Schaffen wir das?

Um’s gleich deutlich vorweg zu nehmen: ich bin immer noch der Meinung, dass diese Frage positiv beantwortet werden sollte. Nicht etwa, weil ich eine Rosarote Brille trage, die meinen Realitätssinn abschaltet, wie ein Bekannter es auf Facebook dieser Tage so schön geschrieben hat, sondern weil unsere Leistungsfähigkeit mitnichten ihre Grenzen erreicht hat; vielerorts hat man ja erst angefangen, richtig aufzudrehen. Der Bekannte orakelt von Bürgerkriegsähnlichen Zuständen, die wir zu erwarten hätten, weil die Gewaltkriminalität um ein Vielfaches zugenommen habe. Ich hab das an Hand der aktuellen Zahlen aus Baden-Württemberg mal kurz gegengerechnet. Wenn man davon ausgeht, dass die Zahl krimineller Delikte insgesamt ohne Flüchtlingszuzug auf dem gleichen Niveau geblieben wäre, hätten durch Flüchtlinge verübte Straftaten (wir sprechen allerdings nur von eröffneten Ermittlungsverfahren – wie viele davon tatsächlich strafwürdig im Sinne des StGB sind, bleibt abzuwarten) eine Steigerung von 0,3% im Ländle zur Folge. Ja, das ist wirklich schlimm. Genauer gesagt drei Tausendstel von einem Vielfachen… Tatsächlich hat die Zahl krimineller Delikte von 2013 nach 2014 im Ländle um 3,2% zugelegt und stagniert auf gleichbleibend hohem Niveau. Also ich sehe mich jetzt geradezu von kriminellen Kosovaren überrannt – ihr auch?

Butter bei die Fisch, das Argument ist Bullshit. Die Behauptung, dass die Kriminalität in der BRD wegen der Flüchtlinge explodieren würde, ist an den Haaren herbei gezogene, rechte Panikmache. Sonst nix. Ja, die Polizei schiebt Überstunden, aber nicht, weil sie dauernd den durch unsere Einkaufsmeilen marodierenden Mob in Schach halten muss, sondern weil sie damit zu tun hat, den Personentransfer durchs Bundesgebiet zu kontrollieren, Asylbewerberunterkünfte vor rechter Gewalt zu schützen und die vielen Menschen die da kommen zumindest ein Stück weit auf Gefährderpotentiale abzuklopfen – was ich im Übrigen absolut legitim finde, da die Gefahr, dass mit den Flüchtlingen auch Terroristen ins Land sickern könnten zumindest nicht vollkommen von der Hand zu weisen ist. Es ist nur so: wenn schon ein gut organisiertes, hoch entwickeltes Gemeinwesen wie das unsere hierbei gelegentlich den Überblick verliert, glaubt dann wirklich irgendjemand, dass Abu Bakr al-Baghdadi und seine verlotterten Mopedfahrer mit Kalaschnikows wirklich einen Masterplan haben, den kein Sicherheitsdienst der Welt zu durchschauen vermag? Die können soziale Medien, ein bisschen Hacken, Schmuggel, Menschenhandel, Sklaverei, aber auch die IS-Führer haben keine Wahrsagekugeln. Und da haben wir schon wieder Bullshit!

Ohne Zweifel ist es an der Zeit, Geld in die Hand zu nehmen und zunächst mal für mindestens zwei bis drei Jahre dauerhafte Strukturen zu schaffen, um all jene zumeist ehrenamtlichen Helfer, die langsam aber sicher ohne vernünftige Unterstützung an ihre Limits gelangen werden zu entlasten, neue Arbeitsplätze (was man durchaus als schnellen positiven Nebeneffekt betrachten könnte) und halbwegs würdige Verhältnisse für die Flüchtlinge zu schaffen, was übrigens einen großen Teil der sozialen Spannung aus den Unterkünften nehmen würde – und damit auch gut für die Kriminalstatistik wäre. Denn man kann wohl kaum annehmen, dass man Menschen, für die unser Land ein sehnsüchtig erwarteter Hort der Freiheit und des Friedens war einfach in solchen Löchern wie den LEAs und BEAs zusammenpferchen und sie weitestgehend sich selbst überlassen kann, ohne dass es dabei zu Stress kommt; viel Stress auf vielen Ebenen, denn eine solche Behandlung reduziert, so sie konsequent fortgesetzt wird, die Compliance dieser Menschen gegenüber dem System, dass sie so beschissen behandelt recht bald auf nahe Null. Doch wir brauchen diese Menschen!

Ja, verdammt noch eins, prügelt es euch endlich in den Kopf – ohne einen Nettozuzug von 450.000 bis 500.000 Menschen PRO JAHR bis 2030 werden wir unseren Wohlstand nicht halten können, weil eine Wirtschaft ohne qualifizierte Mitarbeiter alsbald zu schrumpfen beginnt. Und mit ihr Löhne, Gehälter und über Steuern finanzierte staatliche Leistungen. Wer tatsächlich glaubt, bei Hartz IV wären wir schon am unteren Limit, der hat keine Ahnung von den Tücken der Demographie und grundlegenden wirtschaftlichen Zusammenhängen; ganz einfach gesagt: mehr Rentner (weil die geburtenstarken Jahrgänge der 60er langsam älter werden) + weniger Werktätige (weil die Jahrgänge danach geburtenschwach waren) = weniger Fachkräfte = Abzug von Produktion etc. aus der BRD = Absinken der Wirtschaftsleistung = weniger Geld in den Sozialkassen = Armut (und zwar für große Teile der Bevölkerung), weil Transferleistungen gekürzt oder gleich ganz gestrichen werden müssen. Weniger Rente, Stütze, Kindergeld, Steuervergünstigungen, etc. Wollt ihr das wirklich? Das wäre nämlich unsere Zukunft, wenn die Faschos sich durchsetzen könnten.

Schaffen wir das? Ich sage ja – aber nur zusammen. Einerseits weil ich an den Willen der meisten Menschen hier glaube, es richtig machen zu wollen. Andererseits weil ich sehe, dass die Politik langsam aber sicher in Bewegung kommt. Und schließlich, weil es keine Alternative gibt. Ein einziges Mal hätte Frau Merkel ihr Lieblingswort ungestraft nutzen können – positiver Zuzugssaldo und daraus erwachsend die Pflicht zur Integration der Flüchtlinge ist alternativlos; es sei denn man akzeptiert eine europaweite humanitäre Katastrophe und die aus einer nationalistisch motivierten Abschottung resultierende Verarmung unserer Nation in jeder Hinsicht als akzeptable Alternativen. Schönen Tag noch…

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