Writing Fiction #7 – Where will we go from here

Seit wir herausgefunden haben, wie das mit dem Feuer geht, hat sich unsere Fähigkeit, Dinge darüber zu garen erheblich weiterentwickelt. Ebenso wie die Kunstfertigkeit, mit welcher wir es benutzen, um noch viele andere Dinge zu tun, die unsere Gesellschaft nach und nach zu dem gemacht haben, was sie heute ist: eine immerzu und überall verbreitete Dauerwerbesendung für die Kathedralen des einzigen Gottes, der heute noch Bedeutung genießt: Mamon. Wir alle huldigen ihm mehr oder weniger, auf die eine oder andere Weise und es fließt ein ebenso großer Teil unserer Energie in die Rechtfertigung dieser Huldigung, wie in den Erwerb dieses nutzlosen Versprechens auf einen Gegenwert, welches wir Geld zu nennen pflegen. Sei’s drum. Des einen Garkunst ist des anderen Lustbarkeit, doch wenn dann nur nutzlose Versprechen für ein a point gegartes Stück hochwertiges Fleisch bezahlt werden, muss man sich schon mal fragen, an welchem Lagerfeuer wir eigentlich falsch abgebogen sind? Denn an Lagerfeuern erzählt man sich schon seit jeher Geschichten. Der weitaus längste Teil der Menschheitsgeschichte wurde am Lagerfeuer von Generation zu Generation weitergegeben, indem jemand in der Lage war sich die wichtigen Ereignisse auf eine bestimmte Art zu memorieren, um sie dann bei bestimmten, oft hoch ritualisierten Gelegenheiten feierlich zu rezitieren (hierzu empfiehlt sich als Lektüre Walter Ong1). Mit Sicherheit durchliefen auch solche Zeugnisse von irdischen Stammes- oder göttlichen Schöpfungsgeschichten schon immer Zyklen der Abwandlung und Übertreibung. Einen Workshop dazu, wie man Geschichte im Namen einer Agenda neu schreibt, hat George Orwell dann 1948 verfasst – witzigerweise verdreht der Titel des Buches die Jahreszahl zu 1984… Jedenfalls ist das mündliche Überliefern sehr lange der hauptsächliche Modus Operandi geblieben. Erst ab dem 15. Jhdt. setzte sich nach und nach die schriftliche Erzählung durch (viel Spaß an jene, die sich an McLuhan versuchen möchten…2). Und ist bis heute der Standard geblieben, auch wenn digitale Medien sich immer wieder anschicken, das klassische Buch völlig zu vereinnahmen.

Es geht nun weniger um die technischen Aspekte einer Veröffentlichung sondern um die Aspekte, welche jeder Geschichte ihre Form geben: Plot, Story und Struktur. Da fliegt oft viel durcheinander, weshalb wir uns die drei Begriffe noch mal kurz anschauen müssen.

  • Plot beantwortet hauptsächlich die Fragen “Was kommt als nächstes?” und “Was bewirkt dieses Geschehen?” Es geht um die äußere Handlung, also das, was in der Geschichte vordergründig gerade abläuft. Und welche weiteren Ereignisse oder Wandlungen dadurch in Gang gesetzt werden, weil die Geschehnisse einer Geschichte (zumindest jene, die auch erzählt werden) in aller Regel kausal oder zumindest logisch zusammenhängen. Beispiel: Aschenbrödel will auf den Ball. Ihre Motivation sind eine Möglichkeit zum Ausbruch aus dem öden Alltag unter der Knute der Stiefmutter und ihrer Stiefschwestern. Es geht also um Selbstbestimmung. Als dieser Wunsch für die Antagonisten offenbar wird, setzen diese alles daran, den Ballbesuch zu verhindern. Dadurch wird eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt, eine Fee kommt ins Spiel – und am Ende ist sie doch auf dem Ball.
  • Story hingegen befasst sich mit der Innenwelt des/der Protagonist*in. Warum ist das, was passiert wichtig? (Für den Protagonisten und den Antagonisten). Was denkt und vor allem fühlt der Charakter? Welche Entwicklung des Charakters resultiert aus all dem. Unsere gute Aschenbrödel ist auf dem Ball gelandet, weil sie ihren Überzeugungen und Idealen gefolgt ist: ihre Freiheit und Unanhängigkeit, ein Gefühl für den Wert ihrer eigenen Person, auch wenn dieser durch andere immer wieder in Frage gestellt wird. Plot und Story interagieren hier über die Motivation des Mädchens, Glück erfahren zu dürfen – vermittelt durch magische Unterstützung, die mehr oder weniger offenkundig von ihrer toten Mutter gespendet wird (zumindest in der beliebten Filmversion: in der tschechischen Folklore stehen die Haselnüsse für das Erbe und den Schutz der Mutter). Sie nimmt also den neu gefundenen Mut zusammen und tut das Ungeheuerliche…
  • Struktur legt fest wann und wie wir von bestimmten Dingen erfahren. Hierin stecken also Pacing (zeitlicher Ablauf, wie auch Beschleunigung oder Verlangsamung der Abläufe), die Wendepunkte (unerwartete Entdeckungen und Enthüllungen) und damit der Rhythmus der Erzählung drin. Es gibt in der Literaturtheorie so einige mögliche Strukturen, auf die ich jetzt nicht eingehen möchte. Den meisten ist allerdings zu eigen, dass zunächst der/die Protagonist*in vorgestellt wird (wer ist die Aschenbrödel überhaupt); hierbei geht es oft um positive emotionale Bindung des Lesers an die Geschichte. Dann folgt die Herausforderung / das Problem / die Anfeindung (was machen die anderen Eumel mit dem armen Kind), um irgendwann – vermutlich nach ersten Misserfolgen und Niederlagen (unfassbare Carework) einen Schimmer der Hoffnung zu zeigen (Jagdausflug im Wald). Doch noch ist nicht alles sicher. Es wird neue Herausforderungen geben (die Stiefmutter zwingt sie, daheim zu bleiben), die u. U. in weiteren Misserfolgen und Niederlagen münden. Einerseits, um die Spannung hochzuhalten. Andererseits, um dem Charakter die Chance auf eine Entwicklung zu geben (was wird Aschenbrödel tun, um doch noch auf den Ball zu kommen… und den feschen Prinzen wiedersehen zu dürfen?).

Susan Sontag schrieb mal: “[…] In einer modernen Gesellschaft bilden mit der Kamera gemachte Bilder den wichtigsten Zugang zu Wirklichkeiten, die sich unserer direkt Erfahrung entziehen. Und es wird von uns erwartet, dass wir eine unbegrenzte Anzahl von Bildern von dem, was wir nicht unmittelbar erfahren, aufnehmen und registrierten […]” 3

Betrachten wir ein Buch als Kamera, so wird unsere Bild- oder Motivauswahl zum Plot, denn wir als Autoren wählen ja bewusst aus, was von unserer Welt und all den Ereignissen und Dingen in ihr durch unseren Text für Leser*innen überhaupt sichtbar wird; und was nicht (wobei sich die Leser*innen meist ihren eigenen Teil der Geschichte dazufantasieren. Weil sie das aber wollen, sollten wir tunlichst auch genug spekulativen Plotraum anbieten. Denn das, was nicht erzählt wird, ist auch Teil der Geschichte. Dementgegen wird dann die Bildkomposition zur Story, da Stimmung, Farbfilter, Beleuchtung, Bokeh, etc. die jeweiligen Bedeutungen der von uns ausgewählten Geschichtsbilder herausarbeiten. Die Bildabfolge erzeugt Struktur und bietet so Wege durch Plot und Story an. Denn die erzählten Anteile der Geschichte mögen das abbilden, was wir für das Wichtigste hielten. Jedes Bild wird jedoch zwangsweise einer Interpretation anheim fallen. Und so erzählen wir höchst selten nur eine Geschichtre. Aber das ist es ja gerade, was Storytelling so interessant macht. Über die Unterschiede zum Storytelling im Pen’n’Paper-Rollenspiel hatte ich ja neulich schon geschrieben. Bleibt also nur noch, euch auch viel Spaß beim Geschichtenerzählen (oder -hören/lesen) zu wünschen, denn ich stecke gerade selbst mitten in einer frischen Erzählung. Wir hören uns die Tage.

  1. Ong, W. (2016): Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer Fachmedien ↩︎
  2. McLuhan, M. (2011): Die Gutenberg-Galaxis. Die Entstehung des typographischen Menschen. Deutschsprachige Ausgabe. Hamburg: Gingko Press Verlag ↩︎
  3. Sontag, S. (2016): Standpunkt beziehen. Fünf Essays. 10. Auflage. Ditzingen: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH. ↩︎

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