Fresh from Absurdistan N°17 – Sollen doch die Reptiloiden sie holen…!

Attila Hildmann, Xavier Naidoo und andere Pauschalreisende zu den Aluhuten rauschen die Facebook-Threads rauf und runter. Man könnte meinen, das nicht wenige Menschen sich hier quasi eine Ersatzreligion besorgen: wenn man schon nicht mehr der Regierung und den Spezialisten glauben will, weil sie einem die Förmchen weggenommen haben – ICH will reisen, ICH will shoppen, ICH will feiern, ICH will alles sofort und ohne Einschränkung, ist mir doch Scheißegal, dass ICH Omma Brömmelkamp mit ihrer COPD damit umbringe – haben anscheinend neue Heilsbringer gefunden: einen zweifelhaften Buchautor, der zufällig auch vegan kochen kann – haha, wohl zuviel von seinem Essen genascht, haha – und eine schon seit eh und je nervtötende Heulsuse aus meiner Heimatstadt.

Der Besuch der Youtube-Uni ist somit wohl neuerdings nicht nur den Impfgegnern und neurechten Faktenallergikern vorbehalten; ne, ne, neuerdings finden sich immer mehr “normale Leute”, die nicht nur glauben, alles besser zu wissen, sondern dies auch mit nie gekanntem Sendungsgbewusstsein in die Timelines von jedem spülen, der sich nicht mit Waffengewalt dagegen wehrt. Was am traurigsten daran ist? Der Umstand, dass die meisten dieser Menschoiden leider mutmaßlich auch das Wahlrecht haben.

Soll ich ehrlich sein: der Text klingt wütender als ich mich momentan tatsächlich fühle. Meist empfinde ich einfach nur Mitleid mit diesen Wesen, an denen unser Bildungssystem offenkundig versagt hat. Und das ist mitnichten die Schuld der Lehrer, auf denen man ja immer gerne rumhackt. Ich habe die allermeisten Pädagogen in den letzten Wochen als engagiert, motiviert, reflektiert und selbst lernwillig erlebt. Für Leute, die unterrichten – und das schließt mich selbst, wenn auch in einem anderen Segment ja ein – ist es auch eine Zeit des Lernens! Was von den ganzen intellektuell überforderten im Netz immer recht gerne übersehen wird.

Was jedoch den Zustand unseres Bildungswesens angeht: kein einziger Cent sollte in Kredite für gestrige Wirtschaftszweige, wie etwa die zivile Luftfahrt gesteckt werden. Ich brauche die Lufthansa nicht. Und wenn man es sehr genau bedenkt, brauchen die allerwenigsten Menschen die Lufthansa; oder irgendeine Fluggesellschaft. Denn eines sollte man mal kapieren: Flugreisen sind – unter vielem anderen – schlecht für das Klima. Für die Angestellten ließen sich in einer ökologisch besseren Welt sicher andere Jobs finden. Nein, dieses Geld gehört in unserer Bildungsinfrastruktur und jenes Personal investiert, das die meisten klar denkenden mittlerweile hoffentlich mindestens genauso bitter vermissen gelernt haben, wie ich selbst.

Und ich vermisse unsere Lehrer nicht nur, weil meine “lieben Kleinen” mich mittlerweile mit ihren Eskapaden die glatte Wand hochtreiben. Ich frage mich auch, wo sie waren, als diese ganzen Verschwörungstheoretiker aufgewachsen sind? Bewusst differenzierender Medienkonsum wurde in der Vergangenheit offenkundig entweder nicht, oder nicht ausreichend thematisiert. Anders sind Kommentarspalten voller Menschoiden nicht zu erklären, die jeden noch so abwegigen Scheiß zu glauben bereit sind, wenn er nur ihr krudes Selbst- und Weltbild bestätigt. Siehe Naidoo und Hildmann. Wenn diese ganzen Pfosten von den Reptiloiden geholt würden, wären die Viecher wenigstens mal zu was nutze. Aber auch auf die ist anscheinend kein Verlass mehr. Sind wohl auch nicht immun gegen Corona…

Es ist Sonntag. Morgen fängt für mich die Arbeit im Lehrsaal wieder an. Erstmal auf kleiner Flamme. Mal sehen, wie wir mit den ganzen Auflagen klar kommen. Denn ich muss für meine Teilnehmer Gas geben, um die – aus pädagogischer Sicht zumindest teilweise – verschwendete Lebenszeit irgendwie wieder reinzuholen. Es wird surreal werden. Wir leben immer noch in Absurdistan. Wahrscheinlich noch für eine lange Zeit. Wäre gut, wenn wir uns langsam dran gewöhnen könnten, anstatt bei Demos zusammen zu stehen und R mit Gewalt wieder hochzutreiben – JA, ICH MEINE EUCH ASOZIALEN, DUMMEN, EGOISTISCHEN ARSCHLÖCHER IN STUTTGART, MÜNCHEN UND BERLIN! Ich bin jedenfalls in meinem Absurdistan angekommen. Jetzt richte ich mich erst mal richtig ein. Und ihr so…?

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Fresh from Absurdistan N°16 – Ja, sind wir im Wald hier…?

Na, schön in den Mai getanzt? Bei mir hat sich wenigstens der Nacken rhythmisch bewegt, wenngleich ich sagen muss, dass alleine zu moshen wohl nicht das Selbe ist. Nun ja, drauf geschissen; Hauptsache meine Kopfhörer machen genug Druck. Und das können sie. Ansonsten ist alles beim Alten. Wir hocken, nach wie vor, daheim und versuchen uns an Aufgaben, für die man normalerweise studieren muss – und wenn mich jetzt jemand darauf hinweisen möchte, dass ich doch auch Pädagoge sei, möchte meine Rechte gerne einen Tunnel durch sein Fressbrett graben. Denn die eigene Brut beschulen zu müssen ist, als wenn du nackig durch einen Sandsturm laufen musst. Das schält dich bis auf die Knochen und reißt dir die Seele raus.

Schwamm drüber. Irgendwie geht’s ja immer weiter. Man könnte vielleicht befremdet sein, dass sich die Bundesliga so abmüht, wieder ans Laufen zu kommen. Auch wenn die überbezahlten Affen, die da unnötig Bälle durch’s Bild schieben offensichtlich weniger Ahnung von physical distancing haben, als meine Siebenjährige. Aber dazu hat Micky Beisenherz ja schon alles Relevante gesagt. Auch die Kaufprämie für Neuwagen ist voll die gute Idee – weil die allermeisten von uns ja während der Krise auch ordentlich durchverdient haben, weil sie nur zum Scheißen eine Pause machen konnten, aber ja eh kein Klopapier verfügbar war und deswegen jetzt alle ordentlich Fett auf der Kette haben… Kann dem Altmaier mal jemand ein Bildchen malen, damit er kapiert, was für einen Stuss er von sich gibt? Aber bitte nicht zu kompliziert, sonst perlts vor Anstrengung auf der Glatze.

Kurz zuvor rollte Wolfgang Schäuble ins Bild; und ich muss sagen, dass ich seine Äußerungen nicht im Ansatz so Menschen verachtend finde, wie Martin Klingst in seiner Kolumne. Wer genau liest, sieht, dass er den Hinweis auf die Menschenwürde als das höchste Gut, welches das Grundgesetz schützt – also ein noch höheres Gut als als das Leben an sich – zunächst auf sich selbst bezieht. Eine Denkfigur, die man angesichts seines Lebens und der Dinge, die er erdulden musste respektieren sollte. Mitnichten redet er hier einer Triage das Wort. Überdies sollte die Würde des Menschen auch beim Sterbeprozess geschützt werden. Etwas, womit man sich hier in Deutschland immer noch sehr schwer tut. Vielleicht war es das, was Her Schäuble sagen wollte? Vielleicht wollte er die ganzen Bedenkenträger auch einfach nur darauf hinweisen, dass das Leben nun mal eine sexuell übertragbare Krankheit ist, die zwangsläufig mit dem Tod endet?

Und nur mal so am Rande: wer ein bisschen Ahnung von Katastrophenmedizin und MANV-Stufen hat, weiß um die ethischen Dilemmata, die mit der Notwendigkeit einer Triagierung einher gehen. Dennoch wird derlei z.B. auch in der rettungsdienstlichen Ausbildung geschult. Reden wir hier also über etwas vollkommen Undenkbares? Nein, tun wir nicht. Insbesondere nicht unter dem Aspekt, dass eine Pandemie wie SARS-CoV2 ein zeitlich prolongierter, supranationaler MANV ist. Und auch, wenn keiner von uns gerne darüber redet: wenn es hart auf hart kommt, haben wir sehr wohl eine informelle Taxonomie zur Hand, um Entscheidungen treffen zu können.

Wie man’s auch dreht und wendet – dieses verdammte Virus beherrscht immer noch unser Leben. Und zwar nicht nur dadurch, dass der Lockdown – wenn auch in abgeschwächter Form – immer noch anhält, sondern vor allem durch das mediale Bombardement, dass Stunde um Stunde neue Berichte produziert, die sich allzu häufig nur in Nuancen voneinander unterscheiden. Denn im Stundentakt entstehen keine neuen Erkenntnisse. Allerdings kann ich im Stundentakt die Menschen entweder noch ängstlicher, paranoider und neurotischer machen – oder noch gleichgültiger, egoistischer und aggressiver. Beide Varianten sind dem Gemeinwesen wenig zuträglich. Und es wäre wirklich mal an der Zeit, dass die Medienschaffenden ihre wenig rühmliche Rolle in der Corona-Krise noch mal überdenken. Rezo hat dazu ein paar gute Gedanken geäußert und ich hätte auch Bock drauf. Wie sieht’s mit euch da draußen aus?

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Fresh from Absurdistan N°15 – antisocial media…

Wo ich doch grade wieder so einen Fratzencomic-Post gesehen habe, in dem es heißt “Ich nominiere X und Y und Z. Postet innerhalb von 24h ein Bild von euch als … whatever…! Ansonsten werden 30,00€ für einen wohltätigen Zweck fällig!”, kommt für mich nur eine einzige Erwiderung in Frage: FICKT EUCH IHR ARROGANTEN SPASTEN! Wann, wo und für was ich welchen Betrag spende, ist meine ganz persönliche Angelegenheit und geht euch Netzparasiten einen feuchten Scheißdreck an! Capiche? Mal davon abgesehen, dass die momentan unausweichliche Rezeption der Corona-Berichterstattung – und vor allem die Kommentarspalten dazu – mich immer mehr zu dem Misanthropen werden lassen, den mein Beruf schon lange hätte aus mir machen sollen…

Ich bin dämlich genug, immer noch und immer wieder diese Antisocial-Media-Seiten zu besuchen, die meinem Wohlbefinden schaden, weil ich mich dem morbiden Reiz, anderen bei ihrer vollkommenen Veraluhutung zuzusehen, einfach nicht entziehen kann. Es dient ja auch dazu, dass sich meine kleine neidvolle Seele etwas besser fühlt. Sich an denen hochzuziehen, die noch unter einem stehen, ist ja auch wirklich ein köstliches Vergnügen, nicht wahr…? Halt Stop, jetzt habe ich etwas verwechselt. Es sind ja vor allem die anderen Inhabitanten dieses Faszinosums namens Facebook, die sich an der televerbalen Erniedrigung Anderer ergötzen, um ihre eigene, beschissen wertlose Existenz wenigstens ein µ aufwerten zu können. Ich schaue ihnen seltsamerweise ganz gerne dabei zu. Das ist dann second-hand-Erniedrigung, denn ich muss noch nicht mal mit den ganzen Pfosten in Interaktion treten, um mich köstlich amüsieren zu können… nicht wahr?

Natürlich ist die Chose dann doch noch etwas anders gelagert: eigentlich verfolge ich manche Diskussion mit dem pädagogisch-aufklärerischen Interesse des Humanisten, nur um ein aufs andere Mal von der Belehrungsresistenz meiner Mitmenschoiden auf die Palme gebracht zu werden, bis ich mich dann wütend zurückziehe und mich damit tröste, dass die ja alle noch viel blöder sind als ich. Wahrscheinlich ist das nur eine Illusion, denn Intelligenz und Asozialität schließen sich mitnichten aus. Schaut euch manche AfD-Politiker an – Beweis abgeschlossen!

Und doch komme ich immer wieder zurück, um es auf’s Neue zu versuchen; was mich dann nun kein Stück besser macht, als diese ganzen Arschgeigen, denen ich so vehement das Licht der Aufklärung hinterher zu tragen versuche. Vielleicht bin ich manchmal netter, aber mein Gebaren im Netz ist damit keinen Deut intelligenter oder gar humanistischer. Eher dämlicher und masochistischer. Und das führt dazu, dass ich mich aufregen muss (siehe oben), was natürlich weder gut für meinen Blutdruck, noch für mein seelisches Befinden ist. Selber schuld könnte man sagen.

Doch was passiert, wenn wir diesen hirnlosen Maden im Speck des Netzes aus Angst um unsere eigenen Befindlichkeiten die Deutungshoheit über die relevanten Fragen unserer Zeit überlassen? Dann sind wir echt angeschissen, denn die sogenannte öffentliche Meinung bildet sich mittlerweile nun mal auch zu einem nicht unerheblichen Teil in den (angeblich) sozialen Medien; ein Umstand, den sich unter anderem unsere braunen Freunde nur zu gerne (und leider auch geschickt) zu Nutze machen. Ne, ne, ne, Freunde! Dann fresse ich lieber eine Tablette mehr und rege mich etwas auf, bevor ich diesen Spezis das Feld überlasse.

Und was nun diese Aufforderungs/Nominierungs-Ketten-Posts angeht: LASST DAS, IHR HAMMEL! Habt ihr nichts besseres mit eurer freien Zeit dank Corona zu tun? Pflanzt doch irgendwas, baut irgendwas, räumt irgendwas auf, macht meinetwegen sogar Kinder – aber hört mit diesem Schwachsinn auf! Das stärkt keine Gemeinschaft, sondern pisst echte Humanisten wie mich abgefahren deftig an. Und tschüss…

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Der verwirrte Spielleiter #19 – Mercer-Effekt?

Lasst uns mal über Erwartungen reden. Also… ich meine jetzt nicht Erwartungen im allgemeinen, an das Leben, an den Job, an die Beziehung, sondern einfach nur an das Rollenspiel. Die vorgenannten, oder besser, deren Erfüllung oder Nichterfüllung haben mit Sicherheit einen messbaren Effekt auf unsere Lebensqualität; wobei ich zu wissen glaube, dass viel zu viele Menschen viel zu hohe Erwartungen an diese Aspekte ihres Daseins haben. Und da kommt beim Rollenspiel der Mercer-Effekt zum Tragen. Oder hätte ich besser “ins Spiel” gesagt…? [Und ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass Rollenspiel sehr wohl auch einen mess- oder besser fühlbaren Effekt auf MEINE Lebensqualität hat; zumindest, wenn es stattfindet und nicht vollkommen öde daher kommt…]

Also: Matt Mercer ist der SL von “Critical Role”. Die spielen D&D und streamen das im Netz. Mit dem Erfolg, dass ziemlich viele Leute sich das ansehen und denken, dass D&D genau so gespielt werden sollte, weil die Show in der Tat ganz unterhaltsam ist. Und diese Wirkung, die sich insbesondere bei jungen Wannabe-D&D-Spielern an den Spieltisch fortpflanzt, an dem sie dann irgendwann landen, nennen wir “Mercer-Effect“. Wobei Matt selbst das gar nicht so gut findet, wie er in dem hier verlinkten Post auf Reddit einem anderen SL erklärt. Das ändert jedoch erst mal nichts daran, dass es passiert. Und das man sich darauf gefasst machen sollte, dass es einen auch mal am eigenen Spieltisch erwischt.

Ganz ehrlich – ich verstehe nicht, wie man sich Critical Role über mehr als eine Folge anschauen kann. Ich meine, ja, die Leutchen da am Tisch sind schon recht unterhaltsam. Das ist eine Folge “Carnival Row”, “Patriot”, “Sherlock”, etc. allerdings auch. Und das ziemlich mühelos. Denn ich kann mich in die Geschichte involvieren, aber ich muss nicht. Oder anders gesagt, es ist passiver Konsum, der mit echter Immersion am Spieltisch nix zu tun hat. Übrigens hat auch “Critical Role” an sich nix mit echter Immersion am Spieltisch zu tun. Denn die Leute am Tisch sind sich ja bewusst, dass sie eine Show für andere abliefern. Es ist also ein Schauspiel, welches Rollenspiel simuliert. Scheiße, ich bin mir sicher, da könnte ein Jünger Derridas eine schöne Dekonstruktion rausarbeiten.

Ich habe das eine oder andere Mal schon über das Thema Spielstil gesprochen. Und vor allem darüber, dass dieser individuell sehr unterschiedlich sein kann. Generell etabliert sich aber im Laufe der Zeit bei jeder regelmäßigen Runde eine Art übergeordneter Grundton, der sich aus dem gemeinsamen Spiel ergibt, allerdings auch reziprok wieder auf die Spieler zurückwirkt. Dieser Prozess braucht Zeit, manchmal Moderation und führt immer wieder zu variierenden Resultaten. Dieses Wissen im Hinterkopf ist MIR klar, dass irgendwelche Newbies mit ‘ner Online-Show als Kopfkino ganz schnell an ihren Erwartungen scheitern werden. Mal davon ab, dass ich den meisten ein sattes Vierteljahrhundert Erfahrung voraus habe. Und Erfahrung ist auch beim Pen’n’Paper durch nichts zu ersetzen; außer, durch noch mehr Erfahrung…

Nun ist allerdings ein anderer Aspekt des “Mercer-Effect”, dass dieser, zumindest in den Staaten, haufenweise neue Spieler ins Hobby rekrutiert. Aber auch hier in Good Old Germany merkt man’s ein bisschen. Und das finde ich wiederum gut. Denn in den letzten 30 Jahren hatte ich immer wieder das Gefühl, dass mein Hobby N°1 gerade im Sterben liegt und jetzt leise weinend zu Grabe getragen werden müsste. Diese Ahnung hat sich bis heute nicht erfüllt; und jetzt stehen die Chancen gut, dass das auch nie der Fall sein wird, bevor ich zu alt und zu grau zum Zocken bin… wann auch immer DAS sein soll?

Veteranen beklagen manchmal, dass die ganzen Neulinge das Spiel verändern würden, das lieb gewonnene Traditionen sterben würden, etc. Die neuen Traditionen, welche grade im Entstehen begriffen sind, entgehen ihnen dabei möglicherweise. Das Spiel ist, wie jede andere Kulturpraxis auch, schon immer Veränderungen unterworfen gewesen. Nicht alle waren gut, nicht alle waren böse. Allerdings bei einem Hobby, mit dem der eine oder andere einfach nur stabil sein Geld verdienen will, von zu viel Kommerzialisierung zu sprechen, ist echt ein Witz. Ebenso, wie übrigens dieses ganze Rollenspiel-Theorie-Geschwafel von Möchtegern-wichtigen Ober-Soziologen. Vielen Leuten, die derart über das Spiel theoretisieren, was ich im Übrigen in meiner stillen Kammer auch gelegentlich tue, entgeht dabei nämlich der wichtigste Aspekt – es so hinbekommen zu wollen, dass möglichst alle am Spieltisch Spaß haben!

Was auch immer ihr also darüber denken mögt, vergesst bitte vor lauter “Critical Role” kucken und Porum-Posts schreiben nicht das Entscheidende – always game on!

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Fresh from Absurdistan N°14 – Das Undenkbare…

…kehrt zurück in unsere Welt. Das Unaussprechliche feiert Urständ und unsere sogenannten Eliten nehmen daran teil. Ein kurzer Exkurs auf das Gebiet der sogenannten Wirtschafts- bzw. Unternehmensethik mag uns ernüchtern, falls wir glauben, dass Wirtschaftslenker die Humanität auf ihrer Agenda haben, wenn sie jetzt nach rascher Lockerung des Lockdowns rufen. Es erinnert ein bisschen an die Geschehnisse rings um den Ford Pinto in der 70ern des vergangenen Jahrhunderts. Die Firma Ford wollte aus wirtschaftlichen Erwägungen lieber Schadenersatz für verlorene Leben zahlen, als ein fehlerhaftes Fahrzeug überarbeiten zu lassen. Wer die Parallelen zur Forderung nach schneller Liberalisierung der Distanzierungs-Regeln nicht erkennt, dem kann ich auch nicht helfen.

Peter Sloterdijk, der trotz seines mittlerweile oft nur noch dreist-dämlichen Geseiers immer noch als Intellektueller von Rang betrachtet wird, schießt den Vogel ab, wenn er – zusammen mit Anderen – den Regierungen Europas vorwirft, im Angesicht einer bloßen Grippe viel zu viel zu tun. Wie zynisch muss das Menschenbild sein, wie analytisch erkaltet die Denke über unsere Welt und ihre Wesen, wenn man sich tatsächlich dazu herablässt, den Preis eines Menschenlebens ausrechnen zu wollen? Ich mag nicht ermessen müssen, was in den Köpfen dieser Menschoiden vorgeht. Es kann mit Mensch-Sein als solchem allerdings nicht mehr allzu viel zu tun haben.

Ich ging heute durch den Wald, allein mit meinen Gedanken, weil ich selbst von einer dieser Stimmungen heimgesucht wurde, die mich schon seit Jahrzehnten begleiten. Der Moment ist, da ich diese Worte schreibe, schon wieder vorbei; aber bei allem was mir heilig ist, heute war ein Scheiß-Tag! Vielleicht nagt der Lockdown auch an meinen mentalen Reserven mehr, als ich mir das eingestehen möchte. Vielleicht habe ich es auch nur in den letzten Tagen verabsäumt, ausreichend sozial-psychologische Selbst-Hygiene zu betreiben.

Ich muss für Solitude nicht weit gehen…

Mir geht es aber immer noch so, dass ich die meisten Dinge am besten mit mir selbst abmachen kann; zumindest rede ich mir das seit bald 46 Jahren mit Erfolg ein. Heute hat es einmal mehr geklappt. Der Stress fiel ab, die Traurigkeit wurde vom Wind fortgetragen; nur die Wut… meine unbändige Wut auf die Idioten dieser Welt blieb. Wie sie das immer tut. Es ist nicht so, dass ich sie nicht zähmen könnte. Die allermeiste Zeit ist sie ein Raubtier im Käfig, dass von innen herausschaut und genau weiß, dass jene, die hereinschauen viel mehr Angst haben. Doch wenn ich an das Undenkbare denke, werde ich glühend heiß wie mein kleiner Grill und meine Wut möchte alles verzehren, was an Ausgeburten der Dummheit meinen Weg kreuzt.

Ich bin ein zivilisiertes Tier. Ich kann meine Affekte perfekt kontrollieren und auch dem größten Arschloch kalt lächelnd den Olivenzweig reichen, wenn es denn sein muss. Aber die ganzen Menschoiden, die jetzt wegen der wirtschaftlichen Probleme rumheulen, hätten eventuell mal ein Geschäftsmodell ausarbeiten können, dass auf Nachhaltigkeit und nicht auf Profit ausgelegt ist. Das unsere Gesellschaft auch wirklich braucht. Das Menschen hilft, anstatt sie zum Konsum überreden zu müssen. Man könnte mir jetzt entgegnen, dass doch aber auch die ganzen lokalen Geschäfte und Gaststätten wegsterben. Ja, das ist leider sicher richtig. Doch seien wir mal ganz ehrlich – niemand hat sich in den letzten 30, 40 Jahren wahre Gedanken darüber gemacht, was wir wirklich brauchen. Wachstum war das Mantra; und damit hatte es sich auch schon.

… und kann mich einer Illusion der Weite und Menschenleere hingeben.

Jetzt sortiert Sars-CoV2, quasi als Pandemie-Beiwerk, mit beängstigender Effizienz unser Wirtschaftssystem neu und alle reden nur darüber, wie viele Verlierer das mit sich bringen wird. Dass wir als Gesellschaft auch gewinnen könnten, wenn sich unser Wirtschaften in der Zukunft mehr an Nachhaltigkeit, Brauchbarkeit und gesellschaftlichem Nutzen orientierte, wird dabei gerne allzu oft vergessen. Denn das stellt die alten Ordnungen in Frage. Und an unseren Traditionen hängen wir, ganz gleich wie viele Menschen diese töten. Nun ja, wenigstens das verdammte Oktoberfest haben sie für dieses Jahr abgesagt. Wir werden sehen, wohin der Zug fährt. Denn im Gegensatz zu meinen Bildern herrscht auf der Corona-Landkarte immer noch dichter Nebel – nur ein paar Spacken wollen schon wieder Vollgas fahren. Hoffen wir, dass irgendjemand das zu verhindern weiß.

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Fresh from Absurdistan N°13 – Und weiter geht’s!

Jedem, der auch nur einen Funken Ahnung von den Geschehnissen dieser Zeit hat, konnte klar sein, dass der 20.04.20 nicht das Ende der Fahnenstange sein würde. Nun ist es amtlich, dass es noch mindestens bis zum 03.05 mit den Kontaktsperren weitergeht und das unsere Kinder vermutlich kein geregeltes Schuljahresende haben werden. Selbst eine Verkürzung oder Streichung der Sommerferien ist schon länger im Gespräch, als Herrn Schäubles Äußerungen, wie Dokumente des Baden-Württembergischen Kultus-Ministeriums beweisen, die ich in Augenschein nehmen konnte.

Einerseits kann ich die Angst unserer Produktivitäts- und Effizienz-fixierten Gesellschaft verstehen, dass den Kinder Zeit verloren geht. Aber ist das nicht für jeden einzelnen von uns eher so, dass wir Zeit gewinnen? Ich meine, seien wir doch mal ehrlich – ich schaue, wie regelmäßige Leser hier wissen, jeden Tag auf Zeit online und auf der Seite haben Sie ein Befindlichkeitsbarometer. Seit Beginn der Krise schlägt dieses Barometer an fast jedem Tag deutlich auf die Seite des Wohlbefindens aus. Dafür gibt es aus meiner Sicht mehrere mögliche Erklärungen:

  • Die Menschen, denen es durch die indirekten Auswirkungen der Corona-Pandemie schlechter geht, lesen nicht die Zeit.
  • Die Menschen, denen es durch die indirekten Auswirkungen der Corona-Pandemie schlechter geht, nehmen nicht an solchen Umfragen teil, weil es ihnen schlechter geht.
  • Überproportional viele Menschen, denen es durch die indirekten Auswirkungen der Corona-Pandemie nicht schlechter geht, lesen die Zeit – und nehmen überdies gerne an Umfragen teil.
  • Die Umfrage ist Bullshit, weil die Menschen einfach lügen (fragen sie mal Dr. House).
  • Manchen Menschen geht es durch die indirekten Auswirkungen der Corona-Pandemie sogar besser…

Egal für welche der letztgenannten – oder im Geiste noch hinzugefügten – Varianten man sich auch entscheiden mag; bedenkenswert ist der Umstand, dass es einem durch die indirekten Auswirkungen der Pandemie (vulgo Lockdown) anscheinend nicht zwingend schlechter gehen muss, auch wenn sich im Moment alle Welt geradezu fetischistisch auf DAS SCHLIMME fixiert, das uns in diesen Zeiten widerfährt. Man möge mich bitte nicht (bewusst) Missverstehen: Corona ist ein Arschloch, das Menschen umbringt, obwohl es per Definition noch nicht mal lebt. Und was wir in Deutschland dagegen tun, führt dazu, dass andere auf uns schauen und sich fragen, warum es bei uns viel besser läuft als andernorts. Wir sind nun mitnichten eine Insel der Glückseligen, aber zumindest spricht der Erfolg für die Richtigkeit der Maßnahmen.

Viele Menschen sind ja offenkundig nicht in der Lage, zwischen Prävention und Reaktion, oder besser zwischen Kausalität und Korrelation zu unterscheiden. Wenn jemand fragt, warum man nicht einfach aufhören kann, wenn doch immer noch so viele Intensivbetten nicht benötigt werden, so lässt sich nur entgegnen: weil wir nicht aufhören. Lassen wir jetzt in unserem Bemühen um das Abflachen der Verbreitungskurve nach, kriegen wir eine Quittung wie die Schweden: 9% Letalitätsrate! Und ihre Infektionskurven steigen jetzt exponentiell. Aber Wirtschaftswissenschaftler feiern Schweden immer noch: Dreckiges, Gewinn-fixiertes Idioten-Pack, dämliches!

Ein Punkt ist allerdings tatsächlich bedenkenswert: unser Schulsystem ist in keinster Weise darauf vorbereitet, auch in Zeiten einer solchen Krise irgendwie eine halbwegs sinnvolle Lösung zu offerieren. Wenn man von den kreativen, zielorientierten, jedoch immer durch individuelle Bemühungen der Lehrkräfte realisierten Insel-Lösungen absieht, sind organisatorische und technische Strukturen unseres Schulwesens Jahrzehnte hintendran. Eine Schande für eines der reichsten und fortschrittlichsten Länder der Erde!

Und es offenbart noch etwas: wir sind noch weit davon entfernt, eine echte öffentliche Diskussion über den Lockdown, seine Folgen und die möglichen Wege im und aus dem selben zu führen. Intransparente Entscheidungen wie zu Gutsherren-Zeiten, getroffen von Menschen, die nicht von der aktuellen Situation betroffen zu sein scheinen, werfen die Frage auf, wie demokratisch unser Staat tatsächlich ist. Und auch wenn das Föderalismus-Argument in normalen Zeiten durchaus schlägt: in der Corona-Krise brauchen wir eine, für alle gleichermaßen gültige Strategie.

Man kann dieses Jahr sowieso abschreiben. Wie wäre es, wenn wir anfangen, 2020 einfach als globales Sabbatjahr zu betrachten? Wenn wir aufhören würden, so tun zu wollen, als wenn man “Business as usual” auf dem Rücken der Bevölkerung verordnen könnte? (denkt mal an keine Ferien, keinen Urlaub, kein soziales Leben, Gehaltseinbußen durch Kurzarbeit, Geschäftspleiten für Selbstständige, Überstunden für das Personal im Gesundheitswesen incl. dem laut ausgesprochenen Gedanken an ZWANGSVERPFLICHTUNGEN – geht’s noch ihr Polit-Spacken?) Lasst uns diese Krise doch einfach als Anregung betrachten, unsere Lebensweise zu überdenken. Nach dem Motto: “Nichts muss, alles kann!” Ich bin bereit! Und ihr so?

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Der verwirrte Spielleiter #18 – storytelling feelings

“Ich bins” spricht jener “zu leiten bereit. Doch gewährt mir die Bitte, gebt mir ‘n paar Tage Zeit, bis alle Stränge sind zur G’schichte gereiht…”. So, oder so ähnlich klingt für mich die “Bürgschaft des Meisters”. Geschichten zu erzählen ist nämlich, selbst wenn es mir auch nach so vielen Jahren noch immer erhebliche Freude bereitet, mit Arbeit verbunden. Der Notwendigkeit, nicht nur einzelne Schlaglichter im Kopf zu haben – also jene kritischen Szenen, welche das Grundgerüst eines jeden Storyboards bilden – sondern auch eine Idee von den möglichen Wegen zwischen diesen Nexus-Punkten. Das bedeutet, dass in einen locker-fluffig dahinfließenden Spiele-Nachmittag zuvor eine gewisse Zeit des Sinnierens, des Suchens und des Schreibens investiert wurde.

Eine Story, welche die Herausforderungen (Thrill, Action und kritische Entscheidungen) und die zuvor evtl. notwendige Detektiv-Arbeit halbwegs geschickt mischt, braucht neben einer Inspiration, die ich selbst häufig beim skimmen durch Monitormeilen von Bildern aber auch Text finde, zumeist nur noch etwas Erfahrung im Sampeln und Remixen von Story-Snipets. Ein Kampf ist ein Kampf ist ein Kampf – als Klimax eines Story-Bogens taugt er allemal. Die Suche nach Informationen kann mühsam sein, oder aber auch mal einfach laufen, wenn die richtigen Leute die richtigen Fragen stellen. Die möglichen Locations eines Spiels kennen die Spieler mit zunehmender Erfahrung irgendwann alle. Da läuft man als SL bei allzu generischer Handhabung leicht Gefahr, zu sehr nach Schema F vorzugehen. Sich selbst diesbezüglich regelmäßig zu überprüfen ist ein Ratschlag, den ich tatsächlich nicht häufig genug geben kann.

Bleibt man kritisch mit sich, fällt einem auf, wenn die eigenen Geschichten zu redundant werden. Es ist mitnichten so, dass die Spieler einem ein gewisses Level an Redundanz nicht durchgehen lassen, ja manchmal sogar regelrecht erwarten. Wir sind halt doch alle ein bisschen Gewohnheitstiere, auch beim Zocken. Aber irgendwann muss frischer Pep her! Und wenn man sich dann auf schräge Ideen einlässt, dann überrascht man sie doch mal wieder. Mit einem neuen NSC, oder einer neuen Wendung, die sie aus der Bahn wirft. Mit einer ungewöhnlichen Falle, Taktik, Ablenkung. Ich improvisiere die Taktik meiner NSCs immer on the fly. Zum einen, weil meine Erfahrung als SL mir mittlerweile ein gewisses Repertoire zur Verfügung stellt. Und, weil ich dann selbst in der Geschichte bleiben und nachdenken muss. Dann wirkt das Erzählen auch organischer, vielleicht sogar realistischer. Sofern man bei Pen’n’Paper davon reden kann…

Worauf ich jedoch als SL nur wenig Einfluss nehmen kann, ist, ob die Spieler sich in den Stil und Tonfall des Settings einfinden, bzw. sich darauf einlassen. Es macht da schon einen großen Unterschied, ob ich “Power, Plüsch und Plunder” spiele, oder “World of Darkness”. Nun benutze ich weder das eine noch das andere Regelwerk, sondern spiele als SL mittlerweile ausschließlich auf meinem eigenen generischen System. Ich passe den Flavour Text, die speziellen Regeln und Fertigkeiten natürlich je nach Setting an und gewiss versuche ich dabei die Stimmung der jeweiligen Welt sprachlich, wie visuell einzufangen. Aber egal, wie viel Zeit ich auch darein investiere – ich kann niemals vorhersagen, ob meine Spieler sich auch darauf einlassen werden.

Nun ist es so, dass jeder SL im Laufe der Zeit seinen gewissen Stil des Storytellings entwickelt und pflegt. Das ist bei mir nicht anders, wenngleich ich mich durch Übung auf viele unterschiedliche Settings adaptieren und auch meine Erzählweise entsprechend anpassen kann. Im Grunde ist es aber dennoch immer noch mein spezieller Stil. Trotzdem versuche ich natürlich, die Spieler dahin zu bekommen, dass sie sich auf den Grundton des jeweiligen Settings einlassen. Und das ist schwierig! Zum einen, weil manche Spieler halt doch in jedem Setting auf ihre ein oder zwei bevorzugten Archetypen zurückgreifen (was vollkommen legitim ist, es soll ja Spaß machen); und zum anderen, weil manche Spieler gerne ihre bevorzugte Stimmung im Spiel ausleben wollen. Mit jemandem, dessen Chars es stets gern locker-lustig angehen lassen (weil er oder sie es gerne locker-lustig haben möchte) in ein paranoides Horror-Szenario einsteigen zu wollen, wird recht schnell witzlos, weil spätestens die zweite Suspense-Scene durch ein Witzchen oder einen lakonischen Einzeller – äh, Entschuldigung, ich meinte natürlich Ein-Zeiler – emotional geschlachtet werden wird. Because, in pen’n’paper, you can’t really storytell feelings! I tried time and time again. And I failed time and time again…

Natürlich ist es möglich, dass das irgendwo ganz super klappt. Dann habt ihr euch aber höchstwahrscheinlich darauf geeinigt, dass alle am Spieltisch mitziehen (müssen). Und selbst dann ist es wahrscheinlich, das irgendwer irgendwann aus der Rolle fällt und die unfassbar dramatische Szene im Arsch ist. Muss man sich einfach dran gewöhnen, dann tut’s auch nicht mehr so weh. Man könnte sich natürlich darüber beschweren, aber seien wir doch mal ehrlich: es ist doch nicht meine Aufgabe als SL, die Spieler mittels ihrer Chars zu einer bestimmten Gefühlslage zu nötigen! Entweder sie wollen sich auch emotional in eine bestimmte Szenerie einfinden, oder eben nicht. Vorschriften oder der Holzhammer helfen da gar nix.

Mal davon abgesehen, dass ich mich im Lauf der Jahrzehnte dazu durchgerungen habe, es einfach als Recht meiner Spieler zu empfinden, schränkt es halt meine Auswahl an Settings etwas ein. Aber auch mir als SL geht es ja durchaus so, dass ich mich mit manchen Settings und Welten wohler fühle, als mit anderen. Trotzdem stelle ich immer mal wieder die Frage in die Runde, was wir denn als nächstes zocken wollen. Denn zugegebenermaßen wird auch das geilste Szenario irgendwann öde, wenn das Level an erzählerischer Redundanz zu steigen beginnt. Abgesehen davon bin ich ein Zwilling; die sind eh schneller gelangweilt, als andere… Ich werde auch in der Zukunft versuchen, meine Spieler an der einen oder anderen Stelle emotional zu packen (zumindest Hass auf meine Villains und Sorge um einander klappen zuverlässig 😉 ); vielleicht klappt’s irgendwann ja doch mal so richtig. Bis dahin habe ich aber an dieser Stelle bestimmt noch das Eine oder Andere zu berichten. In diesem Sinne – always game on!

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Fresh from Absurdistan N°12 – …serious about social distancing?

Man darf ja vor die Tür. Also, alleine und mit genügend Abstand von den anderen Menschen darf man somit durchaus spazieren gehen. Und darum mache ich das im Moment so regelmäßig, wie ich dies eigentlich auch ohne Corona tun sollte; denn etwas mehr Bewegung schadet meinem Leib kein Jota. Nun habe ich das Glück, dass ich für einen anständigen Spaziergang nicht allzu weit von zu Hause weg muss: ich stolpere aus der Haustür, drehe mich nach links und ein paar Augenblicke später bin ich im Waldpark. Heidewitzka, da isses wirklich schön! Man mäandert über die Waldwege und je tiefer man hinein latscht, umso distanziger wird es dann auch.

Die ganzen Alibi-Spaziergänger schaffen es bis auf den Promenadenweg und spätestens am Bellenkrappen ist dann Sense. Enten füttern, blöde kucken, wieder zurückgehen. Ich gehe lieber am “Schlauch” entlang, bis ich keine Lust mehr habe und dann wieder zurück. Man begegnet bei schönem Wetter auch dort Menschen. Nur nicht ganz so vielen. Man sieht auch Radfahrer, die im Waldpark eigentlich nur auf die asphaltierten Wege dürfen; aber wen interessieren schon Regeln, wenn einen kein Cop vom Bike schießt. Ich schere mich da auch nicht nennenswert drum, so lange sie Abstand halten – und damit meine ich nicht Corona-Distanz, sondern halt mindestens so viel, dass ich nicht wegen denen auf die Fresse falle. Kriegen die meisten sogar hin.

Was mich jedoch ganz und gar irritiert, ist der mittlerweile ubiquitär zu verzeichnende Verlust von Höflichkeit. Ein freundliches Nicken und ein “Guten Tag” (heute Vormittag wahlweise auch ein “Frohe Ostern”), da bricht man sich doch echt keinen Zacken aus der Krone, oder? Weit gefehlt. Manch muffeln sogar rum, die meisten kucken aber einfach ostentativ weg. Eine kurze, nicht repräsentative Erhebung meinerseits förderte übrigens folgendes zu Tage: je jünger die Spaziergänger / Radfahrer, desto unhöflicher waren sie. Umgangsformen haben also doch etwas mit Reife zu tun, ich hab’s ja schon immer gewusst. Ob das aber tatsächlich mit Corona zusammenhängt? Nun zumindest bei der alten Dame, die sich bei meinem Anblick den Jackenkragen vor’s Gesicht schlug (so entsetzlich sehe ich doch nun wirklich nicht aus), liegt dieser Verdacht wohl nahe.Nun ja. In der Ebene zwischen Nixraffien und Kannitverstahn liegt halt Vulgarien, direkt unterhalb von Indolentistan. Man kann von da übrigens auch super einen Ausflug zu den Aluhuten machen(© beste Ehefrau von allen).

Seien wir doch mal ehrlich – es ist schon ein Trauerspiel, was diese Seuche mit unserer Gesellschaft anstellt. Doch abseits von Covid-Leugnern, nicht medizinisch gebildeten Besserwissern, Hamsterkäufern und dem anderen typischen Internet-Geschmeiß nagt die Angst an mir, dass wir das Wort Solidarität nach Ablauf des Lockdowns einfach aus dem Wortschaft streichen wollen. Dieser Artikel aus Zeit Online legt für mich den Verdacht nahe, dass die momentan aufgezwungene Isolation dem eh schon um sich greifenden Online-Narzissmus nur noch mehr Schub gibt. Und je mehr Menschen glauben, dass es sich als “Digital Native” doch ganz gut leben lässt, desto mehr schwindet das, was wir Öffentlichkeit nennen in der Realität. Beste Voraussetzungen für Faschos und Spinner, noch mehr gesellschaftliche Positionen zu besetzen. Denn in Absurdistan scheint der Trip zu den Aluhuten ziemlich kurz zu sein…

Ich bin weit davon entfernt, in Resignation zu verfallen. Dafür kenne ich viel zu viele kluge, patente, solidarische Demokraten, die nicht nur dem Fascho-Gesindel, sondern auch den Bewohnern der Aluhuten und anderen unnötigen Zeitgenossen schon bei Zeiten Paroli bieten können und wollen. Und dennoch wäre Warten jetzt falsch! Denn im Gegenteil ist genau jetzt ist die Zeit, sich auf die Lockerung des Lockdown vorzubereiten. Nicht durch noch größere Einkäufe, noch strikteres Cocooning oder andauernde Instrospektion, sondern durch Beteiligung. Nur, weil wir alle daheim hocken müssen (außer während des Spazierganges), heißt dass nicht, dass wir nicht analysieren, hypothetisieren, diskutieren, entwickeln, träumen könnten; und das am besten zusammen. Um an dieser Stelle Rezo zu zitieren: “Ich hätte Bock drauf.” Ihr auch? C U soon.

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Fresh from Absurdistan N°11 – …ist denn gar Freitag?

“Süss und Fruchtig” steht auf einer Weinflasche, welche die beste Ehefrau von Allen zum Behufe der Herbeiführung einer “Kastrierter-Feiertag”-Amnesie mit nach Hause gebracht hat. Der Wein ist ein Trollinger; kann man zu stehen wie man will, aber mein erster Gedanke war, dass Trollinger im Internet eher “Bös und Suchtig” sind. Nun ja. Es ist wahrscheinlich, dass mein Osterfest ein ruhiges – vielleicht, vielleicht sogar harmonisches – wird, was ich allen anderen natürlich auch wünsche. Allerdings beschleicht mich das Gefühl, dass die Menschen unter ruhig und harmonisch jeweils etwas anderes verstehen.

Ich hatte hier gerade neulich von der Macht der Bilder gesprochen. Und dass auch Bilder nicht nicht kommunizieren können. Nun bin ich natürlich, auch wenn ich immer gerne behaupte, dass es mir bisher noch nicht gelungen ist, auf der Erde nennenswert viel intelligentes Leben zu finden, bei weitem nicht der Einzige, der das kapiert hat. Es gibt einen ganzen Wirtschaftszweig, der sich nur um diese Erkenntnis dreht: Marketing! Welchen Schaden diese Profession manchmal anrichten kann, lässt sich an Hand dieses Artikels auf Zeit Online ganz gut erahnen: nur so viel, ernste Wissenschaft und Marketing kann man nicht Hand in Hand betreiben, weil Marketing IMMER ETWAS VERKAUFEN MUSS! Grausiger Gedanke. Nun kann man Marketing als notwendiges Übel des postmodernen Kapitalismus betrachten. Oder man liest mal dieses Buch von Mark Fisher – oder soll ich lieber k-punk sagen?

Man mag zu unserer Gesellschaftsordnung ja denken, was man will. Die oft propagierte “Alternativlosigkeit” politischen und gesellschaftlichen Handelns, welche man uns immer wieder – mal mehr, mal weniger geschickt medial aufbereitet – serviert, will mich aber nicht mehr so recht überzeugen. Dass ich Sozialdemokrat bin und das heutzutage nur noch wenig mit SPD-Wählen zu tun hat, habe ich an vielen Stellen schon durchblicken lassen. Doch der Gedanke, dass der allseits behauptete Realismus des Systems Kapitalismus nur eine Illusion ist, die uns von dessen Notwendigkeit – und damit von der Notwenigkeit der Konformität, Selbstausbeutung, Selbstoptimierung und Ökonomisierung unseres Daseins – überzeugen soll, verfängt auf mehr als einer Ebene. Ich empfehle es daher als Lektüre. Auch für jene, die einen Schrein des Kapitalismus in ihrem Herzen errichtet haben. Denn sich selbst zu hinterfragen, steht jedem gut zu Gesicht.

Mir übrigens auch und daher muss ich an dieser Stelle (Karfreitag!) natürlich auch etwas Selbst-Kasteiung betreiben. Ich nutze dieses Medium nicht selten polemisch, manchmal nachgerade agitatorisch und stets als Vehikel für MEINE Meinung. Dies geschieht jedoch und das soll an dieser Stelle deutlich kommuniziert werden, nicht etwa, weil ich diese für absolut halte, sondern weil ich sie an Anderen reiben und differenzieren möchte. Da sich leider nur selten Widerspruch ergibt, bedeutet das für mich, dass es drei mögliche Interpretationen gibt:

  1. Ich habe aus dem – auch in der Realität stattfindenden Denken und Diskutieren – ein Gedankengebäude destilliert, das Hand und Fuß hat – vulgo: ich habe Recht (wenigstens ein bisschen).
  2. Die meisten Anderen sind einfach zu faul, zu abgestumpft oder schlicht zu blöde, um zu verstehen, wovon ich rede und können oder wollen sich deswegen nicht die Mühe machen, mich hier auf meinem eigenen Felde anzugreifen – was ich absolut lieben würde!
  3. Ich habe nicht die Reichweite, die ich mir erhoffen, erwarten, zutrauen würde.

Ich befürchte, dass es eine Mischung aus zwei und drei ist, weil Recht zu haben bedeuten würde, dass auch ich langsam dem Dogmatismus anheim zu fallen beginne; etwas, dass ich mit allen Mitteln zu verhindern versuche, denn Dogmatiker haben in meiner Welt per Definition nie Recht, weil sie Arschlöcher sind! Allerdings – und das gibt mir wiederum die Energie, hier weiter zu machen – glaube ich an die Macht der Ergotherapie. Um es einmal mehr auszusprechen: das hier ist eine öffentliche Sortierung und Reifung meiner Gedanken. Wenn andere daran teilhaben wollen, sind sie dazu herzlich eingeladen und ich würde mich freuen. Im Grunde meines Herzens aber weiß ich, dass es auch vollkommen ohne Publikum das wäre, was es jetzt ist: eine Spielwiese für meine Dämonen!

Es ist übrigens – dies sei hier noch mal erwähnt – Karfreitag. Und mit Bezug auf den ersten Absatz bin ich erstaunt. Ich hatte ernsthaft in den letzten Tagen wenige (tatsächlich gar keine) Trollinger vor der virtuellen Flinte. Stattdessen habe ich mich unversehens zu einer “Kettenmail” hinreißen lassen. Aber wenn die Helferherzen schon vor den Vorhang sollen… 😉 . Denn tief drinnen bin ich ja immer noch verdammt stolz auf meinen Ursprungs-Job und glücklich, dass ich im Laufe der Jahrzehnte (verdammich, bin ich tatsächlich schon so alt…? ) eine Menge netter und ein paar wirklich außergewöhnliche Menschen kennen lernen durfte. Daher wünsche ich allen – im Rahmen der Möglichkeiten – einen stressfreien und sonnigen Karfreitag. Wir sehen uns.

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Fresh from Absurdistan N°10 – Blockwart Ahoi!

“…du kannst einen -ismus einfach nicht bekämpfen!” Jo, dem ist eigentlich nix hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass ich nie gedacht hätte, dass ich irgendwann mal Blockwartismus in nazi-esker Form wahrhaft erleben müsste. Nun ist es nicht so, dass ich selbst schon ausgegrenzt wurde, weil ich zu den “Systemrelevanten” zähle. Ich hatte auch noch nicht die zweifelhafte Ehre, von der Polizei kontrolliert zu werden, weil sich Nachbarn, in wohlverdienter Erregung über die dauernden Qualmfahnen von meinem Balkon zur Denunziation bei den, eh schon überlasteten, Ordnungsbehörden entschlossen hätten. Und schließlich musste mich niemand auffordern, nur eine Packung Klopapier einzukaufen. Andere produzieren wohl doch mehr Scheiße als ich…

Und doch beschleicht einen das Gefühl, dass die Leute einander im öffentlichen Raum mit Misstrauen beäugen, sich anscheinend sehr genau überlegen, ob das Gegenüber (also ich) wohl gerade ein ächtbares Verhalten an den Tag legt; oder ob das schon OK ist, wenn der Typ im Waldpark spazieren geht? Vergessen die freie Gesellschaft, vergessen auch das Sommermärchen von 2006 und schließlich wurde auch das 2015er “Wir schaffen das!” vergessen – die einzige Aktion, für die ich Frau Merkel wirklich respektiere. Es fühlt sich fast so an, als wenn diese Krankheit mit all den Maßnahmen, die gerade Gültigkeit haben, eine allzu dünne Schicht freundlichen Putzes auf dem, immer noch inhuman kalten, vom Ruch der Geschichte umwehten Zweckgebäude unserer Gesellschaft wegblasen würde, als wenn’s nix wäre.

Die Tage hatte ich – wie immer auf Fratzengedöhns, oder wie auch immer diese verdammte Zeitverschwendungsmaschine auch heißen mag – eine Diskussion um einen Artikel von Heribert Prantl, in dem er vor den möglichen Folgen eines prolongierten Lockdowns für unsere Demokratie gewarnt hat. Und natürlich kamen sofort eilfertig Leute daher, welche die “alternativlosen” Argumente der Politiker Mantra-artig zu wiederholen begannen. Nicht dass mich hier jemand falsch versteht: die Maßnahmen an sich sind absolut sinnvoll! Und dennoch hat der Lockdown Folgen für unser Gemeinwesen, die jetzt noch nicht abzusehen sind; was die bange Frage aufwirft, ab welchem Zeitpunkt wir denn nun den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?

Ich möchte hier nicht als Cassandra auftreten (auch, wenn ich den Namen mag). Und doch lassen sich bereits jetzt Erosions-Prozesse unserer Demokratie wahrnehmen (wie eben der, Anfangs beschriebene, Blockwartismus), die mich zu folgenden, möglicherweise etwas verstörenden Fragen führen:

  • Wann wird die Zahl der Suizide durch zerstörte Existenzen und vernachlässigte psychisch Kranke höher sein, als die der Todesfälle durch Covid-19?
  • Wie viel – oder wenig – Zeit braucht es noch, bevor sogenannte “Gegenöffentlichkeiten” den politischen Diskurs bestimmen können?
  • Wie sehr wird sich die Meinungsbildung durch die unverantwortliche Verkürzung und Vereinfachung von Sachverhalten polarisieren und radikalisieren?
  • Warum will die Bundeskanzlerin keine öffentliche Diskussion über Wohl und Wehe des Lockdowns und die Frage, wie lange dieser noch zu dauern hat?
  • Bis wann nehmen Bürger Repressalien, die im guten Glauben, “das Richtige” zu tun verhängt wurden hin – und bis wann kann man diese wirklich schadfrei zurücknehmen?
  • Wer glaubt wirklich, dass Eltern Monate der Schulschließung überbrücken können, ohne dass unser Bildungssystem und damit ganze Jahrgänge nachhaltigen Schaden nehmen?
  • Was sage ich meinen Kindern, wenn sie fragen, warum man ihnen – subjektiv – einfach verbietet, zu leben, wie Kinder das eben tun, obwohl wir doch angeblich ein so freies Land sind? Und was macht das mit ihnen?
  • Polizisten, welche jetzt die Rechtsmaßnahmen rings um den Lockdown durchsetzen müssen: wer vertraut denen danach noch? Und was ist mit den Beamten, die genau jetzt jene repressive Macht schätzen lernen und diese vielleicht nicht mehr abgeben wollen?

Ein Haufen Fragen, dem so mancher sicher noch die eine oder andere beifügen möchte. Was mich betrifft: ich halte mich an die Ge- und Verbote, wohl wissend, dass über den Berg der Pandemie zu kommen viel, viel länger dauern wird, als bis zum 20.04. Warum die Politik solche Maßnahmen ergriffen hat, wurde ausführlich erklärt. Wer es bis jetzt noch nicht begriffen hat, dass Distanz zu wahren Leben rettet, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Und dennoch muss man die Diskussion um den Lockdown jetzt zu führen beginnen. Denn sonst nimmt unsere Gesellschaft, nimmt unsere Demokratie irreparablen Schaden. Und das kann ja auch niemand ernsthaft wollen. C U soon enough…

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