Der verwirrte Spielleiter N°78 – This ain’t dramaschool, baby…

Jeder von uns hat schon mal unter “Main Character Syndrome” gelitten. Hat also versucht, sich bei jeder Gelegenheit in den Vordergrund zu spielen und seine Story zum Thema das Abenteuers bzw. der ganzen Kampagne zu machen. Das ist menschlich, den die meisten von uns suchen, tief in ihren Herzen, nach ihren ganz persönlichen 15 Minuten Ruhm. Deswegen muss man diese 15 Minuten aber nicht im Stundentakt beanspruchen. Mir als Spielleitung fällt dabei auf, dass es auch andere Extreme gibt, die einem ganz schön den Tag versauen können. Da gibt es einige, höchst unterschiedliche Ausprägungen: ihnen allen gemein ist jedoch, dass die jeweiligen Protagonisten den Spieltisch mit der Schauspiel- oder Regieschule verwecheln. Und da muss ich jetzt mal ‘n paar Takte zu loswerden – weil mir das tierisch auf den Sack geht. TTRPG ain’t dramaschool, fellow weirdoes!

  • Backstory: Come on people… wenn mir jemand 15 Seiten Charaktergeschichte vorlegt und ernsthaft meint, ich könnte mich fünf Sitzungen später noch an alles erinnern, was da drin stand, wenn es nicht Teil einer expliziten Abmachung zwischen uns war, wird leider enttäuscht werden. Dein Charakter ist nämlich nur ein Charakter von mehreren in der Party. Ich nehme gerne Storyhooks an, bei denen klar ist, dass sie die Geschichte bei Aktivierung nicht zu einem Deadstop bringen. Und ich brauche nachhaltige Charaktermotivation, die über die ersten paar Sitzungen hinaus Bestand hat. Denn, wenn der Lack der Novität ab ist, kommt es vor allem auf die Spieler an, den Laden am Laufen zu halten. Ansonsten degeneriert das ganz schnell zum gemurderhoboten “Monster of the week”. Bringst du jedoch gar nichts mit an den Tisch, darfst du dich nicht wundern, wenn ich anfange die Leerstellen auszufüllen. Das ist von Fall zu Fall auch mal ein Volltreffer. Doch da ich in niemandes Kopf schauen kann, besteht dabei immer auch die Gefahr, dass ich etwas einführe, dass DIR überhaupt nicht in den Kram passt. JA, ich meine DICH! Denn jeder Spieler hat zudem eine, mehr oder weniger ausgefeilte Vorstellung von seinem Charakter. Und vielleicht Ziele definiert, nach deren Erfüllung er mehr oder weniger aktiv strebt. Das wird dann problematisch, wenn diese Ziele über die Ziele der Kampagne, bzw. des Abenteuers gestellt werden und der Spieler anfängt, dadurch aktiv das Spiel zu sabotieren, wenn es nicht nach seinem Kopf geht. Womit wir zum nächsten Punkt kämen, nämlich…
  • Charaktermotivation vs Spielermotivation: Du hast also eine knackig kurze (eine Seite DIN-A4 oder so) Backstory, mit nicen Hooks. Okay. Wer ist dein Charakter? Wo kommt er her, was ist ihm wichtig? Was würde dein Charakter tun, wenn er sich zwischen einem Freund und einem dringend benötigten Haufen Kohle entscheiden müsste? Wie geht dein Charakter auf andere Chars und NSCs zu? Mit Worten, schweigend oder gleich mit einer (undiplomatischen) Axt? Und ganz wichtig – was unterscheidet DIESEN CHAR von DIR? Unterscheidet er sich überhaupt? Ist er vielleicht doch nur eine leere, halbwegs hübsch gestaltete Hülle, in die du deine Power-Fantasien hineinprojizierst? Mit anderen Worten: Null-Dimensional. Es macht übrigens kaum einen Unterschied, ob der Characterplayer seine 15 Minuten reklamiert, oder jemand, der Pen’n’Paper für eine papiergestützte WoW- oder Diablo-Simulation hält. Ist die Drama-Queen erst mal aus dem Schrank geholt, wird es lustig. Das Problem ist – der eine versucht zu schauspielern, kann damit jedoch vielleicht nicht transportieren, was er will und rennt damit an Mauern. Der andere Spieler will jedoch einfach nur würfeln und hören, dass der Gegner tot umgefallen ist. Beides nervt nach relativ kurzer zeit ziemlich hart. Eines der größten Probleme dabei ist der Satz “Ich hab nur meinen Charakter gespielt!”. Leute… diejenigen, welche diesen Satz häufig benutzen, denken in aller Regel nur über CharakterOPTIMIERUNG nach; und die Frage, wie sie am besten auf anderer Leute Kosten Spaß haben dürfen. Ich benutze den auch – SEHR SELTEN. Denn manchmal verrenne ich mich in eine Idee, die aus meiner Charaktersicht total Sinn ergibt, aber vielleicht mit den Plänen der anderem (incl. SL), der Mythologie oder irgendwas anderem konfligiert. Dann bekomme ich Hinweise. Und meistens ist es dann für lange Zeit auch gut. Aber jemand, der dauernd mit “nur in-charakter” kokettiert… ist meistens SEHR UN-CHAR-MANT!
  • Ist die Spielleitung Storyteller: Don’t get me started! Da draußen gibt’s Leute, die “NEIN!” rufen – und solche, die “JA!” rufen. Ich hingegen sage: well… sort of… Ohne eine Geschichte, einen inciting incident, eine Taverne oder einen Hot Start, ohne eine kuratierte Welt und ohne NSCs gibt’s kein Abenteuer! Und ohne Abenteuer erzählen die Spieler nicht mittels ihrer Charaktere eine Geschichte! Fair enough, oder? Also ja, die Spielleitung ist AUCH ein Storyteller am Tisch. EIN Storyteller – nicht DER Storyteller! Klar soweit? Und hier passieren diese Dinge… all diese Dinge, DIE ICH NICHT LEIDEN KANN. Railroading. Charakter Agency einschränken. Die Gefühle oder Gedanken meines Charakters erzählen, ohne mich vorher zu fragen. Meine Entscheidungen vorweg nehmen. Meine Backstory ohne meinen consent umschreiben. DAS ALLES GEHT NICHT – es sei denn ihr habt euch darauf geeinigt. Das ist dann jedoch in meiner Welt kein Rollenspiel, sondern forced Reenactenment. Wemn’S gefällt, bitte – brauche ich nicht, kann weg! Denn, jede Spielleitung MUSS eines verstehen: ihr Stil hängt hauptsächlich vom Stil der Spieler ab – nicht umgekehrt. Wir können über alles diskutieren. Und auf dem Weg anpassen, ist überhaupt kein Thema. Aber wenn jemand mit einer mehr oder weniger vorgefertigten Storyline an den Tisch kommt, bei der bestimmte Dinge einfach passieren werden, egal, wie sehr die Spieler und ihre Chars sich abstrampeln hab ich schon keinen Bock mehr. Es ist was vollkommen anderes, wenn man auch mal hinter den Kulissen die Geschichte weiterentwickelt. Sidequests, ausgelöst durch Spieler- bzw. eigene Charakter-Ambitionen waren und sind das Salz in der Suppe; und werden es auch immerdar bleiben. Denn in dem Moment, da die Spielfigur eigene Ziele hat, wird sie erst richtig lebendig. Dazu ist allerdings eine gewisse Verfügbarkeit der Spielleitung essentiell…

Ich bleibe dabei: TTRPG ain’t dramaschool. Denn ohne eine gewisse gestalterische Freiheit ALLER BETEILIGTEN ist das Spiel bankrott, bevor die Bank geöffnet hat. Macht es also BITTE nicht komplizierter, als es eh schon ist, indem jeder nur versucht seine eigene Geschichte zu erzählen. Es soll eine gemeinsam Geschichte werden. Dazu müssen alle lernen, loszulassen. “Kill your darlings” sagt man beim kreativen Schreiben: Töte deine liebsten (fixen) Ideen, wenn sie nichts zur Geschichte beitragen, oder sie sogar schlechter machen. Ich sage den Spielern – kommt am besten ohne (fixe) Ideen an den Tisch und lasst euch überraschen. Und ich sage den Spielleitungen – versucht nicht eure Darlings auf Teufel komm raus zu meinen Darlings zu machen, indem ihr mit einem fertigen Drehbuch auftaucht! Der Konstruktivismus sagt, dass jede’r von uns eine eigene Wirklichkeit hat. Das stimmt auch beim Zocken. Und je mehr wir das alle akzeptieren, desto weniger Stress gibt’s am Tisch. Und jetzt schaut euch eure aktuellen Projekte noch mal genau an. Dann klappts auch mit einem stressfreien always game on!

Abgesang…

Ich bin gerade in Frankreich unterwegs. Jedoch in einer Gegend, in welcher von den Bildern, die in den letzten Tagen durch die Medien geisterten nichts zu bemerken ist. Colmar sieht im Moment nicht nach sozialen Unruhen aus. Im Gegenteil sind dafür, dass wir schon Mitte, Ende Oktober haben recht viele Menschen auf den Straßen. In den Restaurants und Läden geht alles seinen gewohnten Gang, denn die Touris suchen – wie zugegebenermaßen ich auch – zielsicher das Fotogene in ihrer Umgebung. Also fällt man sich gegenseitig über die Füße, in die Fotomotive und über die Plätze im Restaurant. Hinter all den konventionellen Fassaden brodelt es allerdings gewaltig. Als ich gestern Mittag aufbrach, da hatte ich ein seltsames Gefühl im Bauch. Beinahe wehmütigen Abgesang. Den Anfang vom Ende von etwas, dass wir viel zu lange als Gegebenes, als dauerhaft verfügbar auf dem Zettel hatten. Doch wir steuern auf eine Zeitenwende zu, in der die zynische, von endloser Gier befeuerte Beharrungsfähigkeit der besitzenden Eliten auf den ungestümen Ruf nach Gerechtigkeit trifft, wie ihn nur die ungezügelte, dogmatische Wut der Jugend zu formulieren vermag. Klingt das jetzt zu sehr nach Revolution? Mag sein. Und bei manchen Bildern fragt man sich, ob Gewalt denn die Antwort auf die drängenenden Fragen unserer Zeit sein muss. Es wäre zunächst allerdings festzustellen dass a) der allergrößte Teil der Demonstranten friedlich protestiert hat, b) insbesondere die französische Polizei sich hier stets aufführt, als wenn sie Terroristen erschießen dürften und c) die asozialen, gewaltbereiten Protest-Touristen des anarchistischen schwarzen Blocks an vielen Stellen die völlig legitimen Proteste durch ihre Aktionen zu entwerten beginnen. Manchmal kommt es einem fast so vor, als wenn die Anarchen vom Kapital als Agents Provocateur bezahlt würden, damit man hinterher auch die gerechtfertigten Forderungen nach Wandel populistisch delegetimieren kann. Und die Journaille tut das ihre dazu, indem sie KEIN ausgewogenes Bild der Straße zeichnet. Denn mit dem – HINTERHÄLTIG FALSCHEN – Narrativ einer Jugend, die lieber randaliert, anstatt “was Gescheites” zu lernen, kann man natürlich Whataboutismus vom Feinsten betreiben.

Dabei ist völlig klar, dass wirtschaftsliberal orientierte Regierungen überall auf der Welt stets damit beschäftigt sind, die Fetten noch fetter zu machen und dem Rest zu erklären, dass er für die übrigen Krümel jetzt aber noch ein bisschen härter arbeiten muss. Je nach Tageslage beschuldigt man für das dabei entstehende Elend die Migranten, weil sie die Sozialsysteme belasten, ohne je eingezahlt zu haben. Oder die Linken, die ja (angeblich) per Definition keine Ahnung von Wirtschaftspolitik haben. Oder die Grünen, weil ökologisches Handeln viel zu zeuer ist. Oder, oder, oder… Das man sich unterdessen selbst die Taschen vollstopft, während man sich als willfährige Handpuppe bewusst im Schatten agierender Lobbygruppen benutzen lässt, wird dabei mit aller Macht unter den Tisch gekehrt. Transparenzregister? “Aber WIR sind doch die guten!” Informationsfreiheitsgesetz? “Ach Gott, der Bürger muss doch nicht wissen, wie das wirklich funktioniert…” Reformpakete? “Ja, machen wir alles auf einmal – dann sieht keiner so genau, wie viel Klientelpolitik da wirklich drinsteckt…” Um es kurz zu machen: die Anliegen, welche zuerst die jungen Leute, mittlerweile aber auch viele andere Mitglieder unserer Gesellschaft formulieren sind real, sie sind existenziell bedrohlich und sie sind aus Jahrzehnten einer Politik entstanden, die ALLES dem Primat wirtschaftsliberalen Denkens untergeordnet hat: mangelnder Klima- und Klimafolgenschutz, affordable housing, zu hohe Einkommensdisparität, chronisch unterfinanzierte Gesundheits- und Sozialsysteme, marode staatliche Infrastruktur, und so weiter und so fort. Doch weil ein paar vermummte Arschlöcher glauben, alles kaputt machen zu müssen, haben konservative Politikoide allüberall überhaupt keine Scham, einfach mal ALLE Protestierenden zu Randalierern zu erklären und ALLE Anliegen pauschal abzulehnen. Stattdessen schickt man eine paramilitäsisierte Polizei, die in ihren Reihen nicht selten auch noch ein strukturelles Rassismus und Autoritarismus-Problem hat, und rumms… haben wir Krach auf den Straßen.

Was mag wohl passieren, wenn die Wut sich nicht beruhigt, sondern durch die Repressalien des Staates vielmehr angefacht wird, bis es zu einem Kipppunkt kommt? Was mag wohl passieren, wenn Teile der Polizei bemerken, dass sie auf der falschen Seite stehen, weil sie ein System schützen, dass auch ihre Interessen als Bürger schon lange nicht mehr vertritt? Was mag wohl passieren, wenn klar wird, dass gewaltloser Protest einen Staat nur dann in die Knie zu zwingen vermag, wenn er dessen Funktionen bis ins Mark lähmt; also die Bürger beginnen, gegen den Staat einen hybriden Krieg zu führen, ganz so wie Russland das seit Jahren mit uns tut? Was mag wohl passieren, wenn die ganzen Demokraten anfangen, die Faschisten, die für das Kapital ja doch nur nützliche Idioten sind mit ihren eigenen Waffen zu schlagen? Ja… was wäre, wenn es tatsächlich eine Revolution gäbe? Ich weiß es nicht, aber genau jetzt wäre ich tatsächlich bereit, es herausfinden zu wollen. Denn eines ist ganz sicher – so wie es gerade läuft, geht es nicht weiter, bzw. unsere Welt noch schneller vor die Hunde. Ich will keine Gewalt sehen. Von brennenden Rathäusern wird die Welt nicht besser. Aber ich will sehen, wie die heimlichen Strippenzieher ein wenig von ihrer eigenen Medizin schlucken müssen. Die Welt braucht keine Milliardäre. Die Welt braucht keine Faschisten. Die Welt braucht neue Ideen. Und wenn das nur mit einem neuen Betriebssystem geht – dann braucht die Welt halt ein neues Betriebssystem. Dieses “Kapitalismus V4.26” ist nämlich defekt. Es erzeugt ganz wenige Gewinner aber fast ausschließlich Verlierer. Das Leben sollte aber keine Lotterie sein, auch wenn Illusion eine Kontrolle ist. Wie wäre es, zur Abwechslung mal mit wirklicher Chancengleichheit. Denn das ist es, wofür diese jungen Menschen im Kern auf die Straße gehen. Das ist es, was diese Tage hier in Frankreich wie den Abgesang auf die 5. Republik aussehen lässt. Denkt mal drüber nach. Schönen Tag noch.

Autumn can’t last too long…

Ich habe gestern Abend in der Stadt ein paar wenige Menschen aus meinem ehemaligen Abiturjahrgang getroffen und wir haben bei gutem Essen und Hopfenkaltschale über alte, aber auch über neue Zeiten geplaudert. Wir sind jetzt zwar alle in einer Lebensphase, in der man etwas souveräner über manche Anfechtungen hinweg gehen kann, doch das Leben hält natürlich immer wieder neue Herausforderungen, gelegentliche Verluste, manche Konflikte und andere Auswüchse des Zufalls bereit, an denen man nicht vorbeikommt. Wie war das noch mit der unüberwindbaren Mauer der nächsten Sekunde? Du weißt nie, was hinter der nächsten Kurve auf der Straße deines Lebens liegt. Das macht einerseits Angst, den Kontrolle über das eigenenDasein ist zumindest in mancherlei Hinsicht eine Illusion. Das macht mir aber auch Mut, denn es bedeutet, dass man IMMER noch etwas ändern kann. Älter werden is dennoch nix für Pussies. Ich bin jetzt gefühlt im Spätsommer meines Lebens angekommen und denke über die Frage nach, ob es denn ein “endless Summer” werden darf, oder ob ein bisschen Herbst jetzt nicht vielleicht doch gut täte. Also, ob ich fünfe grade sein lasse, oder noch mal Gas geben möchte? Die Ambivalenz ist noch nicht aufgelöst – und wird es auch nicht so schnell sein – denn just jetzt spüre ich neue kreative Energie, die genutzt werden will; einziges Problem ist, dass ich sie, anstatt ein altes Projekt fertig zu machen, lieber in ein Neues stecke. Mal schauen, wie weit die Faszination mich diesmal trägt. Irgendwas zu Ende bringen wäre ja auch mal ganz nett. Aber das ist nicht der Punkt. Denn so wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, läutet eine kühle Nacht noch nicht automatisch den Herbst ein. Während ich mich also mit einer neuen Romanidee auseinandersetze, stehe ich einmal mehr (oder besser: immer noch) vor der Frage, in welche Richtung ich mich noch entwickeln kann… oder will? Da wo ich momentan arbeite, erscheint es mir ziemlich unwahrscheinlich noch “etwas zu werden”. Nicht das Schulleiter keine spannende und gelegentlich auch erfüllende Aufgabe wäre. Ich fühle mich also keineswegs auf dem “Abstellgleis”. Doch für eine weitere “Karriere” – was das Wort für euch da draußen auch immer bedeuten mag – bin ich gegenüber manchen Traditionen der Organisation einfach zu kritisch. Und tue dies wohl auch zu laut kund.

Nun haben wir uns gestern natürlich auch über den Job unterhalten. Und meine ehemaligen Schulkameraden sind da ganz pragmatisch – wichtig ist, dass man keinen Stress hat und sein Leben bestreiten kann. Was dazu notwendig ist, mag individuell sehr unterschiedlich sein. Die Sprache kam dabei auch auf einen – allerdings nicht anwesenden – ehemaligen Jahrgangskameraden, der sich und seine jobtechnische Wichtigkeit offenkundig sehr wichtig nimmt. Was wir alle irgendwie unnötig finden. Mich persönlich interessiert nicht, wie toll, oder wichtig, oder mächtig, oder einkommensstark jemand ist – mich interessiert, ob jemand die Menschen um sich herum begeistern und ermächtigen kann, selbst besser zu werden. Da bin ich ganz und gar Pädagoge. Folglich interessiert mich anderer Leute anual salary, oder die Größe des Hauses, etc. eigentlich nicht besonders. Meine Familie muss nichts missen, weil die beste Ehefrau von allen und ich unseren Scheiß schon ganz gut gewuppt bekommen. Das drückt sich allerdings weniger in irgendwelchen tangiblen materiellen Statussymbolen aus, denn in der Qualität der Erfahrungen, nach denen wir suchen. Dass ich jetzt kein über die Maßen materialistischer Mensch bin, ist hier ja schon häufiger angeklungen. Und dass sich meine selbstgefühlte Wichtigkeit in Grenzen hält, hoffentlich auch. Wenn ich also mal wieder hier stehe und über die Frage nachdenke, wohin ich mich denn noch entwickeln will, so geht es dabei eher um persönliches Wachstum – vielleicht eine neue Aufgabe, die mich kognitiv und kreativ fordert und fördert. Fiskalische Entwicklung spielt dabei nur die zweite Geige. Deutlich weniger wäre ungünstig, weil man halt doch seinen Lebensstil am verfügbaren Einkommen orientiert. Zumindest, sofern man als Baby nicht drei Mal hochgeworfen und nur zwei Mal aufgefangen wurde… Aber deutlich mehr würde ich auch nicht erwarten, denn um in meinem Gewerk einen sich lohnenden Gehaltssprung zu machen, muss man sich ganz schön krumm machen. Und eigentlich bin ich im Grunde meines Herzens ja faul… so ein Mist aber auch.

Vermutlich – aber das ist nur so ein Gefühl – werde ich mich mit dem Herbst des Lebens noch eine Weile zurückhalten (müssen). Denn gerade jetzt ist meine Depression auf dem Rückzug. Witzig, dass ausgerechnete der beginnende Herbst in der realen Welt mich derart beeinflusst. Auf die Wirkung der Jahreszeiten auf die Seele ist auch echt kein Verlass mehr. Wie dem auch sei – das Wochenende und die kommende Woche dienen meiner Erholung (und Rekonvaleszenz, weil meine Husterei immer noch übel daher kommt), weshalb ich mich zusätzlich gelöst fühle. Na ja, irgendwer wird schon versuchen, mir meine Freizeit zu versauen. Da bin ich fatalistisch genug, nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen zu erwarten. Aber heute müssen erst mal noch ein paar Zeilen geschrieben und liebe Freunde besucht werden. Und da gilt: Abgrillen ist auch für Pussies und Scheiß auf’s Herbstwetter. In diesem Sinne, wir hören uns.

It’s that time of the year…

Das ich jedes halbe Jahr eine Woche unterwegs bin, um eine neue Klasse auf dem Start in die schulische Ausbildung zu begleiten, ist mittlerweile sowas wie ein alter Hut. Es ist mein 11. Rodeo. Und irgendwie ist doch vieles anders. Zum einen, weil es mittlerweile normal ist, dass ich das zusammen mit der fest eingeteilten Klassenlehrerin mache und zum anderen, weil ich mittlerweile ein paar unterschiedliche Locations genutzt habe. Das macht es immer wieder ein bisschen neu. Auch verändern sich meine Vorträge – wiewohl stts zu den selben Themen – im Laufe der Jahre immer wieder, weil meine Arbeit im Lehrsaal wieder und wieder meinem ganz persönlichen Qualitätsmanagement-Prozess unterworfen wird. Fehlern, die ich früher gemacht habe, kann ich unterdessen oft elegant ausweichen; insgesamt bin ich diesbezüglich viel gelassener geworden. Und diese Souveränität zahlt sich im Lehrsaal, aber auch im informellen Umgang mit diesen jungen Leuten enorm aus. Ich bin heute viel wacher und analytischer, ohne meine Zugewandtheit völlig vergessen zu müssen. Es gibt also auch gute Seiten des älter (und reifer) werdens! Einzig nervtötend ist der Umstand, dass mich pünktlich zu Beginn der Reise ein Schnupfen gepackt hat, der mich einen Teil meiner Leichtfüßigkeit im Lehrsaal kostet und alles viel anstrengender macht. Nun ja, es wird langsam besser.

Es gibt bei diesen Veranstaltungen eine ganz seltsame Dichotomie: wann immer ich mein Zimmer in der Herberge verlasse, werde ich zu einer Art öffentlichem Wesen, welches die ganze Zeit über darauf achten muss, was es sagt, wie es mit wem umgeht und wie es auf bestimmte Fragen und Herausforderungen reagiert; denn ich bin nun mal Fachlehrer und Schulleiter. Mache ich jedoch meine Tür zu, so habe ich meine Kammer – und damit ganz automatisch auch mich selbst – wieder für mich allein; ich bin dann privat, denn einer der Vorteile für die Lehrkräfte ist, dass wir Einzelzimmer haben. Diese Zweigestaltigkeit solcher Veranstaltungen ist allen Formen von Dienstreisen zu eigen, denn wir hören ja nicht auf, in unserer Binnenpsyche als eigenständige, mit verschiedensten Bedürfnissen ausgestattete Wesen zu existieren, nur weil wir plötzlich als Funktionsträger dauernd sozial und kognitiv gefordert sind. Ähnlich ist es im kleinen, wenn ich mal den Fehler mache, mich in einer Unterrichtspause NICHT aus dem Lehrsaal zurückzuziehen. Dann kommen nämlich jene SChüler*innen, die aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Fragen nicht vor der ganzen Klasse stellen mögen. Und ratzfatz ist jene Zeit, die du eigentlich zum Regenerieren der sozialen Batterie gebraucht hättest mit weiterer Arbeit angefüllt. Denn, man mag es kaum glauben, aber im Unterrichtskontext Fragen zu beantworten, ist Arbeit! Die kontinuierliche Last auf der sozialen Batterie spielt auch hier eine Rolle. Eine Beobachtung, die meine Kollegin übrigens teilt. Was mich dieses Mal zusätzlich fordert, ist der Austausch mit dieser Kollegin. Wir haben ein ganz ähnliches (pädagogisches) Weltbild und trotzdem lerne ich im Moment noch mal was dazu, weil manche An- und Einsichten einfach aus dem Blickfeld geraten, wenn man sich nicht regelmäßig mit ihnen befasst. Das macht diese Reise für mich, allen Widrigkeiten zum Trotze, dennoch zu einer höchst wertvollen Erfahrung. Wir agieren für einander als kognitive Sparingspartner – und so inspirierend und wertvoll das ist, so anstrengend ist es auch. Weshalb sich jede*r seine Freiräume sucht.

Auch unsere Azubis suchen sich ihre Freiräume. Was mir unterdessen auffällt ist, dass dabei der Freiraum für manch eine*n eine weitaus größere Rolle zu spielen scheint, als die Verpflichtung, die man mit dem Ausbildungsvertrag eigentlich eingegangen ist. Es ist schon so, dass die informellen Anteile (alles, was nicht fest im Lehrplan steht) einer solchen Einführungsveranstaltung, die ja vor allem dem Teambonding und dem Neuaufbau eines Klassenverbandes dienen sollen, freiwillig sind. Sich dem durch nachmittägliche Ab- und morgendliche Anreise zu entziehen, ist zwar grundsätzlich legitim, aus meiner Sicht jedoch ein wenig schwierig. Ich will nicht unbedingt das Wort asozial gebrauchen – doch, wenn man schon in den ersten Tagen die Veranlagung zeigt, mit anderen Menschen möglichst wenig zu tun haben zu wollen und dies auf eine recht spezielle Art zeigt, lässt das für die Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung, welche dieser Ausbildung nunmal notwendigerweise zu eigen sind nichts Gutes hoffen. Es ist also irgendwie diese Zeit des (Spät)Jahres – und doch wieder nicht, weil ich wahrnehme, dass einige der Auszubildenden bereits früh aus meiner Sicht problematische Verhaltensweisen zeigen. Und ich mich deshalb frage, wie bei der Auswahl einige Entscheidungen zustande gekommen sind, die ich höchstwahrscheinlich so nicht getroffen hätte. Nun ja… Für’s Erste muss ich irgendwie mit meinem Schnupfen den Rest der Woche überstehen und schauen, möglichst viele Eindrücke und Erkenntnisse sammeln zu können. Der Rest findet sich dann später; manchmal ganz von selbst. In diesem Sinne wünsche ich einen schönen Abend und eine tolle Restwoche.

An Tagen wie diesen…

Ich war in den letzten Tagen dienstlich unterwegs. Inhalt und Teilnehmerkreis der Veranstaltung tun hier nichts zur Sache. Ich hatte jedoch ein paar Wahrnehmungen, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Ich ließ mich abendlich zu einer Diskussion über kognitionspsychologische und pädagogische Inhalte hinreißen und musste feststellen, dass meine Argumentationslinie nicht zu überzeugen vermochte. Vielleicht war ich zu vehement in meiner Darstellung, vielleicht habe ich auch eine falsche Vorstellung davon, welche Kulturtechniken oder Wissensinhalte heute noch wichtig sind. Ich hatte jedoch zwischenzeitlich vor allem den Eindruck, dass man meine Aussagen als Mansplaining abtat; denn der Sender der Inhalte ist ja nun unbestreitbar ein white middle-aged cis-gender guy. Was für mich jedoch die wichtige Frage aufwirft, ob das den Inhalt meiner Argumentation für bestimmte Rezipientengruppen entwertet? Ich meine… wie wäre das Ganze verlaufen, wenn ich eine, über die pädagogische Expertise hinaus als Feministin bekannte Frau gewesen wäre? Oder eine LGBTQ+-Person? Ich frage mich auch, ob ich wohl einen Fehler gemacht habe, indem ich in meiner Darstellung bestimmter Sachverhalte eine Dramaturgie benutzt habe, die zugegebenermaßen auf eine Zuspitzung setzte. Das ist in verschiedenen Kontexten eine durchaus übliche Methode; und aus meiner Sicht auch nicht anrüchig, solange ich dabei nicht allzu sehr polemisiere und bei der Wahrheit bleibe. Lustig an dieser Geschichte ist für mich, dass den Rezipienten zumindest teilweise bewusst sein dürfte, dass Storytelling nicht nur im Marketing, sondern auch bei der Wissensvermittlung seine Verwendung findet. Ich habe darüber geforscht und geschrieben und finde, dass mündlich überlieferte Geschichten ein bemerkenswertes Instrument zum Wissenstransfer sind.

Ich möchte auf Folgendes hinweisen: ich reklamiere für mich ausdrücklich nicht, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Was mich aber an der Situation irritiert hat, war die sofort einsetzende, absolute Vehemenz, mit der meine Argumente angegriffen wurden. Ich meine… wir behaupten immer alle, dass wir das Gegenüber ausreden lassen und dass wir bezüglich unseres Verständnisses stets paraphrasierend nachfragen, weil wir ja alle so unfassber aufgeklärte und wertschätzende Menschen sind. Das konnte ich hier jetzt nicht sehen! Als ich etwa meine Irritation darüber zum Besten gab, dass manche Fachkräfte im Verkauf die Mengenbezeichnung “ein Dutzend” nicht mehr kennen würden, traf ich auf Unverständnis und mit einem Mal drehte sich die Diskussion um die Frage nach heute noch relevantem Wissen und Kulturtechniken. Als Gegenbeispiel – vermutlich für ein heute eher überkommenes Wissen – wurde ich gefragt, ob ich denn in der Lage sei, im Wald ein Feuer zu machen. Meine Antwort “ja, mit geeignetem Werkzeug” wurde mir offensichtlich nicht geglaubt. Das ist, auch wenn man sich’s schönredet halt Whataboutism. Hinweis an dieser Stelle: eine kurze Webrecherche ergibt, dass der Begriff “ein Dutzend” heute sehr wohl noch gebräuchlich ist. Case Closed. Ich hätte mir gewünscht, dass ich meine Geschichte zu Ende erzählen und dann auf die einschränkenden bzw. problematischen Aspekte einer von mir zitierten Studie hätte hinweisen können. Und ich ärgere mich tatsächlich darüber, dass Menschen aus anderen Fachgebieten mir meine fachliche Expertise sowie die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Denken und Argumentieren anzweifeln, was ich umgekehrt ausdrücklich NICHT tue. Ich komme nur in sehr unbesonnenen Momenten auf die Idee, Menschen für dumm zu erklären – oder, wenn diese wiederholt beweisen, dass sie DUMM SIND. Aber das ist etwas völlig anderes.

Ich benutze manchmal, weil ich ich sehr viel in meinem Fachgebiet unterwegs bin und auch viel entsprechenden Unterricht mache beim Präsentieren Fachtermini, die für andere Rezipientengruppen erklärungsbedürftig sind und merke das nicht immer sofort. Auch das ist so eine Sache, die man mir dann im abendlichen Gespräch vorwarf, weil ich vormittags einen Begriff aus der Notfallmedizin benutzt hatte, ohne diesen hinreichend zu erläutern. Es kommt mir gelegentlich so vor, als wenn manche Menschen – entweder aus professioneller Gewohnheit des eigenen Gewerkes oder weil ich halt ein alter weißer Kerl bin – jedes meiner Worte auf die Goldwage legen. Und das ist ermüdend. Sich dauernd dafür entschuldigen zu müssen, dass man, aller (Aus)Bildung und Erfahrung im Umgang mit Menschen zum Trotze in einer anderen Zeit sozialisiert wurde, daher mühsam versucht mit jedwedem Wandel Schritt zu halten und dennoch mit der eigenen Imperfektion zu kämpfen hat, kostet mich unfassbar viel Kraft. Menschen auf der Basis ihrer ethnischen und sozialen Herkunft, ihres Geschlechts, ihres Bildungsstandes, ihrer Überzeugungen, etc. komplex zu verstehen, ist Teil meines Handwerkes. Aber jede*r von uns hat nur ein Hirn, nur ein paar Augen und Ohren, nur einen Mund und nur ein paar Hände, um zu verstehen, zu handeln und zu kommunizieren, was automatisch bedeutet, dass jede*r von uns regelmäßig an Grenzen stößt. All das ist mir mehr als schmerzlich bewusst, ist es doch integraler Teil dessen, was ich als Erkenntnis allen Menschen, an deren Ausbildung ich beteiligt bin mitzugeben versuche. Dann gefühlt gecanceled zu werden, während man versucht eine Lanze für tradierte, aber dennoch mitnichten obsolete Kulturtechniken zu brechen, tut sehr weh; vor allem weil ich sehe, welche Auswirkungen ein allzu bereitwilliges “mit der Zeit Gehen” gerade beim Lernerfolg hat. Nicht unbedingt bei den fachlichen Kompetenzen, sehr wohl aber bei den sozialen und personalen, welche mein alter Job Notfallsanitäter in besonderem Maße erfordert. Dass man dazu nicht wissen muss, was ein Dutzend ist, weiß ich selbst. Aber manchmal muss man auf dem Weg zu bestimmten Kompetenzen Umwege über andere Wissensbestände und Skills nehmen; denn abstraktes Denken greifbar zu machen bedarf einer gewissen Kreativität. Und DAS verstehen Nicht-Pädagogen regelmäßig NICHT. Was soll’s. Jene, an die ich gerade gedacht habe lesen hier vermutlich eh nicht mit. Aber ich muss meinen Frust an Tagen wie diesen ja irgendwo abladen. Danke liebes Tagebuch… bis bald.

Auch als Podcast…

Der verwirrte Spielleiter N°77 – Wie Ihr wollt…!

Letzthin habe ich wenig bis gar nicht gespielleitet. Nicht, unbedingt, weil ich nicht gewollt hätte. Jedoch ist mir in den vergangenen Monaten wenig bis gar nichts eingefallen, was mich zufrieden gestellt hätte. Ich habe durchaus Ideen, aber irgendwie bekomme ich den Schritt von der Idee zu einem Abenteuer oder gar einer Kampage momentan nicht hin. Ich war überdies auch noch unzufrieden mit dem, was ich zum Ende meiner letzten Kampagne hin abgeliefert hatte; mir kam es ultralame vor! Und ich komme mit dem sich wandelnden Setup meiner Game-Sessions nicht klar. Ich kann einem hybriden Setup immer noch nur sehr wenig abgewinnen. Entweder möchte ich in Präsenz spielleiten (wird für mich IMMER der Goldstandard bleiben) oder aber voll digital, wo ich für alle Mitspieler die von mir vorbereiteten, die Immersion unterstützenden Inhalte gleichartig ausrollen kann. Ich stehe als Spielleiter also derzeit auf Kriegsfuß mit mir selbst. Das kann in über 37 Jahren jedoch mal vorkommen, ich bin also noch einigermaßen hoffnungsfroh. Immerhin habe ich Teil an zwei, in jeder Hinsicht höchst unterschiedlichen Kampagnen, in denen ich spielen darf. Und sammle dort natürlich neue Eindrücke, frische Ideen und Motivation, es wieder mit dem Spielleiten zu versuchen. Gerade jetzt ändert sich die Gruppenzusammensetzung der einen Kampagne, weil einerseits unser Spielleiter sagt, er brauche mehr Stammspieler, damit die Gruppe ihre Dynamik behalten und mit den Herausforderungen Schritt halten kann und andererseits nicht alle Spieler und Spielleiter die gleichen Vorstellungen davon haben, auf welche Weise sich die Spieler mittels ihrer Chars einbringen sollen/dürfen. Es läuft darauf hinaus, dass unterschiedliche Spielstile an einem Tisch unter Umständen für die Spielleitung irgendwann die Gesamtmoderation erschweren, andererseits aber ein erwarteter Spielstil nicht das ist, was einem indivuellen Spieler Spaß macht. Und da das Ziel ist, dass alle gleichsam Spaß haben sollen, kann es dann mal vorkommen, dass man – evtl. auch nur vorübergehend – getrennter Wege geht. Passiert sowas nach einer eingehenden Diskussion, ist das definitiv nicht die schlechteste Lösung.

Allerdings hat das in mir einen neuen Denkprozess ausgelöst, bezüglich jener Ziele und Ideen, welche meinen eigenen Spielstil über die Jahrzehnte geprägt haben. Ich mag hoch immersives Charakterspiel und versuche dabei, nicht immer wieder nur mich selbst zu spielen, sondern tatsächlich zumindest ein Stück weit psychisch zu meiner Figur zu werden. Ich löse gerne Rätsel und ich katalysiere gerne Ereignisse; manchmal auch mit hohem indidividuellem Risiko für meine Figur; und ich versuche emotional glaubwürdig zu bleiben. Was ich mir dabei wünsche, ist eine gewisse Handlungs-Freiheit für meine Figur. Ich tue mir nämlich schwer damit, wenn sich mein Char verstecken oder immer wieder verbiegen muss, auch wenn die Welt, bzw. die Kampagne dies u. U. verlangt. Ich meine, wenn jetzt irgendjemand mit Realismus im Rollenspiel daher kommt – wir sitzen um einen Tisch und stellen uns vor, wir wären Elfen, Zauberer oder sonst was, die gemeinsam einen Drachen zu Klump kloppen wollen; oder ähnlich exotische Leute, die in seltsamen Vehikeln (Giant Robos) durch ein Universum reisen, in dem Magie und Technologie gleichberechtigt nebeneinander existieren oder einander gelegentlich ersetzen / ergänzen. Daran ist ABSOLUT NICHTS Realität. Dann muss meinem Char gelegentlich auch erlaubt sein, larger-than-life-things zu tun. Sonst kann ich auch gleich den Kfz.-Mechanikermeister Humbert Scherzlhuber spielen, der verzweifelt versucht, seine Hinterhofwerkstatt über Wasser zu halten. Das bedeutet nicht, dass einem TTRPG-Charakter automatisch jede Heldentat gelingt. Große Taten gehen mit großem Risiko einher. Weshalb man manchmal neue Chars machen muss. Aber TTRPGs sind für mich KEINE realitätsgetreue Simulation unserer typischen Normalo-Erfahrungen mit etwas fantastischer Tünche drauf, sondern das Tor in andere Welten, in denen ich NICHT immerzu über Rechnungen, Abhängigkeiten, Verpflichtungen und Konsequenzen bis ins kleinste Detail nachdenken müssen möchte. Ich mag es also auch nicht, wenn JEDES Encounter zu einem Social Encounter wird, bei dem Dinge totdiskutiert werden und ALLES mit sozialer, politischer oder moralischer Ambiguität aufgeladen ist. TTRPGs sind gelebter Eskapismus und meine persönliche Lebensrealität – insbesondere die berufliche – fühlt sich schon viel zu oft an wie soziales Pogohüpfen im Minenfeld. Ich brauche daher in meinen TTRPG-Sitzungen die Gelegenheit, auch mal frei zu drehen und nach dem alten Grundsatz zu handeln “Wenn Gewalt nicht die Antwort ist, hast du die Frage falsch gestellt!”

Das alles bedeutet mitnichten, dass ich wie ein Murder-Hobo daherkommen möchte. Ich denke, wenn ich in meine Figur einsteige sehr wohl intensiv darüber nach, was meine Handlungen oder auch Unterlassungen alles auslösen könnten. Und natürlich versuche ich dabei, die Regeln der Welt und die Regeln des Spiels zu respektieren. Ich möchte aber dennoch in Handlungskategorien denken dürfen, an die ich im echten Leben NIEMALS denken würde, Zauberei existiert in meiner Realität nämlich nicht. Ich möchte Dinge bullshitten und Ideen ausleben / probieren dürfen, die vielleicht wild sind – und oft auch verdammt riskant – weil sie den Geist des Spiels und der Kampagne respektieren, aber vielleicht nicht unbedingt den Buchstaben jeder Regel, die einst geschrieben ward. Wenn ich dabei über’s Ziel hinausschieße, darf man mir das gerne direkt sagen. Ich bin dann nicht böse, sondern passe mein Verhalten an, denn es liegt mir natürlich fern, um meiner Wünsche Willen anderer Leute Spielspaß zu beschneiden. Allerdings ist aus meiner Sicht KEINE EINZIGE REGEL IN STEIN GEMEISELT. Ich struggele überdies erheblich damit, wenn es einen Riesenhaufen Lore im Hintergrund gibt, der als gesetzt gilt und den man nicht antasten darf. Für mich als Spielleiter war anderer Leute Lore immer nur ein grobes Gerüst, an dem man sich orientieren darf – aber nicht muss! Das ist vermutlich der Hauptgrund, warum ich seit sehr langer Zeit all meine Spielumgebungen von Grund auf selbst entwickle und den Spielern vorab KEINE RIESIGEN LOREDUMPS gebe. Das sollen die ruhig selbst auskundschaften, dabei auf die Nase fallen, sich einen Ruf erwerben (berühmt oder berüchtigt…?), sich weiterentwickeln und alle Gelegenheiten haben, Dinge auszuprobieren. Und wenn sie dann irgendwann rausfinden, dass auf einer der “Landmassen”, die in der Hohlwelt Cavai’Arastella umhertreiben jemand einen Stoff namens DuPont-47 webt, aus dem man Rüstungen herstellen kann, oder über eine Feldkiste der US-Army stolpern, dann hoffe ich, dass diese kleine Multiversums-Eastereggs ein paar Schmunzler erzeugen.

Ich denke also relativ viel über meine Motivation nach und in der Folge auch relativ viel über die Motive, Ideen, Ziele, Erwartungen meiner Chars. In meinem Kopf entsteht dabei oft so eine Art Fanfiction, die ich manchmal im Rahmen meines Campaign-Journalings teile. Manches ist auch einfach nur für mich. Nun ist mir aber bewusst, dass bei weitem nicht jeder Spieler so an das Spiel heran geht. Und das wird für mich als Spielleiter mittlerweile immer mehr zu einem Problem. Irgendwie habe ich immer viele hoch unterschiedliche Temperamente am Spieltisch integriert bekommen. Allerdings nicht selten zum Preis einer kohärenten Atmosphäre, die ich eigentlich sehr schätze. Und nun mag ich mich eigentlich nicht mehr verbiegen. Ich bin, wenn es um TTRPG geht KEIN casual gamer mehr und auch kein hochintegrativer Spielleiter. Wenn ich “like-minded weirdoes” sage, dann meine ich damit Leute, die TTRPG wenigstens halbwegs so ähnlich erleben wollen, wie ich. Und nur für den Fall das jemand jetzt glaubt, ich würde als Spielleitung nie NEIN sagen: Weit gefehlt! Wenn ich die interne Kohärenz meiner Welt schützen muss, sage ich durchaus NEIN. So wie ich das auch von meinen Spielleitern erwarte. Allerdings stets unter der Maßgabe, dass sich dieses NEIN auf wichtige Aspekte erstreckt und nicht, weil die Buchstaben der Lore oder des Regelwerkes dies willkürlich verlangen. Hinweis an dieser Stelle: mechanisch sind manche Regelwerke der pure Graus. Wie dem auch sei – ich hoffe dass es auch bald hinter meinem Spielleiterschirm wieder heißt: always game on!

Auch als Podcast…

Pubertulose ist auch ‘ne Krankheit…

Ich war für meine Eltern relativ lange ein relativ gut erträgliches Kind. Ich hatte deutlich ältere Geschwister, was dazu führte, dass ich im Grunde – for good or for worse – aufwuchs wie ein Einzelkind. Die Dinge, die ich als Teenager tat waren, in ihrer teenanger-typischen indolenten Rücksichtslosigkeit gegenüber allen anderen Menschen außer der eigenen Peergroup, nicht sonderlich wild. Ich blieb gelegentlich zu lange weg, ich probierte Alkohol nur in Maßen und ich habe keine Affären gehabt. Schlicht weil ich diesbezüglich echt ein Spätzünder war. Was ich nicht bedaure. Wenn ich mir so anschaue, was mir manche Testo-Bolzen aus meiner Altersklasse gelegentlich erzählt haben, hält sich mein Neid auf Drama, Heimlichkeit und hohe Kosten in engen Grenzen. Ich war, wie hier an anderer Stelle schon mal ausgeführt ein Nerd und bin darauf bis heute stolz; denn ich bin immer noch ein Nerd. Und der Umstand, dass ich mit meiner ersten großen Liebe – der besten Ehefrau von allen – nach mittlerweile über 32 Jahren immer noch zusammen bin, ohne dass unsere Beziehung allzu große Ermüdungsbrüche aufzeigen würde, macht mich zu einer Art Einhorn. Ich kann über mutiple Beziehungsprobleme zwischen Lebensabschnitts-Meerschweinchen nur aus zweiter Hand berichten… allerdings ist diese zweite Hand ZIEMLICH groß. Ich war während meiner Jugend und Adoleszenz nicht unbedingt pflegeleicht, aber ich war auch kein dauer-wütendes Pubertier… jedenfalls nicht annähernd so wie das, was ich von meinem älteren Kind derzeit erlebe.

Da bekommt man Dinge vorgeworfen, die für den etwas reiferen Menschen in mir doch ziemlich überzogen klingen. Subjektiv bin ich – oder wahlweise die beste Ehefrau von allen – am gesamten Übel der Welt schuld und insbesondere an der unfassbar ungerechten, völlig inakzeptablen und emotional schadhaften Knechtschaft, welche die jungen Dame nach eigenen Worten in unseren Wänden erdulden musste und muss. Eine ganze Weile habe ich mich darüber aufgeregt und auch oft mit ihr gestritten, doch gestern Abend kam mir ein Satz in den Kopf, den ihr zu sagen ich nicht mehr die Gelegenheit bekam, weil die Tür schon geknallt hatte: “Mir steht der Sinn heut nicht nach Krieg – hebe dich hinfort Schimäre!” Ich finde das passend, ist es doch in ihrer Alterskohorte derzeit wohl üblich Dinge, auf die man aus unterschiedlichen Gründen nicht klarkommt als “Fiebertraum” zu titulieren. Vielleicht verrate ich ihr irgendwann, dass man a) nicht so häufig Fieber haben sollte, weil das von physischer Krankheit zeitigt und b) sie noch VIELE, VIELE Male in ihrem Leben auf Dinge nicht klarkommen wird. Einer der Hauptgründe dafür ist übrigens, zu glauben, dass die jeweils anderen an irgendwas schuld wären. Und da wir als gute Doitzsche ja stets nach Schuldigen anstatt nach Lösungen suchen, ist der notwendige Prozess, die Fähigkeit der Selbstreflexion zu erlernen für Teena(n)ger besonders schmerzhaft, weil man sich nach und nach von all den schönen Dogmen verabschieden muss, die man seinen Altvorderen so gerne wütend und lautstark entgegen schleudert. Irgendwann wird sie jemandem begegnen, der ihr die normative Kraft des Faktischen auf wesentlich uncharmantere Weise nahebringen wird, denn ich als Vater das jemals tun würde – und ich habe jeden Fehler im Buch, inclusive des legendären “So lange du deine Füße…”-Satzes gemacht. Ich hoffe nur, dass diese Begenung dann keinen echten bleibenden Schaden hinterlässt.

Ich war Zeit meines Lebens ein eher wütendes Individuum. Ich nehme daher für mich gerne diesen legendären Satz aus dem ersten Avengers-Film in Anspruch: “Ich verrate Ihnen ein Geheimnis Captain – ich bin IMMER wütend!” Ich hab dennoch nie so ein Anti-Aggressions-Training gemacht. Vielleicht hätte es mir geholfen, doch heute bin ich, wiewohl immer noch Galaxien weit entfernt von Altersmilde, schon etwas besser in der Lage, mit meinen Affekten umzugehen – außer, wenn es um die Familienmitglieder geht. Jene, die uns wirklich nahe stehen, brauchen halt nicht viel, um uns zum Kochen zu bringen. Ich glaube ja bekanntlich nicht an Ratgeberbücher, weil dort zumeist irgendwelche Allgemeinplätze vor sich hin salbadernde Möchtegernexperten ihre eigene – höchstens anekdotische – Empirie als allgemeingültige Lösung für das Elend der Welt verkaufen. Wohltuende Ausnahmen bestätigen die Regel, wobei auch eigentlich ausgewiesene Experten häufig zu Populismus neigen. Sie haben sich halt bei den Drecksfaschos abgeschaut, dass Populismus verkauft. Aber… weil ich Ratgeber nicht mag, kann ich hier auch keine Ratschläge geben, weder mir selbst, noch irgendwem anders, denn allein die Betrachtung meiner Pubertät und der meiner älteren Tochter macht für mich klar, dass Persönlichkeitsentwicklung auf höchst unterschiedlichen Pfaden vonstatten gehen kann. Bleibt mir nur festzustellen, dass ich derzeit recht froh bin, wenn ich nicht allzu viel Zeit mit ihr verbringen muss, denn immerzu irgendwelche Glaubenssätze an den Kopf geworfen zu bekommen, so als wenn noch nie irgendjemand vor ihr – oder ihren Freunden – auf diese Ideen gekommen wäre, ermüdet meine mühsam erworbene Contenance zusehends.

Immerhin – sie bildet sich politisch und liest Bücher, die ich jedem Menschen empfehlen würde aus eigenem Interesse, um dann gelegentlich intelligente Fragen zu stellen. Und, wie Nietzsche feststellte: “Dem guten Frager ist schon halb geantwortet.” Wir haben wohl doch nicht alles falsch gemacht. Vielleicht muss ich mich nur noch eine Weile ducken, bis dieser Sturm vorbeigezogen ist. Spannend bleibt dann noch die die Frage, wie diese Zeit bei ihrem jüngeren Pendant wohl dereinst aussehen wird. Immerhin… die Hoffnung stirbt zuletzt. Heute ist – den Faschos und Fritzes Gurkentruppe sei Dank – Tag der Doitzschen Uneinheit. Gibt nix zu feiern, dafür sind an einem Samstag alle Geschäfte zu. Scheißtag. Wenigstens darf ich heute Abend zocken. Wir hören uns, Restdemokraten.

Auch als Podcast…