Schaffensprozess

Es ist ein offenes Geheimnis, dass kreatives Arbeiten bei vielen Leuten nach ähnlichen Mustern abläuft. Den wenigsten stürmen einfach drauf los und machen etwas; vielmehr ist es üblich, sich zunächst einen Plan zurecht zu legen. Nicht, weil wir Deutschen ohne Plan nix auf die Reihe bekämen, sondern weil – insbesondere bei etwas größeren Projekten – ich am Ende weniger Probleme habe, meine losen Enden einzufangen. Zuvorderst, wenn ich komplexe Geschichten erzählen möchte, ist es immer ratsam, sich ein Storyboard oder etwas ähnliches zu machen.

Bei mir geschieht das in Form einer Tabelle, die vier Spalten enthält:

  • Charakter: Hier findet sich zu jedem Hauptcharakter, aber auch zu den wichtigen Nebenfiguren eine kurze Beschreibung, welche die essentiellen Bestandteile der Persönlichkeit kurz einfängt.
  • Schlüsselszenen: Hier umreiße ich die Momente der Geschichte, an denen ein wichtiges Treffen oder eine wichtige Veränderung eines Hauptcharakters eintritt. Und tatsächlich nur die, bei denen mir von Anfang an klar ist, dass sie für den Verlauf der Erzählung geschehen müssen.
  • Nexuspunkte: Ganz einfach; wer begegnet wem wo und warum?
  • Konflikte: Hier finden sich neben den Problemen, welche einzelne Charaktere miteinander haben auch die Beschreibung ihrer jeweiligen Motivationen, weil sich in der Abgrenzung zu den anderen Teilnehmern einer Erzählung am besten heraus arbeiten lässt, warum Protagonisten und Antagonisten tun, was sie tun.

Da hab ich also, ziemlich am Beginn meines aktuellen Projektes (und es handelt sich NICHT um ein belletristisches Werk, das sich mit Rettungsdienst befasst, soviel darf ich sagen!) eine solche Tabelle entwickelt. Sie hängt an meinem Whiteboard im Arbeitszimmer und dann und wann werfe ich auch einen Blick darauf, um mich zu vergewissern, dass ich tatsächlich noch die Geschichte erzähle, die ich zu Beginn im Kopf hatte. Und stelle fest JA und NEIN…

Einerseits bewege ich mich entlang der beschriebenen Charaktere und ihrer Konflikte. Andererseits habe ich neue Elemente angefügt und andere weggelassen, schlicht, weil die Entwicklung der Figuren dies gebot. Überdies habe ich die Geschichte um ein paar Twists und Figuren angereichert, weil sie sonst zu schnell auserzählt gewesen wäre. Ich habe versucht, meinen Stil etwas einzuschränken. Der Meister des Schachtelsatzes hat versucht, nicht zu ausufernd zu schreiben. Doch ich schaffe es nicht stringent. Weil manche Dinge sich nicht so einfach in Subjekt – Prädikat -Objekt ausdrücken lassen. Trotzdem darf man nicht zu viel beschreiben, sonst lässt man der Fantasie des Lesers ja zu wenig Raum. Und das ist es, was für mich ein gutes Buch ausmacht. So viel zu geben, dass es eine Kohärente Idee von der Welt und den Figuren vermittelt; aber eben doch so wenig, dass jeder Leser theoretisch die Möglichkeit hat, sich ein Teil dazu zu denken.

Ich habe schon öfter über diesen Bias zwischen den Kunstformen Buch und Film referiert und es bleibt dabei – was ein Leser in seinem Kopf mit meiner Geschichte anstellt, kann ich kaum beeinflussen. Wohingegen ein Film einen großen Teil dieser Fantasie-Arbeit eliminiert, weil seine Macher sie vorweggenommen haben. Damit muss man leben.

Jedenfalls muss ich für meinen Teil feststellen, dass kreatives Schreiben stets eine Eigendynamik entwickelt und dass ich mich mittlerweile daran gewöhnt habe, meinen Instinkten zu folgen, wann immer ich das vorbeschriebene Terrain meiner Tabelle beim Schreiben verlasse. Und ich hoffe ehrlich, dass das Ergebnis irgendjemand interessiert. In diesem Sinne, bis die Tage.

Facebo klingt wie Placebo…

Lustig, was einem alles so auffällt wenn man – einmal mehr und bestimmt viele Male zu oft – auf sein Smartphone-Display schaut. Ist bestimmt nicht smart, so oft drauf zu schauen, aber so sind wir halt; das Belohnungszentrum muss stimuliert werden. Und wenn das nur durch insignifikantes Social-Media-Geschnatter, ist das halt so.

Dabei ist mir allerdings aufgefallen, dass Facebook © auf meinem Display tatsächlich oft mit Facebo abgekürzt wird. Höhö, dachte ich mir: ein Facebo ist also ein (in der Realität) unwirksames Mittel. Nämlich zur Selbstdarstellung. Besser kann man, zumindest für meinen Geschmack, die Wirkung von Facebook © wirklich nicht zusammenfassen. Ich selbst habe bereits mehrmals versucht, dem Zuckerberg’schen Datenkraken auf Dauer zu entkommen und bin jedes Mal kläglich gescheitert. Mal, weil ich die Möglichkeit, meine Blogposts dort zu teilen nicht missen wollte; mal, weil man bestimmte (durchaus wertvolle) Kontakte offline so schlecht pflegen kann. Und mal, weil ich mich immer noch zu gerne in nutzlose Filterblasen-Diskussionen einmische. Scheiß-Nazis muss man entgegentreten, egal, wo man sie findet!

Und doch – auch wenn man all diese eigentlich sinnhaft klingenden Begründungen zusammennimmt, bleibt dieses unangenehme Gefühl, dass das alles nur hohler Mist ist und mich nirgendwohin bringt. Nicht, dass ich das Bedürfnis hätte, den fatalen Versuch zu unternehmen, meine eigene (subjektive) Wichtigkeit zu pimpen, indem ich online Präsenz zeige. Ich bin kein “Influencer” (klingt das nicht wie “Influenza”, also Grippe und müsste damit als Krankheit eingestuft werden?). Ich würde nur gerne mehr Menschen zum selbst Denken anregen. Wenn das schon als influencing, also Beeinflussung gilt, sollte ich mich wohl vor meinen eigenen Worten in Acht nehmen.

Was nun aber das “nirgendwohin bringen” angeht – wenn wir mal davon ausgehen (wollen), dass jeder Mensch nach Verbesserung strebt, also mehr Wissen, mehr Können (vermutlich auch mehr Liquidität), um vorwärts zu kommen, stellt sich die Frage, ob auch jeder mensch dabei über die Nachhaltigkeit seines Tuns und Lassens nachdenkt? Ich meine, etwas zu erlernen, um im Job besser zu werden und damit vielleicht etwas mehr Geld für den Lebensunterhalt der Familie einwerben zu können würde ich als legitim und nachhaltig betrachten, da die Person etwas dazulernt und damit insgesamt “besser” wird. Die Verbesserung der Person wirkt aber auch auf die Gesellschaft um die Person herum. Direkt, durch mehr verfügbares Einkommen, das zum Beispiel den Kindern die Mitgliedschaft im Sportclub ermöglicht; indirekt durch das Ankurbeln der Volkswirtschaft auf Mikro-Niveau. Damit ist natürlich noch nicht gesagt, ob das auch ökologisch nachhaltig geschieht. Aber nehmen wir mal an, dass ein besseres Wissen um die Zusammenhänge irgendwann auch diesen Bereich berührt.

Auf Facebook©, Instagram ©, oder sonstwo einfach irgendwelche stundenlang nachbearbeiteten “casual shots” hochzuladen und sein Aussehen dazu zu benutzen, um schnelles Geld zu machen, schult bestimmt auch in manchen Bereichen: Beauty, Styling, Fitness, Bildbearbeitung… einen rechten Nutzen für die Gesellschaft kann ich daran aber noch nicht ableiten. Eher das Gegenteil, wenn noch leichter beeinflussbare Teenager irgendwelchen Idolen hinterher hecheln, an denen so gut wie alles Fake ist. (=> Bildbearbeitung: auch “Influencer” sehen morgens um 05:00, direkt nach dem Wecker aus, wie explodierte Fraggles).

Womit wir wieder beim Facebo wären. Denn die subjektive Wirkung dieses ganzen visuellen Betruges ist wie Parfüm: riecht gut und verflüchtigt sich im Nu. Denn schon morgen stehen die nächsten “Influencer” mit dem nächsten “heißen Trend” parat. Danke für nichts, wenn die Illusion sich verflüchtigt, denn das Geld habt ihr trotzdem mitgenommen. Ich vermute, dass ich auch in Zukunft nicht von Facebook loskommen werde. Aber ich gelobe, dass ich alles dransetzen werde, meine Töchter darauf vorzubereiten, Fake von Echt unterscheiden zu lernen. Bis die Tage.

Lieber ein bitteres Ende…

…als gar keines. Ich wäre dann jetzt soweit. Nachdem meine Arbeit auf Leitstellen mich dann jetzt endlich an den Punkt gebracht hat, dass ich nicht mehr – wie früher – immer meine Contenance gegenüber den Frechheiten der Anrufer wahren kann, ist es an der Zeit, endgültig den Deckel drauf zu machen, bevor ich dran kaputt gehe. Tatsächlich öffnet sich sogar die Gelegenheit, dies bei meinem aktuellen Arbeitgeber darzustellen. Andernfalls müsste ich – vollkommen ernst und ohne jeglich weitere Zurückhaltung – den Arbeitgeber wechseln. Ich bin zu alt, zu gut in den anderen Teilen meines Jobs und zu unglücklich über manche Aspekte meiner Arbeit, um noch allzu viele Kompromisse eingehen zu können, oder zu wollen.

Ich dachte bei meiner Arbeit lange Zeit, dass man die Dinge pädagogisch angehen müsse, dass sich jede verbale Konfrontation deeskalieren lasse, dass ich als Dienstleister für allzu menschliches Geduld mit den Anrufern haben müsse – heut weiß ich, dass das Bullshit ist. Ein nicht unerheblicher Teil der Kontakte findet mit Menschen statt, deren Wertesystem so verschoben und deren Vorstellung von der Wichtigkeit des eigenen Anliegens (auch Egoismus genannt) so groß ist, dass ich damit schlicht nicht mehr klar komme. Zumindest nicht in dieser Intensität. Es macht einen großen qualitativen Unterschied, ob ich fünf bis sieben Einsätze pro RTW-Schicht abarbeiten muss, oder 140 – 160 Telefonate. Die Dosis macht, dass ein Ding ein Gift ist…

Bitte nicht falsch verstehen; mit den normal agierenden Menschen mit ihren normal vorgetragenen Anliegen habe ich überhaupt kein Problem. Ganz im Gegenteil. Aber diese Menschoiden mit ihrer Vollkasko-Mentalität, die glauben, dass die Welt ihr ganz persönlicher Selbstbedienungsladen ist, kann ich nur noch schwer ertragen. Und da meine Fertigkeiten im Feld der Ausbildung von Rettungsfachpersonal mittlerweile ein akzeptables Level erreicht haben, sehe ich meine Zukunft – mehr oder weniger ausschließlich – in diesem Bereich. Denn als demotivierter, dauergeladener Calltaker nütze ich weder mir, noch meinen Klienten.

Ich hoffe auf die Zukunft!

Ein letztes Mal…

…kann ich nicht anders, als Herrn Ragge vom Mannheimer Morgen entschieden zu widersprechen. In seinem Kommentar spricht er davon, dass ein zu großer, ohne Wissen der Stadt eingerichteter Rettungsdienstbereich an Versorgungsproblemen in Mannheim Schuld sei. Dies Aussage ist in mehrerlei Hinsicht unzutreffend.

Erstens ist es bereits seit den frühen 2000er Jahren ausgewiesene Landespolitik, größere Leitstellenbereiche schaffen zu wollen, um Synergieeffekte im Rettungswesen nutzbar machen zu können. Vor dem Hintergrund steigender Notfallzahlen eine schlichte Notwendigkeit, um das System bezahlbar zu halten. Die dazu notwendigen Strukturen sollen überall im Land entstehen. Da es bereits seit 2006 eine Leitstelle in Ladenburg gab (und immer noch gibt), die beide Bereiche disponierte, war es eine logische Entscheidung, die schon seit Jahren in der Praxis aus einer Hand koordinierten Bereiche auch organisatorisch zusammenzuführen. Größe und Unwissenheit sind damit Strohmann-Argumente – man könnte es auch tendenziös nennen, was in diesem Zusammenhang bei den Äußerungen Herrn Ragges allerdings auch nichts neues ist.

Versorgungsprobleme gab es in Mannheim (allerdings weniger ausgeprägt als in den allermeisten anderen Bereichen Baden-Württembergs) schon lange; aber nicht wegen der Leitstellen-Struktur, sondern weil die Krankenkassen ihre Macht in den sogenannten Bereichs-Ausschüssen (das sind die Gremien, in denen die Vertreter der Leistungserbringer und die Vertreter der Krankenkassen seit Jahrzehnten ohne sinnvolle Rechtsaufsicht die Entgelte für die Leistungen der Rettungsdienste verhandeln) ausgenützt haben, um den Rettungsdienst in Baden-Württemberg kaputt zu sparen. Auf Kosten der Bürger. Erst seit das 2011-12 öffentlich ruchbar geworden ist, interessiert es überhaupt irgendjemanden.

Mitnichten jedoch haben diese Versorgungsprobleme (präzise die Nichteinhaltung der P95-Regel: 95% aller Einsatzstellen müssen in längstens 15 Minuten von einem Rettungsmittel erreicht werden) mit mangelnder Ortskenntnis, Bürgernähe oder Betriebssicherheit zu tun. Die Disponenten, welche heute ihren Dienst in Ladenburg versehen, haben allesamt zuvor in Heidelberg oder Mannheim auf den ehemaligen dortigen Leitstellen ihren Dienst versehen, oder wurden hier im Bereich für den Bereich ausgebildet. Ich kann das voller Überzeugung sagen, denn ich bin einer dieser Disponenten und habe bereits 1998, noch im Turm der ehemaligen Feuerwache Mitte meinen Dienst versehen…

Herrn Ragges Äußerungen implizieren einmal mehr, dass hier Amateure ohne Ortskenntnis tätig wären und das ist schlicht und ergreifend unwahr. Die Auftrennung des Bereiches – rein politisch motiviert, weil Politiker ihr Gesicht wahren wollen und mancher Amtsinhaber nach mehr Macht strebt – ist nicht mehr aufzuhalten. Eine Verbesserung, so wie von Herrn Ragge beschrieben bringt sie nicht. Diese entsteht allenfalls dadurch, dass das Landes-Innenministerium mittlerweile endlich seiner Aufsichtspflicht nachkommt, die das ehedem zuständige Landes-Sozialministerium über Jahrzehnte vernachlässigt hat. Was dazu führt, das allenthalben Standorte für Rettungsmittel aus dem Boden sprießen, wie Pilze in einem feuchten Sommer.

Ich sage daher – danke für nichts! Hauptsache man zerstört funktionierende Strukturen, damit man behaupten kann, etwas für die Bürger getan zu haben. Ich habe von diesem Schmierentheater die Schnauze voll. Schönes Rest-Wochenende.

Brennen oder Rennen?

Ich liebe meine Arbeit! Das ist, wenn man manchen Autoren Glauben schenken möchte ein Satz, der Gefahr birgt. Denn wenn wir uns unserem Job verschreiben, kann es gut passieren (und ist durchaus auch vom AG beabsichtigt), dass wir zu schnell und zu heiß brennen, uns verausgaben und so viel von uns preis- und hergeben, dass wir uns selbst verlieren; oder zumindest einen wichtigen Teil von uns. Der hier beschriebene Weg ist für den Arbeitgeber opportun, den der bekommt zum Normaltarif einen maximal performenden Mitarbeiter. Für eben diesen Mitarbeiter ist das allerdings ein recht sicherer Weg in den Burnout.

Ich kann mir nun, weil reine Selbstbespiegelung in solchen Situationen nicht so aufschlussreich ist, wie man das gerne denkt, anfangen Sorgen zu machen, denn ich brenne für meinen Job – immer noch! Ich mache meine Arbeit gerne und ich gehe manchmal auch gewisse Längen dafür, dass alles klappt; vielleicht gelegentlich zu große Längen. Ich bekam vor ein paar Jahren schon mal eine Quittung für mein Engagement und möchte diese Erfahrung nicht wiederholen. Was nach den Ausführungen eines Artikels in der Zeit ein hinreichender Grund wäre, beruflich das Weite zu suchen. Wozu ich aber, ehrlich gesagt keine Lust habe.

Es ist ein bisschen wie die Hand im Honigtopf; man kommt schwer davon los und irgendwie ist es ja auch lecker. Doch man weiß instinktiv, dass man gerade übertreibt. Was also tun? Weiter brennen? Natürlich mit dem Risiko, wieder voll über’s Ziel hinaus zu schießen. Oder doch rennen? Aber wohin? Ideen und Pläne hätte ich ja mehr als genug. Das bekommt man als kreativer Typ quasi als Fluch mitgeliefert. Aber es fehlt momentan an zwei Dingen: ausreichend Leidensdruck und Startkapital. Also mach ich erstmal weiter und bitte jene Menschen, die mich kennen und schätzen, mir bescheid zu sagen, bevor es schief geht. Wozu hat man denn Freunde…? In diesem Sinne, ein frohes neues Jahr!

Hoch die Hände – Jahresende?

“Hajo, des Johr is glei rum!” wie man bei uns in Mannheim so schön sagt. Zeit für einen Rite de Passage mit reichlich Geballer; egal ob ethyltoxisch, oder mit Schwarzpulver, woll’? Lieber Himmel, wenn man irgendwas über den Zustand unserer Gesellschaft wissen will, schreibt man einfach in irgendein Forum “Böllern ist geil!” und wartet, bis sich die Kommentarspalte füllt. Was man da findet, sagt einfach alles. Überall nur Dogmen, Beleidigungen, Engstirnigkeit, Arroganz und – oh Wunder – außer Meinung wenig Substanz.

Ich bekenne: früher habe ich gerne und manchmal auch viel Geld für die Knallerei ausgegeben. Heutzutage ist mir das einfach zu stressig. Vielleicht auch, weil sich die Zahl der Arschlöcher auf der Straße nicht nur proportional zum Alkoholgehalt sondern auch mit jedem vergehenden Jahr automatisch zu erhöhen scheint. Viele Menschen missgönnen heutzutage ihrem Gegenüber die Butter auf dem Brot und halten sich selbst für den Gipfel der Evolution. Zumindest im Internet. Stünde mir so ein Forentroll in persona gegenüber, wäre vermutlich ganz schnell die Luft aus, denn eine gute alte Face-to-Face-Konfrontation können die ja gar nicht mehr. Dann rennen sie entweder gleich heulend zu Mami, oder – anderes Extrem – ziehen ein Messer. Was für Zeiten…

Mal ganz davon abgesehen, dass wir mit Leben und Leben lassen viel einfacher führen und einmal im Jahr semi-kontrollierter Überdruckabbau ohne große Kollateral-Schäden möglich sein sollte, stellt sich folgende Frage: wozu der ganze Scheiß?

Heute ist ein Tag! Morgen ist auch ein Tag! Nur das Datum ändert sich…

Und für eine Datumsänderung braucht’s an den anderen 364 Tagen auch keinen Bohei. OK, ein neues Jahr beginnt. Mit den gleichen Fratzen bei der Arbeit, in der Zeitung, im TV, in den social media und was weiß ich noch wo. Mit den gleichen Problemen. Die AfD ist immer noch da, die sozialen Probleme sind immer noch da, die bröckelnde EU ist immer noch da, mein Stress im Job ist immer noch da; verdammte Axt! Da hilft kein Schönsaufen und kein Bleigießen. Es sei denn, irgendjemand lässt sich selbst komplett in Blei gießen… dann sind die Probleme für denjenigen natürlich weg.

Seien wir ehrlich, es ist eine Übung in Eskapismus, die gemeinsam viel mehr Spaß macht, als allein, da wir halt – allen Auswüchsen der Moderne zum Trotz – immer noch soziale Wesen sind. Ich habe meinen Frieden mit diesem Remmidemmi gemacht. So wie ich auch meinen Frieden mit Fasching gemacht habe. Ich hasse diese Narretei immer noch wie die Pest, aber wenn andere das brauchen, sollen sie doch. Und ich denke, genauso muss man Sylvester sehen: kommt, geht vorbei, hinterlässt kaum Spuren. Ich nutze es für einen netten Abend mit Freunden; so wie manchen anderen Abend im Jahr auch.

Und was das Gezeter über die Feinstaubbelastung und den Müll angeht: ich glaube, dass ich so manche bigotte Seele, die hier Armageddon herbei redet auf einem Faschingsumzug finden kann – die machen genauso viel Dreck und Lärm, erzeugen noch wesentlich mehr Trunkene und Verletzte und haben keinerlei weiteren Wert für die Gesellschaft – außer dass sie eine Übung in Eskapismus sind. Die heuchlerischen Spacken, die jetzt so wüst auf’s Feuerwerk schimpfen, sollten mal drüber nachdenken… an jene, die eh auf alles schimpfen: locker bleiben und an Leben und Leben lassen denken hilft enorm. Ihr werdet auch das überstehen.

In diesem Sinne: rutscht alle schön!

Ich glaub’s ja nicht…

…aber der Dauerlauf ist zu Ende. Es ist Heiligabend (na ja, wohl eher noch heiliger Nachmittag) und ich sitze in meiner Küche, während – ganz klassisch – der Duft von garender Gans durch die Wohnung zieht. Während ich diese Zeilen schreibe, sind meine Lieben allesamt im Gottesdienst; aber einer muss ja dafür sorgen, dass es nachher eine schöne Bescherung wird. Wer glaubt, alles sei wegen des Datums eitel Sonnenschein, der hat’s natürlich nicht kapiert. Dennoch kann ich sagen, dass wenigstens für heute etwas Ruhe in meinen Geist eingekehrt ist.

Es sind noch einige Dinge zu erledigen, aber für wenige Minuten habe ich Zeit zur Kontemplation und nutze diese auch, um hier zu schreiben. Vor allem, weil ich allen Menschen, denen ich etwas bedeute – and vice versa – hiermit Folgendes sagen möchte:

FROHE WEIHNACHTEN!

Genießt die Stunden (vielleicht sogar Tage) mit euren Lieben. Lasst euch von denen, die eh immer nur nerven nicht aus der Ruhe bringen. Lasst überhaupt alte Konflikte ruhen. Lasst euch ein wenig verwöhnen, oder tut dies selbst. Beschenkt Andere, mit was auch immer euch einfällt! Denkt zur Abwechslung nicht an Morgen! Beschenkt euch selbst mit etwas Glück! Und tut, was sich gut anfühlt, auch wenn euer Arzt es vielleicht nicht ganz so gut finden würde…

Die allermeisten von uns haben es sich nämlich verdient! In diesem Sinne wünsche ich euch ein frohes Fest und Segen auf allen Wegen.

Erwachsen bilden #02

Die eigenen Fähigkeiten zu reproduzieren ist die Königsdisziplin des Unterrichtenden. Das bedeutet, dass es sehr schwierig ist, anderen sinnvoll das Wissen darum zu vermitteln, wie man sinnvoll Wissen vermittelt. Ich hatte an anderer Stelle schon mal erwähnt, dass man Menschen nicht lernen machen kann, weil wir unser eigenes Wissen stets durch eine Mischung aus Erfahrung und Reflexion des Erfahrenen selbst konstruieren; daher auch der Begriff Konstruktivismus. Ohne zu sehr in die Tiefe gehen zu wollen, ergibt sich daraus das Problem, dass ich die eigenen Erfahrung darum, wie man andere zum Lernen anregen kann, in ein Angebot verpacken muss, dass für die Teilnehmer einer entsprechenden Veranstaltung hinreichend interessant ist, sich selbst damit befassen zu wollen. Das erste, was ich also brauche, ist Motivation.

Nun, einerseits darf man in der Erwachsenenbildung wohl von einem Grundmaß intrinsischer Motivation ausgehen. Doch zusätzliche Motivation kann man, genauso wie Wissen nicht einfach im Kopf der Anderen wachsen lassen… oder? Sicher, durch eine geschickte Gestaltung meiner Angebote kann ich das versuchen. In aller Regel durch Methodenpluralismus, also einen abwechslungsreichen Unterricht, der Phasen der Beschulung mit Phasen der Eigenarbeit abwechselt. Aber man darf bitte nicht glauben, das es dann ein Selbstläufer wäre. Denn so, wie ich als Dozent/Lehrer eine Vorstellung davon habe, was geht und was nicht, haben meine Kursteilnehmer das auch. Insbesondere in der Erwachsenenbildung, wo die Teilnehmer bereits einen Schatz an (positiven wie negativen) Erfahrungen mit Beschulung mitbringen.

Der Begriff “Unterricht” weckt bei vielen Menschen Erinnerungen an die eigene Schulzeit; häufig unangenehme, weil wir uns eher an die schlechten Dinge erinnern können. Unser limbisches System versucht uns halt vor potentiellen Gefahren zu schützen, deshalb sind negative Erinnerungen leichter auslösbar. Diese Konnotation zu durchbrechen und die Teilnehmer trotzdem einzufangen ist also die allererste Aufgabe. Erst danach kann ich beginnen, mein Methoden-Feuerwerk abbrennen, weil es ansonsten wirkungslos verpuffen wird.

Diesen Erwägungen folgend bereite ich gerade eine Schulung vor, die Grundlagen der Ausbildungs-Begleitung und des fachpraktischen Unterrichtens im Betrieb vermitteln soll. Und wenn ich ehrlich sein soll – ich bin gespannt, ob ich meine selbst gesteckten Ziele diesmal erreichen kann. In jedem Fall lerne ich dabei was dazu. Wenn ich dieses positive Gefühl an meine Teilnehmer tragen kann, habe ich schon einiges gewonnen.

Nachtbetrieb in meinem Geist

Verdammte Scheiße, Weihnachten steht vor der Tür. Ich bin’s ja schon gewohnt, dass jedes Jahr vollkommen überraschend am 24.12 Heiligabend ist. Also nicht in dem Sinne, dass etwas an den Vorbereitungen vergessen wurde. Baum steht (und ist schön, wie jedes Jahr), Geschenke für die Kinder stehen parat, die Gans auch (ja, aber sicher bin ich ein Oldschooler – ich mag ein schönes Essen am heiligen Abend), selbst das in einem Vier-Personen-Haushalt übliche Chaos an umherfliegenden Dingen des Alltags wird langsam in seine Schranken gewiesen (nun, zumindest ein wenig…); aber das Weihnachtsgefühl stellt sich halt doch immer erst ein, wenn’s soweit ist.

Irgendwie hatte ich in den letzten Jahren jedoch gefühlt keinen solchen Dauerlauf bis zum, bzw. über das Fest hinweg. Dieses Jahr drückt das besonders intensiv. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ich meine, mir ist schon durchaus bewusst, dass ich höchst wahrscheinlich überarbeitet bin und ein bisschen krank (vielleicht auch etwas mehr) und einmal mehr die Anflüge einer Depression verspüre. Kommt halt immer alles zusammen zum Fest der Feste. Alles zusammen genommen erklärt objektiv schon, warum ich mich fühle wie ein trauriges, platt gefahrenes Opossum. Und doch ist da noch mehr.

All die Unwägbarkeiten, mit denen 2019 aufwartet, all die neuen Anforderungen und Veränderungen, vor allem im beruflichen Bereich machen mir Sorgen. Nicht etwa, weil ich nicht über die notwendigen Skills und Kenntnisse verfügen würde, sondern weil mein Geist im Moment nach etwas mehr Sicherheit verlangt. Der ist im Nachtbetrieb. Will heißen, ihm ist zu dunkel. Natürlich einerseits im wahrsten Wortsinn, haben wir doch gerade die längsten Nächte des Jahres, aber andererseits auch emotional. Gute Voraussetzungen für das kommende Fest, oder?

Aus dem Grund habe ich einige Faktoren, die mich im Moment runterziehen weitest gehend aus meiner Wahrnehmung zu verbannen versucht. Denn manche Menschen, (insbesondere Verwandte) kosten mich zu viel Kraft und geben nichts zurück. Mein Verhalten mag man als harsch bezeichnen, aber man kann Menschen auch bewusst ausladen. Probiert’s einfach mal. Ich werde jedenfalls versuchen mich (zum größten Teil) während der Festtage mit Menschen zu umgeben, die mir gut tun und die anderen zu ertragen, soweit möglich und notwendig.

Ich hoffe nur, dass die Nacht-Arbeit dieses Wochenende meine mühsam gepflegte Resilienz nicht zu sehr in Mitleidenschaft zieht. Auch wenn es mir im Moment nicht nach Weihnacht ist, wünsche ich euch allen friedvolle Festtage. Bis zum Rutsch hören wir uns wahrscheinlich noch mal. Schönen vierten Advent.

Randnotizen eines Erschöpften #06 – Brexit, Frexit, Dexit…

Ich kann den Scheiß echt nicht mehr hören. Es ist mitnichten so, dass ich mir keine Gedanken darüber machen würde, was passiert, wenn Great Little Britain aus der EU ausscheidet; aber wenn man sich mal kurz der Grundlagen der Sozialpsychologie erinnern möchte, passiert im Moment nichts anderes, als dies Malaise als salienten Reiz im kollektiven Bewusstsein zu verankern. Besser wäre es im Moment, wenn man sich einfach in der Öffentlichkeit nicht mehr damit beschäftigte.

Es geschieht doch sowieso nicht das, was im besten Interesse der Mensche wäre (die Entscheidung darüber geschähe in einer idealen Welt in einem Aushandlungs-Prozess, den man gemeinhin Demokratie nennt), sondern das, wofür sich die meisten Lobby-Vertreter finden.  Kaffeehaus-Politik. Zumindest denken das sehr viele Menschen, die momentan lieber den populistische Rattenfängern hinterher rennen, anstatt ihr eigenes Gehirn zu benutzen.

Dadurch, dass wir dauernd medial mit jedem Futzel Möchtegern-Information rings um diese Affäre bombardiert werden, wird gleichzeitig Meinung geschaffen; selbst wenn wir uns zumindest teilweise immun gegen deren Beeinflussung wähnen. Das ist halt eine Illusion. Die Art, Intensität und Tonlage der Berichterstattung, wenn im Kern auch nicht als tendenziös zu werten weißt doch in eine bestimmte Richtung: die dämlichen  Brexiteers machen uns unseren Spielplatz kaputt vs. das dämliche Kontinentaleuropa beutet uns aus.

Dadurch trugen die Medien von Anfang an zu einer Verhärtung der Verhandlungs-Fronten bei. Spielräume wurden eingeschränkt und Brücken abgerissen. Das bedeutet, dass die Medien direkt mit Schuld an dem Dilemma tragen, über das sie dauernd weiterberichten. Der Begriff der selbst erfüllenden Prophezeiung kann hier in realitas beobachtet werden.

Öffentlichkeit wird hier zum Albtraum des Europäers, weil nebenbei enthüllt wird, wie wenig sehr viele Menschen hierzulande, wie auch anderswo in der Nachbarschaft im Herzen Europäer sind und wie sehr man sich in unsicheren Zeiten an die vermeintliche Sicherheit der eigenen Peergroup (Nation) klammert. Der Brexit ist ein soziologisch-politisches Real-Experiment mit offenem Ausgang. Und jeder neue Artikel darüber vergrößert die Wahrscheinlichkeit, dass das der Anfang vom Ende der EU wird. Vielen Dank dafür! Schöne Woche…