Muss ich meine Prioritäten überdenken?

Ich weiß wirklich nicht, warum Kätzchen- und Kindervideos, Bilder vom persönlichen Mittags- oder Abendmahl, Witze aus allen erdenklichen Schubladen und dieser mittlerweile unerträglich gewordene „Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen“-Dreck, den man verdammt nochmal nicht sagen, ja nicht mal denken sollte täglich 1000-fach und öfter geteilt, geliked und kommentiert wird. Um ehrlich zu sein offenbart das in meinen Augen, dass die Gesellschaft um mich herum langsam tatsächlich an dem Punkt anlangt, an dem wir alle fit sind: (f)aul, (i)ndolent und (t)räge (für diese Interpretation kann ich dir gar nicht oft genug DANKE sagen, Jochem). Ich kann an manchen Tagen nicht mal annähernd so viel fressen, wie ich kotzen möchte, wenn ich durch’s Fratzenbuch scrolle und das passiert mir mittlerweile immer öfter. Nicht etwa, weil Facebook plötzlich schlimmer geworden wäre, sondern weil zumindest aus meiner Sicht immer mehr Menschen sich vollkommen im Eskapismus verlieren, alle Kritikfähigkeit verlierend falschen Propheten und ihrer Demagogie hinterher laufen und glauben, sie hätten wirklich eine eigene Meinung; dabei konsumieren sie lediglich Bullshit, der als ganz großes Kino verpackt wird. Sorry, ich brauche jetzt mal eben ein Bügeleisen für meine aufgerollten Zehennägel!

Ja, soziale Medien sind eine ganz hervorragende Bühne für das Paradieren der eigenen Meinung, ganz gleich wie unfundiert, unreflektiert oder auch schlicht dumm diese sein mag. Eine Zeitlang habe ich mich tatsächlich gefragt, ob ich meine Prioritäten mal wieder überprüfen, ja vielleicht sogar ändern müsste. Ich habe lange nachgedacht, gelesen, wieder nachgedacht, noch Mal gelesen und noch mehr nachgedacht und ich kam niederschmetternder Weise zu dem Ergebnis: NEIN, nicht ICH bin hier zu wenig empathisch, zu unreflektiert und zu wenig Kritikfähig, sondern ganz viele andere. Leute zum Beispiel, die tolle Webmeldungen teilen, in denen die Rede davon ist, dass man ja ganz doll was für Immigranten tun kann, wenn erst mal unsere eigenen Armen abgefüttert sind. Nur so zur Info: die Grundsicherung für Asylbewerber liegt unter dem Hartz-4-Regelsatz, auf den ja noch Wohngeld und verschiedenes Anderes drauf kommt. Natürlich ist der Hartz-4-Satz eine Zumutung für Jene, die Jahrzehntelang gearbeitet haben und unverschuldet in die Arbeitslosigkeit gerutscht sind; aber er wurde so beschlossen, weil Ende der 90er klar war, dass man das System, wie es bisher existiert hatte nicht mehr würde finanzieren können. Und das hat nichts mit den Flüchtlingen zu tun, sondern damit, dass man die Unternehmen mit der Möglichkeit zur früheren Verrentung dazu eingeladen hatte, Sozialkosten, die sie durch Belastung ihrer Arbeitnehmer erzeugt hatten auf die Renten- und Sozialkassen abzuwälzen. Bei Geschenken für die Wirtschaft war die CDU schon immer große Klasse.

Doch zurück zu den bösen Migranten. Sie nehmen also Geld aus „unseren“ Kassen. Den Umstand, dass viele unserer Mitbürger mit fremden Wurzeln hier seit Jahrzehnten in diese Kassen einzahlen, wird dabei gerne unterschlagen; ebenso wie der Umstand, dass die Mehrzahl von den Neuankömmlingen hier gerne arbeiten würde, dies bei schwebendem Asylverfahren jedoch nicht erlaubt ist. Lasst sie doch an der Wertschöpfung teilnehmen, solange darüber beraten wird, ob sie hier bleiben können/müssen oder nicht. Zu tun gäbe es genug. Und um Louis C K hier mal zumindest sinngemäß zu zitieren: “Klar nehmen Ausländer dir deine Arbeit weg. Aber wenn jemand ohne Sprachkenntnisse, ohne Verbindungen und ohne Lobby das kann, dann bist DU vielleicht einfach nur Scheiße!“ Ohne Polemik kann man sagen, dass unser Wirtschaftssystem, dass nur auf dem dummen Prinzip des „immer mehr“ basiert auch immer neue Arbeitskräfte absorbieren und nutzen kann. Angst vor Überfremdung? Wenn überhaupt irgendetwas auf der Erde konstant ist, dann der Wandel. Unsere Welt verändert sich ständig. Wirtschaftlich, politisch, sozial, technisch, einfach alles ist in Bewegung. Eingedenk dieser Tatsache kann man doch nicht ernsthaft erwarten, dass ausgerechnet die eigene kleine Umwelt davon ausgespart bleibt. Zudem steht jede entwickelte Industrienation vor dem gleichen Problem: stagnierende Geburtenraten, die langfristig zu einer Negativentwicklung der Bevölkerungszahlen führen. Anscheinend führt eine Zunahme des Wohlstandes zu einem Abnehmen der Gebärfreudigkeit. Das mag damit zusammenhängen, dass in weniger entwickelten Nationen Kinder für die Versorgung ihrer Eltern im Alter sorgen müssen. Halbwegs entwickelte Sozialversicherungssysteme machen derlei obsolet.

Da waren sie also, meine Prioritäten, um sie noch mal kurz aufzuzählen: Migration? Check, immer noch aktuell, immer noch zu viele Blödköpfe, die einfach nicht kapieren, dass so lange wir beim aktuellen Modell des Kapitalismus bleiben, wir uns Migration nicht verschließen können, weil sonst unsere Wirtschaft den Bach runter geht. Und bis es eine neue Wirtschaftsform gibt kann noch einige Zeit vergehen. Womit wir nahtlos zu sozialer Gerechtigkeit kämen – Check, auch hier bleiben noch einige verbale Lanzen zu brechen, bis wenigstens ein paar begriffen haben, dass Bildungs-, Sozial- und Wirtschaftspolitik untrennbar verbunden sind. Ja genau – Bildung! Check, da bleiben noch einige televerbale Entgleisungen meinerseits zu erledigen: NEIN unser Bildungswesen ist nicht gut, NEIN früher war nicht alles besser! Die aktuelle Politik? Check; aber da fange ich gar nicht erst an, sonst trifft mich der Schlag. Dschihadisten und Salafisten, Außen- und Sicherheitspolitik, Beziehungen zu anderen Staaten… da gibt’s einiges zu bedenken.

Ob ich arrogant bin? Ja gelegentlich ganz sicher und zwar, weil ich es mir leisten kann, denn ich habe über das, was ich hier von Stapel lasse zuvor gründlich nachgedacht, recherchiert und auch diskutiert! Und ich kann es öffentlich zugeben, wenn ich mich mal irre. Aber meine Prioritäten und das Meinungsfundament, auf welchem sie stehen haben solide Wurzeln, die noch einige Belastungen aushalten werden. Und das ist auch wichtig, wenn ich mich vielleicht irgendwann doch anschicke, von der Position des Beobachters in die des Akteurs zu wechseln. Vielleicht nicht schnell und vielleicht nicht gleich ganz, aber irgendwann ganz sicher. In diesem Sinne, immer schön weiter den Dummschwätzern nachlabern und Dummes tun, damit ich was zum Zerfetzen habe…

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