Prosecco-Prokrastination

Es ist schon ziemlich fies, damit wieder aufhören zu müssen, wenn man sich erst mal daran gewöhnt hat, jeden Abend bei angenehmen Temperaturen in einem mediterranen Garten vor einem alten Natursteinhaus zu sitzen und gemütlich ein Fläschchen Prosecco oder Rotwein wegzuziehen. Und noch bevor sich jetzt jemand berufen fühlt, zu einer Tirade bezüglich riskanten Konsums anzusetzen – niemand hatte gesagt, dass dieser Urlaub leicht sein würde… Ich weiß, was Alkoholismus bedeutet, danke der Nachfrage, ich habe einen nahen Verwandten, der, Gott sei’s gedankt, gegenwärtig seit ein paar Jahren trocken ist. Mein Bedarf an Derartigem ist gedeckt. Aber im Urlaub – insbesondere nach der abendlichen Bett-Verschiffung zweier sehr fordernder kleiner Kinder – ein wenig dem guten alten Bacchus zu huldigen, ist meines Erachtens ein lässliches Vergehen.

Es fiel mir, wie die Tage bereits angedeutet, recht leicht, in den Müßiggang-Modus zu schalten. Das bisherige Pensum dieses Jahr lässt das allerdings auch als wenig verwunderlich erscheinen. Ich ahne allerdings bereite, dass das Zurückschalten in den Normalmodus dieses Mal erheblich mehr Kraft brauchen wird, als sonst. Zu wissen, dass es KEINE Heinzelmännchen gibt, welche die Arbeit auf meinem Schreibtisch weggeaast haben, macht mich schon ein bisschen traurig. Ich hatte, wenn ich mich recht entsinne schon mal Auslassungen über Müßiggang und seine Berechtigung, wie auch seine Notwendigkeit zum Besten gegeben; hätte ich doch damals nur geahnt, dass das Maß der Notwendigkeit mit jedem vergehenden Jahr zunimmt. Zumindest fühlt es sich gerade so an.

Wenn man’s recht bedenkt, tragen durchaus viele Tarifverträge dem Umstand Rechnung, indem sie älteren Mitarbeitern mehr Urlaubstage zugestehen. Nun ist man allerdings mit 42 von dem Etikett „älterer Mitarbeiter“ noch weit entfernt. Und was manche Anteile meiner Arbeitsaufgaben angeht stehe ich ja auch mehr als im vollen Saft. Nur eine Sache, die zermürbt mich. Es gibt einen Arbeitsort, der ist gekennzeichnet durch mangelhafte Prozess-Organisation, fehlendes (medizinisches) Qualitätsmanagement, unausgegorene Aus- und Fortbildungskonzepte und nachgerade lausige Führungs-Personen. Ich werde hier nicht weiter im Detail elaborieren, aber wenn sich die Möglichkeit bietet, werde ich diesen Teil meiner Arbeit abgeben, ohne ihm eine Träne nachzuweinen. Jedoch die Aussicht, genau dort nach meinem Urlaub wieder tätig werden zu müssen, bereitet mir bereits jetzt Magenschmerzen; und ich bin weiß Gott nicht der Typ, der sich wegen Unlust krankmeldet. Anstatt Schwenzelenzia ist da eher „Augen-zu-und-durch!“ mein Stil.

Nun ist es so, dass es mich derzeit doch schon in den Fingern juckt, etwas Energie darein zu verwenden, die Umstände dort zu verbessern, da ich ja nicht weiß, wie mein eigentlicher Arbeitgeber in dieser Hinsicht zu verfahren bereit ist, was bedeutet, dass mein dortiger Einsatz eventuell noch eine Weile laufen könnte. Einzig, ich bin durch meine Zugehörigkeit zu einem bestimmten (kleinen) Anteil einer komplexen Institution in schlechter Position und manche meiner Einwürfe werden schlicht nicht gehört, oder man denkt halt, es besser zu können. Speziell im Bereich Ausbildung kann ich darüber nur lachen, denn davon verstehe ich – sorry, wenn das jetzt arrogant klingen mag – mittlerweile einfach deutlich mehr als irgendwelche, für fragwürdige Verdienste hochgelobten Rettungsassistenten oder freiwillige Feuerwehrleute; so sehr ich deren sonstige, individuelle Arbeit auch schätzen mag.

Ist schon blöd, wenn man solche Gedanken hegt, während man vor dem nämlichen Natursteinhaus sitzt und Prosecco schlürft. Es ist einfach nicht das Gleiche, als wenn man einfach nur ein heiteres Gespräch über vollkommen andere, vollkommen unernste Themen mit seiner Liebsten führt. Darum habe ich das alles hier aufgeschrieben, bin jetzt gerade dabei, mit diesen nervenden Gedanken abzuschließen, denn was man gar nicht, oder nur sehr langsam ändern kann, damit soll man nicht hadern, sonst braucht man mehr Prosecco zum Prokrastinieren…

Ich wünsche jedenfalls allen, die genauso wie ich in einem Job-Dilemma stecken, einen langen Atem und die gut ausgeprägte Fähigkeit, dennoch abschalten zu können, auf das wir gemeinsam Prosecco-Prokrastinieren können; natürlich darf ein jeder anstatt Prosecco gerne ein Hilfsmittel seiner Wahl einfügen. Arrividerci.

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