Leggings vs. Hot Pants

Sind wir zu Porno? Mit dieser Frage behelligte mich dieser Tage morgens ein Radiomoderator, unter Verwendung des Hinweises, dass insbesondere die heißen Tage der letzten Zeit einen Stoffschwund an der Oberbekleidung wahrnehmen ließen. Tja, was soll man da sagen… man könnte sich auf folgenden Standpunkt stellen: bei nicht wenigen – häufig weiblichen – Individuen wäre etwas mehr tatsächlich mehr, so im Sinne der Vermeidung optischer Umweltverschmutzung, oder um der Pietät Genüge zu tun, oder was weiß ich. Vielleicht hat es aber auch etwas mit etwas ungeschickt kaschiertem Spießertum zu tun, wenn eine Schule im Horb am Neckar ein Hot-Pants-Verbot erlässt? Nur eine Vermutung, die mit diesem ersten Standpunkt perfekt harmoniert, doch ehrlich gesagt glaube ich, dass das Problem ein wenig tiefer liegt.

Betrachten wir nämlich den Umstand, dass oben erwähntes Verbot auf ein rein weibliches Kleidungsstück abzielt, welches nicht vollkommen über den Verdacht erhaben ist, seine Trägerin sexy wirken zu lassen – und es ist in diesem Zusammenhang wirklich vollkommen unerheblich, ob das nur die Trägerin so empfindet, oder auch ihre Umwelt – könnte man auch auf die Idee kommen, dass hier gegen den Gleichstellungsgrundsatz verstoßen wird. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung was ein sexy Outfit für einen Mann ausmacht; möglicherweise möglichst wenig Stoff? Man könnte sich jetzt doch auch über männlicherseits ausgeübte textile Verstöße gegen den guten Geschmack erregen, zum Beispiel diese bekackte Sitte, zu weite Hosen über den dürren Arsch baumeln zu lassen, wobei eine schluffige Boxershorts zum Vorschein kommt. Hier wir Unteräsche gezeigt – ist das etwa nicht auch eine Art von Erregung? Denn genau darum geht es. Mann hat Angst erregt zu werden und vertraut seiner Affektkontrolle nicht. Und wenn man sich so ansieht, wie oft Frauen heutzutage in aller Öffentlichkeit belästigt werden, ist diese Befürchtung nicht allzu weit hergeholt.

Das bedeutet aber nicht etwa, dass man die Schuld dafür bei Mädchen und Frauen suchen sollte, die sich nun mal gerne hübsch kleiden und auch hübsch wahrnehmen lassen wollen, sondern bei den Männern, die glauben, eine hübsche Verpackung würde ein weibliches Wesen in eine Ware verwandeln, die man sich einfach nehmen kann! Und ebenso wenig bedeutet es, dass man eben diesen Mädchen und Frauen verbieten darf, sich zu kleiden, wie es ihnen in den Kram passt – ganz gleich ob Mama, Papa oder sonst wer damit so ihre Sorgen haben. Der eigene Kleidungsstil ist, wenn bei Jugendlichen vermutlich auch wenigstens teilweise durch die Peergroup gesteuert, so doch Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und darf nicht durch Regulationen eingeengt werden. Dass Schuluniformen hinsichtlich der Einebnung von Klassenunterschieden für den Arsch sind, hat man mittlerweile andernorts auch begriffen.

Ich muss nicht schön finden, was manche Frauen anziehen. Gleiches gilt aber gleichermaßen auch für Männer. Vollkommen unabhängig von meinem Geschmack ist es ein Unding, Frauen und Mädchen Kleidungsvorschriften zu machen, weil wir Männer es nicht ertragen können, öffentlich an unsere Instinkte und die Macht, welche sie oft über uns ausüben erinnert zu werden. Konsequent zu Ende gedacht landen wir da nämlich bei den Schergen des IS und der Ganzkörpervermummung, die nichts weiter leisten soll, als die Frau außerhalb des Hauses zu einem asexuellen Objekt zu erniedrigen! Wir sind noch weit von Gleichberechtigung entfernt und was uns tatsächlich zu Mann, Frau, Transgender oder sonst was macht, ist nicht immer so einfach zu sagen, aber ich finde, was die Kleidung angeht, sollte jedes Individuum selbstbestimmt leben dürfen, gleich ob es dem Nachbarn gefällt, oder auch nicht. Das ist zwar nur ein Aspekt individueller Autonomie, wie ich finde aber ein ziemlich wichtiger. Nur einen Stil-Hinweis kann ich mir nicht verkneifen: Leggings, insbesondere solche mit Tierprints, sehen fast nur an Kindern nicht lächerlich aus. In diesem Sinne allen noch einen schönen Sommer…

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