Für den weitaus größten Teils meines bisherigen Arbeitslebens war ich ein “einfacher Plattfuß” auf der Straße. Ich war ein Mann im Team, ein Rädchen im Getriebe, einer der zu funktionieren hatte. In der langen Ahnenreihe mieser Vorgesetzter, mit denen ich in den letzten 33 Jahren zurechtzukommen hatte, brachte einer wirklich mal vollen Ernstes das legendäre “Du bisch zum Schaffe do, ned zum Denke!” über seine Lippen. Der Mann war (ist?) ein Idiot reinsten Wassers und für nicht wenige Moves, die er in seiner Amtszeit getrieben hat, wünsche ich ihm, dass er in der Hölle rösten soll. Denn, wer Mitarbeitern die Arbeit so sauer macht, dass diese nur noch mit Magenschmerzen hingehen, hat nicht die Bezeichnung Führungskraft verdient, sondern allenfalls einen ordentlichen Arschtritt, mit dem man ihn aus dem Unternehmen befördert. So wie die – oft rein subjektiv – negativen Erfahrungen mit der eigenen Erziehung uns eigentlich davor bewahren sollten, als Eltern nicht die gleichen Fehler nochmal zu begehen, könnten solche Erkenntnisse aus dem Berufsleben dienlich sein, als Führungskraft einen besseren Job zu machen. Könnten… Frank Herbert schrieb 1985 in seinem Roman “Chapterhouse: Dune” “All governments suffer a recurring problem: Power attracts pathological personalities. It is not that power corrupts but that it is magnetic to the corruptible.” Meine Mutter hat das, klassisch Norddeutsch etwas anders ausgedrückt: “Wenn aus einem Haufen Mist was wird, fängt er an zu stinken…” Ja, sie hatte so ihre Momente, meine Frau Mutter. Es läuft aber beides auf das Gleiche hinaus: zumeist streben solche Menschen nach Macht, welche der oft sachlich falschen Überzeugung sind, Deutungshoheit über etwas zu besitzen und diese auch an anderen ausüben zu wollen. Ich stelle in diesem Zusammenhang Auszubildenden gerne die Frage, ob man in einer Sozialbeziehung denn überhaupt Macht über andere ausüben könne? Beziehungsweise, welche Bedingungen dafür zu erfüllen wären? Und am einfachsten wird das – imho – für diese Möchtegern-Mächtigen, wenn jene, über welche sie Macht auszuüben anstreben, sie dazu legitimieren. Fatalerweise finden sich immer irgendwelche nützlichen Idioten, die solche Soziopathen auf’s Podest heben. Gibt da oben ja aber auch schon genug von denen, die das befördern, denn Gleich und Gleich gesellt sich gern.

Ich bin einen langen Weg gegangen, um die notwendige Reife erlangen zu können, dem Sirenegesang der Macht nicht vollkommen zu erliegen. Wenngleich ich nicht in Abrede stellen werde, das Dinge nach seinen eigenen Ideen gestalten zu dürfen, Verfügung über Budgets und Personal zu haben, in politischen Gremien mitmischen zu dürfen einen höchst seltsamen Reiz ausüben. Vielleicht war ich lange genug “one of the boys”, um zu ahnen, dass Machtausübung stets auf dem schmalen Grat zwischen eitler Selbstüberschätzung und gierigem Geltungsbedürfnis stattfindet. Und dass jeder von uns gelegentlich dem einen oder anderen anheim fällt. Mensch zu sein bedeutet, Fehler zu machen. Jeden Tag wieder. Schon als einfacher Rettungsassistent (und später Notfallsanitäter) war ich oft genug mit Situationen konfrontiert, in denen man mir etwas sehr kostbares anvertraut hatte: Leib und/oder Gesundheit eines Menschen. Ob man in diesem Moment auf sein Ego hört und tut, was sich mächtig anfühlt, oder sich an den tatsächlichen Bedürfnissen dieses anderen Menschen (und manchmal seiner Angehörigen) orientiert, trennt für mich heute die Spreu vom Weizen; das erkennen zu können hat jedoch auch bei mir gedauert. Und ja, ich kannte und kenne Kollegen, denen sie selbst und ihr Wohlgefühl, Macht über Wohl und Wehe anderer ausüben zu können stets wichtiger waren, als für die ihnen anvertrauten Menschen das Richtige zu tun. Ein humanistisches Menschenbild und eine etische Haltung zum Job und zu Menschen sind für Healthcare-Professionals kein Luxus, sondern existenzielle Notwendigkeit einer guten Patientenversorgung! Nach meiner Erfahrung es ist allerdings verdammt schwierig, diese einfach Tatsache in die Köpfe zu kriegen.
All diese Erfahrungen steckten in meinem Hinterkopf, als ich vor einigen Jahren aufbrach, für meinen Arbeitgeber eine Schule zu gründen und aufzubauen. Ich habe sie allerdings eine Weile verdrängt. Wenn die Erfordernisse des operativen Geschäfts die noch instabile Institution und dich selbst jeden Tag von neuem zu zerreissen drohen, machst du keine großen Sprünge bei der Personalgewinnung, -führung und -entwicklung. Du tust, was notwendig erscheint um den Laden am Laufen zu halten. Wiederum Fehler inclusive. Sehr, sehr falsche Menschen landeten auf Positionen, die sie NIEMALS hätten innehaben dürfen. Andere wurden beschädigt. Und beinahe hätte das alles gesprengt. Erst jetzt, wo ich zusammen mit einem erneuerten Team manche Probleme beseitigt, Ressourcen gefunden und Strukturen etabliert habe, kann ich tatsächlich das tun, was ich eigentlich tun sollte – leiten! Unsere Erfahrungen prägen uns. Meine haben in mir den innigen Wunsch gefestigt, ein Team aufzubauen, dass so stark ist, dass man auf den ersten Blick nicht sagen kann, wer hier der Chef ist. Denn, wenn man Menschen ermächtigt nach Lösungen zu suchen, anstatt mit jedem Problemchen zu einem zu rennen, entlastet man nicht nur sich selbst – man ermächtigt und befähigt seine Mitarbeiter*innen, pragmatisch, kreativ und sozial stark auf Herausforderungen zuzugehen. Auch dabei passieren Fehler. Aber mich interessiert es nicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ich will immer Lösungen, keine Schuldigen! Ist ziemlich undeutsch und führt daher immer wieder zu Konfrontationen mit anderen, die für sich gelernt haben, dass Schuldzuweisungen einfacher sind, als ein Problem zu lösen. Aber damit muss ich wohl leben. Und ja… auch ich habe immer noch die Tendenz an “If you want the job done well, do it yourself!” zu glauben. Selbst, wenn ich gute Gründe hätte, dies oder jenes zu delegieren. Das ist der Teil von mir, der sich so viele Jahre später noch, wenn auch mit Schmerzen an “Du bisch zum Schaffe do, ned zum Denke!” erinnert. Also schaff ich halt… Aber auch mein eigener Lern- und Entwicklungsprozess ist ja nicht abgeschlossen. Wird er hoffentlich auch nie sein. Aber immerhin weiß ich heute – Geführt wird von vorne, denn ich kann nichts von meinen Leuten verlangen, dass ich im Zweifel nicht auch selbst zu tun bereit bin. Insofern bin ich als Leitungsperson Primus inter Pares. Denkt mal drüber nach, wie das bei euch so ist und habt einen stressfreien Tag.
