Eine Spur von Blau?

Ich sitze im Garten und schaue nach oben. Blau über Blau, kein Wölkchen in Sicht, ein laues Lüftchen weht zwischen den Häusern, die ein Geviert gefühlter Abgeschiedenheit in mitten der Stadt bilden. Wie mein Blick für einen langen Augenblick so verharrt, fällt mir auf, wie klein unser Haus aus dieser Perspektive ausschaut. Oder zumindest, die mir jetzt zugewandte Seite. Schmal scheint der Bau zu sein, fast filigran und wenn man drinnen ist, trotzdem so riesig und voller Leben. Muss eine Verzerrung der Raumzeit sein, auch wenn ich eher keine Quantensingularitäten im Arbeitszimmer liegen habe. Da liegen nur CDs und Bücher und Notizblöcke und weiß der Teufel was Fusti umher; man denkt immer, alles Wichtige aufgeräumt, ordentlich, im Griff, bei Not zur Hand zu haben. Noch so eine Verzerrung, die allerdings bei nächster Gelegenheit von einer Kollision mit der normativen Kraft des Faktischen auf den Friedhof der hübschen Illusionen befördert wird. Denn realistisch betrachtet ist die Ordnung unseres jeweiligen individuellen Mikrokosmos ungefähr so fragil, wie das Bild des Hauses, in dem ich schon recht lange lebe. Aber so lange aufgeräumt ist, sieht es wenigstens gut aus…

Der Himmel scheint mir grenzenlos, so weit, dass mein Zuhause davor immer kleiner wird, immer unwichtiger, immer weniger mächtig und beschützend. Und dennoch niemals insignifikant. Denn läge die subjektive Sicherheit meiner Existenz tatsächlich in schier unendlicher Größe, in unerschütterlicher Macht über das Schicksal, in Beherrschung alles Beherrschbaren begründet… tja dann wären wir vermutlich alle im Arsch, denn ICH als Herrscher des Universums, also das KANN NICHT GUT GEHEN! Ebenso wenig, wie übrigens bei irgendeinem anderen Menschoiden da draußen. Wir alle sehen doch kaum weiter, als bis zur nächsten Straßenecke – und das meine ich nicht nur räumlich – wir sind viel zu leicht beeinflussbar, schwach und dumm, nennen uns dennoch Krone der Schöpfung. Ist schon ein bisschen arrogant, oder?

Es ist schon sommerlich warm, fast heiß, ich brauche zwischendurch eine Abkühlung, lasse die Gedanken wieder einfach so baumeln und taumeln und komme doch noch einmal zurück zum Blau des Himmels. Es ist schön hier und auch wenn ich mir mittlerweile sicher bin, dass es besser ist, wenn wir Menschen – insbesondere auch ich selbst – niemals alle Geheimnisse entschlüsseln, die es zu wissen gibt, wüsste ich doch sehr gerne, warum es ausgerechnet dieser Himmel ist, der uns Menschen immer und immer wieder mit Sehnsucht erfüllt. Mit Wanderlust, mit Forscherdrang, mit Neugierde und Staunen. Endlosem Staunen, wenn wir es denn nur zulassen. Ist es vielleicht eben dieses Gefühl, sich langsam in der eigenen Unwichtigkeit zu versenken, das die Last abfallen, den Tag helle werden lässt? Wie ich diese langen Sommerabende liebe, die man heiß, im Schein der Sonne beginnt um sich alsbald langsam ins unendliche Blau, dann Schwarz der Nacht treiben zu lassen. Essend, trinkend, redend, schweigend, lachend, lauschend im Fluss mit sich und der Welt ist, bis es irgendwann viel zu spät wird, um am nächsten Morgen den üblichen Verpflichtungen auch nur annähend ausgeruht nachgehen zu können. Aber den Preis zahlt man gerne, zumindest ich tue das.

Auch Nachdenken gehört zu einem solchen Abend, womit ich wieder bei meiner Erkenntnis der eigenen Unwichtigkeit ankomme. Denn es ist eine Frage der Perspektive. Immer wird man aufgefordert, das große Ganze zu sehen, schön produktiv, konform und funktional zu sein. Das beginnt in der Schule, zieht sich durch das Berufsleben und scheint immer mehr irgendwie auch den Weg ins Private zu finden. Dauernd faselt irgendein Wichtigling was von Work-Life-Balance und meint damit, dass man einfach noch besser funktionieren muss. Da fällt mir ein Song von Großstadtgeflüster ein: „Ich muss gar nix, außer atmen, trinken, essen und ficken…“. Wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht, fällt mir dazu nicht nur das Tun der NSA ein, sondern auch der Selbstschutz durch Unterlassen. Irgendwelche Neoliberalen Sozen-Hasser werden mich jetzt vermutlich als Leistungsverweigerer sehen, aber das ist mir eins! Sich der Forderung nach mehr Selbstausbeutung zu verschließen, hat meiner Meinung nach den Charakter von gesundem, die eigenen Existenz schützendem Verhalten.

Denn so wie es offensichtlich eine Illusion unter dem blauen Himmel ist, dass wir unsere Leben wirklich im Griff haben, ist es auch eine Illusion, dass andere es im Griff hätten. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die zu viel Arbeit für zu wenig Geld leisten müssen, darum Not leiden und sich nach einer Chance zum Müßiggang sehnen. Es wäre schon toll, wenn wir es schaffen könnten, das irgendwann zu ändern. Ein Weg dahin könnte es vielleicht sein, sich mal der eigenen (Selbst)Ausbeutung zu verweigern und stattdessen in den Himmel zu schauen. So kann man zum Beispiel erkennen, dass das Leben manchmal einfach nur das Leben sein sollte und keine Aneinanderreihung von Notwendigkeiten. Einfach nur Leben mit einer großen Spur von Blau darüber. Und ganz nebenbei können wir damit so genannte Entscheider, die zu so manchem fähig sind, aber leider eher selten zu sinnvollen oder gar humanen Entscheidungen, vielleicht dazu nötigen, die bessere Wahl zu treffen; eine, die menschenwürdiges Arbeiten und leistungsgerechte Entlohnung schafft. Das würde schon viel helfen. Während wir zusammen daran arbeiten könnten, müssen wir uns allerdings mit dem Blick ins hoffnungsvolle Blau begnügen…

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