Post-Trauer?

Bevor die letzten Wochen zu einem Parforce-Ritt in interfamiliärer Gefühlsbewältigung wurden, hatte ich eigentlich an verschiedenen Projekten gearbeitet und rumgedacht, die im weiteren Sinn mit meinem Studium zu tun haben. Denen wollte ich mich jetzt wieder zuwenden, nachdem die letzten Wochen mir schon, durch verschiedenste Aufgaben, wenig Gelegenheit zur Kontemplation gelassen hatten. Allerdings gab und gibt es immer noch Unerledigtes und Ablenkungen, die mich nicht so recht zur Ruhe kommen lassen. Einerseits musste ich, allen Sorgen zum Trotz, eine Hausarbeit für mein Studium abschließen, weil der Termin dräute und ich beim besten Willen keinen Nerv habe, über die Regelstudienzeit zu prolongieren. Das mag abgebrüht klingen, aber wem nützt es, wenn ich alles liegen lasse und den sterbenden Schwan spiele? Meinem leider verstorbenen Vater? Wohl kaum.

Andererseits war es letzthin nicht einfach mit manchem umzugehen und verschiedentlich hatte ich den Eindruck, dass die Menschen ringsum eine spezielle Art der Trauerbewältigung von mir erwarten würden; ganz so, als wenn es für Emotionen aller Couleur Schalter gäbe, die man einfach nur umlegen muss. Oder als wenn es obligat wäre, eimerweise zu greinen. JA – ich habe einen Verlust erlitten! NEIN – ich muss nicht so trauern, wie es in irgendwelchen schlauen Büchern über die Psyche steht. Ich kenne diese Bücher, ich musste selbst oft genug anderen Menschen – vor allem Angehörigen von Patienten – Trauer in Extremsituationen kanalisieren helfen. Und mitnichten findet man die beschriebenen Phasen tatsächlich in signifikanter Häufigkeit. Trauer als Arbeit zu bezeichnen, ist übrigens nach meiner persönlichen Erfahrung auch Käse. Ich muss keine mentalen Steine bewegen, ich muss lernen, zu akzeptieren, dass ein Mensch, mit dem ich vielleicht gerne noch das eine oder andere geteilt hätte jetzt nicht mehr da ist. Wann und wie ich darauf reagiere, ist allerdings verdammt nochmal mein ganz privates Bier!

Ich habe Emotionen und ich bin auch spirituell, jedoch nicht auf allzu plakative Weise. Damit kommen manche nicht klar. Sie glauben, ich würde alles in mich hineinfressen und müsste daran dann jämmerlich zu Grunde gehen. Vielleicht lesen die einfach nicht mein Blog? Wie dem auch sei, es liegt mir nicht besonders, einen riesigen Bohei um meine Gefühlswelt zu machen; zum einen, weil sie privat ist und zum anderen, weil mir das, was andere Menschen zeigen allzu oft aufgesetzt, ja manchmal nachgerade falsch vorkommt. Wer weiß, wie man unter meine Oberfläche schaut, der ahnt, dass es da durchaus brodelt…

Es gibt vielleicht den Zustand der Prä-Trauer; also quasi jenen, bevor man einen großen Verlust erdulden muss. Der hält in aller Regel an vom Erlangen eines echten Bewusstseins für das Miteinander bis zum ersten Blutsverwandten, den man selbst zu Grabe tragen muss. Das Schicksal hat mich bis zu meinem 43 Lebensjahr davor bewahrt und mir so die Chance gegeben, zu einer gefestigten Persönlichkeit zu werden. Einen Zustand der Post-Trauer wird man danach aber nie wiedererlangen können. Denn das, was man als Hinterbliebener mit dem Verstorbenen geteilt hat, bleibt für immer. Der Schmerz wird blasser, bis er zu einer Narbe auf der Seele abheilt, die nur noch zu bestimmten Gelegenheiten schmerzt. Doch wenn der private Lord Voldemort auftaucht, muss man das ertragen.

Man könnte also sagen, dass es einen Zustand der Trauer-Unschuld gibt, der mit dem ersten familiären Trauerfall endet. Ich empfinde das im Moment als sehr zwiespältig, denn einerseits hätte ich mir natürlich gewünscht, dass noch ein wenig aufschieben zu dürfen. Andererseits sollte jemand aus meinem beruflichen Milieu eigentlich wissen, dass das Leben nun mal endlich ist. Vielleicht ist es aber auch genau dieses, durch jahrzehntelange Erfahrung verfestigte Wissen, dass mich in anderer Leute Augen als abgebrüht erscheinen lässt. Wer kann das schon so genau wissen…? Im Moment nehme ich es, wie’s kommt und pfeife weitestgehend auf die Meinungen Anderer; auch wenn man mich dann wohl als noch weniger empathisch wahrnimmt. Da gibt es keine Patentlösung. Nur so viel: diejenigen, die für mich emotional relevant sind, werden es erfahren, wenn ich dann doch zusammenbrechen sollte. Alle anderen jedoch dürfen bitte ab jetzt davon Abstand nehmen, mich taxierend zu beobachten, denn es nervt mich total und ist überhaupt nicht hilfreich. Schönen Dank und schönes Leben noch!

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