Bescheid-Wissen

Ich habe gerade festgestellt, dass ich schon viel zu lange nichts mehr gepostet habe. Ist ja nicht so, dass mich nix beschäftigt hätte, sowohl physisch als auch psychisch, aber irgendwie habe ich einfach den Arsch nicht hochbekommen. Die Charlie-Hebdo-Geschichte treibt mich zwar um, aber meine Gedanken waren noch nicht sortiert. Schon wieder was über die Nazi-Hinterher-Läufer aus Sachsen? Alter Hut, läuft sich gerade tot, weil der Aufstand der Anständigen mittlerweile aus jedem potentiell fremdenfeindlichen „Abendspaziergang“ ein Spießrutenlaufen macht. In einer Gesellschaft, die ihre Klassenkämpfe längst institutionalisiert hat, wird halt einfach die – wenn auch nur verbale – Andersdenkendenklatscherei ebenso zum Zeremoniell erhoben und schon hat man eine Konkurrenzveranstaltung zum rheinischen Karneval. Schwellköppe gibt’s an beiden Orten reichlich zu finden; und Narren sowieso.

Da sich medial, egal wo in Print oder im Weltgewebe schon lange alle mit ihren vorgefertigten Meinungen, ihrem undifferenzierten televerbalen Geschwurbel und ihren Pauschal-Dogmen in Stellung gebracht haben, gibt es auf diesem Acker nichts mehr zu bestellen. Dann verbringe ich meine Zeit lieber mit mir genehmen Zeitgenossen bei Spaß und Spiel, sauf abends gemütlich ‘nen Captain mit Cola und lass fünfe gerade sein. Auf Grund eines Jobwechsels bin ich gerade mit etwas mehr Freizeit gesegnet als sonst und man kann ja nicht den ganzen Tag über den Büchern für’s Studium hängen, schließlich hält Konzentration nicht ewig. Obschon das Thema, mit dem ich mich momentan diesbezüglich beschäftige wirklich interessant ist. Sozialstrukturanalyse und Gegenwartsdiagnosen. Sehr erhellend.

Ich kam dabei nicht umhin, einmal mehr meine eigenen Positionen zu überdenken. Nicht das jetzt jemand meint, ich sei von meinem Bekenntnis zur Sozialdemokratie bekehrt worden. Au contraire, meine Lieben, es muss nur gelegentlich mal gesagt sein, dass Sozialdemokrat zu sein und die SPD zu wählen heutzutage leider manchmal nur noch wenig miteinander zu tun hat. Danke Gerd, dass du die Ideale der Genossen entweiht hast. Wahrhaft traurig dabei ist aber eigentlich, dass Frau Merkel und ihre Gurkentruppe die Früchte jener als z.B. Hartz-Gesetze bekannt gewordenen und nach wie vor ungeliebten Reformen ernten. Denn Fakt bleibt, dass strukturelle Veränderungen und damit einher gehend auch Einschnitte in der Organisation staatlicher Transferleistungen nach der Maxime „Fordern und Fördern“ tatsächlich unumgänglich notwendig waren. Dass dabei handwerkliche Fehler gemacht wurden (zum Beispiel bei der staatlich geförderten Rentenversicherungen vom Riester-Typ, oder beim Bürokratie-Wildwuchs in den Jobcentern und sonst wo), man es überdies nicht geschafft hat, den Leuten zu erklären, warum das notwendig ist, was damit erreicht werden soll und man mit unangenehmen Notwendigkeiten natürlich auch keine Wahlen gewinnt, ist eine ganz andere Sache.

Und die große Koalition ergeht sich Geplänkel um Möchtegernreförmchen wie die Mogelpackung Mindestlohn und das Populismusmonster Maut; wer hat’s erfunden? Na klar, wie immer unseren südöstlichen Problembären der Weißwurstokratie. Jedes Mal wenn irgendeine Biertischscheiße zum Gesetz hochgejuxt werden soll, ist die CSU voll mit im Boot. Ach Mist, jetzt bin ich ja schon wieder bei der Politik gelandet! Na ja, was soll’s, wie Pispers in „Bis neulich 2014“ gesagt hat: er macht jetzt 30 Jahre Kabarett und das immer über die gleichen Themen. Dafür wird es ja wohl einen Grund geben, nicht wahr?
Was mich eigentlich an politischen Themen und deren Protagonisten reizt? Einfach alles!

Es ist schon ein paar Jahre her, da ließ ich mich bei einer Ausbildungsveranstaltung zu einem ganz anderen Thema dazu hinreißen, eine abfällige Bemerkung über Politiker zu machen, was der Dozent zum Anlass nahm, mich zu fragen, wer denn der Bundestagsabgeordnete meines Wahlkreises wäre und das falls ich da nicht wüsste, und mich nicht mit seiner Arbeit beschäftigt hätte ich ja kein Recht hätte, Politiker pauschal abzuurteilen. Für ihn war das eine willkommene Möglichkeit, die aus seiner Sicht vorhandene Überlegenheit seiner Argumentation zu demonstrieren, einfach weil der Typ ein arrogantes Arschloch war und im Übrigen immer noch ist. Er meint tatsächlich, er wäre wichtig, weil er sich in irgendeiner NGO hochgebumst hat und ein paar Verbindungchen zu Lokalschranzen hat; nun ja, jeder nach seiner Facon.

Ich habe daraus allerdings eine Lehre gezogen und für die sage ich: Danke Arschloch! Ich gehe nicht mehr unvorbereitet in irgendeine Art von sozialer Situation, die einen verbalen Schlagabtausch nach sich ziehen könnte, weil ich keinen Bock darauf habe, jemandem als Profilierungspunkt zu dienen, dessen Geltungsbedürfnis kein reelles Korrelat hat; oder weniger verklausuliert: der sich selbst viel zu wichtig nimmt. Außerdem hatte ich seitdem ja auch ein paar Tage Zeit zum Üben und wie wir wissen, ist die Zunge die einzige Waffe, welcher durch ständigen Gebrauch schärfer wird. Gilt natürlich auch für das geschriebene Wort. So oder so weiß ich heute Bescheid. Und frage mich immer noch, was die Kenntnis eines Politikers und seiner offiziellen Agenda mit den in der Politik unserer Zeit üblichen neokorporatistischen Arrangements und dem damit notwendigerweise einher gehenden Lobbyismus denn nun zu tun hat. Nix! Denn Namesdropping klingt schön, ändert aber an den Umständen, unter denen Politik tatsächlich zu Stande kommt eher wenig.

Ich vermute, dass er das auch weiß. Was es für ihn noch beschissener aussehen lässt, wenn er wider dieses Wissen gehandelt hat, indem er so tat, als wenn er um so viel besser Bescheid gewusst hätte, als ich. Damals vielleicht ein bisschen, heute sicher nicht mehr. Der Punkt, zu welchem ich hier eigentlich kommen wollte ist der: Bescheid zu wissen wird zum Bescheid-Wissen, wenn man mittels dieses Wissens einfach nur sein eigenes Ego feiert, anstatt es mit Engagement für wirklich wichtiges in die Waagschale zu werfen. So ein Jemand möchte ich nicht sein. Ich will in Wort und Tat zu meinen Überzeugungen stehen, weil sie wohl abgewogen habe und nicht um mich von irgendjemand bewundern zu lassen. Falsche Idole haben wir schon genug. Und Schluss!

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