Über’s Wetter reden?

Ja, kann man mal machen. Ich selbst habe mich zwar schon des Öfteren über „das Wetter“ als ausgemacht seichtes Small-Talk-Thema ausgelassen. Allerdings muss ich zugeben, dass diese Betrachtungsweise dahingehend überholt ist, als Wetterphänomene, die allenthalben zum Nachteil gereichen immer häufiger werden. Man denke an die ungewöhnlich hohe Zahl extrem schwerer Gewitter in Süddeutschland im Juno dieses Jahres; die überdies mit einer, für deutsche Verhältnisse unverhältnismäßig hohen Zahl an Unwettertoten einhergingen. Überraschend waren vor allem die Intensität des Regens und die nun zu Tage getretene Unzulänglichkeit der örtlichen Infrastruktur, diese zu kanalisieren. Das hätte wohl tatsächlich keiner geglaubt.

Natürlich fangen dann wieder alle zu reden an. Sie reden aber nicht davon, dass die Klimaerwärmung uns nun mit einer Phase des Klimazonenwandels endgültig davon zu überzeugen sucht, dass sie real ist. Und dies Phase des Wandels äußerst sich gegenwärtig ganz offenkundig in immer extremeren Mikrowetterphänomenen. Oder hat irgendjemand schon mal so einen Juni erlebt? Ich nicht und ich habe auch keine Erinnerung an derart schnell heranrollende, mit solchen Temperatur-Amplituden einhergehende und derart schnell wechselnde Wetterperioden. Mag sein, dass meine subjektive Sicht alleine nicht aussagekräftig erscheint, aber tatsächlich haben Wissenschaftler ja immer wieder darauf hingewiesen, dass in der Klimaerwärmung Transitionsphasen mit Extremen in beide Richtungen (also Warm vs. Kalt und Trocken vs. Nass) immer wieder möglich sind und wir gerade erst am Beginn einer solchen Phase stehen. Aber kurzfristige wirtschaftliche Belange waren ja schon immer wichtiger und man kann auf Klimakonferenzen noch so viele schöne Worte absondern und noch so viele – von manchem Nachrichtengollum dann hinterher auch noch als „ambitioniert“ bezeichnete – Abkommen schließen; so lange die Wirtschaft diktiert wo’s langgeht, werden wir weiter in den Abgrund steuern.

Ich bin ein alter Soze, aber beim besten Willen kein Linksromantiker. Ich weiß, dass irgendwie essen auf die Tische der Menschen kommen muss und dass Wirtschaftsunternehmen dies quasi en passant durch ihre Wertschöpfung mit erledigen. Es ist aus meiner Sicht auch nichts daran auszusetzen, wenn man seine Arbeitskraft für den Erwerb des Lebensunterhaltes verhuren muss. Nur haben sich die Maßstäbe einmal mehr zu Ungunsten jener verschoben, die am unteren Ende dieses Prozesses stehen. Fast ein Jahrhundert des Kampfes für Arbeitnehmerrechte und gegen eine willkürliche Ausbeutung nicht nur der Menschen, sondern auch unserer natürlichen Ressourcen durch die Wirtschaft sind in den letzten 15 Jahren durch das Mantra der Organisation aller gesellschaftlichen Prozesse nach dem Bilde der Marktwirtschaft zunichtegemacht worden.

Was das mit dem Wetter zu tun hat? Nun, mit den Arbeitnehmerrechten rückten zunehmend auch Umwelt- und Verbraucherschutz in den Fokus der politischen Regulierungsabsicht. Vollkommen zu Recht, denn was ein entfesselter Kapitalismus mit seinen Kindern anstellt, kann man in der so genannten Volksrepublik China gerade sehr gut beobachten. Ausbeutung breiter Schichten insbesondere der ungebildeten Landbevölkerung geht mit massiver Umweltverschmutzung einher. Der Turbokapitalist tritt also nicht nur die Rechte seiner Angestellten (Sklaven wäre hier wohl die passendere Bezeichnung) mit Füßen, sondern auch das Wohl der Natur. Das erzeugt verseuchte Flüsse, ausgelaugte Erde und Treibhausgase, die zur Klimaerwärmung beitragen, auch wenn von den Konzernen bezahlte Wissenschaftler immer wieder statistische Nebelkerzen werfen. Die Klimaerwärmung erzeugt Wetterkapriolen und diese erzeugen schlechte Ernten, erschwerte, bzw. im schlimmsten Fall ausgelöschte Existenzen, erhebliche Infrastrukturschäden und alles in allem verschlechterte Lebensbedingungen. ABER NÖ, das hat ja alles nichts miteinander zu tun. Na ja, aber so lange die Arbeitsausfälle durch dauerschuftende freiwillige Feuerwehren, das THW und andere, sowie die Versicherungsfälle billiger sind, bzw. von anderen Teilen der Gesellschaft (also von uns!) getragen werden müssen, als tatsächlich wirtschaftlich umzudenken zu müssen, kann man ja immer so weitermachen. Pfui Teufel!

Ja, das Wetter ist schon lange kein Small-Talk-Thema mehr, zumindest nicht für mich. Ich unterhielt mich dieser Tage mit unserem Vermieter am Urlaubsort, der meinte, in der Region habe es seit zwei Monaten nicht mehr geregnet. Zwei Monate kein Regen? OK, das ist hier die Toskana, aber dennoch, dennoch… insbesondere, wenn man bedenkt, dass ich letztes Jahr, um dieselbe Zeit dieselbe Auskunft von einem anderen bekommen hatte, zusammen mit dem Hinweis, dass dies schon seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen sei! Jeder man sich seine eigenen Gedanken dazu machen. Für mich klingt das allerdings nach einer sehr großen Menge schlechten Karmas.

Ich könnte mich jetzt einfach freuen, dass seit über einer Woche jeden Tag die Sonne aus allen Kopflöchern scheint und meine Familie sich jeden Tag am/im Pool vergnügen kann, was mit kleinen Kindern eine gewisse Entspannung bedeutet. Aber leider kann ich das Auge für’s große Ganze nicht abschalten und so dräuen in meinem Hinterkopf die Probleme; zumindest ein bisschen, denn jetzt muss ich erst mal in den Pool, es ist nämlich verdammt heiß hier…

Post-Trauer?

Bevor die letzten Wochen zu einem Parforce-Ritt in interfamiliärer Gefühlsbewältigung wurden, hatte ich eigentlich an verschiedenen Projekten gearbeitet und rumgedacht, die im weiteren Sinn mit meinem Studium zu tun haben. Denen wollte ich mich jetzt wieder zuwenden, nachdem die letzten Wochen mir schon, durch verschiedenste Aufgaben, wenig Gelegenheit zur Kontemplation gelassen hatten. Allerdings gab und gibt es immer noch Unerledigtes und Ablenkungen, die mich nicht so recht zur Ruhe kommen lassen. Einerseits musste ich, allen Sorgen zum Trotz, eine Hausarbeit für mein Studium abschließen, weil der Termin dräute und ich beim besten Willen keinen Nerv habe, über die Regelstudienzeit zu prolongieren. Das mag abgebrüht klingen, aber wem nützt es, wenn ich alles liegen lasse und den sterbenden Schwan spiele? Meinem leider verstorbenen Vater? Wohl kaum.

Andererseits war es letzthin nicht einfach mit manchem umzugehen und verschiedentlich hatte ich den Eindruck, dass die Menschen ringsum eine spezielle Art der Trauerbewältigung von mir erwarten würden; ganz so, als wenn es für Emotionen aller Couleur Schalter gäbe, die man einfach nur umlegen muss. Oder als wenn es obligat wäre, eimerweise zu greinen. JA – ich habe einen Verlust erlitten! NEIN – ich muss nicht so trauern, wie es in irgendwelchen schlauen Büchern über die Psyche steht. Ich kenne diese Bücher, ich musste selbst oft genug anderen Menschen – vor allem Angehörigen von Patienten – Trauer in Extremsituationen kanalisieren helfen. Und mitnichten findet man die beschriebenen Phasen tatsächlich in signifikanter Häufigkeit. Trauer als Arbeit zu bezeichnen, ist übrigens nach meiner persönlichen Erfahrung auch Käse. Ich muss keine mentalen Steine bewegen, ich muss lernen, zu akzeptieren, dass ein Mensch, mit dem ich vielleicht gerne noch das eine oder andere geteilt hätte jetzt nicht mehr da ist. Wann und wie ich darauf reagiere, ist allerdings verdammt nochmal mein ganz privates Bier!

Ich habe Emotionen und ich bin auch spirituell, jedoch nicht auf allzu plakative Weise. Damit kommen manche nicht klar. Sie glauben, ich würde alles in mich hineinfressen und müsste daran dann jämmerlich zu Grunde gehen. Vielleicht lesen die einfach nicht mein Blog? Wie dem auch sei, es liegt mir nicht besonders, einen riesigen Bohei um meine Gefühlswelt zu machen; zum einen, weil sie privat ist und zum anderen, weil mir das, was andere Menschen zeigen allzu oft aufgesetzt, ja manchmal nachgerade falsch vorkommt. Wer weiß, wie man unter meine Oberfläche schaut, der ahnt, dass es da durchaus brodelt…

Es gibt vielleicht den Zustand der Prä-Trauer; also quasi jenen, bevor man einen großen Verlust erdulden muss. Der hält in aller Regel an vom Erlangen eines echten Bewusstseins für das Miteinander bis zum ersten Blutsverwandten, den man selbst zu Grabe tragen muss. Das Schicksal hat mich bis zu meinem 43 Lebensjahr davor bewahrt und mir so die Chance gegeben, zu einer gefestigten Persönlichkeit zu werden. Einen Zustand der Post-Trauer wird man danach aber nie wiedererlangen können. Denn das, was man als Hinterbliebener mit dem Verstorbenen geteilt hat, bleibt für immer. Der Schmerz wird blasser, bis er zu einer Narbe auf der Seele abheilt, die nur noch zu bestimmten Gelegenheiten schmerzt. Doch wenn der private Lord Voldemort auftaucht, muss man das ertragen.

Man könnte also sagen, dass es einen Zustand der Trauer-Unschuld gibt, der mit dem ersten familiären Trauerfall endet. Ich empfinde das im Moment als sehr zwiespältig, denn einerseits hätte ich mir natürlich gewünscht, dass noch ein wenig aufschieben zu dürfen. Andererseits sollte jemand aus meinem beruflichen Milieu eigentlich wissen, dass das Leben nun mal endlich ist. Vielleicht ist es aber auch genau dieses, durch jahrzehntelange Erfahrung verfestigte Wissen, dass mich in anderer Leute Augen als abgebrüht erscheinen lässt. Wer kann das schon so genau wissen…? Im Moment nehme ich es, wie’s kommt und pfeife weitestgehend auf die Meinungen Anderer; auch wenn man mich dann wohl als noch weniger empathisch wahrnimmt. Da gibt es keine Patentlösung. Nur so viel: diejenigen, die für mich emotional relevant sind, werden es erfahren, wenn ich dann doch zusammenbrechen sollte. Alle anderen jedoch dürfen bitte ab jetzt davon Abstand nehmen, mich taxierend zu beobachten, denn es nervt mich total und ist überhaupt nicht hilfreich. Schönen Dank und schönes Leben noch!

Eine sehr private Bekanntmachung.

Heute Morgen war meine Welt noch in Ordnung, wenn man einmal von dem Umstand absieht, dass gegen 07:30 zwei kleine Mädchen mit einem, für ihre Verhältnisse durchaus subtilen Auftritt jeden weiteren Gedanken an prolongiertes Lümmeln in der Bettstatt ad absurdum geführt haben. Sei’s drum, soweit war alles in Ordnung. Der Rest des Tages jedoch verlief weitaus weniger erquicklich; nun eigentlich ist dies ein ziemlich dicker Euphemismus, denn heute Morgen ist mein Vater verstorben! Vollkommen unerwartet und sehr schnell.

Es fällt mir schwer, meine Gefühle dazu zu ordnen, weil das Ordnen von Gefühlen mir oft schwer fällt. Nicht, weil ich keine hätte, sondern weil sie sich gerne Zeit lassen, um an Wucht zu gewinnen und mich im Nachgang niederzuringen. Ich kann jedoch abwarten, es wäre nicht das erste Mal, darin habe ich schon Übung. Meine Gedanken jedoch, sie kreisen wie Helikopter über dem keineswegs mehr jungfräulichen Gottesacker der Träume und Pläne in meinem Hinterkopf; und über meinen Erinnerungen… Nun vielleicht ist schon dieser Blogpost ein Teil meiner Art, mit dem Verlust fertig zu werden, es sähe mir wohl ähnlich.

Ich glaube, so gut wie jeder Sohn hat ein ambivalentes Verhältnis zu seinem Vater, was darin begründet liegen mag, dass wir sie zuerst als Meister unseres Universums erleben, um dann im Laufe der Zeit mitbekommen zu müssen, wie sich dieses Blatt wendet und sie u.U. irgendwann auf unsere Hilfe angewiesen sind – zwei Bilder, die nur schwerlich miteinander in Einklang zu bringen sind, zumal, wenn dieser Umstand von einer, oder beiden Seiten nicht anerkannt wird. Die Autonomie in allen Angelegenheiten ist eines der wichtigsten Güter und erst in dem Moment, da man diese wieder einbüßt – oder noch schlimmer, wieder abgesprochen bekommt – ist man wohl wirklich alt.

Ich habe meinen Vater in meiner Kindheit und Jugend als starken Mann erlebt, als Prinzipientreu bis hin zur Sturheit und in mancherlei Dingen oft sehr konservativ. Ebenso war er aber auch liebevoll und fürsorglich. Manch gesellschaftlicher Wandel bereitete ihm Sorge, gar Ärger, denn er stammte aus einem anderen Zeitalter. Andererseits machten Herkunft oder Ethnie für ihn kaum einen Unterschied; er maß die Menschen an ihren Taten. Ich erinnere mich noch gut, dass ich eine sehr behütete Kindheit hatte, auch wenn meine Eltern vermutlich Fehler gemacht haben; ich mache als Vater leider, weiß Gott, auch oft genug welche.

Als ich als Jugendlicher mit verschiedenen Wünschen zu ihm kam, sagte er mir, er wüsste, wie ich dazu käme und gab mir die Gelegenheit, sie mir selbst zu verdienen. Er lehrte mich so und durch andere Dinge verschiedene Tugenden, die mancher vielleicht jetzt geringschätzig als altmodisch abtun wird: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß, den Wert der eigenen Arbeit zu kennen und stets gerecht zu handeln (oder es wenigstens zu versuchen). Und er lehrte mich, wie echtes Leadership wirklich funktioniert, ohne das Wort je gekannt zu haben; nämlich nichts von den Kollegen bzw. Untergebenen zu verlangen, dass man nicht selbst zu tun bereit wäre. So hat er seinen Job als Führungsperson gemacht und seine Männer (ja, es war eine wahrhaft patriarchalische Berufswelt, in der mein Vater lebte) respektierten ihn und folgten ihm stets.

Wir waren im Laufe der Jahre über so manches uneins, doch er war und blieb stets mein Vater und auch wenn Männer das sehr oft nicht so zeigen können, und es auf andere Art tun, als Frauen, habe ich ihn geliebt. Und jetzt ist er für immer fort! Also warte ich, bis die gefürchteten Gefühle kommen, um ihren Tribut zu fordern, werde einstweilen weiter mein Leben leben und versuchen, ihn zu ehren, indem ich meinen Kindern ein guter Vater bin, auch wenn sie mich am Wochenende vor der Zeit wecken. Ich weiß sowieso, dass er nicht gewollt hätte, dass man so ein Aufheben darum macht, sondern einfach auf sein gutes Leben anstößt und sich der schönen Dinge erinnert. So werde ich es halten und auf’s Beste hoffen…

PS: Danke für die Aufmerksamkeit und ich bitte es zu entschuldigen, dass die vorgelesene Version noch ein paar Tage dauert. Ich denke, jeder versteht das.

Und mal ein Gedicht…

Weihnacht, was bist du ein seltsames Fest,
verrückt, so scheint‘s wird der Menschheit Rest.
Sie hetzen, sie rennen, missachten sich ganz,
denken nur an des schönen Scheines Glanz.
Geschenke, Pakete, soviel Stress durch Konsum,
das Gerenne und Gekaufe haut so manchen um.
„Hab ich das Richtige, wird man sich freuen?“
Bange Gefühle unter dem Christbaum dräuen.
Wie wäre es, wir ließen diesen ganzen Mist,
feierten dieses Fest, so wie es eigentlich gemeint
in Liebe zueinander und in Frieden vereint
und wären tatsächlich, nicht nur mit den Lippen, ein Christ.
„Aber die Kinder, die Kinder, sie freuen sich doch,
auf Geschenke und Zeichen, das ganze Drumrum!“
Tönen sie dann alle, mit sehr lautem Gebrumm –
und stürzen geschäftig in den Weihnachtsmoloch.
Was über’s Jahr nicht wirklich harmonisch verläuft,
wird vom Kugeln am Christbaum kaum besser.
Wer glaubt, es hilft wenn man Gaben aufhäuft,
läuft dann vielleicht in ein hübsch verpacktes Messer.
Auch ich hab Familie und Päckchen und Braten und Baum.
Und denk so bei mir, jetzt sehe ich ihn aber kaum;
doch der Geist der Weihnacht kommt trotzdem zu Gast,
wenn im Herzen ihr nur ein Plätzchen ihm lasst.
So ertrag ich meist gelassen das Brimborium,
denn am 26. so gegen Abend ist es schon wieder rum.
Und solange die Menschen ihre Freude dran haben,
geht’s auch nächstes Jahr weiter – mit neuen Gaben.

Vor dem Reden zu denken, würde helfen!

Aus gegebenem Anlass hier eine kurze Lektion in Sachen Flüchtlinge, vielleicht auch, weil viele die folgenden Sachverhalte gerne vergessen. Dazu ein kurzer Rückblick ins Zeitalter des Kolonialismus. Das war jene Zeit, als die alten Nationen Europas es schick fanden, rings um den Globus zu segeln, um sich Land unter den Nagel zu reißen, welches ihnen nicht gehörte, die dort lebende Bevölkerung entweder durch eine Zweiklassengesetzgebung gegenüber den neuen Herren – die einfach nur den Vorteil überlegener Waffentechnik besaßen, jedoch keinerlei moralische oder sonstige Rechtfertigung für ihr Tun – wirtschaftlich, politisch und sozial zu benachteiligen oder gleich zu versklaven. Das daraus gewonnene Kapital wurde dann wiederum für Kriege in Europa oder direkt in den Kolonien verbrannt. Dieses Zeitalter dauerte übrigens, noch mal zur Erinnerung vom Ende des 15. Jahrhunderts bis in die 60er des 20. Jahrhunderts. Wir Europäer rühmen uns ja häufig damit, die Wiege der Demokratie zu sein und so moralisches Gewicht zu haben. Spanien war allerdings bis 1974 eine Militärdiktatur, Portugal bis 1975 und Griechenland bis 1981…

Wie dem auch sei, die Kolonialisierung „der Wilden“ zerstörte funktionierende, teils hoch entwickelte Staatsgebilde, vernichtete lokale Eliten und hinterließ, vor allem durch Landumverteilung insgesamt schwierige, manchmal auch verheerende soziale und wirtschaftliche Probleme, die bis heute nach wirken. Dass nach dem teils hastigen Abzug der ehemaligen Herren entstehende Machtvakuum begünstigte zudem oft genug, das Individuen und Gruppen an die Macht gelangen konnten, die alles Mögliche, aber nur selten das Beste für ihr Volk im Sinn hatten. Für jene Leute, die jetzt nicht zu Unrecht nach Quellen fragen: das Buch „Warum Nationen scheitern“ von Daron Acemoglu und James Robinson illustriert diese Prozesse in einem geschichtlichen Querschnitt sehr anschaulich. Die so entstandenen Staaten mögen heute Völkerrechtlich keine Kolonien mehr sein; da die meisten wirtschaftlich aber in nicht unerheblichem Umfang direkt oder indirekt vom IWF und ausländischen Konzernen (aus der ersten Welt) abhängig sind, darf von Freiheit keine Rede sein. Dass es dann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überdies en vogue war, in Ex-Kolonien Autokraten an die Macht zu helfen, damit diese den wirtschaftlichen Interessen eben jener ehemaligen Kolonialherren dienlich zu sein hätten – oder den USA, je nach dem wer schneller am Drücker war – hatte die soziale Situation der Bevölkerung nicht verbessert.

Zu uns nach Deutschland kommen nun in erster Linie Flüchtlinge vom Balkan, aus Afrika, Arabien und dem vorderasiatischen Raum. Für die Menschen aus dem Balkan taugen meine Erklärungen übrigens auch, insofern das mit dem wilhelminischen Kaiserreich aufs Engste verbandelte Habsburgerreich dort Land zusammengefügt hat, welches nicht zusammengehörte und während des Balkankrieges auch deutsche Blauhelme mehr oder weniger tatenlos danebenstanden, als es unter gewalttätigen Umständen wieder zerfiel. Europa und Deutschland haben seitdem wenig gegen die politische und soziale Katastrophe in unserem Vorgarten getan. Dass Menschen vor dem so entstandenen Elend davon rennen, ist menschlich, insbesondere, wenn man dort zu lange auf eine Perspektive hoffte, die niemals erschien, allen warmen Versprechungen der EU-Oberen zum Trotz. Abgesehen davon, dass sie hier sowieso wieder weg geschickt werden, haben sie kaum einen schlechteren Grund herkommen zu wollen: weg aus weitgehend gescheiterten Staaten, die vom alten Europa vergessen und abgekanzelt wurden, nachdem man dort seine Agenda abgearbeitet hatte. Hauptsache, kein Ostblock mehr, was aus den Menschen würde, war egal.

Menschen, die Not leiden, sind für Heilsverspechen, gleich welcher Couleur anfällig, ob diese nun im religiösen Gewand daherkommen, sich in einen uralten Stammeskonflikt institutionalisieren, oder in die Fremde weisen. Die einen machen Dschihad, die anderen rennen unter anderem davor davon. Und was hat das mit dem Flüchtlingsproblem zu tun? Nun sagen wir mal so, auch Deutschland besaß Kolonien und hat dort ziemlich grausig gewütet. Deutsche Außenpolitik orientierte sich nach 1945 über Jahrzehnte am großen Bruder USA und dessen Weltbeherrschungsagenda und auch heute interessiert sich zum Beispiel unser Wirtschaftsminister nur für das, was der Wirtschaft gut tut und kaum für Fragen der Menschenechte, die doch angeblich bei uns so groß geschrieben werden.

Wer also glaubt, dass er dennoch stolz auf unsere Nation sein möchte, dem sei dies unbenommen, er sollte sich jedoch daran erinnern, dass ein solches Gefühl der Verbundenheit mit dem Konstrukt Deutschland auch bedeutet, durch die Geschichte nicht nur mit den Errungenschaften, sondern auch mit den Fehlern und Missetaten verbunden zu sein; woraus Verantwortung erwächst. Nämlich die Verantwortung, eben die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen und deshalb in der Gegenwart Recht an denen zu tun, die aus Gründen der Not zu uns kommen. Ich hasse das Etikett „Wirtschaftsflüchtling“, weil es unterstellt, es sei unlauter, aus bitterem sozialem Elend zu fliehen. Man übersieht dabei gerne, dass Deutschland nach dem 2. Weltkrieg nicht ohne Hilfe von außen wieder auf die Beine gekommen ist; Stichwort „Marshall-Plan“. Nirgendwo in Deutschland herrscht solche Not, wie jene, vor der diese Menschen davon laufen.

Noch ein Wort an jene, die jetzt gleich von der überbordenden Menge an Gewalttaten durch Migranten reden: lest die Kriminalstatistik des BMI, die Zahlen von 2014 sind online. Ja, es gibt – seit Jahren zum ersten Mal – einen Anstieg bei nichtdeutschen Tätern im adoleszenten Alter. Inwieweit das mit Neu-Migranten zusammenhängt ist noch nicht untersucht aber wer jetzt ohne Sachkenntnis vorverurteilt, muss damit rechnen, das ich das gleiche mit ihm tue: DU BIST EIN NAZI!

Denjenigen, die Leute mit braunem Gewäsch aus ihren Freundeslisten löschen: das bringt nix, weil sie dann dumm bleiben! Daher hier meine Lösung: Jeder, der sich ab heute in den sozialen Medien oder sonst wo mit meiner Kenntnis der dummen Nachrede von braunem Geschwätz, der Hetze gegen Migranten oder Andersdenkende oder schlicht der unreflektierten, nicht von Sachkenntnis gezeichneten Äußerung schuldig macht, der kommt auf meine persönliche Watchlist. Wiederholungstäter dürfen gerne damit rechnen, dass ich sie öffentlich des Nazi-Seins beschuldigen werde. Soweit alles klar? Dann bis die Tage…

Rechtsradikale Randnotiz…

…die rechtsnationalistischen, russischen Putinfreunde von der Biker-Gang “Nachtwölfe” dürfen zum Teil nicht in die Bundesrepublik einreisen, weil man ihre Visa annulliert hat; und die russischen Behörden entblöden sich tatsächlich, öffentlich nachzufragen, warum einige ihrer “Bürger” nicht einreisen dürfen. Soll das ein Witz sein sein? Diese Verbrecher wollen hier eine regelrechte Propagandaveranstaltung mit Kranzniederlegung am russischen Feiertag “Tag des Sieges” zelebrieren (09.05 – also der Tag nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands) und wundern sich, wenn solche nationalistischen Provokationen im aktuellen geopolitischen Klima hier nicht geduldet werden? Diese braunen Schergen dürfen gerne bei sich daheim bleiben und dort feiern, wir haben selber schon mehr als genug davon.

PS: eine weitergehende Betrachtung zum Thema folgt in den nächsten Tagen.

Rettungsdienstbashing goes social media…

Auf Facebook wird wieder gejammert, wie schlecht der Rettungsdienst in unserem Kreis doch ist – also das Feld, in welchem ich seit vielen Jahren tätig bin. Ich kann und will es nicht mehr hören, weil mich dieses Gebashe krank macht; insbesondere jenes durch Leute, die es eigentlich besser wissen müssten, aber lieber billige Polemik absondern, anstatt über ihren Parteipolitischen Tellerrand zu schauen und in diesem speziellen Bereich etwas sinnvolles für ihre Bürger zu tun (was in anderen Bereichen getan oder nicht getan wird, kann und werde ich nicht beurteilen). Hier ist der Thread und unten drunter noch mal in aller Breite meine Antwort. Bis die Tage wieder…

https://www.facebook.com/chris.rihm/posts/10203278800284595?comment_id=10203279016129991&offset=0&total_comments=6&notif_t=feed_comment_reply

“Sehr interessant – dabei wird gerne die Tatsache übersehen, dass es die Krankenkassen sind, welche bei der Rettungsmittelgestellung auf die Bremse drücken. Hilfsfristen lassen sich jedoch nur dann einhalten, wenn man auch genug Manpower auf die Straße bringt, den Beruf interessant genug für eine ausreichende Nachwuchsgewinnung macht (und das bedeutet nicht nur ein leistungsgerechtes Gehalt) und dem Bürger bewusst macht, dass ein fieberhafter Infekt mit Abgeschlagenheit keinen Grund für einen RTW-Einsatz mit Transport ins KH darstellt! Solange ein nicht unerheblicher Prozentsatz der Bürger mit ihren Hilfeersuchen, welchen nach Ba.-Wü.-Rettungsdienstgesetz IMMER nachzukommen ist Rettungsmittelmissbrauch betreiben und Vertreter der Krankenkassen meinen, sie könnten doch noch ein bisschen am RD einsparen, wird es immer wieder Fälle geben, in denen Hilfe nicht zeitgerecht eintrifft, schlicht, weil keine Einsatzmittel in der Nähe verfügbar sind. Dem trägt auch der Umstand bei, dass der RD in 95% aller Einsätze in 10, höchstens aber 15 Minuten am Einsatzort sein soll. Was bedeutet, dass dies in 5% der Fälle schlicht nicht möglich ist, weil das System zumindest dem Grunde nach wirtschaftlich arbeiten soll – oder möchte hier irgendjemand 35% von seinem Bruttolohn als KK-Beitrag abführen? Aber anstatt sich den wahren Schuldigen zuzuwenden, nämlich jenen, die in Kostenverhandlungen mit der Kettensäge auflaufen und lieber der Pharmaindustrie noch ein bisschen Zucker zuschanzen, einfach weil diese die bessere “Argumente” hat, prügelt man lieber auf die Leitstelle und das RD-Personal ein, weil diese a) sich ja nicht wehren dürfen, sie haben schließlich “kundenorientiert” zu arbeiten, b) keine Lobby haben, außer sich selbst und c) es einfacher ist, als ein Bürgerbegehren gegen die miese Sparerei und Klientelpolitik der Krankenkassen zu initiieren. Sorry, aber dieses selbstgerechte Gelaber, dass meine Kollegen und ich so schlecht sind, dass wir es nicht mal auf die Reihe kriegen, pünktlich zu kommen, ist ungerecht, ungerechtfertigt und einfach nur billig! Eine Gesellschaft bekommt genau die Dienstleistungen, die proportional dem Interesse, dem Engagement und der Zahlungswilligkeit ihrer Nutzer entspricht. Ihr wolltet doch freie Märkte, weil Geiz geil ist – da habt ihr sie. Ich habe fertig!”

PS: Bevor jetzt irgend jemand jammert, dass ich ihn hier nicht hätte zitieren dürfen: Facebook ist öffentlich, meine Antwort ist öffentlich, denn es geht im Grunde um etwas von öffentlichem Interesse. Wer seine Meinung nicht abgebildet sehen will, sollte auch nicht kommentieren!

Nur kurz zum Flugzeugabsturz in den französischen Alpen…

Ich finde es einerseits sehr menschlich und angebracht, den betroffenen Familien auch hier, online mein Beileid zum Verlust auszusprechen und ich selbst wünsche allen Angehörigen viel Kraft in der kommenden Zeit, denn unversehens eines lieben Menschen beraubt zu werden, ist immer tragisch und schmerzhaft.

Allerdings glaube ich ebenso, dass ein gerade aufbrandender Facebook-Hype mit virtuellen Kondolenz-Schleifchen und ähnlichem den tatsächlichen Umständen nicht gerecht wird. Nochmal: es ist absolut bitter, wenn viele, auch junge Menschen durch ein Unglück – und ich weiße hier ausdrücklich darauf hin, dass ich es sehr gut finde, wie besonnen bislang durch die Medien auf das Geschehen reagiert wurde, insbesondere den Verzicht auf wilde Spekulationen über die Unglücksursache  – in den Tod gerissen werden.

Trauer ist jedoch nach meiner Erfahrung etwas sehr persönliches und ich selbst wäre von virtuellen “Kranzniederlegungen” eventuell gar nicht sehr erbaut. Das Bekunden des Mitgefühls wird im Kontext der sozialen Medien durch das Klicken des Share-Buttons meines Erachtens nämlich auf das Niveau eines Katzenbildchens herunter gewürdigt; und DAS wird dem eventuell individuell empfundenen Verlust nicht wirklich gerecht.

Aber irgendwie habe ich mir auch gerade widersprochen, weil ich ja jetzt in meinem Blog selbst etwas dazu gesagt habe, nicht wahr? Ja, wenn wir mit dem Tod konfrontiert werden und sei es nur in den Medien, ist nichts einfach. Vielleicht ist das mein Punkt – denken, bevor man teilt, auch wenn es nur um eine digitale Trauerkerze geht; insbesondere, weil Mitgefühl auch echte Reflexion des Schmerzes im Anderen erfordert. Und dafür langen der Share- und der Like-Button einfach nicht – weil die für so vieles nicht langen…

Es gibt so Zeiten…

…wo man einfach nicht so kann, wie man will. Die letzten Wochen waren so eine Zeit. Arbeitgeberwechsel gepaart mit einer Klausur für’s Studium, deren Vorbereitung viel Zeit in Anspruch genommen hat und den Anforderungen des Familienlebens haben Stunden der Muße für mich zum Luxusartikel werden lassen, was sich auch auf die Häufigkeit meiner Publikationen hier im Blog auswirken musste. Und weil ich nicht einfach irgendeinen Müll zusammen schmieren wollte, nur um mehr Beiträge stehen zu haben, kratzte die virtuelle Feder nicht auf dem digitalen Papier. Aber weder bin ich tot, noch habe ich keine Lust mehr. Ab jetzt geht es wieder öfter weiter. In diesem Sinn: Gute Nacht!