Wenn Bocklosigkeit einen Namen hätte, dann derzeit vermutlich meinen. Nicht, weil mein Kopf nicht wollte – mein Körper verlangt derzeit dringend nach einer Auszeit. Zäher Husten und andere Folgebeschwerden machen es nicht leicht, tagein, tagaus zu performen. Ich habe es trotzdem probiert – mit gemischten Ergebnissen – aber unterdessen sind meine physischen Batterien leer. Dazu kommt, dass mein Kopf in eine vollkommen andere Richtung strebt, als er eigentlich sollte, bzw. müsste, wenn es nur nach meinen beruflichen Verpflichtungen ginge. Wenn du speziellen Fachunterricht vorbereiten und halten sollst, deine Kreativität aber ganz andere Pläne hat, wird die Arbeit auch psychisch zu einem Kraftakt. Jedes Mal, wenn sich in meinem Kopf die fixe Idee einer Geschichte etabliert hat, deren Charaktere mich nicht loslassen, muss ich schreiben. Nicht KANN ich schreiben – MUSS ich schreiben! So wie man die Intensität seiner Ängste dämpfen kann, indem man das angstauslösende Element offen benennt, z. B. indem man es laut ausspricht, externalisiere ich den Stress, den eine unbearbeitete Idee in mir auslöst, indem ich sie zu Papier bringe. Denn, wenn die Idee in meinem Kopf bleibt, beginnt sie Schleifen zu drehen und damit kognitive Leistung zu beanspruchen, die in der Folge für andere Dinge nicht mehr zur Verfügung steht. Ich habe keine Ahnung, ob das jetzt echt eines dieser viel beschrieenen (derzeit sehr trendigen) Zeichen für Neurodivergenz ist, aber… fixe Ideen mit jeweils hohem Beabeitungsbedarf habe ich dauernd! Fuck it! Mein ungebremstes Brain zusammen mit meinem deutlich gebremsten Körper macht meine Leben derzeit jedenfalls ein bisschen unspaßig.

Ich denke immerzu über die Geschichte nach, die sich in meinem Kopf weiter fortspinnt, in unterschiedliche Richtungen diffundiert, bald hier, bald dort Wendungen erzeugt, die noch nicht geschrieben sind – und die vielleicht auch nie geschrieben werden. Und doch sind alle Varianten für mein inneres Auge real genug. Das liegt einerseits daran, dass ich im tiefsten Herzen vor allen anderen Dingen ein Geschichtenerzähler bin. In meinem Kopf kann ich in diesen anderen Welten leben, sobald ich es zulasse; alle Abzweigungen vom Hauptpfad inclusive. Und als Storyteller bin ich mit dieser Wahrnehmung nicht allein; ebensowenig wie ich mit der Herangehensweise allein bin, dessen irgendwie Herr werden zu wollen. In einem Zeitalter vor der digitalen Textverarbeitung hat J.R.R Tolkien tausende Manusskriptseiten mit verschiedenen “Drafts” (also unfertigen Vorversionen) seines “Herrn der Ringe” vollgeschrieben. Und er war/ist als Autor damit nicht allein. Dokumentiere deine Ideen, auch jene, die auf den ersten Blick spinnert erscheinen mögen. Irgendwann wird daraus vielleicht doch etwas Fertiges. Andererseits ist das, was für euch andere jetzt nach Chaos klingen mag für mich der Dünger, den mein Hirn braucht, um meine Seele halbwegs gesund zu erhalten. Chaos ist nicht böse. Chaos ist auch nicht gut. Chaos ist! Es ist der Ort zwischen allen Dingen, wo die unbändige Kraft noch nicht geschriebenen Schicksals wartet, um den Lauf der Dinge zu verändern; wenn man sie nur lässt! Das mag etwas zu poetisch für ein Blog klingen, doch es beschreibt, wie ich das wahrnehme. Würde ich mich nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit recht ausufernd mit der Innenwelt meines Kopfes befassen, würde die Außenwelt für mich irgendwann völlig unerträglich. Da sind so viele andere Menschen. Und so viele von denen wollen was von mir. Manche bewerfen mich dafür mit Geld. Andere betrachten mnich als Dienstleister – was ich auch bin. Aber irgendwann ist genug Dienst geleistet. Dann möchte ich einfach ICH sein dürfen. Inclusive all der, für die Nichteingeweihten oft widersinnig erscheinenden, jedoch völlig harmlosen Verrücktheiten, die ich mir erlaube, um nicht verrückt werden zu müssen. Klingt komisch – is aber so!
Ich muss mal kurz ausholen: ich habe drei Tage lang über Stress, Burnout, PTBS, Coping und Resilienz unterrichtet. Ich habe dabei versucht, das Thema für meine Schüler*innen von verschiedenen Seiten theoretisch zu beleuchten und irgendwie praktisch erfahrbar zu machen. Jemand sagte mir, dass sei richtig guter Unterricht gewesen – was ich natürlich gerne höre. Man ist ja auch ein bisschen eitel. Aber wenn ich so darüber nachdenke, bin ich mir sicher, dass ich NICHT alle erreicht habe. Oft erreiche ich nämlich jene nicht, bei denen das eigentlich am allerwichtigsten wäre. Denn wer sich schon gegen alle Anfechtungen dieses speziellen Jobs – auch der modernen (Arbeits)Welt im Allgemeinen – hinreichend imprägniert wähnt, übersieht oft die Gefahrenpotentiale für die eigene Seele. Meiner bin ich mir fast schmerzhaft deutlich bewusst. Im Moment kann ich mir noch einreden, dass es nur mein Körper ist. Aber in Wirklichkeit läuft mein ganzes System immer noch auf der Felge. Meine Depression wird langsam besser, doch die körperlichen Beschwerden haben mich zurückgeworfen. So… do I feel lucky today…? Mit Einschränkungen… halbwegs… Oder anders gesagt: die Dinge, auf die ich Einfluss nehmen kann, sind weitestgehend so gestaltet, dass es meiner Seele zuträglich ist. Bei den Dingen, auf die ich keinen Einfluss nehmen kann gilt es, geduldig zu sein. Was ich ja auch SO GUT KANN… Ach Mist. Nun ja, wenisgtens kann ich mir am Wochenende Zeit für die kreativen Dinge nehmen, die mir Spaß machen. Alles Andere findet sich dann in der kommenden Woche. Ach und… Happy Halloween ihr KKOs (Kapitalistische Konsum-Opfer). Viel Spaß mit eurem heidnischen Fest. Aber klopft ja nicht an meine Tür, sonst gibt es Saures! Gute Nacht und bis die Tage…
