Bienvenue au pays cathare N°6 – À Bientôt Tautavel…

Verflixt und zugenäht! Es ist schon wieder rum! Die ganze freie Zeit dahin! Morgen früh brummt der Diesel und es heißt: Auf nach Hause! Und ganz, als wenn uns das Pays Catalan rausscheißen wollen würde, wurde unser reizender Ausflug heute Nachmittag zu den Gorges de Goleyrus von einem sachte einsetzenden Unwetter beendet, welches dann später zumindest zeitweilig die Dorfstraße geflutet hat. Nicht, dass die Region es nicht brauchen könnte, aber das kam dann doch überraschend! Zuvor hatten wir aber noch mal die Gelegenheit zum Genießen. Es ist so einfach, die Zeit zu vergessen, wenn die Dinge Freude bereiten. Oftmals tun sie dies ja unerwartet, aber dafür umso willkommener. Gerade die Überraschung, das Staunen sind es, die Genuß erzeugen. Ich las heute einen Artikel zum Thema “Spielen”, der sich tatsächlich nicht in der altbekannten Übung über Spielsucht, dem den Mainstreammedien typischen HATEN von Ballerspielen, irgendeiner Spielekritk oder einer Glosse über Zocker erschöpfte, sondern sich tatsächlich dem Mindset des Spielens widmete. (Leider wie immer hinter der Paywall).

Tolle Landschaft – und baden kann man da auch…

Man könnte den letzten Satz als Hinweis auf Menschen interpretieren, die entweder berufsmäßig zocken, oder aber süchtig sind (wobei letzteres als Artikelgegenstand für die Aufmerksamen ja schon ausgeschlossen wurde, nicht wahr…). Vielmehr geht es hier aber um den Einfluß, den freies, zweckungebundenes, nicht instrumentalisiertes Spielen auf die menschliche Psyche und Kognitionsfähigkeit haben kann. Kurz gesagt: Spielen tut beidem gut! Und der Text beinhaltet Hinweise darauf, dass Spielen auch für Erwachsene eine solche Flowerfahrung beinhalten kann, welche dem Geist Raum und Entspannung verschafft und gleichsam Platz gibt für neue Kreativität. Mihály Csíkszentmihályi, jener Psychologe, der sich dem Thema in den letzten Jahrzehnten am intensivsten gewidmet hatte, beschreibt Flow als völliges Eintauchen in eine Tätigkeit; und wenn ich so an meine Kinder, aber auch meine eigenen Erfahrungen beim Zocken denke, dann sehe ich hier deutliche Parallelen zu der Beschreibung des Spiel-Mindsets, auf welches die Autorin hinweist. Loslösung von der Welt, vom Müssen, von Notwendigkeiten, vom Erwachsensein. Ich hatte vorhin vielleicht keine Flow-Erfahrung, aber doch irgendwie dieses lockere Gefühl des Scheiß-Drauf, dieses “Nur noch ein Level”-Ding, wenn man früher Diablo gezockt hat; kurz – den flüchtigen Gedanken, einfach morgen früh NICHT loszufahren und den Rest irgendwie zurechtzubasteln.

Nun bin ich nicht der Typ für sowas – mal eben einen Kumpel zu Hause beauftragen, ‘ne Krankmeldung zu besorgen und noch ein paar Tage auf gelben Urlaubsschein ranhängen? Passiert Anderen. Zumal ich dann auf’s Bloggen etc. verzichten müsste. Außerdem gibt es zu Hause in der Tat Dinge, auf die ich mich freue. Also bleibt nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass die Heimreise nicht zu stressig wird. Ich habe allerdings eine Menge Denkstoff bekommen und ein paar Dinge sind nun reif, so dass ich die Arbeit daran aufnehmen und alles zu Papier bringen kann. Manchmal braucht das Zeit und ein paar neue Blickwinkel – und die habe ich hier bekommen. Und vielleicht bin ich jetzt wieder in der Lage, die Dinge aus der Perspektive des Spielenden zu sehen: NICHT ALLES muss einem Zweck folgen! NICHT JEDER Moment muss in einem Plan wiederzufinden sein! NICHT JEDES Projekt wird automatisch ein voller Erfolg – aber KEINE ERFAHRUNG wird umsonst gemacht! Manchmal frage ich mich ehrlich, ob es eigentlich einen Unterschied macht, was ich hier schreibe, oder nicht? Heute ist so ein Abend. Denn ich hätte mich auch genausogut simpel auf die Couch im Ferienhaus setzen und dem Regen zuschauen können. Aber nun habe ich doch noch einen rausgehauen. HA, JETZT WEISS ICH WARUM – DAS IST MEINE ART, MIT EUCH ZU SPIELEN! In diesem Sinne – wir hören uns. Aber erst, wenn wir wieder in Deutschland sind. Und Tautavel – wir sehen uns auf jeden Fall wieder!

Bienvenue au pays cathare N°5 – Der Esel ruft!

Normalerweise ist Wetter was für den Smalltalk, wenn überhaupt. Ich meine, warum sollte man über etwas diskutieren, dass sich sowieso nicht kontrollieren lässt – obacht noch mal für die Klimawandel-Leugner: Wetter IST NICHT GLEICH Klima, ihr Spackos! Jedenfalls gibt’s keinen Knopf für Regen, Sonne, Wind, oder so. Gott sei Dank muss man wohl sagen, denn ansonsten gäbe es unter Garantie um DIESE Fernbedienung noch mehr Streitereien als um jene für die Klimaanlage im Großraumbüro! Jedenfalls sitze ich gerade in der Küche unseres Ferienhauses und schaue dem Regen zu. Heute Morgen hatten wir einen Ausflug gemacht, der uns zwecks einer Besichtigung ein paar Täler weiter Richtung Norden geführt hatte, und dort war auch bei der Abfahrt zurück noch eitel Sonnenschein. Doch je näher wir dann am Nachmittag unserem Tal wieder kamen, umso dunkler wurde der Himmel. Jetzt regnet es seit ein paar Stunden und eben konnte ich den kleinen weißen Esel rufen hören, der sich am Ortseingang eine Weide mit einem Pferd teilt. Ich kann nicht sagen, ob es klagend oder glücklich klang. Aber ich stelle mir halt vor, wie das niedliche Kerlchen so leicht bedrippelt aus der Wäsche kuckend auf der Wiese steht und sich fragt, was das jetzt soll. Na ja, wahrscheinlich macht es ihm weniger aus, als dies bei mir der Fall wäre.

Abbaye de Fontfroide, vom Garten aus

Hier in den Corbieren, die sich an der höchsten Stelle auf etwas über 1200 Meter erheben, bleibt das Wetter oft in einem Tal stehen. Man konnte das gestern ganz gut vom Strand bei Sainte-Marie-La-Mer aus beobachten, wie sich über den Pyrenäen und den Corbieren gewaltige Wolken türmten, während man selbst bei strahlendem Sonnenschein am Strand saß. Kenne ich so von zu Hause nicht. Jedenfalls kann die Region das Wasser vertragen. Und dem kleinen weißen Esel ist dann auch nicht ganz so warm. Man legt sich ja immer so darauf fest, dass das Wetter im Urlaub superdupertoll sein muss, damit man möglichst viel unternehmen kann; nur um dann feststellen zu müssen, dass die lieben Töchterlein das Murren anfangen. Wenn selbst die 10-Jährige irgendwas von “NIE kann man richtig chillen!” murmelt, braucht man ein paar frische Tragbalken für den Familiensegen. Oder man macht halt doch mal einen Tag oder zwei nix, auch wenn auf der Besichtigungs-Wunschliste noch ein paar Punkte fehlen. Doch – fehlen diese Punkte einem wirklich? Ich meine, es ist ja nicht so, dass man nie wieder herkommt, oder? Zumindest reift so langsam der Plan in mir, in den nächsten Jahren wiederzukommen, um noch mehr anschauen und relaxen zu können. In einer so alten und vielfältigen Kulturlandschaft gibt es so unglaublich viel zu sehen, dass man bei 14 Tagen Aufenthalt zwangsläufig nur eine begrenzte Auswahl an Zielen besuchen kann.

Der Kreuzgang

Insofern galt der Ruf des Esels wohl doch mir; er wollte mir vielleicht sagen, dass ich stets willkommen wäre, auch hier in Südfrankreich nach dem Glück zu suchen. Worin auch immer es sich finden lassen mag. Wetter ist eine Äußerlichkeit. Eigentlich sind auch die ganzen Ausflüge zu schönen Orten nicht mehr als Äußerlichkeiten, denn es geht nicht unbedingt darum einen Ort im räumlichen Sinne zu besuchen, sondern einen Ort für die Seele zu schaffen, an welchem diese sich (neu…?) entfalten kann. Ich werde jetzt ganz gewiss nicht behaupten, dass die zumeist sonnige, auf dieses besondere Art duftende Landschaft und die alten Steine zum Knipsen, sowie das gute Essen und der Wein zum Genießen dabei nicht helfen; das wäre glatt gelogen! Denn ich bin wahrlich nicht der Typ für asketisches Kontemplieren in einer kargen Mönchszelle, oder auf einem einsamen Berg. Obwohl auch solche Momente in den letzten Tagen durchaus dabei waren. Also bin ich wohl selbst einer dieser Esel, die nicht gänzlich von ihrem Urlaubs-Konsum lassen können – weshalb mich der Ruf des echten Esels auch so zum Schmunzeln bringt. Der kleine Kerl sagt mir: nimm das alles nicht so ernst, lass Fünfe grade sein, schränk dich ein bisschen ein, dann darfst du gerne wieder vorbei kommen. Ich hoffe, dass ich das eines Tages wirklich beherzigen kann. Einstweilen wünsche ich mir, in den letzten Tagen hier noch ein bisschen was sehen zu dürfen – und euch eine gute Zeit. Wir hören uns.

Bienvenue au pays cathare N°4 – Bildungsreise?

Ich hatte die Tage ja schon mal auf das gute alte Stereotyp des Rotwein saufenden Bildungsbürgers abgehoben; ich meine zwar, dieses wäre damals, in der 80ern im Zusammenhang mit der neu entfachten Toskana-Wehmut vieler Studienräte:innen entstanden, aber hier in Okzitanien gibt’s ja auch leckeren Rotwein aus sonnendurchfluteten Landschaften, Häuser aus Naturstein und jede Menge Kultur zum Bestaunen. In dem kleinen Örtchen (ca. 800 Einwohner), in welchem wir derzeit logieren, gibt es z. B. ein archäologisches Museum, welches sich mit dem “Homme de Tautavel”, einem Hominiden von vor ca. 500.000 Jahren und dessen Lebensumständen / Fundstätte befasst. Man könnte also tatsächlich von einer Bildungsreise ausgehen. Aber das würde ja implizieren, dass wir vor allem der Bildung wegen hergekommen sind, so wie einstmals Goethe Italien bereiste. Er tat es wohl, um eine Schreibblockade zu überwinden. Doch wir sind vor allem hier, weil es hier schön ist, und weil es eine Menge Dinge zu erfahren und zu bestaunen gibt. Und ich meine damit definitiv NICHT, dass ich hinterher mehr über diese Dinge wissen MUSS, sondern ich nehme unintendierte, informelle Lerneffekte einfach mit und freue mich drüber, muss mich aber auch nicht grämen, wenn diese nicht eintreten. Und ich habe keine Schreibblockade…

Schier unendliche Weite, gesehen vom Château de Quéribus

Mich jetzt als jemanden zu bezeichnen, der an Bildung interessiert ist, wäre beinahe untertrieben! Ich liebe Bildung; außerdem bin ich intrinsisch motiviert, zu lernen und andere zum Lernen zu bringen. ABER mir geht es im Urlaub mit dem Lernen (müssen) so, wie dem Chefkoch, der nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt; der/die stellt sich auch nicht mehr hin und kocht sich ein Viergänge-Menü, sondern schiebt sich einfach ‘ne Tiefkühlpizza in den Ofen! Wenn er/sie denn überhaupt noch Hunger / Appetit hat…? Denn irgendwann ist mit dem ganzen Content erstellen, Curriculi und Unterrichte planen oder überarbeiten, Recherchieren und Organisieren, etc. auch mal gut. Wenn sich auf unseren Ausflügen Wissens-Mitnahme-Effekte ergeben, sind diese willkommen. Ansonsten gilt: “Teacher out of order!” Es ist schon so, dass mit dem STAUNEN vor Ort oft auch das FRAGEN kommt. Aber dieses FRAGEN erschöpft sich zumeist dann im Finden eher oberflächlicher Zusatzinformationen, denn alles was vom eigentlichen WAHRNEHMEN des Objektes der Begierde ablenkt, stört nach kurzer Zeit den Genuss; und unterbleibt folglich einfach. Schließlich gilt im Urlaub: “Alles kann – nichts muss!”

…aber manchmal öffnet sich doch eine Tür!

Wir sind eh oft damit beschäftigt, unser Französisch-Gedächtnis am Laufen zu halten, z.B. wenn zwei Herren mittleren Alters fragen, ob man das Lorelei-Gedicht von Heine noch erinnern könne (so geschehen beim Abstieg von der Quéribus, als man mitbekam, dass wir Deutsche sind). Der olle Romantiker steht wohl, dank seines langen Exils in Paris wegen seiner Sympathie für die Julirevolution 1830 auch bei den (gebildeten) Franzosen recht hoch im Kurs. Wir bekamen Teile des Textes dann zusammen hin und mussten allesamt lachen. Der dabei entstandene Lerneffekt: Kunst kann die Menschen über Generationen und Nationen hinweg verbinden. Das ist, warum ich eigentlich verreise: um den Menschen, die ich doch so oft und gerne schelte, und von denen ich immer wieder sage, dass ich die meisten von ihnen hassen würde (was manchmal glatt gelogen ist) verbunden bleiben zu können – und immer wieder auf’s Neue zu lernen, welche mannigfaltigen Formen und Kanäle des Verbunden-Seins es geben kann. Ich bin am Ende des Tages wohl doch kein solcher Misanthrop. Vielleicht ist meine Existenz dann auch doch eher eine Komödie, wie bei Molière? Hierzu habe ich eine schöne Erinnerung: ich durfte dieses Stück vor 30 Jahren als Abiturient auf Klassenfahrt in einer klassischen Inszenierung der Comédie-Francaise in Paris sehen. Vielleicht war das so was wie ein Omen zur Verbundenheit durch Kunst? In jedem Fall wünsche ich einen guten Start in die Woche.

Bienvenue au pays cathare N°3 – paint it…black…?

Andere Menschen. Du kannst nicht mit ihnen, du kannst nicht ohne sie. Sie sind überall. Und sie ziehen dir, während du dich mit ihnen befassen musst, eine Menge Energie ab! Also, ich meine jetzt diese Menschen, mit denen umzugehen ich mir NICHT explizit ausgesucht habe. Ich bin – das kann man wohl so sagen – eher pessimistisch bezüglich des Fortganges unseres humanoiden Evolutionsprozesses. Wie schlimm es um meine diesbezüglichen Erwartungen steht, soll hier keine Geige spielen. Nur soviel: ich MUSS endlich meine Augen aus den Kommentarspalten lassen! Tatsächlich ist mir neuerdings aufgefallen, dass ich einen nicht unerheblichen Teil dieses Pessimismus in die Geschichten projiziere, welche anderen Menschen zu erzählen ich, insbesondere beim Pen’n’Paper-Spielen die Stirne habe. Nur um dann dort nach ausreichender Katharsis ein Happy End geschehen lassen zu können, sofern die Spieler:innen durch ihre Charaktere eine Lösung finden, die eines herbeiführt. Manchmal klappt’s. Das gibt mir dann die Energie frei, im sonstigen Leben kein so schlimmer Schwarzmaler sein zu müssen. Nicht nur im Urlaub ist es eine ganz angenehme Erfahrung, das Dunkle durch eine Filterbrille sehen zu können, welche die Emotionen dämpft. Und hier in Südfrankreich tut das Land sein Übriges.

Sonnendurchflutetes Tal unterhalb der Burg Termes

Die Summe der Eindrücke ist so groß, dass mir Abends dieser Tage sogar die Energie und Lust zur Teilnahme an irgendwelchen Diskursen fehlte. Ich mochte einfach nur sein, die Bilder im Kopf (und auf der Speicherkarte) ordnen, meine Gedanken etwas träger laufen lassen, als ich das sonst gewohnt bin und mir Zeit nehmen mit einfach allem. Ich weiß, dass es Montag in 8 Tagen wieder Vollgas heißt; aber tatsächlich mal genug von dieser kostbarsten aller Ressourcen (nämlich Zeit) zu haben, um die eigenen Gedanken ruhig und nachhaltig reifen zu lassen, ist eine Erfahrung, die ich um nichts missen möchte. Es heißt ja immer, man kann die Erholung des Urlaubs, die Energie, welche einen währenddessen durchfließt nicht konservieren, nicht mit nach Hause nehmen um dann dort davon zehren zu können. Und meiner Erfahrung nach ist das irgendwie auch wahr. Am ersten Tag am Arbeitsplatz ist man sofort wieder in der Mühle, als wenn man nie weg gewesen wäre. Was daran liegt, dass die Welt, von der man sich mal eben für ein paar Tage oder Wochen entkoppelt hat, halt niemals stehen bleibt. Sie KANN nicht stehenbleiben, denn dafür müsste die ganze Welt auf einmal Urlaub machen… Und so stauen sich Anfragen, Probleme, Beschwerden aller Art, um einen an jenem berüchtigten ersten Tag nach dem Urlaub zu überfallen, niederzuringen und um die Erholung zu bringen. Aber es gibt nichts und niemand, dem man dafür die Schuld geben kann, denn die Welt ist, wie die Welt ist!

Ruine der Burg Termes

Denn das mit der Arbeit das wieder so eine Illusion, der wir aufsitzen, weil wir nicht verstehen können, dass sich die Welt nicht um uns, sondern um sich selbst dreht; und wir nur Passagiere sind, die noch nicht mal bestimmen können, wann und wo wir aussteigen wollen. Falls das jetzt irgend jemandem zu schlimm, zu fatalistisch oder zu resigniert klingt – so empfinde ich es nicht! Es ist einfach der Versuch des bewussten Annehmens der chaotischen Indeterminiertheit unserer Existenz, der Unberechenbarkeit des SPÄTER – und schließlich der Versuch, im JETZT zu leben! Denn gerade jetzt ist alles großartig! Und wenn es irgendwann in der Zukunft (vielleicht so ca. Montag in 8 Tagen…?) nicht mehr großartig sein sollte, dann wird danach gewiss bald wieder eine Zeitspanne kommen, in der es wieder großartig sein wird. Und zwischendrin ist es das, was es immer ist – LEBEN. Womit die Notwendigkeit, so etwas wie Erholung abfüllen und mitnehmen zu wollen entfällt. Genieße jetzt, das SPÄTER kommt und du kannst es erwarten, weil du es eh nicht ändern kannst, dass es kommt; oder, was es mit sich bringt… Meine beste Ehefrau von allen meinte die Tage, dass sie diesen Geruch nach südlichen Korniferen, Erde und Sonne gerne abfüllen und mitnehmen würde, weil doch olfaktorische Reize Erinnerungen besonders gut auslösen könnten. Und das ist eine Idee, die sich bei mir festgesetzt hat. Denn, wenn man das SPÄTER nicht kennen oder (nennenswert) im Voraus beeinflussen kann, sollte man wenigstens die Chance haben, diesem SPÄTER, wenn es zum JETZT wird besser begegnen zu können. Und da können Erinnerungen an schönes VERGANGENES sicher helfen. Reframing aus dem Duftfläschchen quasi – ich würd’s kaufen. In diesem Sinne, gute Zeit.

Bienvenue au pays cathare N°2 – Funny Bones

Oft, wenn man denkt, alles passt, dann – ja dann hat man ein bisschen Pech. Vielleicht sind solche Zufälle ja dazu angetan, uns daran zu erinnern, dass wir für die schönen Momente unserer Existenz auch dankbar sein sollten (kommt DIESES Thema vom letzten Post evtl. bekannt vor?). Ich weiß natürlich nicht, ob dem so ist. Theoretisch würde das allerdings voraussetzen, dass es irgendwo so etwas wie eine Karma-Polizei gibt, die stets darauf Acht gibt, dass wir auch ja nicht zu übermütig werden. Und dieser Gedanke ist widerum ein wenig widersinnig, denn wenn es sowas wie höhere Wesen gäbe, warum sollten diese sich dann ausgerechnet mit der unsinnigen Frage herumschlagen, ob wir Menschen auch ja nicht zu glücklich werden? Immerhin beweisen die Mitglieder unserer Spezies nicht selten ein unfassbares Talent dafür, sich selbst drastisch im Weg zu stehen, die Schuld dafür dann bei Anderen zu suchen, um dann auch noch ungehörig viel Energie darauf zu verschwenden, sich für dieses “Unrecht” dass ihnen diese Anderen “zugefügt haben” zu rächen. Oder sie gehen in die Kirche ihrer Wahl. Wir brauchen keine kosmische Polizei, die uns vom Glück abhält; DAS kriegen wir auch ganz gut alleine hin. Denn bei Licht betrachtet ist das alles doch nur ein kosmischer Witz aus Zufall, Leichtsinn, Wahrscheinlichkeit und Dummheit. Unsere Leben werden geschmiedet im kalten Feuer der Korrelationskoeffizienten – gehüllt in den Mantel der Ambivalenz. Kein Wunder, dass so viele mit dem Leben nicht klarkommen…

Forteresse de Salses

Ich sitze im Garten unseres Ferienhauses und sinniere darüber, dass es nicht genug war, dass mir der Rücken wehtat, wogenen ein echt kundiger Ostheoptat / Physiotherapeut aus einem Ort in der Nähe gestern etwas tun konnte; nö, heute beim Ausflug bin ich auch noch auf’s Knie gefallen, weil ich mir das Sprunggelenk verdreht habe. Man könnte sagen: meine Augen waren zu sehr auf das Objekt der fotografischen Begierde fixiert und zu wenig auf den Weg vor mir – klassischer Fall von dumm gelaufen (im wahrsten Wortsinn). Besichtigt haben wir dann trotzdem. Bezogen auf das im ersten Absatz Gesagte könnte ich jetzt auf irgendwen oder irgendwas fluchen; irgendeiner Instanz die Schuld für meine Ungeschicklichkeit geben. Das wäre, als wenn man sich einfach mal bei der GEZ beschwert – hat auch noch niemandem ernsthaft geholfen. Also irgendwie hat sich bei mir mittlerweile eine gelassene Indifferenz eingestellt, denn auch, wenn manche Teile meiner unteren Extremitäten noch etwas schmerzen, sitze ich unter der milden okzitanischen Abendsonne und muss mich mit nichts anderem befassen, als mich zu erholen. Neue Rezepte probieren (Cassoulet, war am ersten Tag schon ganz gut, aber mit einer kleinen Modifikation am zweiten Tag ist es Bombe geworden), alles mögliche erkunden und knipsen, im Mittelmeer baden (angenehm frisch, aber nicht zu kalt um diese Jahreszeit), Winzer im Ort besuchen (ja, da isser mal wieder, der typische, Rotwein saufende Bildungsbürger) und einfach sein. Machen wir mal eine kurze Genussgüterabwägung, würde ich sagen, die Habenseite liegt eindeutig vorn.

Ich habe ein bisschen hin und her überlegt, ob mir was Tiefsinniges einfällt, worüber ich schreiben möchte. Doch außer, dass ich anstatt zwei auch gerne vier Wochen hier zubringen könnte und der Gegegnd dann sicher immer noch nicht überdrüssig wäre, fällt mir in diesem Augenblick gerade nichts ein. Außer vielleicht dies: es wäre mal ernsthaft Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, was man wirklich will. Und damit meine ich nicht diesen ganzen Quatsch wie “MEIN Haus, MEIN AUTO, MEIN Boot, MEIN IPhone, etc.”, sondern was es WIRKLICH braucht, um die zufriedenste / glücklichste Version seiner/ihrer selbst werden zu können. Wer hier jetzt an lauter materiellen Quatsch denkt, dem kann ich leider auch nicht mehr helfen: Sorry, IHR müsst auswandern, denn mit Typen und Tussen wie euch ist dieser Planet nicht mehr zu retten. Kolonisiert euch bitte irgendwo eine zweite Erde und beutet die dann mit eurem unnötigen Konsum aus, ja…? Danke! Das, was ICH mir wirklich wünsche, ist übrigens mehr Zeit für mich, meine Lieben und die Dinge, die ich aus eigenem Antrieb tun möchte, ohne meinem Gehalt in abhängiger Lohnarbeit hinterher rennen zu müssen. Wird mir jedes Mal, wenn ich davon entkoppelt bin ein bisschen klarer. In diesem Sinne – schönen Abend aus Südfrankreich.

Bienvenue au pays cathare N°1 – Ich könnte sie alle…

Man soll ja saftig einsteigen, also vollende ich den Satz aus der Überschrift zunächst, wie folgt: “…umbringen und ihre verk*****n Karren rechts und links der Autobahn abfackeln!!!” Zumindest hat am Anreisetag nicht viel bis zur vollkommenen Eskalation meinerseits gefehlt, denn Autofahren können die alle nicht; andernfalls hätte es nicht all 5-7 KM einen neuen Geisterstau gegeben. Aber es hätte mir vorher klar sein können, also muss ich das nächste mal halt besser planen. Es gab aber seit der Ankunft auch schon einiges Positives zu vermelden. Unsere Unterkunft ist toll, die Menschen hier sind nett und entstpannt, Einkaufen am Sonntagvormittag ist auch in Südfrankreich überhaupt kein Problem, und die ersten Locations, die wir besucht haben, vermochten meine positiven Erinnerungen noch mal zu übertreffen. Und überhaupt – diese Landschaft entspannt mich seit der ersten Minute. Die Weite und Ursprünglichkeit lassen einen die Stadt ganz schnell vergessen. Wenn jetzt die Rückenschmerzen noch ganz weg gehen, wird auch das hier ein echter Spitzenurlaub!

Von Tautavel nach Paziols…

Die Sonne, der Geruch von Erde und Vegetation, die von den Naturgewalten geformten, karstigen, teils kargen, aber teils auch wunderbar grünen Landschaften der nördlichen Pyrenäen-Ausläufer – all das scheint noch intakt, auch wenn sich schon jetzt, Ende Mai, ein gewisser Wassermangel in den Flüssen und Bächen bemerkbar macht. Ich bin dankbar, hier sein zu dürfen! Dankbar, mit allen Sinnen genießen zu dürfen! Dankbar, die Sorgen und Probleme der Welt für einen kurzen Wimpernschlag ausblenden zu dürfen... Denn die letzten Wochen waren durchaus emotional und kognitiv anstrengend; mit körperlicher Betätigung hab ich’s ja (leider) nicht so. Ich könnte deshalb jetzt natürlich anfangen, rumzujammern, wie schlimm doch alles ist: der Job nervt, die Kinder stressen, mein Rücken spackt rum (und das ausgerechnet zu Beginn des Urlaubs), die Politiker spinnen alle, etcpp.! Aber das wäre ganz schön ungerecht. Ungerecht gegenüber meiner besten Ehefrau von allen, die sich ebenfalls ganz schön ein Bein rausreißt, um den Laden am Laufen zu halten! Ungerecht gegenüber meinen Kollegen, die sich echt was aus unserer Teamwork machen! Ungerecht gegenüber meinen Kindern, die oft einfach nur ihr gutes Recht einfordern, Kind sein zu dürfen und sich nicht in Schablonen pressen lassen zu wollen, was unser allgemeinbildendes Schulsystem nur allzu oft versucht… Ich habe safe jemanden vergessen, und ich will weder ungerecht noch undankbar sein, sondern der Typ, der die Leute inspirieren kann, besser werden zu wollen, der seinen Shit gerockt bekommt und mit dem das Abhängen Spaß macht. Und jetzt habe ich Hoffnung, hier wieder ein bisschen mehr zu diesem Typ zu werden, der die Blaupause für mein Selbstbild ist – auch wenn Selbst- und Fremdbild nur selten übereinstimmen.

Chateau d’Aguilar

Ich denke manchmal einfach zu viel. Ich denke vor allem zuviel in die täglich erlebten Situationen und Menschen hinein, ich denke zuviel Ansprüche in meine eigene Existenz (und auch in die von Anderen) hinein und ich denke manchmal zu oft und zu weit um Ecken. Wenn man aber ein Gesamtbild braucht, muss man oft im Leben drei Schritte zurücktreten (und auch zurückdenken) und erst mal wahrnehmen, OHNE überhaupt zu interpretieren. Was mir – leider, leider – verdammt schwerfällt. Ich könnte mich jetzt damit trösten, dass ich mit DEM Problem ganz gewiss nicht allein bin, steht analytisches Denken heutzutage doch total hoch im Kurs. Aber damit würde ich es mir zu einfach machen. Also will ich versuchen, denn oben in der Überschrift begonnenen Satz anders zu beenden! Wie wäre es mit: “Ich könnte sie alle… einfach beobachten!”. Oder etwa “Ich könnte sie alle… ein bisschen gern haben” (klingt für mich radikal übertrieben, aber gibt es nicht diese Menschen die Free Hugs verteilen?). Am besten gefällt mir aber: “Ich könnte sie alle… dazu einladen, etwas besser zu beobachten und manchmal etwas länger nachzudenken!” Ja, ich glaube der passt. Damit ist für heute genug nachgedacht. Ich lasse den Tag jetzt im Garten hinter dem Ferienhaus ausklingen. Bis die Tage.

Das große Staunen N°3 – AI anybody…?

Es ist für mich ein wenig komisch, wenn ein Blogpost nicht komplett in einem Rutsch geschrieben wird, weil ich meine Gedanken nämlich oft “hot as they come” erst im Schreibprozess selbst sortiere; dabei Pausen zu machen, führt manchmal zu Verwirrung und Brüchen im Text. Der eine Rutsch war diesmal nicht möglich, weil Teile des Posts in Amsterdam am Flughafen entstanden sind, während ich auf meinen Flieger nach Hause warten durfte. Und dann war ein paar Tage Zwangspause, weil Hektik und Umtriebigkeit am Arbeitsplatz, gepaart mit der Notwendigkeit die Familien-Reise auf den letzten Drücker vorzubereiten, dazu geführt haben, dass das Ganze erst ein paar Tage später in Südfrankreich zu einer Konklusion kommen konnte. Aber ich will ehrlich sein – diese Gedanken haben sich schon über einen längeren Zeitraum entwickelt; und erst der Besuch einer Veranstaltung mit vielen anderen Spezialisten aus dem Feld hat dann eine Art Initialzündung in meinem Kopf bewirkt, die ich irgendwie zu fassen versuchen musste, bevor der “Spirit of thoses days” verdampft gewesen wäre. Dieses Mal führte der beschriebene Prozess dazu, dass ich mich mit Abstand nochmal mit den Gedanken auseinandersetzen musste – und ich kam zu dem Ergebnis, dass das Geschriebene für mich immer noch passt. Also geht’s jetzt los!

“…über den Wolken…”

Es ist, wie ich denke, momentan ein Allgemeinplatz, dass AI oder Artificial Intelligence der neue heiße Scheiß ist; und zwar egal wen und egal wo man fragt. Es gibt keinen Bereich, in dem man der Thematik entgeht. Ich arbeite ja im Bereich Rettungsdienst /Rettungsdienst-Ausbildung und auch für uns ist die AI-unterstützte Evaluation der vielen Daten, welche wir im Laufe eines Jahres produzieren von erheblichem Interesse. Sie kommen aus den Geräten, die bei der Diagnostik und Behandlung der Patienten genutzt werden sowie der kumulierten Anamnese der Patienten; und sie müssen erhoben werden, weil wir zur sauberen Dokumentation unserer Befunderhebung und Behandlung gesetzlich verpflichtet sind. Und sie könnten Mehrfachnutzen haben. Einerseits, weil Evidenz-basierte Medizin Evidenz braucht. Ohne epidemiologische Daten kann man nämlich nur sehr schwer herausfinden, ob die gegenwärtig installierten Prozeduren tatsächlich tun, was sie sollen – also in unserem Fall den Patienten wirklich helfen, oder ob wir’s nur so machen, weil man’s halt schon länger (immer) so macht. Manchmal habe ich nämlich den (höchst unangenehmen) Eindruck, dass verschiedene Protagonisten gar nicht so sehr daran interessiert sind, weil eine Änderung der Prozeduren sie notwendigerweise aus ihrer Komfortzone prügeln würde. Und die Bereitschaft zum Wandel war schon immer ein Problem. Nicht nur in meiner Profession…

Andererseits, weil diese Daten verschiedenen Institutionen und Personen im Verlauf einer Behandlung zugänglich gemacht werden müssen, um einen allzeit der Patientensicherheit förderlichen Wissensstand der Behandler gewährleisten zu können. Und auch da trifft man auf eine Menge Hindernisse, weil viele unterschiedliche Institutionen und Behandler mit höchst unterschiedlicher Tech-Infrastruktur und variierender Expertise in deren Nutzung in eine Patintenversorgung involviert sein können. Sinnvoll wäre mehr und tiefgreifendere Datenanalyse aber auch, weil eine sie Aufschluss darüber geben kann, welche Klientel, denen wir begegnen tatsächlich in ein Krankenhaus gehören – und welche nicht! Und zwar unabhängig davon, ob jemand glaubt, dass seine Convenience durch den Ritt im Pflasterlaster zur Ambulanz verbessert würde, man also tatsächlich annimmt, schneller dranzukommen, weil Blaulichtauto. Das ist nämlich eine Legende! Wie wir allerdings dahin kommen – also, ob wir uns darauf verlassen können, dass die Industrie und ihre Vertreter im Rahmen ihres Profit-Interesses jene Lösungen liefern können und wollen, die uns wirklich helfen, oder ob wir doch besser selbst zu Entwicklern unserer Arbeitsumgebung werden sollten – steht derzeit noch nicht fest. Nur eines ist sicher: alles bleibt anders. Oder besser: ALLES MUSS ANDERS BLEIBEN! Andernfalls fährt unser Gesundheitswesen mit Wucht an die Wand. Und das nicht nur in Deutschland.

Da aber aus meiner Sicht der Ruf laut werden muss, dass man der Wirtschaft durchaus einen guten Teil der Entwicklung von Produkten überlassen kann, politische Prozesse jedoch von Stakeholdern aus dem Feld moderiert und mit verhandelt werden sollten, gibt es nur den Weg, sich noch mehr selbst Lobby zu werden und alle möglichen Kanäle der Einflussnahme zu sichern. Das wird kein Leichtes sein, aber eines ist sicher: die berufsständischen Vertretungen gegenwärtigen Zuschnittes sind NICHT der Weisheit letzter Schluss, weil sie sich allzu oft in binnenpolitischem Klein-Klein verlieren und Partikularinteressen einzelner Parteien und Personen viel zu viel Raum in Diskussionen bekommen, die eigentlich sozialadäquat, sachorientiert und mit systemischem Blick von Fachleuten ohne Ego-Ambitionen geführt werden sollten. Ich sehe in Deustchland vieles, doch das eben benannte passiert VIEL zu selten! Wer hat Lust, sich mit mir und meinen Ideen auseinanderzusetzen? Ich wünsche euch ein schönes Pfingsfest. Grüße aus Tautavel.

Erwachsen bilden N°46 – unnütz…?

Ich habe am Anfang der Woche in der Klasse eines Kollegen den Unterricht übernommen, und war zuvor gebeten worden, etwas zum Thema “Lernen lernen” zu machen; ich sollte also dazu beitragen, Metakognition und Lernstrategien der SuS zu stärken. Der Kommentar des Kollegen dazu war, dass ich sowas doch “aus dem Ärmel schütteln könne”. Um hier mit einem Vorurteil aufzuräumen – JA, ich beschäftige mich sehr intensiv mit verschiedensten Aspekten der Pädagogik, verantworte zumeist die Ausbildung der Ausbilder und bin folglich auch mit Lernstrategien, Mnemotechniken und Metakognition vertraut; aber aus dem Ärmel schüttele ich hier gar nichts, weil junge Menschen für so ein Thema abzuholen unfassbar kompliziert ist. So fiel die Reaktion auf meine Antwort, was wir denn nun machen würden am Montagmorgen auch eher verhalten aus. Subjektiv war da das Gefühl spürbar, dass sich damit befassen zu müssen für einige unnütz wäre. Davon darf man sich aber nicht ins Bockshorn jagen lassen. Das liegt einerseits an bereits vorhandenen und sattsam beübten Strategien einiger SuS; andererseits erscheint Lernen lernen zu müssen anderen wohl als zusätzliche Aufgabe. Und zusätzliche Aufgaben werden von vielen SuS nicht als Chance, sondern als Zumutung empfunden.

Ich bleibe dabei: Der Weg ist das Ziel!

Ich zog meinen Plan trotzdem durch! Das klingt jetzt ein bisschen, als hätte ich den ganzen Tag im Frontalunterricht losgelegt, was aber nicht der Fall war. Ich habe am ersten Tag zunächst in einem Impulsvortrag Lernen aus kognitions- und sozialpsychologischer Sicht dargestellt, sie eine Debatte über ein kontroverses Thema vorbereiten, führen und (kurz) selbst debriefen lassen; Dann mussten sie verschiedene Aspekte des Themas in Stufen sammeln, selbst erarbeiten und für das digitale Lerntagebuch darstellen. Am zweiten Tag habe ich dann mal in einer zweiten Präsentation unter die Haube des Lehr-Motors blicken lassen und danach die SuS dazu aufgefordert, kreativ zu werden. Mit gewissem Zeitdruck (nur 3 UE) ein Video entwickeln zu müssen (incl. obligat einzureichender Mind- Concept-Map und Storyboard/Drehbuch als weiteren Handlungs-Produkten) hat die Schüler dazu gebracht, sich dem Thema “Lernen” auf drei sehr unterschiedliche (und wie ich fand sehr kreative) Arten zu nähern. Und ich bin noch nicht mal um eine Beurteilung sondern lediglich um ein kurzes Feedback gebeten worden. Man kann solche Handlungsprodukte auch nicht im Sinne einer Notengebung beurteilen – weil dies den selbstorganisierten Lernprozess entwerten würde. Ich hatte aber den Eindruck, dass sie einerseits einer Erweiterung ihres eigenen Methodeninventars für das Lernen und anderseits einem besseren Verständnis konstruktivistischer Lerntheorie näher gekommen sind. Mehr kann man realistischerweise kaum erwarten.

Meine Vorbereitung beinhaltete dazu Arbeitsblätter zur Selbsteinschätzung des eigenen Lernstils und für die Debatte, Powerpoint-Präsentationen, Metaplanarbeit und natürlich ein Artikulationsschema – dass ich am zweiten Tag teilweise über den Haufen geworfen habe, weil ich bemerken musste, zu viele Redundanzen eingebaut zu haben. Andererseits war die Klasse auch nicht so groß, so dass der Zeitbedarf für die Präsentationen bei den Gruppenarbeiten deutlich reduziert daher kam. Ich vergleiche die Arbeit der Lehrperson im Unterrichtsraum manchmal mit dem Job eines DJs. Nicht selten muss man den Beat (Content) on the fly neu abmischen, auf die Emotionen (auch die Ermüdung) des Publikums reagieren und schließlich improvisieren können. Impro geht aber nur mit ordentlicher Vorbereitung – ansonsten verheddere ich mich in meinen eigenen Gedankenkonstrukten und labere am Ende Stuss zusammen. Das geht also nur mit profundem Wissen und einem Plan B (und manchmal auch noch einem Plan C). Tendenziell hat man besser mehr Content vorbereitet, als man braucht; dass dies aber leicht gesagt ist, weiß ich. Insbesondere, wenn man das noch nicht ganz so lange macht. Ich muss meistens nur ein opaar Momente in meinem Fundus stöbern und los geht’s…

Ich las unlängst in Bob Blumes Buch “10 Dinge, die ich an der Schule hasse […]”, dass Bildung auch mal unnütz sein darf. Was er damit meinte, sind – so glaube ich zumindest – jene Inhalte, die nicht direkt und ohne Umweg einer irgendwie gearteten Verwertung zugeführt werden können. Und es mag sein, dass ich ihn falsch verstanden habe, aber für mich schmeckt hier das Humboldt’sche Ideal “proportionierlicher Bildung” durch; also die Menschen in der Schule als Ganzes wachsen lassen zu wollen, auf dass sie ihre Wege in der Welt finden mögen. Mir ist das immer noch eine tröstliche Vorstellung, dass auch eine Berufsfachschule ein solcher Ort der Bildung sein könnte. Ich hatte im letzten Post dieser Serie über den Erziehungsauftrag gesprochen,den auch solche Einrichtungen haben wie jene ,der ich vorstehe! Und ich nehme diesen nur ernst, wen ich einerseits meine Arbeit, aber eben auch die Subjekte dieser Arbeit – also unserer SuS – ernst nehme. Deshalb sagte ich vohin auch, dass eine Benotung bestimmter Handlungsprodukte diese entwerten würde. Denn das wäre so, als wenn ich – nachdem die SuS sich ein ganzes Stück weit selbst offenbart haben – deren Ergebnissen im Anschluss meine Sicht der Dinge überstülpe, und so Denk- und Sichtweisen quasi zu normieren und zu disziplinieren versuche. Unter solchen Voraussetzungen können wir selbstorganisiertes Lernen mit persönlichkeitsbildendem Charakter auch gleich ganz bleiben lassen!

Ich denke, dass wir gut daran täten, auch im berufsfachschulischen Bereich noch mal intensiv darüber nachzudenken, was eigentlich unsere Ziele sein sollen. Die Chefs, für die ich einer solchen Schule vorstehe, haben Erwartungen an das Tun meines Teams und meiner Person, die sich vor allem in den Bereichen Wirtschaftlichkeit und erhöhte Personalbindung abspielen. Mein Ziel jedoch ist es – und da werde ich fürderhin auch keinen Hehl drauß machen – Notfallsanitäter:innen auszubilden, welche diese Bezeichnung verdienen und überall einen guten Job machen können. Ob wir diese unterschiedlichen Interessen wirklich unter einen Hut bekommen können – und falls ja, wie – weiß ich nocht nicht, bin aber für jeden Diskurs offen. Sofern dieser nicht wieder Amygdala-gesteuert mit einem Monolog über Zahlen beginnt, und was man nicht alles tun müsste, um die Klassen voller zu bekommen, obschon jede Vernunft auf Grund der gegebenen Strukturen und Ressourcen gebietet, nicht auf Teufel komm raus Auszubildenden-Zahlen steigern zu wollen! Und aus pädagogischer Sicht schon gleich drei Mal nicht! Ach wäre es nicht schön, wenn das Leben mal einfach wäre…? Ich wünsche noch ein schönes Wochenende.

Dicker Hipster umständehalber abzugeben

Ich muss gestehen, dass ich nicht besonders oft Fernreisen mache. Ich fliege nicht gerne (und das hat noch nicht einmal etwas mit Flugscham zu tun). Für den Familienurlaub tut es das Auto, da ist es wenigstens mal voll ausgelastet. Wenn ich jedoch irgendwelche externen Geschäftstermine wahrnehmen soll, was bei mir ja bislang nur alle heiligen Hochzeiten mal vorkam, jetzt aber häufiger zu werden scheint, dann nutze ich üblicherweise die Bahn. Ja genau, dieses Dings, dass immer zu spät kommt, immer überfüllt ist und keine funktionierende Klimaanlage hat! Meine Erfahrung damit ist, dass man seine Reisen einfach ordentlich planen muss, um zum Erfolg zu kommen, und dann trotzdem besser noch etwas Geduld mitbringt. Vielleicht auch besser etwas mehr. Aber irgendwann kommt man ans Ziel – und hatte bei korrekter Ausführung unterwegs sogar noch die Gelegenheit, ein bisschen was zu arbeiten. Vergnügungs- oder Urlaubsreisen per Bahn finde ich, insbesondere mit Familie allerdings schwierig, und allein reise ich so gut wie nie; vielleicht alle paar Jahr mal. Und dann suche ich mir meist Ziele aus, die irgendwo in der Pampa liegen, wo man sowieso kaum mit Bus und Bahn hinkommt.

Alte Nationalgalerie

Auf solchen seltenen Bahnfahrten ist es unumgänglich, anderen Menschen zu begegnen und ich muss gestehen, dass ich dazu oft keine Lust habe, mich aber für bestimmte Zwecke überwinde. Zum Beispiel, wenn ich mal eben nach Berlin fahre, um mit jemandem sprechen zu können, dessen Expertise ich für ein Projekt benötige und der ein persönliches Gespräch eindeutig präferiert. Meine beste Ehefrau von allen stellte nun vor Reisebeginn fest, dass man meinen Bart-Zustand als Prä-Hipster definieren könnte, worauf ich entgegnete, dass ich auf Grund meines Alters bestenfalls als Post-Hipster in Frage käme, was überdies sicher nichts mit Briefzustellung zu tun hätte. Aber nun war es nicht mehr zu ändern und ich würde die Reaktionen Anderer auf mich dulden müssen. Diese fielen jedoch sehr überschaubar aus. Ich sehe halt so aus, wie ich aussehe und man nahm’s zur Kenntnis. Und so saß ich im Zug und fühlte mich irritiert. Einerseits waren die Umstände wie erwartet: Ersatzzug, andere Wagenreihung, alle Reservierungen gekillt, genervte Mitreisende, aber immerhin nur 6 Minuten Verspätung bei der Ankunft. Andererseits stellte sich so ein Gefühl ein, dass ich praktisch NUR bei solchen „Ausflügen“ erlebe: gespannte Erwartung gemischt mit fatalistischer Freude. Und das machte mich kribbelig. Die gespannte Erwartung konnte ich ja verstehen – aber die fatalistische Freude…

Berliner Dom

Es ist, so glaube ich zumindest, dieser Drang, ab und an Mannheim nur für mich allein im Rückspiegel verschwinden zu sehen (wenn im Zug auch nur im übertragenen Sinne), der für die Freude verantwortlich ist. Denn selbst ein kurzer Tapetenwechsel führt ja unter Umständen schon zu einer deutlichen Verbesserung der Befindlichkeiten. Allerdings behaupten Wissenschaftler, dass dieser Effekt am ehesten eintritt, wenn man sich ins Grüne begibt (Artikel auf ZON, aber hinter der Paywall). Kann ich für mich so nicht bestätigen. Wichtig sind da die alten Steine zum knipsen und evtl. etwas sinnvolles zu tun, dass aber auch gar nix mit meiner Arbeit zu tun hat. Etwas sehr sinnvolles habe ich getan; ich durfte etwas dazulernen und bin auf Spur für meine Masterthesis (und andere Ideen, die ich wälze). Und alte Steine habe ich auch geknipst; wie so’n verdammter Touri bin ich vom Hacke’schen Markt (wo wir einen Café-Betreiber davon überzeugen konnten, die Musik ganz leise zu stellen, damit das Interview von statten gehen konnte) zum Brandenburger Tor gepilgert und schließlich in meinem Hotel gelandet. Ich fühle mich jetzt noch mehr wie ein recht gewichtiger Post-Hipster als schon zuvor, allerdings mit einer Zufriedenheit im Herzen, die mich den ganzen anderen Scheiß außenrum mit Leichtigkeit vergessen lässt.

Kennt jeder, oder? Ist eigentlich aber nur echt mit Touris und Demonstranten, die ich extra NICHT mit fotografiert habe…

Die Hipster-Persona ist jetzt dann allerdings wieder abzugeben, denn ich mag vieles sein; eine Person die voll auf dem Laufenden ist über alles was gerade “hip” ist bin ich sicher nicht; insbesondere nicht, da bei diesen Eumeln dann in ihrem Habitus auch immer noch so ein impliziter Hauch der ökologisch-ökonomischen Überlegenheit mitschwingt, der in mir bis auf Brechreiz noch andere Abwehrreize triggert. Dieses Pack kann mir vom Halse bleiben, danke dafür. Modernität findet im Kopf, im Herzen und im Handeln statt, nicht im radelnden, bejutebeutelten, markenfetischistisch eingekleideten, stolz zur Schau gestellten Abziehbild eines Möchtegern-Lumberjacks. Nun ja, genug gescholten. Ich mache heute nicht mehr viel, denn für das echte Berliner Nachtleben bin ich mutmaßlich mittlerweile zu alt und zu spießig. Da muss ein Bier an der Hotelbar genügen. Wir hören uns.

Auch als Podcast…

Träumen lernen…?

Heute ist der Tag, an dem meine große Tochter konfirmiert wird. Ich erinnere mich noch daran, dass das für mich damals ein großes Fest war und dass eine Menge Leute von weit her kamen, um mitzufeiern. Ich vermute, dass derlei Dinge – damals wie heute – in verschiedenen Familien unterschiedliche Stellenwerte haben. Und ich bin mir nicht sicher, welchen Stellenwert es für mich hat; insbesondere unter dem Aspekt, dass ich der Institution Kirche gegenüber alles andere als freundlich gesonnen bin. Das überschattet jedoch nicht das Fest für meine Tochter. Sie ist dem ganzen Konfi-Dingens gegenüber zwar auch eher kritisch, hat allerdings verschiedene Aspekte des Konfi-Unterrichtes positiv bewertet; und neue Freunde gewonnen. Heutzutage geht es da auch weniger um Bibelfestigkeit, als vielmehr darum, auf den Wert von etwas Humanismus in verdammt schnelllebigen Zeiten hinzuweisen. Damit gehe ich schwer d’accord! Ich bin darum sogar ordentlich angezogen und im Wort angemessen zurückhaltend. Und ich grille für Familie und Freunde, auf dass man sich wohl fühle. Ich nehme diesen Tag und seine Ereignisse also einfach an und mache für meine Lieben und mich das beste daraus. Dennoch hat es etwas in mir angeregt.

Wovon wohl Tiger träumen…?

Ich las neulich irgendwo, dass es immer häufiger Kinder und Jugendliche gäbe, die angesichts des gegenwärtigen Zustandes unserer Welt und mancher für die Zukunft erwarteter Entwicklungen in eine Art Katatonie, also eine Schockstarre verfallen, unfähig sich zu irgendetwas zu motivieren, weil Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit zu den übergeordneten Themen ihrer Leben geworden seien. Und das bringt mich zu der Frage, wie wir es schaffen, unsere Kinder zum Träumen anzuregen, zum Staunen zu bringen, schließlich dazu, die Zukunft anzunehmen, auch wenn die Herausforderungen nicht einfach sein mögen? Man könnte, wenn man sich etwas zu viel in den asozialen Medien herumtreibt den Eindruck gewinnen, dass eh alles Planen und Tun für die Katz ist. Alles egal, weil so viele “Diskussionen” von ewiggestrigen, verzichtsunfähigen, egoistischen, asozialen Kognitionsallergikern bevölkert werden, die es für den Untergang des Abendlandes halten, wenn sie nicht mehr mit ihrem überdimensionierten Fossilverheizer bis direkt vor die Billig-Gammelfleischtheke fahren können. Insbesondere meine Generation (X) und die davor (Boomer) tun sich hier nicht gerade positiv hervor. Es tut halt aber auch weh, wenn man von diesen Rotzlöffeln, die noch ganz grün hinter den Ohren sind gesagt bekommt, dass man es auf der ganzen Linie verkackt hat, dass muss ich schon sagen (dürfen)… [/Ironie off]

Ganz ehrlich: ICH glaube an diesen Satz: “Alle haben gesagt, dass geht nicht. Dann kam eine:r und hat’s einfach gemacht!” Sei du selbst der Wandel, den du in der Welt sehen willst. Jeden Tag, mit kleinen Schritten und dem, was auch immer man selbst zu tun vermag, Dann kommen wir zusammen von diesem anderen Satz weg, den ich hasse, wie sonst nix auf der Welt: “Das haben wir schon IMMER so gemacht!” Und erreichen gemeinsam, dass Träumen sich wieder lohnt. Ach was, bereits davon zu träumen, die Welt selbst mit zu verändern hilft bereits. Denn mit dieser Einstellung kannst du nicht verzweifeln, weil mit ein wenig Phantasie fast alles möglich wird. Auch unsere Welt lebenswert zu halten. Und weil meine große Tochter heute konfirmiert wird, und Konfirmation eigentlich “Bekenntnis” und “Bestätigung” bedeutet, konfirmiere ich hier und heute, dass ich an die Zukunft glaube, weil ich meinenTeil dafür tue (und noch mehr tun will), damit sie passieren kann! Für meine Kinder, aber auch für die anderen Menschen, die mir am Herzen liegen. Ihr wisst schon – die paar, die ich nicht hasse…

Und wie bringt man sich und andere (vor allem seine Kinder) nun zum Träumen? Ich denke, indem man ihren Ideen Flügel verleiht, indem man ihre Kreativität unterstützt, indem man ihnen so viel Freiraum wie möglich lässt – auch wenn man seinen Kindern Grenzen setzen muss, damit sie in ihrem Mangel an Lebenserfahrung nicht die vollkommen falschen Abzweigungen wählen. Ist ‘ne Gratwanderung, die ganz sicher ab und an schief geht, die in Konflikte mündet und verdammt anstrengt. Doch die Alternative ist, dass wir Menschoide drillen, die dann halt im Rahmen definierter Parameter funktionieren – und tun, wie ihnen geheißen! Das haben wir als Menschheit viel zu lange getan – ich war (bin?) so ein gedrillter Menschoid, der sich erst nach und nach seines eigenen Denkens bemächtigt hat und heute der Art gegenüber, wie unsere Gesellschaft funktioniert so viel Zweifel und Widerwillen entwickelt hat, dass es nichts anderes mehr gibt, als zu versuchen, das System von innen zu verändern. Und wisst ihr, was das bedeutet – dass ich träume! Ich träume von Alternativen, die nicht braun-blau sind, von Veränderung hin zu mehr Humanismus und weniger Kapitalismus; und schließlich davon, dass meine Kinder zu verantwortungsbewussten, selbst denkenden Menschen werden, die irgendwann konfirmieren, dass sie auch solche Träume träumen, anstatt an der Zukunft zu verzweifeln. Dann hätten die beste Ehefrau von allen und ich zumindest nicht alles falsch gemacht. Hoch die Tassen – darauf, und auf meine Große. Schönen Sonntag.

Auch als Podcast…