Ein Bündnis progressiver Kräfte…?

Siggi, Siggi, Siggi… was genau willst du uns denn mit deiner Forderung nach einem Bündnis aller progressiven Kräfte sagen? Übersetzt ins parteipolitische Taktieren – und nur dahin gehört dieser Spruch leider – heißt das doch, dass die SPD sich aus deiner Sicht jetzt bereit fühlt für Rot-Rot-Grün. Rein rechnerisch könnte sowas auch auf Bundesebene zu Stande kommen, wenn man nur früh genug anfängt, darüber zu verhandeln, wie du dem „Stern“ irgendwann dieser Tage mitgeteilt hast. In der Sache ist das auch richtig, es lässt aber mehrere wichtige Dinge außer Acht: a) die Schnittmengen sind gegenwärtig viel zu klein, um genug Kleister für ein längerfristiges Bündnis geben zu können; b) niemand kann sagen, wie sich die Zahlen in den nächsten 15 Monaten noch entwickeln und c) jetzt schon auf Wahlkampf zu gehen bedeutet weitere 15 Monate Stillstand, die sich unser Land einfach nicht leisten kann; und schließlich d) sehe ich hier keine progressiven Kräfte! Aber eins nach dem anderen…

Die Linken glauben tatsächlich immer noch, dass die alte, sozialistische Umverteilungsromantik heute genauso funktioniert, wie damals in der DDR (wer genau hinsieht, erkennt den Fehler sofort). Sie haben zudem kaum eine Ahnung von kollektiven Wertschöpfungs- und Nutzungsmodellen, oder etwa davon, auf welche Art man am besten in Bildung investiert. Das gilt übrigens – mehr oder weniger ausgeprägt – für alle etablierten Parteien. Umfragewerte hingegen bilden immer nur ein aktuelles Stimmungsbild ab, sagen nichts über die Zukunft aus – und nichts ist wankelmütiger als der Wähler direkt vor der Urne. Ein Dauerwahlkampf ab jetzt bis nächsten Spätsommer würde sich also einfach nur lähmend auf die politische Handlungsfähigkeit auswirken und wir brauchen jetzt, mit dem Brexit und der immer noch nicht abgefrühstückten Finanzkrise mehr denn je eine voll reaktions- und gestaltungsfähige Regierung.

Und wie war das mit progressiven Kräften? Die SPD hat – genauso wie die Linken – bis jetzt keine neuen Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit gefunden. Immer noch doktort man an Umverteilungsmaßnahmen herum, anstatt eine neue soziale Vision zu entwickeln. Immer noch glaubt man, Klientel bedienen zu müssen, die als abgrenzbares soziales Milieu überhaupt nicht mehr existieren. Und immer noch bedient man sich klassenkämpferischer Rhetorik. Doch der Klassenkampf des 21. Jahrhunderts dreht sich nicht mehr um die direkte (Um)Verteilung von Wohlstand, sondern um die Schaffung eines gleichwertigen und gerechten Zuganges zu Ressourcen, welche die Menschen zur sozialen, politischen und wirtschaftlichen Teilhabe befähigen sollen. Ich sehe aber immer nur Reförmchen, wie etwa das Mindestlöhnchen oder das Mütterrentchen…

Die Grünen jedoch… jedoch… die treiben mir die Tränen in die Augen, mit ihrem paternalistisch-gönnerhaften Regulierungswahn. Progressiv? Freunde der Nacht, gegen euch sind sogar die Hipster progressiv und die können nix, außer mit Wollmütze und Bart scheiße aussehen. Keine Ideen, keine gestalterischen Impulse nur Verwaltung, Verweigerung und Verknöcherung. Aus der Fundamentalopposition von einst ist ein arrivierter Club voller Möchtegern-Intellektueller geworden, deren Programm heute lediglich noch darin besteht, anderen ihre Ideen vom guten Leben vorschreiben zu wollen. Auch hier kann ich keine übergeordneten Pläne oder gar Visionen für die Zukunft erkennen. Da sind einfach überall nur Menschen, die ihre Ideale auf dem Altar der politischen Machtausübung geopfert haben.

Zu pathetisch? Ja Freunde der Nacht, was denkt ihr denn, wie oft man sich vor dem Proporz bücken kann, bevor man das Kreuz nicht mehr gerade bekommt, wenn es wirklich darauf ankommt? Und so ein abgewichster Vollprofi, der genau weiß, wie der Konsens-Hase springt ruft zum Bündnis aller progressiven Kräfte auf? Siggi, sei doch so gut und sag einfach mal ehrlich: du willst Kanzler sein, weil du glaubst, du kannst besser Kanzler und suchst Steigbügelhalter, die dich auf’s höchste Ross lupfen. Von mir aus, es ist zwar schon ziemlich platt und durchsichtig aber bitte… BITTE: nenn diese selbstgefälligen Flachpfeifen nicht progressiv. Ich bin progressiv – ihr seid einfach nur peinlich, wenn ihr euch mit den ewig gleichen Parolen als zukunftsorientiert präsentiert! Wen soll ich denn jetzt wählen? DIE PARTEI vielleicht…?

Versteht mich nicht falsch – auf den Webseiten klingt das alles ganz toll, mit Projektgruppen für Zukunftsentwicklung und Förderung, Zeitleisten und vorformulierten Zielen. Doch die genannten Ziele drehen sich immer nur um wirtschaftliche Fragen, um Schrittchen und die Anpassung an die Interessen aller; was im Klartext bedeutet, dass das Wohl der Wirtschaft und ihrer Lobbyisten immer schwerer wiegt, als dass des einfachen Menschen am unteren Ende der Pyramide. Nur das wir die ganze verdammte Pyramide tragen. Aber keine Sorge – ihr werdet schon merken, wenn die Erosion der Basis endgültig zum Einsturz führt. Denn subtil wird das nicht von Statten gehen. Mal sehen ob vorher noch irgendjemand den Mut hat, wirklich progressiv zu denken und zu handeln.

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