst zu haben, wenn man doch weiß, dass es nichts an irgendwelchen Bedrohungslagen und Terrorwarnstufen ändert, fiel mir ein altes Zitat von Sir Peter Ustinov ein: „Der Terrorismus, der im furchtbaren 11. September kulminierte, ist ein Krieg der Armen gegen die Reichen. Der Krieg ist ein Terrorismus der Reichen gegen die Armen.“. Es mag einem zum jetzigen Zeitpunkt wenig hilfreich, oder gar tröstlich vorkommen, aber die einzige Hoffnung, diesem ganzen Unfug ein Ende zu bereiten ist, dem Terror seine Basis zu entziehen. Und zwar, indem die so genannten führenden Nationen dieser Welt endlich die arrogante Position aufgeben, dass es allein ihnen, bzw. ihren Führern gegeben ist, darüber zu befinden, was für alle Menschen rings um den Erdball das Beste ist. Dass man Völkern die Demokratie mittels Krieg aufoktroyieren kann. Dass die Interessen der führenden Industrienationen als unumstößliches Primat über allem anderen stehen. Und das sind nur ein paar Dinge, die man ändern müsste, um tatsächlich zum Frieden zu kommen.

Solange die führenden Mächte dieser Welt den Globus in Interessenzonen einteilen und in „ihrer“ jeweiligen Domäne nach Belieben abzocken, ausbeuten, diktieren und manipulieren, oder dies zumindest versuchen, wird es am anderen Ende dieser Beziehung Menschen geben, die wütend genug über diese Umstände sind, sich bereitwillig zu opfern, um ein Fanal gegen die zynische Gier und Arroganz der „Führer der freien Welt“ zu setzen. Und wenn ich es so betrachte, habe ich eigentlich mehr Angst vor unseren „Führern“, als vor irgendeinem Menschen, der sich in Enttäuschung von unserem Lebensstil abgewandt und radikalisiert hat. Wir produzieren diese Geister, die uns so sehr ängstigen selbst! Natürlich fände ich es schlimm, wenn jemand mir nahe stehendes einem Attentat zum Opfer fiele. Aber ein Ruf nach Rache bringt niemandem etwas. Er bringt keine Toten zurück ins Leben und er bringt keinen Frieden für jene, die zurück blieben und auch in Zukunft bleiben werden, wenn es wieder zu Terrorakten kommt.

Wir schauen auf unsere Sicherheitsbehörden, die hektisch ermitteln und verhaften und verhören. Doch dass, wogegen die Männer und Frauen in Zivil und Uniform antreten ist nur ein Symptom für eine viel schlimmere, tiefgreifendere Krankheit unserer Gesellschaft: die Gier nach Ressourcen, bei deren Verfolgung die Verantwortlichen in selbst den demokratischsten aller Staaten alles in Kauf nehmen, um ihre Macht zu sichern. Nur wirtschaftliches Wachstum garantiert wirtschaftliche Blüte garantiert Wohlstand garantiert Zufriedenheit garantiert Wählerstimmen. Ist es tatsächlich so einfach, sind wir tatsächlich alle käuflich sind, nur weil wir von der Subsistenz zur Existenz kommen wollen? Ich weiß es nicht; wirklich nicht. Aber so wie es ist, kann und darf es nicht bleiben. Sonst ist der einzige Lohn eines Lebens Angst. Angst um das Leben, Angst um das Einkommen, Angst um alles. So will ich eigentlich nicht mehr leben müssen, aber weil grundsätzliche Veränderungen nur langsam voran gehen, selbst wenn viele nach ihnen rufen, werde ich mich wohl damit abfinden müssen, auch mit etwas Angst im Herzen erhobenen Hauptes durch mein Leben schreiten zu müssen. In der Zwischenzeit will ich versuchen etwas zu tun, damit es besser wird und ich, oder besser jeder weniger Angst haben muss. Mal sehen, was die Zukunft bringt…

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