Allein, allein…? Ist’s manchmal schön zu sein…

Ich meine natürlich nicht den Song von Polarkreis 18. Und ich will ganz sicher auch nicht wie Diogenes in einem Faß leben. Henry David Thoreaus Idee, sich ‘ne Hütte im Wald zu bauen, die nur ein paar Kilometer von der (damaligen) Zivilisation entfernt lag, um dann Sonntags mit der Familie zu essen erscheint da schon attraktiver. Allerdings bräuchte es dazu a) ein regelmäßiges Einkommen aus irgendwas mit ohne Menschen, b) einen Wald, in dem nicht zu viele Menschen (am besten gar keine) unterwegs sind und c) ‘ne Baugenehmigung, denn wir sind in Deutschland. Und damit ist das Projekt auch schon gescheitert, bevor es überhaupt begonnen hat. Denn wenn ich echt meine sozial induizierte Depression in so einer Hütte auskurieren wollen würde, hinge ich an einem der Bäume ringsum, bevor die Baugenehmigung da wäre. Die einzige Frage bliebe, was zuerst zu spät käme – die Baugenehmigung oder die Zusage für einen Therapieplatz. Keine Sorge, mir geht es im Moment soweit ganz gut, auch wenn ich mir nicht sicher bin, wie und vor allem wann ich die ganzen Probleme am Arbeitsplatz lösen soll, die sich einmal mehr ganz von allein aufgehäuft haben. Ist mal wieder wie mit den Pilzen im Wald nach einem feuchten Sommer: drehst dich einmal um und SCHWUPPS steht alles voll! Augen auf bei der Jobwahl kann ich da nur sagen…

Allein sein zu dürfen ist heutzutage oft ein Luxus. Ich bemerke das vor allem, wenn ich in Urlaub fahre. Ich suche heutzutage bewusst Orte aus, an denen man eher wenigen Menschen begegenet, wenn man nicht gerade auf DIE Ausflüge geht, die alle Anderen auch machen, weil’s da, wo man hinfahren kann halt im wahrsten Wortsinn pittoresk ist. Schuldig im Sinne der Anklage, da ich ja auch gerne und viel knipse. Ich las neulich in einem Interview mit einer Restauratorin, dass sie keine Bilder von ihren Auflügen in Museen machen würde, weil die Linse zwischen Auge und Objekt den Blick auf die Essenz des gerade betrachteten Kunstwerk versperre. Ich weiß was sie meint. Und bei bestimmten Exponaten ist das auch wahr. Die Abbildung sagt nicht so viel, wie tatsächlich davor zu stehen, allein schon, weil selbst gut komponierte Bilder dazu neigen, die wahren Größenverhältnisse zu verschleiern. Doch ich habe gelernt, die Welt – vermittelt durch die Begrenzung des eben genutzten Objektives – auf eine bestimmte Art wahrzunehmen, Spannung, Widersprüchlichkeit, Verspieltheit, Ästhetik zu suchen, wo man diese nicht unbedingt vermutet (aber natürlich auch da, wo diese explizit angeboten wird). Einerseits, weil ich ab und an gerne ein solches Bild teile, andererseits, weil es das Auge auch für die Details in anderen Kontexten schult. Es macht einen empfindlicher für das Rauschen, welches von Störungen ausgeht – ich bin heute recht gut darin, systemisch zu sehen. Ich bezahle dafür auf der anderen Seite immer wieder Lehrgeld, weil ich noch glaube, dass Menschen nur ausreichende und passende Denkanlässe benötigen, um ihr Handeln anzupassen, wenn selbiges nicht sozial-, sach- oder fachadäquat war. Das könnte daran liegen, dass das viele soziale Handeln, welches meine Arbeit mir abverlangt mich bisweilen erschöpft. Und im sozial erschöpften oder übersättigten Zustand sagen wir manchmal zu schnell JA zu Dingen, zu denen wir laut und deutlich NEIN hätten sagen sollen. Und wieder: schuldig im Sinne der Anklage.

Zurück zum allein sein – gerade an einem Tag wie heute, wo jeder Hans und Franz meint, seine Meinung zur deutschen (Un)Einheit kundtun zu müssen, ist es mir verdammt lieb, keinen einzigen Schritt vor die Tür machen zu müssen. Alle Erledigungen müssen warten – denn es ist Feiertag; außerdem wurde gestern alles eingekauft, was man so braucht um auch Freitag zu überleben (wenngleich ich dabei nicht so kriegerisch vorging, wie manch anderer gestern Nachmittag…). Alle Mühsal und Anforderungen der Arbeit müssen warten – denn es ist Feiertag; und ich bin nicht mehr im Einsatzdienst tätig, was bedeutet, das NICHTS von meiner Arbeit tatsächlich zeitkritisch im echten Wortsinn ist! Alle Hetze muss warten – denn es Feiertag! Was nicht warten kann, ist das Kochen für die Familie und ein bisschen leichte Hausarbeit – ich lüfte ja ganz gerne. Nein, Spaß beiseite, an einem freien Tag unter der Woche wird erledigt, was sonst auf Grund der Zeitnot liegen bleibt. Das ist aber nie so viel, dass man nicht doch noch etwas Zeit für sich selbst findet. Die Familie trifft sich zu den Mahlzeiten, ansonsten kommuniziert man, wenn was Interessantes ansteht, oder man die Anderen an etwas teilhaben lassen möchte (kleine Tochter und Ehefrau tun dies gerne, die Teenagerin eher eingeschränkt und ich, wenn mir etwas einfällt…). Aber genau jetzt, da diese Zeilen entstehen, bin ich allein. Nicht einsam, denn ich könnte jederzeit Gesellschaft haben, sondern allein, weil ich die Sozialpause brauche, bevor morgen der Terror arbeitsinduzierter Dauererreichbarkeit wieder losgeht. Gott, ich freu mir grad ‘n zweites Loch in den Hintern…

Gerade wenn man ganz gut im systemischen Denken ist, fällt einem leicht auf, wie viel Zeit manchmal mit Laberei und Bedenkenwälzerei und Abwarterei und (unnötig langwieriger) Fehlersucherei verschwendet wird, anstatt man einfach Dinge tut. Wenn manche Dinge sehr erfolgreich getan werden, ist es meist EINE Person, die alleine die Situation analysiert, einen Plan fasst, diesen umsetzt, die Zielerreichung überprüft, den Plan nachjustiert und wieder umsetzt. Solange, bis es passt. Denn der Spruch “Viele Köche verderben den Brei” kommt nicht von ungefähr, beschreibt er doch wunderbar dieses, stets in Lenkungs- und Planungs- und Entscheidungs-GREMIEN zu beobachtende Phänomen der Verantwortungsdiffusion. Kombiniert mit Angst um die eigene Position, einer “Wasch mich aber mach mich bitte nicht zu nass”-Attitüde und einer Gruppengröße, die das Bystander-Phänomen wahrscheinlich werden lässt haben wir den Salat: Stillstand allerorten! Beschreibe ich gerade persönliche Erfahrungen aus der Arbeitswelt oder den Zustand unserer Nation an diesem heutigen Feiertag eben jener Nation…? Ist auch egal, denn am Ende kriege ich weder meine Hütte im Wald, noch die Entscheidungsgewalt, die es manchmal bräuchte, um die Dinge einfach tun zu können. Ohne unnütze Gremien, ohne Übervorsichtigkeit, ohne die typischen “Reichsbedenkenträger” – und vor allem ohne diese panische Angst, sein Gesicht zu verlieren. “If you can’t stand the heat, get out of the kitchen!” Ich weiß, wo ich hin will (da gibt es manchmal sogar nur wenige Menschen, so wie ich es eigentlich mag) – und mir ist es in der Küche nicht zu heiß! Ich wünsche euch allen einen verfickt schönen TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT! Feiert es oder verdammt es, ganz wie euch beliebt. Wir hören uns…

Auch als Podcast…

Der verwirrte Spielleiter N°58 – Ein AI-Experiment…

Um es kurz zu machen und das Wichtigste an den Anfang zu stellen – ich habe einfach mal zum Ausprobieren DnD 5e mit ChatGPT 4o als SL gespielt… und DAS war eine in der Tat ungewöhnliche Erfahrung. And here comes why! Bevor ich in den Teil einsteige allerdings noch ein paar wenige Kontext-Informationen vorweg: Ich nutze ChatGPT 4o schon seit einer Weile für berufliche Zwecke und auch einfach so zum rumexperimentieren. Es erschien mir nämlich sinnig, etwas über eine Technologie wissen zu wollen, die manche als dämlichen, nutzlosen Tech-Fetisch betrachten, andere als Doomsday-Maschine, die BWLler natürlich als Gelddrucker und wieder andere als das geilste Ding seit dem Buchdruck. Ob generative KI mittels Large Language Models tatsächlich die von McLuhan beschriebene Gutenberg-Galaxis endgültig zerstört hat, bleibt noch abzuwarten. Aber aus dem Alltag vieler Kreativer ist sie bereits nicht mehr wegzudenken. Und auch als Pädagoge kann man damit durchaus produktiven Quatsch anstellen. Aber als mein Gegenüber am Pen’n’Paper-Spieltisch…? Da hilft nur selbst ausprobieren. Die Erfahrung war interessant und tatsächlich alles andere als langweilig; und ich habe über den Pen’n’Paper-Chat mit GPT ein paar Aussagen zu treffen…

  • Die Regelmechaniken von DND 5e scheint GPT 4o zumindest weitgehend zu kennen, vergisst jedoch regelmäßig, dass das Würfeln zum Spiel dazu gehört. Man muss GPT 4o also regelmäßig daran erinnern, dass NICHT alles funktioniert, nur weil man es (gut?) beschrieben hat und die Maschine regelrecht auffordern, einem Würfe abzuverlangen. Und der sportliche Ehrgeiz verlangt natürlich, dass hier NICHT gefudged wird! (Versteht sich von selbst, oder?)
  • Die Korrekturen, die ich GPT 4o vornehmen ließ, wenn ich gemerkt habe, dass die Maschie es sich – und auch mir – zu leicht macht, wurden schnell und weitestgehend sauber in den Spielfluss implementiert. Trotzdem blieb das Gefühl, mit einem Lazy Gamemaster zu spielen, der lieber alles handweaved und die einzelnen Szenen bullshittet, um so etwas wie einen Spielfluss aufrecht zu erhalten. Doch dazu gleich noch etwas mehr.
  • Die Beschreibungen, welche GPT 4o verfasst, sind oft blumig, gelegentlich redundant, aber das LLM bemüht sich wenigstens redlich um den Versuch, dramatische Spannung durch stimmungsvollen Fluff zu unterstützen. Aber ja, Wiederholungen passieren dauernd, wenn man die Maschine nicht daran erinnert, dass es auch noch mehr Variationen bestimmter Themen gibt. Es wirkte ein bisschen so, als wenn die Maschie irgendwann mal Walter Ong (Buchreferenz unten) gelesen hätte, weil die Texte teilweise wirkten, wie die rein mündlich überlieferten Erzählungen der griechischen Antike; Überzeichnung von Merkmalen, Adjektiv-Überfluss, Dopplungen und so verstärkte Bilder waren als Mnemotechniken für die rein aus dem Gedächtnis rezitierenden Erzähler jener Zeit wichtig. Hier wirkte das des Öfteren ungewollt komisch.
  • Die Abenteuer, welche sich die Maschine ausdenkt, sind streckenweise sehr generisch und ein bisschen zu einfach. Man muss allerdings auch bedenken, dass die Maschine einerseits eine Lernkurve absolvieren muss, auf Material aus dem Netz zurückgreift (von dem bei weitem nicht alles gut ist) und von mir zumindest am Anfang nur recht wenig Kontextinformationen abseits der gewünschten Spielwelt, des Spielstils und der Charakterbeschreibung bekommen hatte, einfach weil ich neugierig war, was GPT 4o so zusammenbullshitten würde… Bald wusste ich, wenn du auf einer Mission bist, die urbane Informationsbeschaffung und Sabotage gegen irgendwelche Söldner beinhaltet, gibt’s in der ganzen Stadt plötzlich nur noch Lagerhäuser… Aber ich will ehrlich sein – ich habe von menschlichen SL (allerdings auch sehr unerfahrenen) schon schlechtere Szenarien serviert bekommen.
  • Die technische Reaktionszeit sinkt allerdings, je länger der Thread des Spiels wird deutlich und es kommt auch zu Bearbeitungsabbrüchen, was ein Neuladen des Threads notwendig macht. Bislang habe ich GPT 4o allerdings noch nicht dazu bekommen, den Thread durch technische Fehler komplett zu killen. Es wirkt so, als wenn die Maschine jedesmal den ganzen Thread noch mal von vorne durchgeht.

Natürlich habe ich dieses kleine Experiment zum Zwecke meiner eigenen Unterhaltung begonnen. Wenn ich jetzt allerdings so darüber nachdenke, drängt sich mir einmal mehr die Frage auf, welchen Sinn die Nutzung von Large Language Models wie GPT 4o überhaupt haben soll. Welchen Zweck ich damit verfolge, ist per Anwendungsfall klar: wenn ich das beruflich nutze, erstelle ich oft Grafiken für Präsentationen, ich lasse mir größere Datenmengen (Studien, Leitlinien, etc.) zum Überblick und/oder Vergleich zusammenfassen und wenn man etwas Handarbeit zum Feinschliff investiert, kan man sich auch für verschiedene Themengebiete Multiple-Choice-Fragenkataloge zusammenstellen lassen. GPT 4o schreibt dir theoretisch auch einen Unterrichtsverlaufsplan, wenn du die Maschine mit genügend Kontextinformationen fütterst. Man darf dann allerdings nicht mehr als Standardkost erwarten, weil die Maschhine das mit vernünftigem Methoden-Pluralismus nicht so drauf hat. Aber als Inspiration ist es manchmal ganz okay. Alles bisher genannte sind jedoch lediglich klar definierte Einsatzzwecke, bei denen eine bestimmte Partikularaufgabe aus einem Arbeitspaket an die Maschine delegiert wird, um Zeit und Nerven zu sparen. Und ich darf davon ausgehen, dass ich solche Handlungsoptionen nicht exklusiv nutze. Aber der Sinn dahinter, dass ist es doch, womit die Menschen hadern; wir fremdeln mit der Idee, dass ein Algorithmus in der Lage sein soll, eine Aufgabe zu erledigen, für die es bislang einen Menschen brauchte. Doch eigentlich ist das lediglich eine Weiterentwicklung. Einer der ersten Computer – Colossus – wurde in Großbritannien während des 2. Weltkrieges entwickelt, um die Codes der Enigma– und Lorenz-Maschinen zu knacken; weil Menschen viel zu lange gebraucht hätten, um dies zu tun. Man hatte ja eine zeitliche Dringlichkeit, weil es um laufende militärische Operationen ging. Konsequent weiter gedacht nutzen ich und viele andere Menschen auch heutzutage sogenannte KI-Anwendungen einfach nur, um bei der Arbeit Zeit zu sparen. Wie die Leute in Bletchley Park damals auch. Okay soweit.

Und jetzt habe ich KI einfach benutzt, um damit zu spielen? Ja klar – das tue ich doch auch, wenn ich irgendein x-beliebiges Videospiel an der Playse zocke. Oder was glaubt ihr, wie die Reaktionen eurer Gegner generiert werden. Dahinter steckt ein – zumeist zugegeben sehr einfach gestricktes – Small Reasoning Model, dass versucht (je nach eingestelltem Schwierigkeitsgrad, fall das Spiel so etwas hat) eine glaubwürdige, taktisch halbwegs sinnvolle Antwort auf mein Handeln als Spieler zu finden – und das bitte schnell! Ist im Kern das gleiche, wie ein LLM, nur dass man nicht das Gefühl hat, in der Maschine würde jemand sitzen und mit mir Konversation betreiben. Dem Einsatz von künstlicher Intelligenz – oder dessen, was wir heute darunter verstehen – einen Sinn zu geben, davon sind wir noch sehr weit entfernt. Was vermutlich daran liegt, dass viele Menschen nicht verstehen können, was in diesen Algorithmen passiert – und das die Ergebnisse bislang nicht viel mehr sind, als ein zufälliger, durch meine Eingaben in eine gewisse Richtung manipulierter Remix oder Mashup von Quellmaterial, dass im Internet zu finden ist – und das in den allermeisten Fällen von Menschen stammt. Letztlich ist ein großer Teil dessen, was KI heute alles kann und macht also nur geklaut. Das wird sich irgendwann ändern. Aber wie schnell und was daraus erwächst… keine Ahnung! Aber wir Menschen waren schon immer toll darin, Dinge zu entwickeln, weil wir GLAUBEN, damit ein (oft hoch individuelles) Problem zu lösen und dann einfach mal zu schauen, was man damit alles anstellen kann. Genau das passiert jetzt. Und ich habe mich zu einem Zeil davon gemacht, indem ich, von einer Mischung aus Neugier, forensischem Interesse und Spieltrieb motiviert die Maschine trainiere, als Spielleiter für Pen’n’Paper fungieren zu können. Ich bin mal gespannt, welchen Sinn ich darin finden werde. Euch einen schönen Start in die neue Woche.

  • Buchreferenz: Ong, Walter (1987, 2016): Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer Fachmedien, Kapitel 4.2, S. 31 ff.

New Work N°18 – Ein Wert an sich…?

Hört man immer mal wieder: “******** sei ein Wert an sich!” ; man kann hier alles Mögliche einsetzen, und der Satz mag dann für den jeweils Einsetzenden einen Sinn ergeben; die Anderen werden jedoch oft zu einem divergierenden Ergebnis kommen. Das Problem mit Debatten über “******** als Wert an sich” ist nämlich, dass sie niemals beendet sein können! Da ein ETWAS, das IRGENDJEMAND als “Wert an sich” definiert damit nicht automatisch einer Legaldefinition unterworfen ist, sondern schlicht dem Gutdünken des jeweils tätigen Definitors. “Definitor” klingt in diesem Fall nicht nur ähnlich wie “Dementor”, es hat auch die gleiche Wirkung: man vergisst wesentliche Dinge. Wie etwa die Notwendigkeit, Konsens herstellen zu müssen, wenn alle diesen eben definierten “Wert an sich” dann auch als einen solchen respektieren sollen. Ich dekliniere das einfach mal kurz für mich selbst durch und setze an Stelle der ******** den Begriff “Wachstum” ein. Ach ja, was soll ich denn jetzt noch sagen. Lest doch einfach mal “Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit”. Wir wissen erst seit 52 Jahren, dass Wachstum als Wert an sich NICHT FUNKTIONIERT, SONDERN DIE MENSCHHEIT IN DEN ABGRUND TREIBT! Nehmt das endlich zur Kenntnis und versteht, das Nachhaltigkeit absolut NICHTS mit dauerndem Wachstum sondern mit anhaltendem Konsolidieren, mit Degrowth, Recycling, Upcycling, Refurbishing und damit geringerem Ressourcen-Verbrauch zu tun hat. Und das Marktanteile, egal in welchem Wirtschaftsbereich damit auch kein Wert an sich sein können. NIEMALS!

Der Biene in dem Bild zuzusehen hatte einen Wert an sich, weil es mich an verschiedene Aspekte des Lebens gemahnte, die des ständigen Erinnertwerdens wert sind: a) meine geringe Rolle im großen Zyklus des Lebens, b) meine Vergänglichkeit und c) die unfassbare Wichtigkeit kleiner Dinge. “Bildung” zum Beispiel hat einen Wert an sich – aber nur, wenn diese nicht zur Ware degradiert wird. Immer wieder wird geredet über die pädagogische Exzellenz, die man in manchen Einrichtungen der beruflichen Bildung vorfindet. Und dann wird im nächsten Atemzug nur noch über wirtschaftliche Entwicklung gesprochen – und die pädagogische Entwicklung spielt KEINE Rolle mehr, weil BWL-Menschen nur KPI im Kopf haben. Mein Key Performance Indicator ist die Menge an Zeit, welche wir tatsächlich damit verbringen können, den jungen Menschen Entwicklungsanlässe zu geben, Ihnen Entwicklungsrouten zu zeigen, ihre Entwicklungsfortschritte auf diese Routen sichtbar zu machen und ggfs. die individuellen Entwicklungsrouten anzupassen. Aber all das passiert nicht auf dem einem vorgegebenen Weg, sondern ist Ergebnis hoch dynamischer, iterativer Anpassungsprozesse, die Expertise, Geduld und Führungsstärke seitens des Lehrpersonals brauchen. All diese Dinge müssen mühsam kultiviert und entwickelt werden; denn Lehrende sind zugleich auch immer auch Lernende. Etwas, das BWL-Menschen gelegentlich zu vergessen scheinen. Und noch etwas wir immer sehr gern ignoriert: Jede einzelne abgehaltene Unterrichtsstunde erzeugt automatisch eine weitere Unterrichtsstunde an Vor- und Nachbereitungsbedarf; und diese Zeit taucht in keiner Berechnung wirklich vollumfänglich auf. Weil man dann nämlich die Idee, das Bildung Geld verdienen muss endgültig ad acta legen müsste.

Denn… die berufliche Bildung, die wir leisten, ist ein Wert an sich! Eine Investition in die Zukunft. Eine Hypothek, die wir aufnehmen in der Hoffnung und dem guten Glauben, in jungen Menschen die Haltung, die Humanität, die Professionalität und das Können entstehen zu lassen, die es braucht, um der Gesellschaft wirklich dienlich sein zu können. Wirtschaftlich sinnvolles, verantwortungsbewusstes Handeln ist ein notwendiges Übel, um diese Hypothek bezahlen zu können; nicht weniger – aber auch kein Jota mehr! Wachstum hingegen ist eine Schimäre, der nachzujagen lediglich dazu führt, dass das notwendige Übel die Oberhand über den Umfang der Hypothek bekommt – und damit den Wert an sich verkleinert, bis er kaum noch zu sehen ist. Und ich komme immer mehr zu der Erkenntnis, dass ich derzeit den Schimären diene. Was mich in ein Dilemma führt. Denn den Schimären zu dienen, ist in unserer heutigen Gesellschaft der EINZIGE Weg in jene Jobs, die so gut bezahlt werden, dass man ehedem durchaus greifbare existenzielle Ängste einfach ablegen kann. Oder anders formuliert – ich verhure mich gerade, während meine Überzeugungen einen langen, langen Urlaub machen müssen. Wäre ich ein weniger duldsamer und verantwortungsbewusster Mensch, hätte ich schon lange hingeschmissen!

Die beste Ehefrau von allen liegt mir schon seit Monaten in den Ohren, dass ich mir was Anderes suchen soll. Vermutlich könnte ich das. Aber… zum einen mag ich mein Team, zum anderen habe ich diese Stelle angetreten, um gestalten zu können. Und ich habe diese Hoffnung noch nicht aufgegeben, auch gegen die Widerstände des Geldes gestalten zu können, weil ich von der Wichtigkeit der Kernaufgabe – nämlich berufliche Bildung richtig zu betreiben – nach wie vor überzeugt bin! Außerdem habe ich Rechnungen zu bezahlen und mit 50 wird es halt schwieriger, einen neuen, äquivalent bezahlten Job zu finden. Wer sagt mir überdies, dass es woanders nicht schlechter oder auf andere Art Scheiße ist…? Wie man es auch dreht, einfacher wird es nicht. Also kämpfe ich weiter gegen anderer Leute Schimären und versuche ihnen eine andere Wahrnehmung der Realität aufzuzeigen. Ansonsten wäre ich als Konstruktivist ja auch am falschen Platz. Aber für BWL-Menschen gilt halt: wenn du einen Taschenrechner und eine Tabelle hast, sieht alles aus wie eine Kennzahl… Schönen Tag noch.

Auch als Podcast…

From Hell – a little tale about dys-democracy!

Am Ende des Tages schreiben so viele Leute über das, was da am Wahlsonntag in Sachsen und Thüringen passiert ist, dass ich meinen Senf eigentlich nicht mehr dazu geben müsste. Aber “eigentlich” ist einer der Endgegner, an denen wir genausowenig vorbeikommen, wie am Wäscheberg, wenn sich das werte Auditorium entsinnen möchte… Und ich finde, dass ein Aspekt mindestens ebenso unterbelichtet geblieben ist, wie die Wahlentscheidung pro AfD. Adolf Höcke hat sich inszeniert und die AfD (Arbeitsgemeinschaft für Demokratie-feindlichkeit) hat leider ihre antisocial-media-Arbeit so richtig gut gemacht. So gut, dass über 40% Jungwähler ihr Kreuz bei diesem Faschistengeschmeiss gemacht haben! Und der EINZIGE Grund dafür ist, dass unser Bildungssystem es immer und immer wieder vergeigt, Trends in das Klassenzimmer zu holen, junge Menschen da zu packen, wo sie tatsächlich unterwegs sind und den sogenannten Bildungs-Kanon einfach mal Kanon sein zu lassen. Nehmt bitte endlich mal Folgendes zur Kenntnis: Bildung und Kultus sind NICHT Ländersache! Bildung und Kultus müssen von Menschen organisiert werden, die verstehen, wie ihre Zielgruppen ticken, ohne dabei grundlegende Ideale aus den Augen zu verlieren – niemals jedoch von irgendwelchen Hobos, die ausschließlich wegen des Parteiproporzes in Ämter gehievt werden, um von dort dann ihr Ahnungs- und Talentlosigkeitsinduziertes Unheil verbreiten zu dürfen. Gell, Frau Eisenmann und Frau Schopper…? Kann solche selbstgefälligen Idioten als Kultusminister bitte mal irgendjemand entsorgen; und am besten einen nicht geringen Teil der Ministerialbeamten gleich mit.Parteipolitiker und Verwaltungsjuristen haben nämlich in den allermeisten Fällen von Bildung so viel Ahnung, wie Schweine vom Fliegen!

Anstatt die Lebensrealität des frühen 21 Jahrhunderts einfach mal zur Kenntnis zu nehmen und Medienanalyse, Medienkritik und Mediennutzung so nachhaltig in den Unterricht zu integrieren, dass die Schüler*innen auch etwas von dem zur Kenntnis zu nehmen bereit wären, worüber da gesprochen wird, arbeitet man sich vielerorts immer noch an einem Curriculum aus der Steinzeit ab – und wundert sich dann, dass die derart Beschallten abschalten oder sich mit anderem Schall ablenken, um in den Pausen sodann schallend über die Realitätsferne ihrer Lehrer zu lachen… Ja, kann man so machen. wenn man aber nun wenigstens gelegentlich neuere Studien liest, könnte einem klar sein, dass die Gen-Z heutzutage nicht mal mehr googelt, sondern TikTokt, um sich Infos zu besorgen. Und wer ist jetzt auf TikTok noch mal besonders präsent? Ach ja – die Faschos, stimmt ja…! Ja so ein Mist aber auch. Ganz ehrlich: auch ICH habe schon als 14-, 15-jähriger nicht verstanden, wozu es gut sein soll, Gedichte interpretieren zu können. Vermutlich deshalb habe ich auch alles vergessen. Das Einzige, was mir von damals noch präsent ist, sind die Begriffe Jambus, Daktylos und Trochäus; aber wie diese Versmaße noch mal genau gingen…? Es hat mein Leben (und das war bis in meine 20er Prä-Internet) in KEINSTER WEISE beeinflusst. Genausowenig, wie die interpretation, der “Leiden des jungen Werther”. Ich habe schon lange Depressionen und weiß daher heute worum es da geht, aber dieser dämlichen Pussy aus dem Buch habe ich trotzdem von Herzen den Tod gewünscht! Wir versuchen junge Menschen von HEUTE mit Material von GESTERN für die Fragen von MORGEN fit zu machen und wundern uns, das alles den Bach runtergeht? Ja, kann man schon so machen, aber dann wird’s halt Scheiße; von der Farbe her passt es ja schon!

Die Antisozialen Medien haben eine Aufmerksamkeitsökonomie geschaffen, die viele von uns Gen-Xern nur unzureichend verstehen. Eines kann einem aber klar werden: so geht es nicht weiter! Interesse an Kunst und Kultur wecke ich nicht, indem ich den Leuten immer wieder das Gleiche serviere. Die Künstler von damals (etwa Da Vinci) haben ihre Werke nicht geschaffen, damit 550 Jahre später Massen daran vorbeigeschleust werden, damit diese enkulturalisiert werden – das funktioniert sowieso nicht. Denn Menschen suchen sich selbst aus, welche Kulturartefakte für sie relevant und damit interessant sind. Es mag den einen oder anderen jetzt irritieren, aber die subjektiven Ziele des Individuums verändern sich im Lebenslauf ganz von selbst. Und so ist es auch mit Schule. Ich kann nicht erwarten, dass Inhalte von gestern oder gar vorgestern die Kids hooken, selbst wenn diese mit Methoden von heute präsentiert werden. Fehlt der Bezug zur aktuellen Lebensrealität, funktioniert das einfach nicht. Und diesen Bezug herzustellen, ist vielen sogenannten Pädagogen offenkundig nicht gegeben; ich erlaube mir diese Kritik als einer, der selbst Pädagoge ist und vage versteht, wie Bezugsherstellung funktioniert.

Was ist also in Sachsen und Thüringen passiert? Ganz einfach: junge Menschen, die sehr wohl sehen und verstehen können, dass unsere Gesellschaft heute reale Probleme hat, bekommen auf TikTok vermeintlich schnelle Lösungen präsentiert, sind aber auf Grund ihrer Bildung und Erziehung (oder beser des Mangels daran) – und natürlich auch auf Grund ihrer Jugend – nicht in der Lage, differenziert zu sehen, dass Faschisten einen nirgendwohin führen, außer ins Verderben. Ihr haltet das für zu sehr vereinfacht? DANN ERKLÄRT MIR, WAS TATSÄCHLICH PASSIERT IST? Bis irgendjemand mit einer besseren Erklärung um die Ecke kommt, bleibe ich dabei, dass unser Bildungssystem gerade scheitert; und dass die verpopulistisierten (und teilverblödeten) Marktfetischisten von der Käsepartei (FDP heißen die glaube ich) auch noch Investitionen in Bildung kaputtsparen wollen, weil ihre Lobbyisten von solchen Investitionen keinen direkten Return of Investment generieren können. Ich kann verstehen, dass man die Ampel nicht gut findet. Ich finde sie vor allem wegen des kleinsten Lichtes nicht gut. Aber das war mit einem narzisstischen Idioten wie Christian Lindner als Finanzminister auch nicht anders zu erwarten. Genug geschimpft. Starten wir in eine tolle neue Woche und hoffen, dass die Blauen trotzdem NICHTS zu melden haben werden. Adieu!

Auch als Podcast…

Benvenuti nelle Marche N°6 – Mythen treiben Blüten!

Eingerahmt vom Schilf, Bäumen und Weinreben liegt der Naturpool, verborgen vor den allzu neugierigen Augen Dritter. Wenn der eigene Blick schweift, fängt er nicht viel mehr ein als das Innen dieser Oase; eine gelegentliche dunkelblaue Traube schimmert an der Pergola durch das alles dominierende Grün, an der hölzernen Umfriedung nagt der Zahn der Zeit, die dunkle Lasur blättert ab. Aus all dem emergiert ein Gefühl: befreit von der Notwendigkeit auf etwas anderes (wichtigeres?) zu achten als die Zahl der Bahnen, die zu schwimmen ich mich eben angeschickt habe, ist es diese Einfachheit der Dinge, die davon abhält, zu sehr nach irgendetwas zu suchen. Dieser Pool ist der Ort, in dem ich vergesse, dass es jemals eine Box gab, außerhalb welcher man denken sollte. Ich bin einfach und das genügt, um dem ganzen eben so viel Sinn zu geben, wie das Leben braucht. Diese Gedanken begleiteten mich in der Tat, als ich eben genau das tat: einfach nur schwimmen. Das mag jetzt ein bisschen wie eine contradictio in adjecto klingen, jedoch emergierten diese Gedanken – gleich dem beschriebenen Gefühl – auf genau die beschriebene Weise und baten darum, festgehalten zu werden, was ich hiermit pflichtschuldigst erledige. Ich bleibe meinen Gedanken nur ungern etwas schuldig, denn Geschichten wollen erzählt werden… War das eben etwa eine Geschichte? Nun, sagen wir mal so: zumindest wurde etwas über den Protagonisten preis gegeben und das Setting wurde gesetzt. Als ich vor etwa 35 Jahren anfing, tiefer in die Welt des (kollaborativen) Geschichtenerzählens einzutauchen (ich fing u. A, an mit Pen’n’Paper-Rollenspiel), war mir natürlich weder bewusst, wie komplex dieses Hobby für mich werden würde und wie viel Bezug es zu meiner späteren Arbeit als Pädagoge haben würde, noch ahnte ich, WIE VIEL es darüber zu wissen geben könnte. Noch immer sind es vor allem die Worte, mit denen ich gerne und häufig arbeite; wenngleich meine Arbeit mit visuellen Medien in den letzten Jahren an Umfang und Bedeutung erheblich zugenommen hat. Ich sagt ja bereits, dass Kreativität ein Muskel ist, der regelmäßig trainiert werden möchte. Doch alle Übung nutzt nichts ohne eine Quelle, aus der man schöpfen kann!

Ich habe über diese Quellen in der Vergangenheit immer wieder gesprochen, doch ich bin mir nicht sicher, wie viel von meinen Beschreibungen tatsächlich verständlich war. Es gibt ja diese Idee, dass man sich an den einfachen Dingen erfreuen soll, dass es nicht immer den ausufernden Konsum braucht, dass etwas Mäßigung uns allen ganz gut zu Gesicht stünde und das man die Welt um sich herum achtsam betrachten soll, um an dieses Ziel gelangen zu können. Schön und gut, aber dafür braucht man tatsächlich weder ein Retreat im Kloster, noch die Reise nach sonstwo, oder gar ein Achtsamkeits-Seminar auf einer Insel, sondern schlicht die Entkopplung vom eigenen Alltag. Denn es ist die Summe all der kleinen und großen Verpflichtungen, die uns von früh bis spät auf Trab halten und uns nicht selten des Abends vollends erschöpft auf dem nächstbesten Sitz-/Liegemöbel zusammen sinken lassen. Kontemplation, Reflexion, Kreativität? Fehlanzeige. Warum wohl erscheinen meine Blogposts, wenn ich nicht gerade Urlaub habe, vornehmlich am Wochenende… hm…? Oh ja, man könnte mich schon wieder eitler Bigotterie beschuldigen, da ich diese Zeilen 1100 KM weit von zu Hause schreibe. Von wegen, man muss nicht nach sonstwo reisen! Tatsächlich ist das purer Selbstschutz, denn ich musste die Erfahrung machen, dass wenn ich nicht weit genug weg bin, leider dazu neige erreichbar zu sein. Und erreichbar sein ist Scheiße! Also tue ich mir den Gefallen und entkopple auch örtlich. Ich nehme an, dass ich da nicht der einzige Mensch bin, welcher das aus ähnlichen Gründen so handhabt. Jedenfalls sind diese Momente reinen Erlebens meine Quellen. Es geht dabei nicht um Selbstwirksamkeit, oder das motiviert sein, oder die bewusste Selbstreflexion; sondern einfach nur um das Sein an sich. Was in mir an Kreativität steckt, kann erst fließen, wenn ich frei bin von alltäglichen Zwängen.

Ich würde die Erzählung meiner Existenzt gerne Ändern, denn ich habe Angst, dass der Fluss meiner Gedanken in wenigen Tagen, wenn der Alltag zwangsweise mit Macht zurückkehrt alsbald wieder versiegt, einem Wadi gleich, der nur bei Schneeschmelze oder besonders starken Regenfällen überhaupt Wasser führt. Ich will nicht schon wieder an Freiheits-Mangel verdorren, so wie ich dies war, bevor wir hierher kamen! Ich möchte meinen eigene Geschichte auf eine Art neu erzählen dürfen, dass sie dem Mythos des Alltags wiederstehen kann. Jedes Jahr versuche ich auf’s Neue, etwas vom frisch geschöpften Spirit des Urlaubs mit in dieses andere Leben zu nehmen – und jedes Jahr scheitere ich wieder an der Übermacht dieses Endgegners namens ALLTAG! Ich weiß nicht, was ich falsch mache, aber so kann das nicht weitergehen. Ich brauch Change – und zwar nachhaltig. Schönen Abend, schöne Woche.

Benvenuti nelle Marche N°2 – Character-driven Storytelling

Als ich vor einigen Tagen hier darüber schrieb, dass Kreativität heutzutage oft vor allem Recycling-Kreativität sei, weil die großen Geschichten alle schon auserzählt seien, meinte ich damit vor allem Archetypen von Geschichten. Die klassische Form des Dramas mit seinen fünf Akten gibt bis heute Geschichten jedweder Art ein Grundgerüst, welches uns immer wieder bestimmte Figuren des Erzählens in verschiedenen Kunstformen zuverlässig wiedererkennen lässt:

  • Exposition (oder Protase) => wir werden in die Geschichte eingeführt und lernen Pro- wie Antagonisten kennen. Davon abgeleitet ist einer der wichtigen Ratschläge für Möchtegern-Romanciers: beginne die Geschichte mit einigen wenigen Sätzen, welche den bzw. die Protagonisten möglichst stark charakterisieren und positionieren. Doch dazu später mehr.
  • Komplikation (oder Epitase) => der Konflikt, bzw. die zentrale Spannung betritt die Bühne der Geschichte. Dies kann sich an eine Person polarisieren, oder an einem besonderen Sachverhalt (etwa einem McGuffin, den alle haben wollen). In jedem Fall wird der Eintopf gerade mit einigen 1000 Scoville nachgewürzt…
  • Peripetie => eine erste Klimax führt dazu, dass der/die Protagonisten eine Niederlage, einen Verlust oder einen Rückschlag erleiden und an den Folgen wachsen müssen, um den/die Antagonisten später (evtl.) überwinden zu können.
  • Retardation => Steigerung der Spannung durch das langsame Hinarbeiten des/der Protagonisten auf den finalen Akt. Die Kräfte werden gesammelt, Wunden geleckt, Erkenntnisse gesammelt, eine neue Kraft entdeckt. All das führt entweder zur…
  • Katastrophe oder zur Lysis => Wir alle lieben Happy-Ends…oder? Nun, offenkundig hat insbesondere die Mainstream-Filmemacherzunft vergessen, dass eine Geschichte auch mit einem Niedergang enden kann. Das Happy-End ist nur eine Möglichkeit, aber kein Gegebenes, wenn es um Geschichten geht.
Der Weg ist das Ziel 🙂

Vollkommen unabhängig davon, ob man nun als Autor eines Romans, eines Drehbuches, eines Computerspiels oder eines Skriptes für ein Instruktionsdesign in der beruflichen Bildung tätig wird, gibt es ein paar Dinge die man abseits der eben beschriebenen Struktur beachten sollte: a) inhaltliche Kohärenz: Wenn die Plotholes so groß sind, dass die voll aufgefächerte Pazifikflotte hindurchrauschen kann, ist irgendwas beim Denkprozess des Autors falsch gelaufen. Das bedeutet übrigens mitnichten, dass JEDE Geschichte den Gesetzen der Physik huldigen muss, oder den knochentrockenen Realismus eines alten Tatortes braucht. Die Geschichte muss in ihrem eigenen Kontinuum funktionieren und darf selbst aufgestellte Regeln nicht (allzu oft) brechen: ein Beispiel ist die vielzitierte Protagonistin Rey aus der dritten Star-Wars-Trilogie (“Das Erwachen der Macht” etc.), die vollkommen ohne Training oder mentorielle Begleitung beim zweiten Zusammentreffen schon einen Sith-Lord zerlegt – und damit erhebliche Bestandteile der Star-Wars-Lore ad absurdum führt. b) glaubwürdige Motivation: warum stellt sich ein Protagonist gewissen Herausforderungen? “Weil es eben da steht”, ist MIR als Begründung deutlich zu knapp. Es muss sich aus der Exposition und Komplikation erklären lassen, warum jemand sich auf ein Abenteuer begibt, warum und vor allem wie viel er oder sie für den Erfolg zu geben bereit ist und wie der Weg dahin aussehen könnte. Wenn hier zu viel Deus Ex Machina passiert, und ein*e Protagonist*in von Zero to Hero gebullshittet wird, bin ich als Konsument raus. Denn Erfolg / Stärke / Macht muss erworben werden und geht immer mit Verantwortung einher c) glaubwürdige Beziehungen: wenn da plötzlich aus zwei Personen, die in etwa so viel gemeinsame Chemie haben wie das Sandmännchen und der Osterhase eine Love-Interest hergesponnen wird, revoltiert mein Erzählerherz. Beziehungen entstehen nicht aus dem Nichts und bedürfen eines Reife-Prozesses (Sex in Extremsituationen, ein Klassiker des 80er-Action-Kinos, sei hiervon ausgenommen. Aber derlei Blödsinn sieht man ja heutzutage nur noch selten). Das betrifft aber auch die Verbindung mit Nebencharakteren, Sidekicks, Henchmen des/der Antagonisten etc.

Die “willing Suspension of disbelief” funktioniert nur dann, wenn die Erzählung im Rahmen ihrer eigenen Parameter glaubwürdig bleibt, unsere menschliche Erfahrung hinsichtlich bestimmter Sachverhalte (eine 55KG-Frau wirft keinen 125KG-Mann umher, außer sie ist mit Superkräften gepimped und das wurde vorher auch so erklärt) nicht vollkommen konterkariert und die Struktur der Beziehungen erklärbar ist und bleibt – dann erzeuge ich Buy-In und die Leute kaufen mir meine Geschichte ab. Character-driven bedeutet also, dass ich Persönlichkeiten erzählen muss und nicht nur Schablonen; dass die Motive und resultierenden Handlungen der Pro- und Antagonisten emotional wie auch rational nachvollziehbar bleiben müssen. Und schließlich, dass die Beziehungen der Figuren untereinander relevant sind. Selbst dann, wenn diese durch die Geschichte einer (teils unvorhersehbaren) Dynamik unterworfen werden. Ich denke Geschichten immer von den Charakteren her. Übrigens auch im Lehrsaal. Szenen-Beschreibungen und Personen, die nah genug an einer realen Erlebniswelt dran sind, vermitteln den Schüler*innen stets bessere Einstiegspunkte in Fall-Szenarien, als irgendwelcher wirrer, an den Haaren herbeigezogener Action-Quatsch. Und tatsächlich beobachte ich, dass eine solche Einstellung beim Lehrpersonal auch auf die Schüler*innen abfärbt, wenn diese mit der Zeit teilweise selbst beginnen, auf diese Art Szenarien füreinander zu entwickeln. Das macht mich dann auch ein bisschen stolz.

Ich kämpfe hier im Urlaub gerade mal wieder mit verschiedenen Ideen für hobbymäßiges Storytelling, die allerdings noch nicht richtig Struktur annehmen wollen. Das Einzige, was mir, einer Fingerübung gleich, sofort aus der Feder lief, waren Nichtspielercharaktere und deren Beziehungen. Sogar für verschiedene Settings, die ich derzeit beackere. Tatsächlich ergibt sich der Rest der Geschichten dann vermutlich alsbald von allein, denn Kreativität kann man, wie ich neulich auch geschrieben hatte ja nicht zwingen; aber wenn der Moment günstig ist… Also hoffen wir auf die weitere Wirkung der Erholung. Die beste Ehefrau von allen meinte in dem Zusammenhang übrigens dieser Tage zu mir, dass ich in den letzten Jahren hinsichtlich meines Outputs für Pen’n’paper viel zu selbstkritisch geworden sei. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber das was ich geschrieben hatte, lasse ich jetzt so. Und jetzt kann ich den Pool rufen hören. Denn bei den aktuellen Temperaturen tut gelegentlich Abkühlung not. Wir hören uns alsbald wieder.

Hast du mal eine Idee für mich…?

Wir haben da in der beruflichen Welt ein ziemlich großes Missverständnis am Laufen: nämlich dass Handlungskompetenz im Sinne des situations-, sach- und sozialadäquaten Problemlösens Kreativität an sich sei. Ja, Handlungskompetenz hat eine kreative Komponente, wenn ich bekannte Ingredenzien meines Gewerkes auf jeweils neue Weise miteinander mischen muss, um eine neue Problemlage lösen zu können. Manche nennen das Improvisation, aber tatsächlich ist es Handlungskompetenz; lediglich auf einem neuen Niveau gedacht. Man kann es mit DJs vergleichen, welche die Situation (also den Saal) lesen und ihren Mix an die Stimmung, die Vibes, das Publikum anpassen. DJs sind dabei zumeist spielerischer unterwegs als Notfallsanitäter*innen oder Lehrkräfte. Aber im Kern ist die Aufgabe sehr ähnlich. Handlungskompetenz ist jedoch keine Kreativität an sich, weil sie so gut wie nie in der Freiheit ausgeübt wird, zu vergessen, wo die verdammte Box steht; zur Erinnerung es gibt den Terminus “to think outside the box”, wo es darum geht, seine üblichen Denkmuster zu verlassen, über den ´Tellerrand zu blicken, frei zu assoziieren, sich schlicht quer zu seinem sonstigen Denken zu stellen. Einen solchen Flow-Zustand erreiche ich unter dem üblichen Druck der Arbeitswelt, bzw. wenn ich in teilweise sehr streng und eng definierten Rahmenbedingungen arbeiten muss NICHT, weil ich dazu weder die Zeit, noch die freien kognitiven Ressourcen habe. Selbst, wenn die Arbeitsumgebung fancy and free gestaltet ist; was z.B. für Notfallsanitäter*innen und Lehrkräfte auch nicht der Fall ist.

Echte Kreativität lebt von eben jener Freiheit, die mich vergessen lässt, dass es jemals eine Box gegeben haben könnte. Das große Problem damit ist, dass man diesen Zustand nicht herbei zwingen kann – schon mal was von Schreibblockade gehört? Es gibt einen guten Grund, warum George R. R. Martin “Winds of Winter” mehr als 12 Jahre später immer noch nicht fertig hat. Man kann es nicht erzwingen. Mal davon abgesehen, dass seine Geschichten eigentlich auserzählt sind. Wie oft kann man immer gleiche Intrigen aufbauen, dann eigentlich wichtige Charaktere töten – und immer noch frisch wirken? Die Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Mal davon abgesehen, dass heutige Kulturprodukte auch deswegen so ein Problem damit haben, immer härter um ausreichendes Publikum kämpfen zu müssen, weil die Urgeschichten alle erzählt sind. Ich habe vor mittlerweile 15 Monaten in Berlin ein Interview geführt, bei dem es um das Geschichten Erzählen ging. Und meine Interviewpartnerin meinte, dass speziell die alten griechischen Mythen sie immer noch faszinieren, weil sie immer wieder etwas Neues über diese uralten Geschichten herausfindet – und weil sie immer wieder neue Bezüge zu unserer heutigen Zeit herstellen kann. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ein altes Thema, über das ich schon vor 10 Jahren geschrieben hatte, kam wieder hoch: nämlich, dass streng genommen fast alles, was wir heute als neue Schöpfung hip und smash und frisch finden im Grunde nichts weiter ist, als ein Mash-Up, ein Re-Mix – kurz Recycling-Kreativität.

Im Grunde ist es mit unserer Kreativität heute so, wie mit dem, von einem Mehr an Biographie belasteten Menschen mittleren Alters beim Lernen: je mehr Vor-Gewusstes, Erfahrungen, Wissenssedimente sich in unserem Langzeitgedächtnis abgesetzt haben, desto länger brauchen wir, um Neuem darin einen sinnvollen Ort geben zu können. Je älter man wird, braucht man nicht länger zum Lernen, weil man langsamer denkt, sondern weil man wesentlich mehr Altes mit dem Neuen in Einklang bringen muss. Und so ist es mit unserer Kreativität: wenn ich etwas wirklich frisches schaffen möchte, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit dem ganzen alten Kram auseinanderzusetzen – allein schon, wenn ich einen Copyright-Verstoß vermeiden möchte. Ein gutes Beispiel dafür sind auch die Produkte, welche man mittels KI-Tools wie Chat-GPT erzeugen kann; denn generative KI erzeugt das “NEUE” ja einfach nur durch Heuristiken, die Altes auseinander nehmen und neu zusammensetzen. Et voilà: Mash-Up und Re-Mix. Zwar wirkt das dann oft auf den ersten Blick überraschend kreativ; hat man aber ein einigermaßen geschultes Auge, bemerkt man, dass gerade DALL-E 3 mit seinen Bildern gerne in Pomp und Pathos abgleitet. Was neulich z.B. dazu führte, dass ich die KI darum bat, es noch mal mit etwas weniger sozialistischem Pathos zu versuchen, weil das Ergebnis aussah, wie ein Propaganda-Wandbild aus Sowjet-Zeiten…

Creatio ex nihilo – also die Erschaffung von etwas wirklich Neuem aus dem Nichts heraus passiert heutzutage nur noch ziemlich selten. Allein schon deshalb, weil der größte Teil unserer Unterhaltungsindustrie sich um des konsumkapitalistischen Paradigmas der Umsatz-Rendite Willen algorithmisiert hat – und in der Folge immer mehr von der selben Scheiße produziert. Adorno Ahoi! Und trotzdem entstehen ein ums andere Mal Ideen, die tatsächlich diesen Charakter der Novität haben. Etwa, weil sie in der Lage sind, unsere Sicht der Dinge zu verändern; oder weil sie ein wirklich neues Element in eine alte Geschichte einfügen, was diese wieder spannend macht. Weil sie etwas Bekanntes auf überraschende Art neu denken. Es sind diese Ideen, die es wert machen, die eigene Kreativität zu trainieren. Denn in der Tat ist die Fähigkeit, Neues zu schaffen, Neues zu erdenken, sich selbst neu zu erfinden wie ein Muskel, der atrophiert, wenn man ihm kein Training angedeihen lässt. Dass ist die wahre Gefahr von zu viel Routine, von zu viel “Das haben wir ja noch nie so gemacht”, von zu viel Tradition – die Fähigkeit zur Kreativität und damit zu echter Innovation zu verlieren. Problemlösen kann man dann trotzdem noch, aber irgendwann wird auch diese Fähigkeit schlechter, weil neue Problemlagen manchmal anstatt alter auch mal neue Antworten brauchen. Könnten sich Politiker aller Parteien mal hinter die Ohren schreiben. Insbesondere aber die von CDU/CSU und FDP; die blauen Faschos lernen eh nix mehr dazu.

Ob ich heute eine Idee für euch habe? Jawoll! Probiert es doch einfach mal aus und lasst euch auf die Ideen, die Gedanken, die Philosphie von jemandem ein, um den ihr bisher einen Bogen gemacht habt, weil ihr immer dachtet, dass das aus 1001 Grund nicht zu euch passt! Ihr werdet überrascht sein, wie anders diese Welt plötzlich aussieht, wenn man seine Offenheit trainiert – und auf was für krasse Ideen man dann kommt. Lasst euch nur bitte nicht von irgendwelchen chauvinistischen, rassistischen, faschistischen Arschlöchern inspirieren. Die wollen nicht kreieren, sondern destruieren! Und damit ist auch genug für heute. Schönen Sonntag noch!

Echt männlich N°0 – …wer bist du denn?

Mit “Männlichkeit” ist es wie mit “Identität” oder “Heimat” – der Begriff kann niemals unabhängig von der eigenen (Er)Lebenswelt diskutiert werden. Was ICH als männlich wahrnehme, ist immer durch Sozialisation, Erziehung, Medienkonsum, kurz gesagt durch Biographie aufgeladen. Mit Biographie ist das ja auch so eine Sache: man nimmt eine Lebensgeschichte oft erst als eine hörenswerte Erzählung wahr, wenn das biologische Alter der erzählenden Person eine gewisse Zahl überschritten hat. Ganz so, als wenn das Alter ein Wert an sich wäre. Ist es aber nicht, denn es gibt da draußen so viele Menschen, die konsistent 50+ Jahre immer alles auf die gleiche Art erledigen – 50+ Jahre lang falsch! Und ja, ich erlaube mir diese normative Festlegung. Denn ein kurzer Blick in die aktuellen wissenschaftlichen Diskusionen zeigt sehr klar, dass ein Handeln, welches andere Menschen willentlich herabsetzt, erschöpfliche Naturressourcen um des egoistischen Spaßes Willen nutzfrei vergeudet und alles Andere der konsumkapitalistischen Prämisse ewigwährenden Wachstums unterordnet, ein falsches Handeln ist! “Es gibt kein richtiges Leben im falschen!”

Kehren wir zum Begriff “Männlichkeit” zurück. Wenn ICH hier nun darüber rede, so wird das Gesagte zunächst MEINE individuelle Sicht auf die Angelegenheit wiedergeben. Ich versuche zwar verschiedene Blickwinkel einzunehmen; wir wissen aber alle (hoffentlich) gut genug, dass der menschliche Modus das Machen von Fehlern von vornherein beinhaltet. Ergo wird meine Sicht der Dinge nicht friktionsfrei auf andere Individuen übertragbar sein. Dennoch erlaube ich mir gelegentlich normative Einlassungen, weil ich meine Meinung zumindest für informiert und ausgewogen genug halte, in einem erweiterten Diskus als Grundlage zu dienen. So arrogant bin ich dann halt doch… Ich bilde unter anderem Ausbilder aus. Und eine der wichtigsten Aufgaben bei der Aus- und Fortbildung von Ausbildern ist, sie immer wieder daran zu erinnern, wie Wahrnehmung, Persönlichkeit, Verhalten und Lernen miteinander zusammenhängen; erinnern deswegen, weil nicht wenige Menschen die Basics zum Ausbilden mitbringen. Und zwar in Form von Haltung, Empathie, Integrität und guter Affektkontrolle. Betrachte ich Männlichkeit nun aus dem Blickwinkel des Ausbilders, so kann man diese als Mischung verschiedener Persönlichkeitsfaktoren gemäß des Big-Five-Model aus der Sozialpsychologie charakterisieren; wobei wichtig ist, dass der Schieberegler zwischen den beiden Polen niemals ganz auf 0 oder 1 steht, sondern fast immer irgendwo dazwischen. Und das es neben einer starken auch eine überstarke (u.U. pathologische) Ausprägung geben kann, so wie es neben einer schwachen Ausprägung eine überschwache (ebenfalls u.U. pathologische) geben kann:

schwach ausgeprägt   -vs-   stark augeprägt

Offenheit für Erfahrungen:
konservativ, vorsichtig -vs- erfinderisch, neugierig

Gewissenhaftigkeit:
unbekümmert, nachlässig -vs- effektiv, organisiert

Extraversion:
zurückhaltend, reserviert -vs- gesellig

Verträglichkeit:
wettbewerbsorientiert -vs- kooperativ, freundlich, mitfühlend

Neurotizismus:
selbstsicher, ruhig -vs- emotional, verletzlich

Wichtig an dieser Stelle ist, dass ICH Männlichkeit nicht per se als “gut” oder “schlecht” betrachte, sondern mich zuerst nur für die Beschreibung der jeweiligen Ausprägungen interessiere. Da spricht dann der deskriptive Sozialwissenschaftler in mir. Das bestimmte Ausprägungskombinationen von verschiedenen Menschen – wie auch mir – als “gut” oder “schlecht” wahrgenommen werden, ist allerdings eine Tatsache. Vielleicht, weil bestimmte Ausprägungskombinationen stets ein Verhalten erzeugen, dass je nach eigener Disposition als mehr oder weniger kompatibel zum Eigenen wahrgenomnmen wird. Wenn ich mich selbst als empathischen und zurückhaltenden Mann sehe, dann wird mir ein Andrew Tate immer zuwieder sein. Ist übrigens der Fall, weil dieser misogyne, chauvinistische, arrogante Menschoid seinen unerträglichen Müll immer noch in die Weite des Internets erbrechen kann. Was soll man da sagen…? Jedenfalls beschäftigt MICH die Frage, was für ein Mann ich BIN, was für einer ich SEIN MÖCHTE und ob diese beiden Beschreibungen (schon) etwas miteinander zu tun haben erheblich. Ich habe zwei Töchter, die gerade in einer Welt aufwachsen, in welcher junge Männer anscheinend wieder einen reaktionären Schritt zurück Richtung 50er Jahre zu tun bereit sind, weil sie sich vom Feminismus bedroht fühlen. Die Folgen kann man insbesondere auf TikTok beobachten, wo junge Männer von teilweise auch noch rechten Rattenfängern in die toxische Maskulinität geführt werden.

Ich könnte ja jetzt sagen: aber ich bin anders. Vielleicht stimmt das auch. Weiß nicht so genau, woran ich das festmachen würde. Was ich weiß, ist aber Folgendes: der Gedanke, dass gerade Teile einer ganzen Generation durch den Gebrauch von antisocial media dazu verführt werden, die gesellschaftliche Uhr wieder zurückdrehen zu wollen, hin zum oldschool-Patriarchat, erschreckt mich. Denn eben dieses Patriarchat hat uns in der Vergangenheit neben einigen bahnbrechenden Erfindungen leider auch Kriege, Elend, Staatsterror von Rechts und Links und einen Amok laufenden Konsumkapitalismus beschert. Ich als white middle-aged cis-gender male habe davon genug. Ich wäre bereit für was anderes. Dieses Andere wird aber bedroht durch solche Entwicklungen, wie sie die verlinkten Studien beschreiben. Kästner hat ja immer gesagt: “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!” In diesem Sinne muss ich als Pädagoge wohl etwas dagegen tun. Und ich beginne daher diese neue Serie. Und vielleicht muss ich doch auf TikTok, so schwer mir das auch fällt. Hat jemand noch ein paar gute Ideen, was man tun könnte? Ich würde mich freuen, von euch zu hören. Einstweilen – schönen Samstag Abend noch.

Welcome to Babbylon!

Wenn es um die Frage geht woran man merken könnte, dass man älter wird, gibt es ja verschiedene Indikatoren. Wie etwa den Musiksender, den man im Radio bevorzugt hört (falls man denn überhaupt Radio hört, was ich selbst so gut wie nie tue). Oder dass man mit 50 morgens halt besser irgendwelche kleinen Zipperlein spürt, weil man andernfalls wahrscheinlich tot ist. Es funktioniert als Erdungspunkt auch die Tatsache, dass die allermeisten Schüler*nnen in unserer Einrichtung noch nicht mal in Planung waren, als ich schon mit der Sanitätsdroschke durch die Stadt geprescht bin; nicht dass diese Seniorität irgendwas beweisen würde. Aber am augenscheinlichsten wird der unaufhaltsame Verfall – nicht meines Körpers, sondern natürlich der Sitten – jedoch stets an der Sprache! Das wussten ja schon Sokrates und Platon vor fast 2.500 Jahren. Spaß beiseite: ich verstehe manche Begriffe der aktuellen Jugendsprache nur deshalb halbwegs, weil ich regelmäßig versuche up to date zu bleiben. Was allerdings alles andere als einfach ist. Aber wenn man nicht den ganzen Tag auf lock macht, Dinge recherchiert, die einem sus vorkommen, wird man nicht gleich zum NPC in diesem Spiel namens Leben, weil einen die SuS nämlich unter Umständen doch noch slay finden können, wallah. Und falls irgend jemand dass jetzt nicht so prall findet, weil er oder sie es halt nicht rallt, dann is mir das Wumpe. Ich kann nämlich Hochdeutsch. Heja, isch kennd awwa aach eefach emol umstaige uff die Art, wie ma do bei uns inde Gegend hald babbelt, vasteesch Longa…?

Keine Sorge – ich rede auch in Zukunft an meinem Arbeitsplatz so, wie man es bislang von mir gewohnt war: in einem zumeist gut verständlichen Halbwegs-Hochdeutsch, dass nur gelegentlich unter dialektweicher Vernuschelung von Wortenden oder dem Glätten des harten “ch” in Wortmitten durch die Verwandlung in ein “sch” leidet; außer natürlich, mein Sprachmodul muss mal wieder neu geladen werden, weil sich meine Gedanken auf dem Weg zum Ausgang ineinander verheddert haben und mich jetzt einen Zungenverbiegenden Stau intonieren ließen… Schwalabrakadabrakawumm. Das ist dann halt so. Es ist mir aber zugegebenermaßen ein Rätsel, warum manche Menschen sich so sehr daran aufhängen, dass der aktuelle Kid-Sprech halt nicht mehr so klingt wie ihr Kid-Sprech einst geklungen haben mag. Da ist man halt noch nicht gottlos auf Mutter gegangen, sondern hat Beleidigungen aller Art noch anders verbalisiert. Was nicht bedeutet, dass man damals verbal besser miteinander umgegangen wäre. So wie bis vor ein paar wenigen Jahren in jeder Autowerkstatt noch irgendwo ein Pin-Up-Kalender mit zumeist eher wenig geschmackvollen Nacktheiten zu finden war, präsentierte sich auch die Gemein-Sprache dementsprechend roh, unsensibel und vor allem misogyn und homophob – eben gemein! Nur dass es diejenigen, die sich daran bedienten oder erfreuten null interessiert hat, ob sie gerade jemanden herabsetzen, beleidigen, mobben oder sonstwie verletzen. Das sieht heute zumeist etwas anders aus.

Ich weiß nicht, ob Kids heute tatsächlich (kultur)sensibler sind, als dass zu meiner Jugend der Fall war. Was ich feststellen kann, ist eine zunehmende Assimilierung von Worten und Redewendungen aus anderen Kultur- und Sprachkreisen, als dies früher der Fall war. Das mag auch an der mittlerweile verdammt großen Popularität deutschen Straßen-Raps liegen, der sich halt dieses speziellen Slangs bedient, welcher sich widerum aus Aspekten vieler unterschiedlicher Sprachen zusammensetzt, die in den eher migrantisch geprägten Vierteln der Großstädte halt gesprochen werden. By the way – ich nehm’ mit Freude zur Kenntnis, dass die Rapper sich – und damit ihren jeweiligen Communities – das Wort “Kanackiş” von den Rassisten zurückgeholt haben. Kaum ein anderes Kulturprodukt beweist so intensiv die Dynamik, die Wandlungsfähigkeit von Kultur selbst, wie die Sprache. Da sind Kräfte am Werk, die immer neue Dinge emergieren lassen. Ob ich das gut finde oder nicht, tut dabei gar nichts zur Sache. Denn den Prozess nahmens Kultur kann ich genausowenig anhalten, wie die sich drehende Erde. Also kommt mal klar drauf, ihr ewiggestrigen! Was ich allerdings definitiv nicht machen werde – aber das sollte ja bis hierhin eventuell schon klargeworden sein – ist, aktuelle Jugendsprache zu nutzen. Bis auf gelegentliche Einzelworte, oder aber die ironische Brechung im Kontext eines Vortrages verzichte ich weitestgehend auf die Nutzung. Denn das wirkt bei einem alten Sack wie mir wahrscheinlich eher lächerlich denn cool. Schuster, bleib bei deinen Leisten, sag ich da…

Was passieren könnte ist, dass ich auf ein “Wallah” oder Ähnliches mit “madha turid ‘an takul” antworte. Einfach weil ich’s kann. Vermutlich lasse ich das aber, weil ich ja auch junge Menschen, welche sich im Glanz ihrer neugewonnenen Kommunikations-Fertigkeiten sonnen wollen nicht unbedingt bloßstellen möchte… 😉 Ich möchte lediglich meine eigene sprachliche Gewandtheit und Wandlungsfähigkeit erhalten und nicht von babbylonischer Verwirrung überfallen werden – denn bei uns in der Gegend babbelt man halt! Und Babylon ist schon lange untergegangen. Ich wünsche in diesem Sinne noch einen schönen und gut verständlichen Tag!

NEIN sagen…?

Ich weiß, dass manche (vor allem fremde) Menschen mich des öfteren als streng, vielleicht gelegentlich sogar hart bis zur Unfreundlichkeit wahrnehmen. Das könnte daran liegen, dass da draußen mittlerweile eine Menge weichgespülter Pussies (m/w/d) rumlaufen, die eine klare Ansage weder verstehen noch wertschätzen können; die überdies nicht bereit sind konsequent zu handeln und Anderen ihre Grenzen und Fehler aufzuzeigen. Und nur, um das klarzustellen: Ich will solche Leute auch in meinem persönlichen Umfeld, damit sie das bei mir ebenso tun können. Bis auf diesen dämlichen Pfosten letzten Samstag am Badesee, der extrem distanzlos und unbeherrscht wurde, weil ich zwei Kindern einfach nur sagte, dass sie mitten im Weg sitzen. Dieser asoziale Pfosten darf sich gerne bei mir melden, dann klären wir das – Säge, Schaufel, Plane und Stiefmütterchen stehen bereit. Aber wahrscheinlich ist dieses lausige Stück zu feige. Ganz ehrlich – wenn jemand nicht drauf klarkommt, das man im Leben besser deutlich kommuniziert, ist das deren Problem; insbesondere weil deutlich NICHT automatisch unhöflich oder gar unverschämt bedeutet – sondern einfach nur deutlich!

Aber damit klar wird, warum ich darauf so allergisch reagiere, will ich mich an dieser Stelle kurz erklären: ich habe in meinem Leben eine lange Reihe schlechter Chefs (und auch Kollegen) hinter mich gebracht. Da waren ein paar hinterfotzige Arschgeigen dabei, die ich bis heute nicht anpissen würde, wenn sie mir brennend entgegen kämen! Diese ekligen Menschoiden haben mich allerdings eines gelehrt: wenn du willst, dass sich etwas ändert, musst du es selbst in die Hand nehmen, oder (falls man es, aus welchen Gründen auch immer, nicht selbst tun kann) immer wieder ansprechen und dennoch geduldig bleiben. Ein paar dieser Typen von damals existieren übrigens leider immer noch, an ein paar anderen bin ich mittlerweile vorbei gestiegen; heute stören sie mich nicht mehr. Weil ich jetzt klar kommuniziere. Manchmal allerdings so schmerzhaft klar, dass manche Menschen mich wohl nicht mehr so recht mögen. Aber ich will auch gar nicht unbedingt gemocht werden – gehört und verstanden werden wäre mir viel wichtiger. “Everybodys Darling” wird nämlich ganz schnell zu “Everybodys Schlampe”; der Spezialist mit wichtigen Infos und Einsichten hingegen bleibt zumeist der Spezialist.

All der eben beschriebenen Härte zum Trotz ist es nicht so, dass ich leichtfertig verbal auf Menschen eindresche, oder einfach so NEIN zu irgendwas oder irgendwem sage. Weil ich nämlich weiß, dass ein NEIN mannigfaltige Enttäuschungen bedeuten kann. Ich hatte ja selbst schon genug davon. Wenn ich also NEIN sage, ist selten das Wort der ganze Satz, weil ich gerne begründe, warum ich etwas ablehne, bzw. ablehnen muss. Denn hinter der eben beschriebenen Deutlichkeit meiner Worte steht oft ein Abwägungsprozess, welcher darauf beruht, dass ich (leider) ein recht empathischer Mensch bin. Ich nehme sehr wohl wahr, was in meinen Gegenübern vorgeht. Ich entscheide nur gerne selbst darüber, ob ich mich davon berühren lasse, oder eher nicht. Ich muss allerdings zugeben, dass ich im Privatleben heutzutage meist deutlich konzilianter bin, als bei der Arbeit. Das könnte daran liegen, dass man als Leitungsperson gelegentlich auch unangenehme Entscheidungen treffen UND kommunizieren muss. Der Gesichtsausdruck einer Person, die von mir ihre Kündigung in der Probezeit ausgesprochen bekam, blieb mir lange präsent. Es ist ein zutiefst menschlicher Makel, weder gedanklich noch kommunikativ zwischen der Sache und der Person trennen zu können. Noch etwas, dass ich von den sogenannten Leitungspersonen in meiner persönlichen Historie nur zu oft erlebt habe – und bis heute bei Kollege*innen gelegentlich immer noch erlebe. Am Ende des Tages können wir wohl niemals wirklich aus unserer Haut. Außer wir werden ziemlich wütend; dann geht das plötzlich ganz leicht, aber leider auch vollkommen ziel- und nutzlos…

Dabei ist das NEIN ein so wichtiges Wort, symbolisiert es doch eine Grenze, die nicht zu übertreten ist, einen Pfad, der nicht verlassen werden sollte, oder eine Sache, die einem nicht gehören wird. Ohne diese Grenz-Setzungen zu den richtigen Zeiten werden Menschen nämlich unter Umständen zu dieser unerträglichen Subspezies des narzisstischen Selbstbedieners. Und von DENEN marodieren wahrhaft schon viel mehr als genug auf dem Erdenrund umher! Nun ja, Menschen kann man ab einem bestimmten Punkt nur noch sehr schwer ändern, was bedeutet, dass ich in meinem Berufsleben wohl noch eine Menge NEINS werde verteilen müssen. Vielleicht gleich heute – mal schauen. Wie’s auch laufen mag, startet gut in die neue Hölle… ähm Woche…

Auch als Podcast…