Ein kurzer Zwischenruf zum Fall Tugce.

Ja, ja, die Justiz ist ja so lasch! Hängen sollte man diesen Sanel! Oder habe ich da was falsch verstanden, wie ich mir mal den selbstgerechten Furor so mancher Menschoiden im Netz, oder auch die Differenziertheit deutlich vermissen lassenden Auslassungen nicht weniger Journalisten so ansehe? Was hat man denn erwartet? Die Geschichte ist schon eine Weile her, die Leumunds-, vor allem aber die Tatzeugen wurden von Anfang an durch tendenziöse Berichterstattung einzelner Medien mit jedoch hoher Reichweite so sehr polarisiert, dass ihre Aussagen kaum von hohem Erkenntniswert für das Gericht gewesen sein dürften. Und der Beweis für die objektive Schuld des jungen Mannes – ein grieseliges Überwachungsvideo der Tat – zeigt so Manches, leider jedoch nicht die kausale Ursache für das zweifellos dumme, aggressive und in der Konsequenz furchtbar tragische Ausrasten von Sanel M.

Ich weiß, dass weder juristische noch soziologische Betrachtungen den meisten Menschen in so einem Fall genügen, weil es in ihnen ein atavistisches Verlangen nach Rache gibt, dem limbischen System sei Dank. Nehmen wir aber mal an Tugce hätte Sanel umgehauen und tödlich verletzt. Hätte das bundesweites Aufsehen erregt? Ich denke nicht, denn Sanel ist kein, als hoch engagiert und gut integriert darzustellendes Mädchen, mithin also ein Aushängeschild für die tolle Integrationspolitik in unserem tollen Land! Die faktisch ein riesiger Haufen Müll ist und wesentlich mehr Verlierer als Gewinner produziert; Verlierer wie Sanel M, der aus verletztem Stolz etwas Unüberlegtes mit gewaltigen Konsequenzen getan hat. Ja, ein Leben wurde ausgelöscht, das ist bitter, tragisch und die Familie wird es sehr schwer haben, jemals zur Ruhe zu kommen. Auch weil unsere Medien das Ganze immer noch ausschlachten. Doch das Skript für dieses Drama wurde früher und von ganz anderen geschrieben, als den jungen Leuten auf den schlechten Kamerabildern.

Jeder, der sich etwas umfassender damit beschäftigt weiß, dass viel zu viele junge Menschen von unserem Bildungssystem abgehängt, in einen Kreislauf aus Versagen, Selbstzweifeln, Ersatzbefriedigung und Ringen um Respekt gedrängt werden. Das Kinder aus Migrantenfamilien bewusst, aber auch unbewusst, stärker benachteiligt werden und damit noch anfälliger für ein „Abrutschen“ sind. Auf dieser Blaupause wurde Sanels Biographie geschrieben. Er ist nicht die Krankheit, sondern ein Symptom. Und Symptome bestraft man nicht, die behandelt man. Ich sage NICHT, dass er gar keine Schuld trägt, denn wer genau wie viel Schuld trägt, wissen nur zwei Menschen; und von denen ist einer tot. Aber es gibt keinen guten Grund, abseits einer Strafe, die ihm vor Augen führen soll, dass Gewaltanwendung in so einer Situation dumm und ungemessen ist, weitergehende Sanktionsmaßnahmen zu fordern. Eine Gesellschaft, die einerseits behauptet, tolerant und offen zu sein, auf der anderen Seite aber drakonische Strafen fordert für etwas, dass auch aus dem eigenen Unvermögen entstanden ist, alle Kinder zu integrieren – oder, es wenigstens zu versuchen – kann man nur als bigott bezeichnen.

Ich kann das juristisch nicht beurteilen, weil mir dafür der Sachverstand und die Kenntnis der genauen Umstände fehlen, aus der sozialwissenschaftlichen Perspektive jedoch finde ich das Urteil angemessen, weil es ihm die Chance gibt, nachzudenken und besser zu werden. Tugce wird davon nicht wieder lebendig; aber unser Staat lebt, zumindest vordergründig, das Prinzip des Rechtes, nicht der Rache, was bedeutet, das Sanel eine zweite Chance bekommen soll, auch wenn er schwere Schuld – die Last eines Lebens – auf sich geladen hat. In diesem Sinne einen Gewaltphantasiefreien Abend…

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